29.08.1983

WETTERSeltsame Blüten

Deutschland erlebte einen „Jahrhundertsommer": Es gab wochenlangen Sonnen-Spaß, auf den Feldern herrscht bedrohliche Dürre. *
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß." Erst jetzt wissen die regengewohnten Deutschen, was es mit dieser Verszeile von Rainer Maria Rilke auf sich haben mag.
Sommer 83: Es war, als habe jemand die Republik, die komplette Landmasse zwischen Alpen und Nordsee, um ein gutes Dutzend Breitengrade in Richtung Äquator transportiert.
"Eine Hitze wie bei Euch in Bangkok", meldete (in einem fiktiven Brief an eine Thai-Geliebte) der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff in "Transatlantik". In Kiel, wo es sonst zugig ist und kühl, stellten Kneipiers halbe Nächte lang Stühle und Tische auf die Straße: "Südländische Atmosphäre" verspürte ein Augenzeuge.
Angestellte des Mittelbaues in kurzen Hosen am Arbeitsplatz; die Kabrios wochenlang offen wie unter den Palmen von Santa Monica; die Freibäder (verbotenerweise) auch nachts noch gut besucht, bei Tage vollgepackt wie der berüchtigte Sonnengrill von Rimini - das hatten die Deutschen wirklich noch nicht erlebt. In Pinneberg war's wie in Acapulco.
Noch nie gab es so viele, und vor allem: so beständige "H"s auf der abendlichen Wetterkarte zu bestaunen. In den Schlagzeilen der Zeitungen blieb allenfalls umstritten, ob es nun "Affen"-, "Treibhaus"- oder "Tropen"-Hitze heißen sollte, ob's nur ein Rekord- oder schon ein Jahrhundertsommer war ("Berliner Tagesspiegel": "Diesmal wirklich ein Jahrhundertsommer") - oder gar ein "Todessommer", wie "BamS" meinte (weil "die Sonne die Mordlust weckt" und Sittlichkeitsverbrechen fördere).
40,3 Grad auf der nach oben offenen Celsius-Skala, gemessen am 27. Juli im oberpfälzischen Gärmersdorf - damit konnte, so fand dann auch die "FAZ", der Sommer endgültig und würdevoll "in die Geschichte der Meteorologie eingehen". Zum erstenmal, seit es meteorologische Aufzeichnungen gibt, hatte in Deutschland die Temperatur die 40-Grad-Grenze überschritten.
Wochenlange Wartezeiten beim Einkauf von Balkon-Markisen; leere Liegestühle an Hamburgs Außenalster, weil, so ein Vermieter, die Hamburger (die Hamburger!) schließlich "sonnenmüde" wurden; ein wegen zu hoher Außentemperatur frühreifer Sauerteig, der morgens kurz vor acht aus seinem Silo durchs Garagentor und auf die Straße kroch (im Stuttgarter Stadtteil Möhringen) - der heiße Sommer vor dem heißen Herbst trieb wahrlich seltsame Blüten.
Auch daß in Frankfurt wie in West-Berlin Uniformierte - bei der Bullenhitze - ihre Wasserwerfer auf städtische Grünanlagen richteten statt auf hitzige Demonstranten, paßte nicht ins gewohnte Bild.
Bei Radolfzell am Bodensee verschwand ein Gewässer aus der Geographie: der Litzelsee beim Ortsteil Markelfingen - versickert.
Die Isar bei München schlängelte sich "mühselig durch die Kiesel" ("Süddeutsche Zeitung"). Auf dem Rhein kam die Schiffahrt - nach zwei verheerenden Überschwemmungen im Frühjahr - letzte Woche beinahe zum Erliegen.
