07.03.1983

SCHLESWIG-HOLSTEINQuer zum Kurs

Mit grünen Themen und grünen Kandidaten will Sozialdemokrat Engholm die Landtagswahl in Kiel gewinnen.
Der Aalener Chemie-Professor Frank Haenschke stellt sich ein Land vor, in dem Windräder hinter den Deichen umweltfreundlich Energie erzeugen und "eines Tages mehrere tausend Biogas-Anlagen" aus Stallmist und Hausmüll "preiswert Strom und Wärme" liefern.
Der Kieler Zoologie-Professor Berndt Heydemann möchte die Milch beim Kaufmann am liebsten wieder in der Kanne holen und alle Plastiktüten überflüssig machen. Den Bauern rät er, biologischer zu ackern; ein Zehntel des Landes sollte, wenn es nach ihm ginge, unter strengem Naturschutz stehen.
Die beiden ökologisch gestimmten Hochschullehrer sind Mitglieder des Schattenkabinetts, mit dem SPD-Spitzenkandidat Björn Engholm bei der Landtagswahl am kommenden Sonntag die fast 33 Jahre währende CDU-Herrschaft in Schleswig-Holstein beenden will. Entscheidend wird sein, ob sich die öko-orientierte Politik Engholms in SPD-Stimmen verwandelt oder aber viele Wähler, vor allem der jüngeren Jahrgänge, sich von der SPD ab- und den Grünen zuwenden.
Das war schon bei der letzten Landtagswahl 1979 so, als die Grünen 2,4 Prozent der Stimmen erreichten. Bei der Endabrechnung fehlten SPD (41,7 Prozent), FDP (5,7) und dem von der Fünf-Prozent-Klausel befreiten Vertreter der dänischen Minderheit dann nur einige hundert Wähler zur regierungsfähigen Mehrheit. Die CDU (48,3) rettete ihre absolute Mehrheit mit einem Mandat Vorsprung.
Damit es den Sozialdemokraten diesmal nicht ähnlich ergeht, hat Engholm von vornherein auf Wähler links von der Union gesetzt, die für Grünen-Themen empfänglich sind: auf Frauen, Kernkraftgegner und Naturschützer.
Im Streit um die Zukunft des nordfriesischen Wattenmeeres, einem beherrschenden Wahlkampfthema im Land zwischen den Meeren, kämpfen SPD-Kandidaten wie der parteilose Heydemann kompromißlos um die Erhaltung dieses "Weltwunders", das neben den Tropenwäldern die ökologisch wichtigste Zone der Erde ist (siehe Seite 34).
Zum ersten Mal auch präsentiert ein Anwärter auf das Ministerpräsidentenamt eines Bundeslandes den Wählern keine Mannschaft, sondern ein paritätisch besetztes Team - vier Männer, vier Frauen. Neben Ursula Engelen-Kefer, Arbeitsmarktexpertin des Deutschen Gewerkschaftsbundes, soll in Kiel künftig auch Sophie Behr, freie Journalistin und Feministin, mitregieren, die ihr Amt gleich wieder abgeben will, wenn in der Bundesrepublik "auch nur eine einzige neue Rakete stationiert wird".
Kernkraftkritiker Haenschke, von 1972 bis 1976 SPD-Bundestagsabgeordneter, war in Bonn Vorsitzender der Arbeitsgruppe für Reaktorsicherheit und Strahlenschutz des Innenausschusses und gilt als einer der geistigen Väter des Bundesdatenschutzgesetzes. Auch ein Kandidat wie Tierforscher Heydemann, der SPD-Umweltminister werden soll, hätte den Grünen, wie deren Spitzenkandidat Boje Maaßen zugibt, "gut zu Gesicht gestanden".
Die Sozialdemokraten streiten mit ihm gegen umwelt-"zerstörende Projekte des Tourismus, des Straßenbaus und der Industrieansiedlung", gegen "jegliche Verklappung von Schadstoffen in die Meere" und für ein Ministerium, in dem alle Aufgaben des Umweltschutzes zusammengefaßt werden.
Das SPD-Programm, ärgert sich Grünen-Kandidat Lars Hennings, sei dazu angetan, "die außerparlamentarische Bewegung kaputtzumachen" und die Grünen "kleinzuhalten".
Genau daran muß der SPD gelegen sein, denn eine kombinierte Wahlentscheidung wie bei der Bundestagswahl - Erststimme SPD, Zweitstimme Grüne - ist bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein nicht möglich. Jeder Wähler hat nur eine Stimme, mit der er 44 Direktbewerber bestimmt und zugleich über die Verteilung der insgesamt 74 Landtagssitze entscheidet.
Nun kann eine Partei mehr Landtagsmandate direkt gewinnen, als ihr nach dem relativen Stimmenanteil landesweit zustehen. Das führt womöglich zu der in Länderparlamenten einmaligen kuriosen Situation, daß eine Partei mit nur 47 Prozent der Stimmen eine absolute Mehrheit erreicht und die anderen im Landtag vertretenen Parteien, die zusammen 53 Prozent der Stimmen haben, in der Opposition verbleiben.
