09.05.1983

Hitler-Tagebücher: Ein tödlicher Fehler

Drei Jahre lang sammelte der "Stern" aus obskuren Quellen angebliche Hitler-Tagebücher, dann warf er sie, ungeprüft, auf den Weltmarkt. Was als "größter journalistischer Coup der Nachkriegszeit" angekündigt worden war, erwies sich, so gestand Herausgeber Henri Nannen ein, als "Katastrophe für den 'Stern'". Das Bundesarchiv in Koblenz und das Bundeskriminalamt in Wiesbaden entlarvten die Hitler-Papiere als Fälschung.

Das Siegel unecht, das Initial verkehrt, die Schrift gefälscht - wenn das der Führer wüßte. Seine Tagebücher, 38 Jahre nach seinem Tod von der Hamburger Illustrierten "Stern" einer verblüfften Welt präsentiert, sind nicht seine Tagebücher. Es sind Machwerke aus der Nachkriegszeit.

Seit Freitag letzter Woche ist das sozusagen amtlich. Nach textkritischer wie materialtechnischer Prüfung durch drei Bundesbehörden kann, so Professor Hans Booms, Leiter des Bundesarchivs in Koblenz, den vom "Stern" zur Prüfung unterbreiteten Kladden "keine Authentizität zugesprochen werden".

Die geheimsten Aufzeichnungen Hitlers erwiesen sich als plumpe Fälschungen, das vermeintlich dem Dunkel der Zeitgeschichte entrissene Hitler-Material als teures Talmi. Und die "größte journalistische Sensation der Nachkriegszeit", wie "Stern"-Chefredakteur Peter Koch die Hitler-Funde annonciert hatte, entpuppte sich als der größte Presse-Flop aller Zeiten.

Sieben der angeblichen Tagebücher - aus den Jahren 1934, 1937, 1939, 1941, 1942 und 1943 und ein Sonderband über den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß - lagen dem Bundesarchiv zur Prüfung vor. Drei der sieben Bände wurden im Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA) und im Berliner Bundesamt für Materialprüfung untersucht. Die Analysen aller drei Ämter führten "im Ergebnis eindeutig in dieselbe Richtung" - Fälschung.

Und wer mag nun noch glauben, daß unter den restlichen der insgesamt 60 Kladden authentische Notizen sind? Kein Experte von Rang tut es, und der "Stern" selber auch nicht mehr. Die Geschichte muß nicht umgeschrieben werden - nur noch jene, die der "Stern" zum Druck für diese Woche vorgesehen hat.

Das Urteil der Experten ist vernichtend.
* Das Bundesarchiv konstatierte nach einer
historisch-philologischen Untersuchung: "Der Mangel an
Authentizität wird unter anderem dadurch nachgewiesen,
daß eine Reihe von gravierenden Fehlern, eine Übernahme
später gebräuchlicher Begriffe, Fehleinschätzungen, die
nur durch unveröffentlichte Quellen nachweisbar sind,
und eine Übernahme von Unrichtigkeiten aus publizierten
Vorlagen festgestellt werden können."
* Das Bundeskriminalamt und das Bundesamt für
Materialprüfung stellten bei der Prüfung der
Kladden-Einbände, des Papiers und der Klebstoffe fest,
daß Materialien aus der Nachkriegszeit verwendet worden
sind.

So eindeutig fielen die Analysen aus, daß der Präsident des Bundesarchivs von einer "grotesk oberflächlichen Fälschung" sprach: "Es ödet an, das Zeug zu lesen."

Am Freitagmittag teilte Professor Booms dem Bonner Innenministerium den Befund telephonisch mit. Dem Amtschef Friedrich Zimmermann wurde die Nachricht während der Bundestagsdebatte auf der Regierungsbank _(Rechts: "Stern"-Chefredakteur Felix ) _(Schmidt am 25. April 1983 auf der ) _("Stern"-Pressekonferenz in Hamburg. )

zugeflüstert. Zimmermann: "Na bitte, wußt'' ich''s doch." Zimmermann gab die News an den Kanzler weiter. Kohl lachte: "Das ist ja ein Ding."

Das Ding verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Nachricht gab für die Deutsche Presse-Agentur eine Eilmeldung ab, für die Fernsehanstalten die abendlichen Top-News. "Stern"-Herausgeber Henri Nannen blieb nichts weiter übrig, als den Stopp des Abdrucks anzukündigen und vor den Fernsehkameras einzugestehen, daß "wir uns vor unseren Lesern schämen".

Henri Nannen hätte sich den bitteren Selbstvorwurf ersparen können, wenn die "Stern"-Redaktion die professionell gebotene besondere Sorgfaltspflicht gewahrt hätte.

