29.08.1983

AGENTENWie ein Totenvogel

Über Mord und Terror jugoslawischer Geheimdienstler in der Bundesrepublik packt ein Mann aus, der jetzt in bayrischem Gewahrsam sitzt. Im Bundeskriminalamt wird der Fall „ganz hoch“ angesiedelt. *
Als Josip Majerski, 37, noch als Kellner im Spezialitätenrestaurant "Diokletian" in Würzburg diente, war er nach dem Urteil von Stammgästen nur "als Hilfssheriff" tätig: "Teller wegtragen, Tische abräumen und so", denn "der sieht ja doch gar nicht richtig".
In Balkan-Lokalen in München und Stuttgart hatte er oft "rote Sprüche drauf", wie sich Kollegen erinnern; ihnen mißfiel auch, daß der Josip sich gern mal selber einen eingoß. Doch weder der Slibowitz noch die dicken Brillengläser trübten Josips Blick. Der Kurzsichtige hatte die Gäste allzeit im Auge. Majerski, das wollen in den Kolonien der Jugos in Süddeutschland nun viele gleich gewußt haben, habe Landsleute ausspioniert. "Der ist doch", so die Landsleute, "von der roten Kapelle."
Seit letzter Woche können Exil-Kroaten in der Bundesrepublik annehmen, daß ihr Argwohn berechtigt war: Majerski sitzt in einem bayrischen Gefängnis und bezichtigt sich zahlreicher Untaten, die er im Auftrag des jugoslawischen Geheimdienstes begangen habe. Seine Aussagen sind so spektakulär, daß der Fall in München und Bonn wochenlang geheimgehalten wurde.
Seit dem 21. Juli besteht gegen Majerski ein Haftbefehl des Bayerischen Obersten Landesgerichts wegen des "Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit". Aber schon am 7. Juli hatte er sich in Würzburg der Polizei gestellt, freiwillig, wie es heißt. Die Vernehmungsprotokolle beschreiben nun einen blutigen Polit-Krimi: Jugoslawiens Geheimpolizei "Sluzba Drzavne Bezbednosti", besser unter dem früheren Namen "Udba" bekannt, und militante Exil-Jugoslawen in der Bundesrepublik liefern sich danach seit Jahrzehnten einen Untergrundkrieg mit Terrorakten und Mordanschlägen.
In Umrissen sind diese Auseinandersetzungen schon lange erkennbar. Doch weil beide Seiten versuchen, Bluttaten den jeweils anderen in die Schuhe zu schieben, zählt die Jugo-Szene auch für westdeutsche Staatsschützer zu den grauen Zonen politisch motivierter Gewaltkriminalität.
Bei rund einem halben Dutzend Mordanschlägen will Majerski vorher die Lebensgewohnheiten der Opfer ausgespäht haben; bei Sprengstoffschiebereien, etwa aus der Schweiz via Bundesrepublik nach Jugoslawien, gilt er nach den neuen Erkenntnissen als Agent provocateur, der auch mit Regie führte; beim Kidnapping von Belgrader Regimegegnern aus der Bundesrepublik soll er die Rolle des Lockvogels gespielt haben.
Wenn Majerskis Geschichten wahr sind, gewinnt das Bundeskriminalamt (BKA) zum ersten Mal einen Kronzeugen für eine Serie mysteriöser Verbrechen unter Udba-Anleitung. Ein Staatsschützer im BKA: "Wir siedeln den Fall ganz hoch an."
Majerski, Sohn einer Serbin und eines kroatischen Soldaten, war 1970 als Gastarbeiter in die Bundesrepublik gekommen. Als ein Jahr später viele Anhänger des "kroatischen Frühlings" nach Titos Säuberungen in den Westen flüchteten, gab sich auch der gelernte Textil-Techniker als Flüchtling aus. 1974 erhielt er in der Bundesrepublik politisches Asyl - daß er auch über einen jugoslawischen Diplomatenpaß verfügte, blieb den deutschen Behörden unbekannt.