Die Natur zog den Kopf ein bei all der wolkenlosen Bläue. Bäume, vor allem junge, verloren Blätter wie im Herbst. Äpfel und Pflaumen schrumpelten und fielen unreif von den Bäumen. Auf den Autobahnen verdorrten Hunderte von Kilometern Grünstreifen, trotz aufwendiger Löschwasser-Einsätze, zum Beispiel der Bonner und der Kölner Feuerwehren (15 Liter auf den Quadratmeter). "Bild" wurde lyrisch: "Braun ist die Heide - kein Wasser, sie dörrt."
Zum akuten Wassermangel in den Städten und Gemeinden, zum Notstand in der Trinkwasserversorgung, kam es nicht: Wegen der überreichlichen Regenfälle im Frühjahr blieb der Grundwasserspiegel hoch - anders als im Trockensommer 1976.
Damals war in vielen Regionen das Rasensprengen verboten worden. Diesmal wurden, so in Kiel und Köln, die Bürger aufgefordert, "Baum-Patenschaften" zu übernehmen und öffentliches Grün zu wässern.
Das half den Landwirten nichts, die - zumindest an besonders gefährdeten Standorten - Ernte-Einbußen durch die Dürre hinzunehmen hatten. Vor allem die Bauern in Südwestdeutschland fanden wieder einmal reichlich Grund zum Lamentieren, über die schlechte Ernte wie auch über Futterknappheit.
Nach der großen Juli-Trockenheit wird nun "die kleinste Kartoffelernte seit Kriegsende" erwartet. Manche Kartoffelbauern in der schleswig-holsteinischen Hohen Geest, nördlich und südlich von
Rendsburg, wollen die Mißernte gar nicht erst aus dem Boden holen: "Die Kartoffeln", so der Landwirt Max Heinrich Martens aus Todenbüttel, "die jetzt eigentlich faustgroß sein müßten, sind nicht größer als Murmeln."
Beim Mais sprechen die Schwarzseher von einer "mittleren Katastrophe". Die Zuckerrüben sind süß, aber viel zu klein. Auch beim Tabak hapert es, und weil auf vielen Wiesen kaum noch Gras wächst, sind Viehzucht und Milchwirtschaft ebenfalls betroffen.
Das Stadtvolk, in der Gewißheit der nie und nimmer aufzuzehrenden EG-Berge, scherte sich um solche Alarmmeldungen wenig - es stürzte sich kopfüber in die Freuden des Super-Sommers.
Spaghettiträger, Sandalen und Minis aller Art beherrschten die Straßenmode. An Brunnen und Baggerseen, an Stränden und Seeufern gab es Gedränge wie nie: 800 000 Badegäste zählt man in und um Frankfurt in Normaljahren, 1,1 Millionen sind es diesmal, schon bis jetzt.
In Nieder-Olm bei Mainz klagte der Beigeordnete Hans Steib über die "Schwarzschwimmer", die nächtens die Freibäder bevölkerten. Bei einer Razzia in Nieder-Olm Anfang August zählte die Polizei um Mitternacht 150 Badende - "alle nackt". Doch gnadenlos enthüllten sich die Deutschen auch bei Tage.
Ins Schwitzen gerieten die Eishersteller. Nach schleppendem Absatz im Frühjahr kam "Ende Juli die große Wende", sagt Lutz Aubry, Sprecher der Langnese-Iglo-Tochter des Lebensmittel-Riesen Unilever. "Seitdem produzieren wir das Vierfache und fahren laufend Sonderschichten." Das Rekord-Ergebnis des Vorjahres - 6,7 Liter Speiseeis pro Bundesbürger - wird 1983 übertroffen.
"Knackevoll" - wie die oberbayrischen Seen mit Segelbooten und Surfern - waren die Münchner Biergärten mit Zechern. Selbst in den ganz großen Faßbier-Oasen wie dem Hirschgarten oder dem Augustinergarten war an manchen Tagen ein Platz nur mit Anstehen zu ergattern. Eine Kellnerin: "Mir ham's d'Kriag aus der Hand g'risse, und b'schissen ham's mi aa, vor lauter Rausch."