So setzte es Kritik und Schadenfreude von allen Seiten, und das erhoffte Riesengeschäft platzte binnen Stunden. Die britische "Sunday Times", die Veröffentlichungsrechte vom "Stern" für insgesamt 400 000 US-Dollar erworben hatte, kündigte den Stopp sowie Rückforderungen von Zahlungen an und stellte den Abdruck ein. Das italienische Wochenmagazin "Panorama" sprang ebenso ab wie die französische Illustrierte "Paris Match".

"Jetzt ist die Kacke am Dampfen", umschrieb Nannen in gewohnt drastischer Art am Freitagabend die Situation. Aber er sah gleich weiter: "Wir veröffentlichen jetzt nicht mehr die Geschichte der Tagebücher, sondern die Geschichte der Fälschung. Wir sind betrogen worden und haben keinen Grund, die Betrüger zu schonen."

Viel zu späte Einsicht. Drei Jahre lang, seit die vermeintlich beste Spürnase des "Stern", der Reporter Gerd Heidemann, auf eine vielversprechende Fährte stieß, hat das Blatt Zeit gehabt, sich mit Hilfe von Historikern und Technikern zu vergewissern.

Vorstandsmitglieder des zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Verlags Gruner + Jahr, in dem der "Stern" erscheint, delektierten sich in aller Stille an den Papieren, die Heidemann nach und nach herbeischaffte. Aber keiner kam offenbar auf die Idee, vor der Veröffentlichung eine so gründliche Untersuchung vornehmen zu lassen, wie sie jetzt unter öffentlichem Druck - und mit eindeutigem Resultat - in wenigen Tagen zustande kam.

Das illustriertentypische Knüller-Denken beförderte einen Geheimhaltungstick, der selbst die Chefredaktion vom Wissen über die Herkunft der ominösen Hitler-Kladden ausschloß. In panischer Angst um die Exklusivität ersparten sich die "Stern"-Leute aber auch die Materialprüfung, die in einem solch spektakulären Fall so gründlich wie nur irgend möglich hätte ausfallen müssen.

"Tropfenweise", so Josef Henke, Referatsleiter für Schrift- und Druckgut politischer Parteien beim Bundesarchiv, hatte der "Stern" zwar schon im Sommer letzten Jahres einzelne lose Blätter aus dem angeblichen Dokumentenfund dem Koblenzer Amt zugestellt. Ganze neun Seiten waren es schließlich, darunter, wie sich später herausstellte, nur eine aus den angeblichen Tagebüchern.

Schon damals aber, so am Freitag letzter Woche Amtschef Booms, seien den Bundesarchivaren Zweifel an der Echtheit gekommen. Geklärt wurden sie nicht.

Erst Mitte April dieses Jahres, kurz vor der Veröffentlichung, schob der "Stern" drei weitere Probe-Blätter nach. Das Bundesarchiv beauftragte - für den "Stern" - den Diplomchemiker Arnold Rentz in Bad Ems, das mutmaßliche Alter der Papiere zu bestimmen. Erst nachträglich zeigte sich, daß die Sache für den "Stern" schlecht ausging.

Für zwei der drei DIN-A4-Bögen - unbeschrieben und in Anwesenheit eines Hamburger Notars "der Originalkladde entnommen" - bestätigte Experte Rentz, sie seien "in den dreißiger oder Anfang der vierziger Jahre gefertigt" worden. Das dritte Blatt, beschrieben mit einem angeblichen Hitler-Telegramm an Mussolini vom 1. Januar 1940, erwies sich als Fälschung: Es enthielt Substanzen ("optische Aufheller"), die erst nach dem Zweiten Weltkrieg in der Papierherstellung verwendet wurden.

Nur: Der "Stern" verschwieg das zweite, die Fälschung betreffende Gutachten. Veröffentlicht wurde nur der Teil der Expertise, der die Echtheit der Tagebücher zu untermauern schien. Das dritte Blatt, so noch Anfang letzter Woche ein Sprecher des "Stern", sei nur ins Labor gegeben worden, weil man die "Glaubwürdigkeit der eigenen Quellen" habe überprüfen wollen.

In dem Fall freilich hätte es nahegelegen, vorweg auch diesen Vorgang notariell zu Protokoll zu geben, was nicht geschah. Die meiste Mühe bei der Verifizierung gaben sich die "Stern"-Leute ausgerechnet dort, wo naturwissenschaftlich exakte Ergebnisse am wenigsten zu erwarten waren: bei der Einholung von Schriftgutachten.

Und kein westdeutscher Zeithistoriker, weder an einer Universität noch beim Münchner Institut für Zeitgeschichte, noch bei der Hamburger Forschungsstelle für Nationalsozialismus gleich um die Ecke, bekam je auch nur eine Photokopie der vermeintlichen Hitler-Aufzeichnungen zu Gesicht. Die beiden vom "Stern" als Gutachter bemühten Historiker, der Engländer Hugh Trevor-Roper und der US-Amerikaner Gerhard L. Weinberg, blätterten nur ein paar Stunden in den Folianten, die der "Stern" in der Züricher Handelsbank unter Verschluß hielt.