Denkbar also, wenn sich SPD und Grüne um die gleichen Wähler streiten, daß die CDU 40 Wahlkreise, teilweise mit hauchdünner Mehrheit, direkt erobert. Statt 36 Mandaten, die 47 Prozent Stimmenanteil entsprechen, bekäme sie 40 Direktmandate und könnte auch ohne Wählermehrheit mit absoluter Mehrheit weiterregieren.
Zugute kommt den Genossen womöglich, daß die organisierten Umweltschützer nicht so geschlossen auftreten wie etwa in Hamburg. Nur mühsam gelang es, rechtzeitig zur Wahl die konkurrierenden Flügel der konservativ ausgerichteten Grünen Liste Schleswig-Holstein (GLSH) mit den linken, alternativen Grünen zu einer Partei zu vereinen.
Eine Splittergruppe tritt dennoch auf. Neben den Grünen kandidieren in 13 von 44 Wahlkreisen auch die "Demokratischen Grünen Listen", ein Rechtsableger aus ehemaligen GLSH-Mitgliedern und konservativen Wald- und Wiesenfreunden. Andere prominente Grüne, wie der als Spitzenkandidat vorgesehene Wolfgang Wettengel und der Ostholsteiner Kreistagsabgeordnete Peter Schefe, traten überraschend zur SPD über.
Auch das Kernkraftwerk Brokdorf, jahrelang Reizthema in der politischen Auseinandersetzung zwischen Knicks und Kögen, ist nicht mehr geeignet, massenhaft Atomkraftgegner um die S.29 Grünen zu scharen. Ein Gutachten, das die Grünen-Landespartei in Auftrag gab, macht deutlich, daß der von ihnen bislang geforderte rigorose Baustopp kaum praktikabel ist.
Ein "Ausstieg aus Brokdorf, der allein mit einer veränderten Energiepolitik begründet wird", urteilen die Hamburger Rechtsanwälte Renate Eckoldt, Winfried Günnemenn und Bernd Vetter, die das Gutachten verfaßt haben, rechtfertige "keine Ablehnung der Betriebserlaubnis". Und ein Widerruf bisher erteilter Genehmigungen sei "bei der gegenwärtigen Rechtsprechung in Atomsachen nicht realistisch".
Aber wahlentscheidend dürfte für die SPD sein, wie sie in Gegenden abschneidet, wo Sozialdemokraten und Grüne stark sind: in den Großstädten, an Hochschulstandorten und im Hamburger Umland. Gelingt es, die Grünen "deutlich unter fünf Prozent zu halten" (Vorstandsmitglied Gert Börnsen) und in den Wahlkreisen zehn (wie 1979) oder mehr Direktmandate zu holen, würde den Sozialdemokraten schon ein halbes Prozent mehr zur Machtübernahme reichen - vorausgesetzt, die FDP schafft erneut den Sprung ins Parlament.
Als einzige Landespartei hat sich die Kieler FDP unter ihrem Vorsitzenden Uwe Ronneburger zum Kurs der Bundespartei quergelegt: Sie will mit der SPD koalieren. Im Januar ermittelte das Mannheimer Institut für praxisorientierte Sozialforschung (Ipos), daß nur 2,8 Prozent der Schleswig-Holsteiner die FDP wählen wollten. Aber 40 Prozent der Wähler hatten sich angeblich noch nicht endgültig festgelegt. Deswegen sieht die Landespartei, unabhängig vom Ausgang der Bundestagswahl, noch Chancen für eine sozialliberale Koalition in Kiel.
Falls es die Liberalen schaffen, dürfte es dem Ministerpräsidenten Uwe Barschel schwerfallen, die knappe CDU-Mehrheit zu behaupten.
Vor fünf Monaten hatte Barschel, damals Innenminister, den nach Bonn abgewanderten Gerhard Stoltenberg als Regierungschef abgelöst. Doch anders als der seriös und sachkundig auftretende Stoltenberg kann der jugendliche Aufsteiger Barschel, 38, der durch rechte Gesinnung und forsches Auftreten auffällt, nicht von dem Bonus eines Landesvaters zehren (siehe Seite 30).
Die Brisanz der Auseinandersetzung erschöpft sich im Duell der beiden Männer aus der neuen Politikergeneration, deren eigene politische Zukunft vor allem zur Wahl steht. Und da hat der frühere Bundesbildungsminister Engholm in über 250 Bürgergesprächen offenbar gute Figur gemacht.
Auf die Ipos-Frage Anfang Januar, "Wen hätten Sie lieber als Ministerpräsidenten?" rangierten, ungewöhnlich genug, Regierungschef Barschel (47,1 Prozent) und Herausforderer Engholm (47,0) nahezu gleichauf.