Josip Majerski suchte in vielerlei Emigranten-Zirkeln Vertraute. Der Doppelspieler
landete bei einer "Republikanischen Partei" der Exil-Kroaten, die ihren Hauptsitz in Argentinien hat und in der Bundesrepublik allenfalls zehn Mitglieder zählt. Bei Treffen der Kroaten, etwa am Nationalfeiertag, dem 10. April, oder bei Trauerfeiern für Erschossene, spielte er gern den Radikalen.
"Er war einer der größten Aktivisten in Demonstrationssachen", erinnert sich ein kroatischer Münchner Journalist, "nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in Schweden und Frankreich." Bei diesen Reisen muß es schon einen Mäzen gegeben haben: Zwischendurch flog Majerski mal eben nach Miami und besuchte einen kroatischen Ex-Obersten, der gute Verbindungen zu den Exil-Kubanern unterhält.
Zwischen seinen Fahrten spielte der angebliche Tito-Feind den Tellerabräumer in Cevapcici-Lokalen und diente sich der bayrischen Polizei als Spitzel an. Oft ließ er sich in den müden Kneipenjobs von jugoslawischen Ärzten krankschreiben, "wegen Rheuma", zum Beispiel. Und wenn er gerade nichts verdienen konnte, griff er auf seine Guthaben zurück: Aus Quellen in Kanada und den USA flossen über Filialen der Bayerischen Hypothekenbank 2000 Mark im Monat.
Kollegen des Kellners, die mal einen Blick in dessen Brieftasche taten, hatten, wie sie nun sagen, gleich den Verdacht, daß der Onkel in Amerika Udba hieß. Und einer Freundin seiner Frau, die all die Jahre unbehelligt mit zwei Kindern zwischen Main und Adria pendelte, soll Majerski einmal geflüstert haben, niemand dürfe wissen, daß er in Wirklichkeit für Belgrad arbeite.
Zu seinem Unglück verlor Majerski irgendwann ein Notizbuch mit Telephonnummern. Durchwahlziffern von staatlichen Stellen in Zagreb zum Beispiel, auch verschlüsselte Kontaktwege zu Verbindungsleuten in Nürnberg und Freiburg waren darin notiert - was womöglich zu seiner späteren Enttarnung beigetragen hat.
Der jederzeit abkömmliche Kellner Majerski, so rekonstruieren die Staatsschützer, sei eine Führungskraft in jener rund fünfzigköpfigen Gruppe von Jugoslawen gewesen, die von der Udba-Dependance in Zagreb aus in der Bundesrepublik dirigiert werde. Seine Aufgaben waren demnach vielfältig. Als Kronzeuge sagte Majerski zum Beispiel gegen einen Landsmann aus, der in Bayern als Bombenbastler vor Gericht stand. "13 Jahre" hieß das Urteil, doch Landsleute wie der Saarbrücker Gastwirt Franjo Goreta behaupten, die Bombe sei "von Majerski und niemand anderem" präpariert gewesen: "Nur die Kapseln waren original, und der Rest war Seife oder so ein Zeug."
Meisterhaft verstand es der Agent nach dem Urteil all derer, die ihn kennen, Zwietracht in der Szene zu säen, mit Flugblättern, Denunziationen und Gerüchten. Er schürte die Angst vor der Udba, die der Exil-Kroate Mladen Schwarz als "die typische Emigrantenkrankheit Udbaphobie" bezeichnet: "Man hat keine Heimat, keinen Namen, überall ist Mißtrauen, jeder sieht in jedem einen Agenten."
In der Tag ging fast jedem Mord im Kroaten-Milieu ein Streit voraus, und häufig, meint nun eine der Witwen, habe Majerski "so etwas wie den Totenvogel" gespielt - er war immer in der Nähe. In Frankfurt soll er vor drei Jahren mitgemischt haben, als Nikola Milicevic vor seiner Wohnung erschossen wurde; ebenso in Köln, wo 1979 Jozo Milos verblutete, oder in Düsseldorf, wo Unbekannte den 71jährigen Serben Dusan Sedlar aus dem Hinterhalt abgeknallt haben.