In ihrer unbeirrbaren Zuversicht fiel den "Stern"-Chefs gar nicht auf, daß die beiden Kronzeugen aus der Historikerzunft sehr schnell, viel zu schnell mit ihrem Urteil fertig waren: Die schiere Fülle des Materials hatte sie erklärtermaßen beeindruckt.

Hitlers Testament von 1938, das "bislang längste handschriftliche Dokument von Hitler aus der Zeit zwischen 1933 und 1945" (Weinberg), war schließlich _(Mit Hitler-"Tagebüchern" auf der ) _(Pressekonferenz in Koblenz am Freitag ) _(letzter Woche. )

nur zwei Blatt lang gewesen. Und dann dies: "Daß jemand eine so ungeheure Menge in jedem Fall handgeschriebenen Materials gefälscht" habe wie die 60 Bände des "Stern", so der Amerikaner, erscheine ihm "fast unvorstellbar".

"Tief beeindruckt von dem, was er gesehen hatte", stieg auch Trevor-Roper aus dem Zürcher Bankgewölbe. Heidemann wickelte ihn dann noch mit der Zusicherung ein, es gebe eine direkte Verbindung zwischen dem Wrack der Luftwaffenmaschine, mit der die Tagebücher 1945 angeblich abgestürzt seien, und dem Fund. Trevor-Roper: "Echt."

Zweifel überkamen den Briten zu spät - und der "Stern" ignorierte sie. Letzte Woche, da er um seine Reputation bangen mußte, formulierte es Trevor-Roper mit Bedauern, "daß die übliche Methode historischer Verifizierung hier bis zu einem gewissen Maß den ... Erfordernissen einer journalistischen Sensation geopfert wurde".

Was die "Stern"-Leute so sicher machte und so fahrlässig handeln ließ, ist das Unbegreiflichste an dieser Affäre. Was nach einer von der "Bunten" veranlaßten Umfrage 75 Prozent der befragten Bundesbürger nicht glaubten, erschien den "Stern"-Redakteuren schlicht selbstverständlich: daß die Tagebücher authentisch seien.

Unter den Experten überwogen vom ersten Tag der "Stern"-Veröffentlichung an die Zweifel. Die Einwände konzentrierten sich vor allem auf vier Argumente: Hitler habe zum Tagebuchführen zuwenig Zeit gehabt und sei ohnehin viel zu schreibfaul gewesen; von 1944 an habe er aus Krankheitsgründen keine Texte mehr zu Papier bringen können; Diktion und Inhalt der Tagebücher seien fragwürdig; die vom "Stern" präsentierten Gutachten hielten kritischer Nachprüfung nicht stand.

Kenner des Diktators waren sich einig. "Tagebücher, die Hitler mit eigener Hand geführt hat, gibt es nicht", befand Hitler-Biograph Werner Maser, und von Richard Schulze-Kossens bis zu Nicolaus von Below bekundete jeder ehemalige Hitler-Adjutant, daß "der Chef" im Zweiten Weltkrieg weder Zeit noch Lust gehabt habe, ein Tagebuch zu führen. Below: "Eines von den vielen Lügenmärchen, wie wir sie seit dem Kriege nicht anders kennen."

Der Hitler-Biograph Joachim Fest, dem selbst schon mal gefälschte Hitler-Tagebücher angeboten worden waren, merkte an: "Wiederholt hat Hitler geäußert, ein Staatsmann dürfe nichts Schriftliches, vor allem nichts Persönliches von sich geben, und bezeichnenderweise existieren nahezu keine Briefe von seiner Hand."

Henry Picker, Herausgeber von "Hitlers Tischgesprächen", bemängelte, die Diktion schon der ersten Textstellen entspreche nicht der Wortwahl des Führers. Am Eintrag "Da behüte uns Gott" zweifelte auch Ex-Oberst Günter Reichhelm, der im April 1945 mit im Bunker war: "Gott hat er überhaupt nie im Munde geführt. Er hat immer bloß vom Schicksal gesprochen."

Sogar das angebliche Initial "A" für Adolf (in der Schrifttype "Engravers old english") auf dem Einband mehrerer Tagebücher ist falsch - es ist ein "F". "Wer die Initialen auf dem Tagebuchdeckel anbrachte", sagt der Hannoveraner Fachhochschulprofessor Horst Heiderhof, "kannte sich mit den Schriften nicht aus, verwechselte die Buchstaben."

Der angesehene New Yorker Handschriftenexperte Charles Hamilton, der Photokopien von Tagebuchblättern gesehen hatte, fand: "Das sind eindeutig

Fälschungen" (siehe Seite 110). Und Experten von Fälschungen verweisen auf ein ganzes Bündel von "Dokumenten" aus der neueren Zeitgeschichte, die sich als Bluff erwiesen haben (siehe Seite 113).