Marscherleichterung gab es für die Frankfurter Streifenbeamten (keine Uniformröcke, offenes Hemd ab 25 Grad), Haftentschärfung für die Insassen der Strafvollzugsanstalt Lübeck-Lauerhof (550 männliche, 85 weibliche Gefangene): Die Beamten dort durften kurzärmelig zum Dienst, die Gefangenen "schon mal im Unterhemd" zur Freistunde erscheinen. Zellentüren wurden zeitweilig geöffnet, statt Erbsensuppe gab es Würstchen/Kartoffelsalat und "viel Kaltschale" - geradeso wie in der Kantine der Deutschen Bank in Frankfurt.
"So hat der heiße Sommer", resümierte "Bild" am Mittwoch letzter Woche, "unser Leben verändert." Wibke Münzenmayer, Lehrerin aus Hannover, steuerte Erfahrungen bei: Sie habe, bei der Wärme, "mehr Freude am Leben und viel mehr Spaß am Sex". Das Hamburger Boulevardblatt diagnostizierte wohl richtig: Der Sommer in Deutschland war das "Thema des Tages".
Ein erstes Fazit zogen auch schon die Wetterkundler. "Im Süden Deutschlands extreme Hitze, im Norden extreme Trockenheit", so der Meteorologe Horst Dronia vom Deutschen Wetterdienst in Hamburg, "das ist die klimatische Bilanz dieses Jahrhundertsommers."
Vergeblich blätterten die Meteorologen in ihren Annalen, um einen vergleichbar heißen Sommer zu finden: Seit mindestens 133 Jahren, bis dahin datieren die zuverlässigen Meßreihen zurück, wurde in Deutschland nicht mehr so geschwitzt wie in diesem Sommer.
An 46 Tagen hintereinander stieg etwa in Hamburg das Quecksilber auf über 25 Grad, in Frankfurt zählten die Meteorologen 47 "warme Tage" (über 25 Grad) und 17 "heiße Tage" (über 30 Grad), in München gab es vier Tage mit über 35 Grad. "Wir haben geradezu unglaubliche
Spitzenwerte", so Helmut Malewski vom Wetteramt Frankfurt.
Selbst den bisherigen Rekordsommer, den des Jahres 1947, stellt der diesjährige in den Schatten. Damals herrschte etwa in Hamburg während der Monate Juni, Juli und August eine Durchschnittstemperatur von 17,9 Grad, in denselben Monaten dieses Jahres hingegen verzeichneten die Meteorologen ein Temperaturmittel von 19,1 Grad.
"Fast überall in Deutschland", so Experte Dronia, "wurden reihenweise neue Monatshöchstwerte aufgestellt" - in Stuttgart etwa lag die Durchschnittstemperatur im Juli bei 23,3 Grad (bisheriger Spitzenwert: 22,3 Grad), in Bamberg waren es 21,9 Grad (20,7 Grad), in Freiburg sogar 24,1 Grad (22,1).
Besonders der Juli dieses Jahres werde, meinen die Experten des Deutschen Wetterdienstes, "in die Witterungsgeschichte eingehen: Er war einer der heißesten und trockensten Sommermonate der vergangenen 300 Jahre".
Vornehmlich in Süddeutschland purzelten die Temperatur-Rekorde so schnell, daß die Meteorologen kaum noch mitkamen: Regensburg meldete 39 Grad, 2,5 Grad mehr als der bisherige Höchstwert, die Münchner schleppten sich am 27. Juli bei 37,5 Grad durch die Stadt (36,2), in Nürnberg floß der Schweiß bei 38,6 Grad (37,7) - alles schon nahe dran an dem sagenhaften Spitzenwert von Gärmersdorf (40,3).
Auf dem Gipfel des Wendelsteins (1838 Meter) herrschte mit 26 Grad Badewetter, auf der 2964 Meter hohen Zugspitze war es selbst in der Nacht (zum 1. August) noch im leichten Pulli auszuhalten - 12 Grad am Gipfelkreuz.