DER SPIEGEL 10/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHLESWIG-HOLSTEIN:
Quer zum Kurs

Video 01:27

Zugefrorener Baikalsee Glasklar bis auf den Grund

  • Video "Segeln: Spindrift 2 bricht eigenen Äquator-Rekord" Video 00:55
    Segeln: "Spindrift 2" bricht eigenen Äquator-Rekord
  • Video "Angriff auf Tiertrainer: Der Wal hat meinen Sohn aus Frust getötet" Video 11:48
    Angriff auf Tiertrainer: "Der Wal hat meinen Sohn aus Frust getötet"
  • Video "Boxkampf an Bord: Australischer Billigflieger muss umkehren" Video 01:41
    Boxkampf an Bord: Australischer Billigflieger muss umkehren
  • Video "Aufregung um US-Polizeieinsatz: Video zeigt Kleinkind mit erhobenen Händen" Video 01:13
    Aufregung um US-Polizeieinsatz: Video zeigt Kleinkind mit erhobenen Händen
  • Video "Mount Tai: Der Eisfall am heiligen Berg" Video 00:56
    Mount Tai: Der Eisfall am heiligen Berg
  • Video "Brexit-Comedy: Gollum-Schauspieler parodiert erneut Theresa May" Video 01:53
    Brexit-Comedy: Gollum-Schauspieler parodiert erneut Theresa May
  • Video "Theresa May präsentiert Plan B: Ein zweites Referendum würde eine falsche Botschaft senden" Video 01:48
    Theresa May präsentiert Plan B: "Ein zweites Referendum würde eine falsche Botschaft senden"
  • Video "Vermisster Zweijähriger in Spanien: Einsatzkräfte stellen ersten Rettungstunnel fertig" Video 01:25
    Vermisster Zweijähriger in Spanien: Einsatzkräfte stellen ersten Rettungstunnel fertig
  • Video "Krim: Mehrere Tote bei Brand von zwei Frachtschiffen" Video 00:55
    Krim: Mehrere Tote bei Brand von zwei Frachtschiffen
  • Video "Rassismusdebatte um Video: Jugendliche Trump-Fans treffen auf Ureinwohner" Video 01:40
    Rassismusdebatte um Video: Jugendliche Trump-Fans treffen auf Ureinwohner
  • Video "Was von Wetumpka übrig blieb: Tornado zerstört US-Kleinstadt" Video 01:21
    Was von Wetumpka übrig blieb: Tornado zerstört US-Kleinstadt
  • Video "Einmalige Aufnahmen: Berghütte in den Alpen komplett schneebedeckt" Video 01:12
    Einmalige Aufnahmen: Berghütte in den Alpen komplett schneebedeckt
  • Video "Rot und groß: So sah der Superblutmond aus" Video 00:41
    Rot und groß: So sah der Superblutmond aus
  • Video "Seemann mit YouTube-Kanal: Mitten durch die Monsterwellen" Video 03:35
    Seemann mit YouTube-Kanal: Mitten durch die Monsterwellen
  • Video "Zugefrorener Baikalsee: Glasklar bis auf den Grund" Video 01:27
    Zugefrorener Baikalsee: Glasklar bis auf den Grund