Eines der letzten Hitler-Schreiben, von Ende 1944, besitzt der belgische Ex-SS-Sturmbannführer Leon Degrelle. Der einstige Hitler-Favorit, der heute in Spanien lebt, hielt die "Stern"-Tagebücher für falsch, "da sie für einen einzelnen Mann, der üblicherweise diktierte und nicht selbst schrieb, zu umfangreich sind".

"Ich war in den letzten Kriegstagen im Bunker bei Hitler", erinnert sich der Ex-Kollaborateur. "Er litt an der Parkinsonschen Krankheit, weshalb er normalerweise mit den Händen nicht arbeiten konnte."

Von der tückischen Krankheit Hitlers konnten auch Fälscher seit Jahren wissen und ihre Schrift darauf einstellen. Aus den Aufzeichnungen des SS-Brigadeführers Walter Schellenberg ging für deutsche Leser schon 1959 hervor, "unter dem Druck der Nervenbelastung" seien bei Hitler von 1943 an "die Zeichen der Parkinsonschen Krankheit in fortschreitendem Maße" aufgetreten. Auch hatte bereits 1963 der Facharzt für Nerven- und Gemütskranke, Johann Recktenwald, den Befund veröffentlicht, Hitler habe mutmaßlich an "Spät-Parkinsonismus" gelitten.

Mehr und mehr rückte jedoch im Meinungsstreit die Stil- und Inhaltskritik in den Vordergrund, und die in der letzten Woche vom "Stern" veröffentlichten Papiere über den England-Flug des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß boten üppige Gelegenheit zur Auseinandersetzung. Die vermeintlichen Hitler-Notizen hielten der zeitgeschichtlichen Prüfung weder im ganzen noch in den Details stand.

"Die geheimen Aufzeichnungen", verhieß die Illustrierte, "enthüllen unter anderem eines der größten Geheimnisse der Nazizeit. Der Stellvertreter des ''Führers'', sein engster Vertrauter, Rudolf Heß, flog 1941 mit vollem Wissen Hitlers nach England. Zum erstenmal erfährt die Welt die Hintergründe dieser ominösen Mission."

Nichts daran stimmte. Als Heß zu seinem Geisterflug nach England startete, war er keineswegs mehr Hitlers "engster Vertrauter". Er war, wie der Auslandspressechef Ernst ("Putzi") Hanftstaengl aus der Nähe bemerkte, "ein Niemand, eine Fahne ohne Stange". Längst waren Bormann, Göring, Himmler und von Ribbentrop in der Führergunst an ihm vorbeigezogen.

"Am reservierten Verhalten", schrieb Albert Speer, der dafür eine Nase hatte, konnte Heß "feststellen, daß sein Kurswert erheblich gesunken war".

Göring nannte den Parteigenossen einen "Piesel", und Rosenberg fand: "Anständig, aber krank und entschlußlos."

Doch nicht die Verzeichnung des Titelhelden und andere redaktionelle Falschmeldungen waren von besonderem Belang. Es waren die historischen Ungereimtheiten in den Aufzeichnungen selbst, die den Verdacht der Fälschung nährten.

Zum Beweis dafür, daß Hitler von dem Englandflug wußte und ihn ausdrücklich gebilligt hatte, wurden Hitler-Faksimiles aus dem Sommer 1939 vorgelegt:
" 26. Juni 1939: "Heß schickt mir eine persönliche "
" Schrift zum England-Problem. Hätte nicht gedacht, das "
" dieser Heß so scharfsinnig denken kann. Diese Schrift ist "
" sehr, sehr interessant." "
" 27. Juni 1939: "Mußte die ganze Nacht an die Schrift "
" von Heß denken. Muß ihn unbedingt unter vier Augen "
" darüber sprechen. Einige Erlasse." "
" 22. Juli 1939: "Habe nochmals Göring bei mir. "
" Erkundige mich vorsichtig bei ihm, welche Reichweiten "
" unsere besten Flugzeuge haben. Gespräche mit Heß. Erzähle "
" ihm vom Gespräch mit Göring. Heß sagt, man müsse eine "
" Spezialmaschine bauen. Er arbeite auch schon an den "
" Plänen. Was für ein Kerl. Er möchte nicht, das weiterhin "
" über irgend etwas mit Göring über seinen Plan gesprochen "
" wird." "

Wieso eigentlich hätte Heß zu diesem Zeitpunkt, Sommer 1939, einen so abenteuerlichen Plan aushecken und Hitler ihn so begeistert aufnehmen sollen? Noch herrschte Frieden, die Grenzen waren offen.

Die britische Appeasementpolitik gegenüber deutschen Drohungen und Aktionen, das bängliche Kuschen, das in Berlin mit soviel Wohlwollen und Hohn aufgenommen wurde, bot nicht den mindesten Anlaß für das aberwitzige Flugunternehmen.