Den sensationellen Sommer verdanken die Deutschen jenem machtvollen Azoren-Hoch, das nun schon seit zwei Monaten mit jedem TV-Wetterbericht unverrückbarer erscheint.
Sein keilförmiger Ausläufer liegt normalerweise über Südeuropa und beschert Italien, Spanien und Portugal das typische Urlaubswetter. In diesem Jahr aber hat sich das wetterbestimmende Hochdruckgebiet, mit seinem Zentrum normalerweise über den Azoren gelegen, weit nach Nordosten ausgedehnt.
Entsprechend verlagerte sich auch sein Keil: Wie eine schützende Hand hielt er die über dem Atlantik herumgeisternden Tiefdruckgebiete, die in normalen Sommern für Regen und Kälteeinbrüche sorgen, von Mitteleuropa ab - ein "Sommerklima wie im nördlichen Mittelmeer" (so Experte Dronia) und extreme Trockenheit waren die Folge (siehe Graphik Seite 100).
Besonders in Norddeutschland fiel so wenig Regen wie seit Menschengedenken nicht mehr: In der Gegend von Eutin und in der Holsteinischen Schweiz beispielsweise maßen die Meteorologen im Juli eine Niederschlagsmenge von ganzen 0,3 Liter pro Quadratmeter - normal sind 80 Liter.
Die europäische Wetterlage macht solche Dürre erklärlich. Was aber, so rätseln die Experten, könnten die globalen meteorologischen Ursachen für den Rekordsommer sein?
Handelt es sich, wie der Hamburger Meteorologe Professor Peter Thran glaubt, um klimatische Konstellationen, die zwar selten vorkommen, "aber nicht außerhalb der atmosphärischen Ordnung liegen"? Ist es die allmähliche Aufheizung der Atmosphäre mit Kohlendioxid und anderen Gasen, wie manche Fachleute meinen? Oder ist etwa das Christkind daran schuld?
Den Namen "El Nino", spanisch für "Kind" und "Christkind", haben Fischer einem Naturphänomen gegeben, das zur Weihnachtszeit an den Küsten Perus auftritt - eine warme Strömung im Pazifik, die nach Ansicht von Wissenschaftlern besonders in diesem Jahr das Weltklima erheblich beeinflußt hat: Das "Kind" hat sich zum Giganten entwickelt.
In Schach gehalten wurde die warme Strömung bislang von den Passatwinden, die ein ungestümes Anwachsen von El Nino verhinderten. Seit 15 Monaten aber verzeichnen die Experten ein deutliches Nachlassen der Passate.
Folge: Die Strömung wurde wärmer und stärker als je zuvor, sie heizte die über ihr liegenden Luftschichten überdurchschnittlich stark auf und veränderte so das gesamte meteorologische Gefüge - weithin spielte das Wetter verrückt: In typischen Sonnengebieten wie Kalifornien goß es zeitweise in Strömen, in tropischen Regionen blieben die nahezu täglich niedergehenden Regengüsse wochenlang aus, die regenarmen Regionen Afrikas und Asiens erleben derzeit Dürrekatastrophen ungekannten Ausmaßes.
Nicht ausgeschlossen scheint manchen Wissenschaftlern, daß El Nino auch zu dem Regenmangel beitrug, der gegenwärtig in Europa, am schlimmsten in dessen südlichen Regionen, herrscht.
Für fast eine halbe Million Spanier kommt schon kein Tropfen Wasser mehr aus der Leitung. Tankwagen müssen es herankarren. Angesichts der nahezu biblischen Plage fällt vielen Spaniern nichts anderes mehr ein als zu beten.
In Andalusien werden die Heiligenfiguren in großen Prozessionen über das ausgedörrte Land getragen. Im Dorfe Lora del Rio schossen die Landarbeiter mit Vorderladern auf die sengende Sonne und schleppten die "Jungfrau von Setefilla" zwölf Stunden durch den Staub. Erschrocken fragte bereits ein Hörer bei der spanischen Rundfunkstation Radio Nacional an: "Grenzt die Sahara bald an die Pyrenäen?"
