26.07.1999

HEIRATSVERMITTLER

Delikate Sache

Von Stuppe, Andrea

Zum erstenmal arbeitet eine Partneragentur mit dem Segen der evangelischen Kirche - sie hilft auch Atheisten und Homosexuellen.

Beim ersten mit professioneller Hilfe arrangierten Tête-à-tête war der Heiratswillige höchst mißtrauisch. "Die Dame", sagt Roberto Gaetano, "sprach viel von sozialem Engagement und von ihrem Kirchenchor." Da, so der Hamburger Transportunternehmer, sei ihm der Verdacht gekommen, "daß hinter dem ganzen Geschäft vielleicht eine Sekte steckt".

Der Klient kann beruhigt sein. Nicht irgendeine Sekte, sondern die evangelische Diakonie Hamburg steht hinter der neuen bundesweit agierenden Partnervermittlung "Ich und Du". Unter der Schirmherrschaft des Hamburger Landespastors Stephan Reimers hat die frühere Telefonseelsorgerin Ulrike Grave das erste kommerzielle Heiratsinstitut gegründet, das seit Anfang dieses Monats mit kirchlichem Qualitätssiegel auf dem hart umkämpften Heiratsmarkt um Klienten werben darf: Ein Pastor und eine Diakoniemitarbeiterin prüfen die Geschäftsberichte und bürgen im Beirat des Unternehmens für Seriosität.

Der kirchlich geprüfte Kuppelservice soll nicht nur "hochchristlichen" (Grave), sondern "allen Menschen außer Verheirateten" Liebes- und Lebenspartner vermitteln. Geschiedene und Atheisten sind ebenso willkommen wie Lesben und Schwule, Muslime und Hindus. Landespastor Reimers ahnt, daß sein Einsatz für einsame Herzen in der evangelischen Kirche (Reimers: "Die tut sich mit den Themen Sexualität und Geld einzeln schon schwer") umstritten ist: "Ich mußte meinen ganzen Mut zusammennehmen."

Als "delikate Sache" stufen Mitarbeiter in der hannoverschen Zentrale der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) den neuen Liebesdienst ein. Tilman Winkler, Referent für Sozialpolitik und Gesellschaft, rechnet mit einer heftigen Debatte vor allem über die Vermittlung Homosexueller: "Das dürfte vielen evangelischen Theologen entschieden zu weit gehen."

Die EKD werde den Neuling am Heiratsmarkt beobachten und "notfalls lautstark Kritik üben". Oberkirchenrat Winkler schließt dennoch "hohe Wetten" darauf ab, daß Diakonien in der ganzen Republik das Reimers-Modell nachahmen werden: "Das ist bestimmt eine Marktlücke."

Der umtriebige frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Reimers, künftig Lobbyist der evangelischen Kirche bei der Bundesregierung, will mit dem Hamburger Modell eine "für den Menschen wesentliche Dienstleistung fairer gestalten". Mit 400 Mark Gebühr für vier Monate Sucharbeit soll das Heiratsinstitut vor allem billiger sein als so mancher Konkurrent am Kuppelmarkt (Durchschnittsgebühr laut Stiftung Warentest: rund 3000 Mark). 300 Mark gibt es zurück, wenn in diesem Zeitraum nicht mindestens drei Kontakte angebahnt wurden.

Die Idee funktioniert: Vermittlerin Grave registriert in ihrem 35-Quadratmeter-Büro in Hamburg-Ottensen nun eine "rasante Nachfrage" auch bei Konfessionslosen. Rund 300 Singles, darunter Bayern, Hessen und Ostdeutsche, baten binnen weniger Tage schon um Beratungstermine. Ein dandyhafter Herr mit Seidenschal und handgenähten Schuhen, Jahrgang 1912, hofft auf eine "flexible Reisepartnerin, gern 20 Jahre jünger". Eine 22jährige sucht eine lesbische junge Frau. Eine Dame mittleren Alters fahndet nach einem geschiedenen Pfarrer.

Ob die Paar- und Familientherapeutin Grave der Mehrzahl ihrer Klienten helfen kann, hängt vor allem von den Herren der Schöpfung ab. "Ich suche dringend Männer zwischen 50 und 60 Jahren", sagt sie, "aber die trauen sich wohl nicht." Gefragt sei besonders "der Dohnanyi-Verschnitt: gutaussehend, klug, kultiviert".

Im Auskunftsbogen für die Suchkartei ist die Frage nach der Konfession nur eine unter vielen: "Hier muß keiner befürchten, er würde ausgequetscht, wann er zum letztenmal in der Kirche war", sagt die Vermittlerin mit dem flotten Kurzhaarschnitt.

Grave stellt im ersten Beratungsgespräch freilich auch intime Fragen, wie wichtig etwa Sex mit dem potentiellen Partner sei. "Das ist nicht die Hauptsache, aber ich schließe nichts aus", antwortet eine 76jährige, die nervös mit dem Riemen ihrer Handtasche spielt. Nach 50 Gesprächsminuten ist das Profil für ihren Traummann erstellt: Gepflegt soll er sein ("Hosen mit Bügelfalten, keine langen Fingernägel") und unternehmungslustig. Sie bittet um Rückruf, "wenn Sie ein Exemplar für mich gefunden haben". ANDREA STUPPE


DER SPIEGEL 30/1999
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