Da hatte sich erkennbar jemand um ein Jahr vertan. Hitler und Heß waren es nicht. Der Stellvertreter sagte gleich nach seiner Notlandung auf der Insel bei der Einvernahme durch Beamte des Foreign Office: "Ich bin auf den Gedanken gekommen, als ich im Juni vergangenen Jahres noch während des Frankreich-Feldzuges beim Führer war" - also 1940, nicht 1939.

Da hätte der ganze Unsinn jedenfalls für Männer von der Beschaffenheit eines Hitler und seines Paladins wenigstens ein bißchen Sinn machen können: Hitlers Friedensangebot an England vom 19. Juli 1940 lehnte London brüsk ab.

Die Luftschlacht über England, die alles wenden sollte, brachte keinen Erfolg. Für eine Invasion der Insel fehlte es an allen Ecken und Enden und auch an Hitlers Entschlossenheit; das "Unternehmen Seelöwe" wurde abgeblasen.

Aber sei es 1939, 1940 oder 1941 - Hitler sollte laut "Stern" wirklich von dem Friedens-Flug seines Stellvertreters gewußt und ihn gebilligt haben, die zeitgeschichtliche Sensation gewissermaßen. Heß selber "schweigt darüber bis auf den heutigen Tag", behauptet die Illustrierte. Auch das stimmte nicht.

In Spandau plauderte der Häftling Heß 1970 mit dem amerikanischen Direktor des Alliierten Kriegsverbrecher-Gefängnisses, Oberst Eugene K. Bird, stundenlang in der Zelle, im Gefängnishof, nicht nur über die England-Mission, und Heß hatte nichts dagegen, daß Bird ein Tonband laufen ließ.

Originalton Heß:
" Hitler wollte England nicht beugen. Er wollte den "
" Kampf beenden. Aber er wußte nicht, daß ich aus diesem "
" Grund nach England fliegen wollte. Ich habe es auf meine "
" Kappe genommen. Der Flug war meine eigene Idee ... Ich "
" habe nie daran gedacht, Hitler etwas davon zu sagen. Wenn "
" er das gewußt hätte, hätte er mich verhaften lassen ... "
" Ich sage noch einmal: Hitler wußte nicht, daß ich "
" vorhatte, nach England zu fliegen. Aber ich wußte, daß "
" das, was ich zu sagen hatte, vom Führer gebilligt würde. "

Der "Stern" hatte dieses Protokoll wohl übersehen und versteifte sich auf die angeblichen Hitler-Notizen über den Heß-Flug. Das Beweisstück, in dem Hitler die "drei Handlungsvarianten" notierte, die er angeblich "mit Heß verabredet hatte", beweist das aber nicht - eher das Gegenteil:

Die Führer-Varianten, laut "Stern":
" 1. Sollte die Mission gelingen, und Heß hat Erfolg, "
" hat er mit meinem Einverständnis gehandelt. "
" 2. Wird Heß als Spion in England gefangengesetzt, so "
" hat er mich früher einmal von seinem Plan in Kenntnis "
" gesetzt, ich aber habe abgelehnt. "
" 3. Sollte seine Mission total fehlschlagen, erkläre "
" ich, Heß habe in einer Wahnvorstellung gehandelt. "

Die Mission schlug total fehl, Hitler entschied sich für die Handlungsvariante drei, folgerte offenbar der "Stern". Tatsächlich jedoch erklärte Hitler seinen Stellvertreter schon für verrückt, als noch völlig offen war, ob die Mission gelingen, Heß gefangengenommen würde, ob er überhaupt in England angekommen, in die Nordsee gestürzt oder über der Insel abgeschossen worden war oder was sonst.

Am 11. Mai 1941 gegen 10.00 Uhr übergab Heß-Adjutant Karl-Heinz Pintsch, wie Heß ihm vor dem Abflug befohlen hatte, Hitler auf dem Berghof einen Brief seines Chefs: "Mein Führer, wenn Sie diesen Brief erhalten, werde ich in England sein ... Sollte ... mein, wie ich zugeben muß, mit sehr wenig Gewinnchancen belastetes Vorhaben scheitern, sollte das Schicksal gegen mich entscheiden, so kann es für Sie wie für Deutschland sich jederzeit von mir absetzen - erklären Sie mich für verrückt."

"Als Hitler das Schreiben las", erinnerte sich Reichspressechef Otto Dietrich, "bemächtigte sich seiner eine ungeheure Erregung." Hitler-Intimus Speer vernahm einen "unartikulierten, fast tierischen Laut". Es war, schrieb Hitler-Dolmetscher Paul Schmidt, "als hätte eine Bombe im Berghof eingeschlagen". Hitler wirkte "zehn Jahre älter", schien es Joseph Goebbels, der Führer habe "Tränen in den Augen" gehabt.

Hitler erklärte Heß für verrückt, prompt. Laut "Stern"-Dokument aber hätte er abwarten müssen, welche der drei - angeblich mit Heß verabredeten - "Handlungsvarianten" nun geboten war. Zeitgeschichtliche Textkritik war erkennbar nicht die Stärke der "Stern"-Redaktion.