Als der Wirt Goreta, im Dezember 1980 selbst Ziel eines mißlungenen Anschlags, sowie acht seiner kroatischen Gesinnungsgenossen von Belgrad beschuldigt wurden, eine Bombe in den "Hellas"-Expreß geschmuggelt zu haben, soll der Bastler der Höllenmaschine kein anderer als Majerski gewesen sein - so jedenfalls heißt es nun im BKA, nachdem Einzelheiten aus dem Geständnis des Geheimdienstlers durchgesickert sind.
Majerski soll auch Regie geführt haben, als der Schriftsteller Vjenceslav Cizek 1977 im badischen Säckingen verschwand und dann in einer Villa am Bodensee gefangengehalten wurde. Erst 1978 tauchte der frühere Sekretär des bosnischen Schriftstellerverbandes wieder auf - als Angeklagter vor dem Landgericht in Sarajewo, das ihn wegen "konterrevolutionärer Aktivitäten" im Ausland zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilte.
In der Schweiz fiel 1981 eine "Kroatische Revolutionäre Bewegung (HRP)" auf, die nicht nur Untergrundblättchen mit Anleitungen zum Bombenbasteln (Handschrift: Majerski) verteilte, sondern auch bei korrupten Sprengmeistern 512,5 Kilogramm Brisantes zusammengekauft hatte, außerdem Waffen und Munition. Das explosive Gut kam "im Ameisenverkehr" (BKA-Jargon) in die Bundesrepublik, in kleinen Portionen; Zielland war Jugoslawien.
Aber der Verkehr war beobachtet worden, Belgrad war von Berner und Bonner Staatsschützern schon vorgewarnt, als ein kroatischer Religionslehrer in Mainz 13 Kilogramm dieses Sprengstoffes annahm, der Münchner Gjuro Zagajski gar 44 Kilo in Koffern und Planrohren bei sich einlagerte. Der Hinweis wäre wohl nicht nötig gewesen, denn die Überbringer waren Udba-Leute, und die HRP war nach einem Untersuchungsbericht der schweizerischen Bundesanwaltschaft längst "von Udba-Agenten unterwandert".
Zwei der HRP-Funktionäre, Stanko Nizic und Zagajski, sind inzwischen tot. Der eine wurde in Zürich erschossen, der andere in München erschlagen. Vor seinem Tod hatte Zagajski herumerzählt, er habe interessantes Beweismaterial über die Rolle des Udba-Agenten Majerski zusammengetragen.
Vielleicht wird dem Kellner Josip zuviel angelastet, seine Aussagen sind noch nicht abgeschlossen. Unklar ist auch, wieso Majerski sich jetzt in Würzburg "gestellt hat" - wie die Sprachregelung von Justiz und Polizei lautet. Und überhaupt sind die Ermittler einstweilen noch "irgendwie skeptisch". Vernehmer Hermann Ziegenaus vom Landeskriminalamt _(Bei einer Karate-Übung mit einem ) _(Landsmann. )
in München hat sich "schon oft den Kopf darüber zerbrochen, warum der Mann überhaupt so viel auspackt".
Daß Belgrad, wie es in solchen Fällen schon mal geschieht, die Sache auf diplomatischem Wege bereinigen kann, ist nicht zu erwarten. In Bonn bestimmt jetzt CSU-Innenminister Friedrich Zimmermann, und sein Staatssekretär Carl-Dieter Spranger erläutert, was anliegt: Der Udba-Terror solle endlich "mit aller Entschiedenheit" unterbunden werden.
Majerskis Selbstbezichtigungen könnten jedenfalls beim Aufräumen helfen. So sind nach Kenntnissen des Münchner Justizsprechers Joachim Breusch "mindestens drei Leute getötet worden, nachdem Majerski Berichte über sie angefertigt hatte".
Bei einer Karate-Übung mit einem Landsmann.

DER SPIEGEL 35/1983
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