Nicht ganz so weit, aber doch bis auf den fernen europäischen Kontinent fühlten sich die Engländer durch das ungewohnte Sommerwetter versetzt. Staunend berichteten Reporter des Nachrichtenmagazins "Newsweek", Princess Diana sei barbeinig, ohne Strümpfe, auf einer Garden Party im Buckingham Palace erschienen.
"Massenhaft" wurden - im prüden Albion ungewohnt - "Continental-style"-Nackte an britischen Küsten gesichtet. Einen einsamen Sonnenhungrigen, "bekleidet nur mit Hut und einer Socke", griff die Polizei in den Gärten des Kensington Palace auf, der Londoner Residenz des prinzlichen Paares.
So was brächte deutsche Ordnungshüter schon längst nicht mehr in Wallung. Spätestens in diesem Sommer wurden Reste von Schamgefühl - weil es ja so heiß ist! - bei der Kleidung abgeschafft. Nur hüllenlos schien vielen dieser Sommer erträglich - nicht nur auf Sylt, der chronisch überfüllten, automöblierten Insel, die auch diesmal wieder proppenvoll war.
"Nordsee und Ostsee" - da war nach Auskunft von Gerd Kramer, Direktor des Fremdenverkehrsverbandes Schleswig-Holstein, diesen Sommer wirklich "alles dicht".
Dagegen sackte das Interesse an Pauschalreisen ins Ausland schon im Hitzemonat Juli deutlich - fast fünf Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr (so der Durchschnittswert aus den 700 umsatzstärksten westdeutschen Reisebüros). Die "Fliegen Sie in die Sonne" - Slogans in den Schaufenstern der Reiseagenturen wirkten wie Hohn.
"Monte Balkone und Lago di Bado" waren, wie die "Süddeutsche" herausfand, bevorzugte Urlaubsziele der Deutschen. Und manche, die ins Ausland fuhren, ärgerten sich die Platze: In Portugal, zum Teil auch in Westfrankreich, regnete es im Juli; in Norwegen und Schweden war es kühl und feucht, ebenso in den Balkanländern - und zu Hause der Super-Sommer!
Die deutsche Hotellerie profitierte von kurzfristigen Entscheidungen vieler Städter, wegen der Hitze das Wochenende auf dem Land zu verbringen. Solche Spontantrips hätten dieses Jahr deutlich zugenommen, berichtet Egon Heider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in Bonn.
"Wer einen Biergarten betreibt, ist jetzt König", meint Heider; aber sein Verband befürchtet auch, daß die Umsätze in Kneipen und in gartenlosen Restaurants rückläufig sein könnten: Die Gäste meiden heiße und stickige Räume.
Soweit die schmaler gewordenen Portemonnaies es zuließen, lief das Bier in den Kneipen abends gut. Trotzdem: Für den Braumeister Axel Staudinger von der Hamburger Elbschloss-Brauerei war das alles noch "kein ausgesprochenes Bierwetter", der Ausstoß, sagt er, könnte besser sein.
Die Sache wird klar, wenn Staudinger den Zusammenhang zwischen Hitze und Bierkonsum erläutert: Den Absatzstrategen fehlt das "Tagesfeld" (Staudinger) - bei über 22 Grad greifen nur wenige auch schon tagsüber zum Bier.
"Die absolute Sommerspitze gibt es nicht mehr", weiß auch Peter Hahn vom Bundesverband der Deutschen Erfrischungsgetränke-Industrie. Hauptgewinner beim großen Durst waren die Mineralwasser-Abfüller: Allein im Juli verzeichneten sie ein Umsatzplus von 23 Prozent.