Sie erhoffte sich statt dessen Hilfe vom Eingeschlossenen in Spandau. "Stern"-Chefredakteur Koch tingelte mit Heß-Sohn Wolf Rüdiger durch Amerikas Fernseh-Studios, um für die Freilassung des in Berlin inhaftierten Führer-Stellvertreters zu werben. Koch: "Heß ist ein Zeuge. Vielleicht lassen sie ihn dafür frei."

Noch während seiner PR-Tour in den USA erfuhr Koch, welcher Masche er und seine Kollegen aufgesessen waren. Am Freitagmorgen eröffnete der Fernsehsender NBC seine "Today Show" süffisant mit dem Satz: "Do you have stocks in ''Stern''? - sell!" - "Haben Sie Aktien vom ''Stern''? - Verkaufen!"

Experten von Bundesarchiv, Bundeskriminalamt und dem Bundesamt für Materialprüfung hatten herausgefunden, daß der Tagebuch-Autor offenbar aus leicht zugänglichen Quellen "abgeschrieben" hatte, vor allem aus einer 1962/63 erschienenen Chronik von Max Domarus ("Hitler - Reden und Proklamationen 1932 - 1945") und aus einem zeitgenössischen Buch von Gerd Rühle ("Das Dritte Reich"). Geradezu verblüffend war die Übereinstimmung zwischen den Texten des "Stern"-Fundes und Domarus-Passagen, etwa vom Jahresende 1937.

"Stern"-Hitler am 7. Dezember: "Besuch bei General Ludendorff in der Klinik Josephinum." Domarus: "Am 7. Dezember stattete Hitler ... Ludendorff in der Münchener Klinik Josephinum einen Besuch ab."

"Stern"-Hitler am 11. Dezember: "Italien tritt aus dem Völkerbund aus." Domarus: "Am 11. Dezember erklärte Italien seinen Austritt aus dem Völkerbund."

"Stern"-Hitler am 17. Dezember: "Feierstunde im Theater des Volkes in Berlin, Rede vor Arbeitern der Reichsautobahn." Domarus: "Am 17. Dezember hielt Hitler vor Reichsautobahnarbeitern, die sich zu einer Feierstunde im Theater des Volkes in Berlin versammelt hatten, eine Rede."

"Stern"-Hitler am 18. Dezember: "Weihnachtsfeiern für die Angehörigen der Führerkanzlei." Domarus: "Am 18. Dezember nahm Hitler an einer Weihnachtsfeier für die Angehörigen der Führerkanzlei in Berlin teil."

"Stern"-Hitler am 20. Dezember: "General Ludendorff gestorben. Aufruf an das deutsche Volk, Telegramm an Frau Dr. Ludendorff." Domarus: "Am 20. Dezember starb der 73jährige General Ludendorff ... Hitler erließ am gleichen Tag folgenden Aufruf ... An die Witwe, Frau Dr. Mathilde Ludendorff sandte Hitler folgendes Beileidstelegramm ..."

"Stern"-Hitler am 22. Dezember: "Staatsakt für General Ludendorff vor der Feldherrenhalle in München, Kranzniederlegung,

19 Schuß Salut." Domarus: "Staatsakt vor der Feldherrnhalle in München ... Nach der Kranzniederlegung folgte ein Salut von 19 Schüssen."

"Stern"-Hitler am 23. Dezember: "Besichtigung der Arbeiten am Parteitagsgelände in Nürnberg. Am Abend sehe ich mir die Aufführung der lustigen Witwe im Nürnberger Opernhaus an." Domarus: "Am 23. Dezember besichtigte Hitler die Arbeiten am Reichsparteitaggelände in Nürnberg und unterhielt sich mit den Bauarbeitern. Abends besuchte er eine Aufführung der Operette ''Die lustige Witwe'' im Nürnberger Opernhaus."

"Stern"-Hitler am 25. Dezember: "Telegramm an Generalleutn. a. D. Hoefer zum Geburtstag." Domarus: "Am 25. Dezember sandte Hitler an den Kommandeur des ehemaligen Grenzschutzes Schlesien, Generalleutnant a. D. Hoefer, ein Glückwunschtelegramm zum Geburtstag."

Die Parallelen aufzudecken machte den Archivaren nicht einmal Mühe: "Der Max Domarus", erläuterte einer von ihnen im TV-Programm, "ist ein Standardwerk der Zeitgeschichte, das praktisch jeder Student des ersten Semesters kennt."

Kenner wissen überdies, daß der Tagebuch-Autor manche Domarus-Angaben wiederholte, die von Historikern längst widerlegt sind.

So trug er beispielsweise für den 9. Januar 1934 ein Gespräch ein, in dem Hitler bei Reichspräsident Hindenburg eindringlich gegen eine Begnadigung des angeblichen Reichstags-Brandstifters Marinus van der Lubbe plädiert hatte. Das aber hätte er gar nicht nötig gehabt - Hindenburg hatte das Gnadengesuch van der Lubbes schon drei Tage zuvor abgelehnt.

Der Archiv-Direktor und Historiker Klaus Oldenhage, der unter anderem die Tagebuch-Eintragungen vom Januar 1934 untersuchte, stieß auf einen anderen sachlichen Fehler:

"Ich war dann sicher, als ich dieses falsche Gesetz über den landwirtschaftlichen Vollstreckungsschutz hatte. Die Eintragung in den angeblichen Hitler-Tagebüchern hieß: ''Heute habe ich auch ein Gesetz über den landwirtschaftlichen Vollstreckungsschutz unterzeichnet.'' Das war die Eintragung vom 19. Januar 1934, und an diesem Tag ist nachweislich ein solches Gesetz nicht unterzeichnet worden ..."

Noch schlimmer: Der Tagebuch-Autor hat sogar falsch abgeschrieben. Beim 16. August 1937, so fand Archivdirektor Friedrich Kahlenberg heraus, unterlief dem Fälscher ein "tödlicher Irrtum" beim Ausschlachten des Domarus-Textes.

Originalton Domarus: "An Reichsstatthalter General Ritter von Epp sandte Hitler am 16. August folgendes Glückwunschtelegramm: ''Am heutigen Tage, an dem Sie vor 50 Jahren in die Armee eintraten.''"

"Stern"-Hitler dagegen kehrte die Passage um: "Habe heute ein Telegramm von General Ritter von Epp: (Zu meinem 50jährigen Eintrittsjubiläum in die Armee!)" Hitler war damals, Pech gehabt, erst 48 Jahre alt.

Bundesarchivpräsident Booms: "Wenn Sie mal zwei Abende lang, wie ich das getan habe, gelesen haben, würden Sie den Eindruck mit mir teilen können, daß hier ein wirklich sehr in seinem Interesse und intellektuellen Vermögen beschränkter Mensch Eintragungen gemacht hat, dem immer nur einfiel, etwas einzutragen, wenn Domarus auch geschrieben hatte. Wenn nicht, dann ging Hitler ohne Eintragung ins Bett."

Archivoberrat Josef Henke assistierte: "Wenn Sie das alles gelesen haben, dann haben Sie am Ende den Eindruck, ja, mein Gott: Ob die nun echt sind oder nicht, ist eigentlich überhaupt keine Frage mehr. Ich kann nur feststellen, sie sind so nichtig, sie sagen so wenig aus, daß ein Historiker in einer schlechten Provinzzeitung aus der Zeit des 3. Reiches an Informationen mehr bekommen würde als aus diesem Tagebuch."

Der Tagebuch-Dichter, zog Bundesarchivar Oldenhage ein Fazit, "bekäme in Fälschungskunde eine Sechs, manche Kollegen haben sich für eine Sieben ausgesprochen".

Ebenso eindeutige Ergebnisse traten bei den technischen Untersuchungen zutage. Im BKA nahmen sich die Experten der Abteilung Kriminaltechnik dreier "Hitler"-Bände aus den Jahren 1934, 1941 und 1943 an. Schon beim ersten Blättern, so berichtet BKA-Vize Herbert Tolksdorf, sei den Lesern von der Kripo aufgefallen, daß da nie ein "Wort verschrieben oder durchgestrichen" sei - "eigentlich ungewöhnlich".

Es war das erste Stückchen in einem kriminaltechnischen Mosaik, das die BKA-Untersucher in zehn Tagen zusammenfügten. Als erstes Teilgutachten lag bald das Urteil der Textil-Experten vor; _(unten: Rudolf Heß fertigte die Zeichnung ) _(von seinem Absprung über England für ) _(seinen Sohn an. Inschrift: "Vati am 10. ) _(Mai 1941. 22.45 DSZ." ) _(Oben: Am Dienstag letzter Woche in NBC''s ) _("Today Show" in New York; )

sie hatten sich speziell der Fasern jenes Kladdeneinbands angenommen, die "1934" als Jahreszahl trägt.

Sie stellten fest, daß die Fäden der Bogenheftung des angeblichen Bandes von 1934 aus ungefärbtem, unmattiertem Polyamid 6 bestanden, aus Perlon nämlich, das aber erst vier Jahre später, im Januar 1938, als Faden hergestellt wurde.

Eine andere Gewebeuntersuchung unter Infrarot-Licht galt Einbandstreifen des "Sonderbandes Heß", der aus dem Jahre 1941 stammen sollte. Dabei fanden sie heraus, daß die querlaufenden Schußfäden aus Viscose bestehen und den Kunststoff Polyester enthalten.

Polyester aber wurden 1939 in England erstmals hergestellt, und in Geweben, so recherchierten die Fachleute, sind sie "erst nach dem Krieg nachweisbar". BKA-Fazit: Ein Buch aus dem Jahre 1941 mit Polyester kann es nicht geben.