Im ganzen sind die wirtschaftlichen Folgen des Rekordsommers einstweilen schwer abzuschätzen. Besonders bei den Ernteaussichten geht es "mit den Zahlen noch drunter und drüber", wie ein Funktionär des Bauernverbandes in Bonn einräumt.
Sosehr einzelne Bauern-Bünde schon über Mißernten jammern (Wolfgang Riedel, Sprecher des Bayerischen Bauernverbandes: "Die Ernte ist fast nicht mehr zu retten") - Agrarfachleute bei Bundes- und Länderministerien bezweifeln solche Aussagen und warnen vor "Panikmache".
Offenbar gibt es große regionale Unterschiede, insgesamt aber wird mit mittleren Ernte-Erträgen gerechnet. Auch der Brüsseler EG-Kommission wurden bislang keine gravierenden Trockenschäden aus den zehn Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft gemeldet - alles bleibt innerhalb des Durchschnitts der letzten fünf Jahre. EG-Agrarexperte Cornelis Driespong: "Eine ganz normale Ernte."
Die europäischen Milchbauern, offenbar vom Wetter weitgehend unabhängig, liefern auch in diesem Jahr gewaltige Überschüsse an die Molkereien ab, noch einmal fünf Prozent mehr als 1982. Dabei wäre der EG-Kommission eine Mißernte durchaus willkommen. Jede Tonne weniger Milch, Getreide und Äpfel brächte Entlastung für den überstrapazierten Agrarhaushalt der Gemeinschaft.
In Grenzen halten sich auch die Umweltschäden, die der Dürre-Sommer hinterläßt. Freilich gibt es die "luftverschmutzungsgeschädigten Bäume, die durch die Hitze den Rest kriegen", so Peter-Uwe Conrad, Leiter der Umweltschutz-Abteilung im Kieler Landwirtschaftsministerium.
Mit Sorge betrachten die Umweltschützer eine rapide Aufzehrung des Sauerstoff-Vorrats in der Nordsee, Folge der anhaltenden Wärme. Und vereinzelt, so im ungarischen Plattensee, kam es auch zum gefürchteten Umkippen von Binnengewässern.
Infolge günstiger Schlupfbedingungen hat der Bestand fast aller Insektenarten zugenommen - nicht nur bei den Wespen (SPIEGEL 34/1983). Conrad: "Es gibt mehr Libellen, mehr Schmetterlinge, und Marienkäfer konnte man in diesem Sommer in Schleswig-Holstein zusammenschaufeln."
Plus/minus null also, ein strahlender Sommer ohne Fehl und Tadel? Auf der hohen Ebene der EG-Bürokratie vielleicht.
Die nordelbischen Bauern, die von der Dürre betroffen sind, sehen das anders. "In unserer Region", sagt der holsteinische Landwirt Martens, 57, habe er zeit seines Lebens "eine solche Trockenheit noch nicht erlebt".
Wenn man zu pflügen versuche - was jetzt zur Aussaat der Wintergerste nötig wäre -, "brechen Pflugschare ab". Der Boden, sagt Bauer Martens, "ist so hart wie eine Betonpiste".
Da wird Pastor Harald Schrader mit Zulauf rechnen dürfen. Für Sonntag lud er "Landwirte und ihre Familien" zur Abendandacht in die Paul-Gerhardt-Kirche am Brahmsee. "Ein feierliches kleines Konzert", so die Einladung, "begleitet die Fürbitte zu Gott um Regen und eine möglichst doch noch gute Ernte."
[Grafiktext]
Linien gleichen Luftdrucks: Normale Lage des Azorenhoch-Keils im Juli Lage des Azorenhoch-Keils im Juli 1983 Zentren der Dürre (weniger als 10 Prozent des Normalniederschlags) Wärmegebiete mit mehr als 2 Celsius über Normal mehr als 4 Celsius über Normal mehr als 5 Celsius über Normal Azoren 27. 7. 1983, Gärmersdorf (Oberpfalz): neuer deutscher Wärmerekord mit 40.3 Celsius
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 35/1983
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