Erstaunliches barg auch ein mit Schreibmaschine beschriebener Zettel, der auf dem Band "1934" klebt: "Diese Bücher sind Eigentum des Führers. Nur dem Führer persönlich oder einer von ihm bestimmten Person aushändigen. München, 9. August 1934. Der Stellvertreter des Führers."

Ein Fachmann für Klebstoff-Analysen untersuchte den Leim, der Aufkleber und Einband verbindet. Gesichert wurde die Substanz "Polyvinylpyrolidon" (PVP), ein Stoff, den der Chemieprofessor Walter Reppe erst 1939 synthetisiert hatte.

Ergebnisse der Überprüfung des Papiers unter ultraviolettem Licht schlossen letzte Woche die Beweiskette. Erkannt wurden Aufheller - sie werden dem Papier beigemischt, um den Vergilbungsprozeß zu verhindern -, die erst nach der NS-Zeit in Gebrauch kamen.

Beim Papier hatten schon Spezialisten der Berliner Bundesanstalt für Materialprüfung Zweifel bekommen. Es war "einfaches Schreibpapier, wie man es im Kaufhaus bekommt", so Papier-Ingenieur Professor Werner Franke. Die Seiten der angeblichen Hitler-Tagebücher, stellte der Wissenschaftler fest, wiesen kein Wasserzeichen auf, obwohl damals schon "für profane Behördenpapiere" Vorschriften über Qualität und Wasserzeichen erlassen worden waren.

Für weitere Analysen, etwa die Altersbestimmung der Tinte, das Auffinden etwaiger Fingerabdrücke per Laserstrahl, für die Wolluntersuchung und Einfärbungsprüfung bei der roten Kordel oder die Untersuchung des Siegellacks wollen die BKA-Leute sich "jetzt erst mal Zeit lassen". Ein Kriminaltechniker: "Das ist ja nun wohl nicht mehr so eilig."

Die Luft war raus aus dem weltweiten Wirbel, der, ein schwarzer Freitag für den "Stern", nur noch im Redaktionsgebäude der Illustrierten an der Hamburger Außenalster Böen setzte. Henri Nannen: "Eine Katastrophe für den ''Stern''."

Nannen ereilte sie vor dem Abflug nach Rom, wo er eigentlich für den "Stern" Staat machen wollte. Spürnase Heidemann hatte sich in Oberbayern verkrümelt und konnte erst am Abend aufgetrieben werden. Chefredakteur Koch jettete aus Amerika zurück.

Im Verlagshaus tagten die Krisenräte. Eine Protestversammlung von 30 Redakteuren forderte Aufschluß über die Tagebuch-Quelle, doch niemand außer dem Vorstandsvorsitzenden Gerd Schulte-Hillen wußte von Beschaffer Heidemann einen Namen. Der Verlagschef versicherte nur, daß das Geld - insgesamt acht bis zehn Millionen Mark - "nicht in rechtsradikale Kanäle ging", und blockte ab: "Wenn''s einer verantworten muß, dann ich."

Aber hängen bleibt''s am Blatt. Erst in der Vorwoche war''s gewesen, daß Koch den rund zwei Millionen Käufern der extra erhöhten Auflage den "größten journalistischen Coup der Nachkriegsgeschichte" versprochen hatte. Ko-Chefredakteur Felix Schmidt wähnte sich im Trocknen, als er kundtat: "Wenn das nicht stimmt, dann können wir Chefredakteure uns die tiefste Stelle in der Alster aussuchen." Auf Heidemann, "den hartnäckigsten, raffiniertesten Reporter Deutschlands", schien Verlaß; er war drauf und dran, Pressegeschichte zu machen - beinahe.

Frühe Zweifel hatte das Blatt vom Tisch gewischt: Heidemanns "Geschichten sind absolut ''wasserdicht''" - seit 32 Jahren. "Nach Menschenermessen", so Koch, könne "kein Zweifel an der Echtheit bestehen".

Der "Stern" tat sich, wie anders, schwer, die Masse der Argumente wider die eigene Sache zu akzeptieren. Der Umfall eines zunächst kritischen englischen Historikers, David Irving, kam ihm gerade recht.

Irving hatte die "Fälschung" des "Stern" anfangs heftig attackiert, bis er die Tagebücher Anfang letzter Woche plötzlich großenteils "für echt" erklärte. Den Kritiker Irving hatte "Stern"-Koch als einen Historiker geschmäht, der keinen Ruf zu verlieren habe. Den Fürsprecher Irving hieß der "Stern" "willkommen".

Kein Wort verlor die Redaktion darüber, als Irving gleich auch Anschluß an die deutsche Rechtsradikalen-Szene fand. Der Herausgeber der "Deutschen National-Zeitung", Gerhard Frey, lud seine Leser zu Vorträgen des "weltberühmten Historikers" in acht westdeutschen Städten - Thema: "Hitlers Tagebücher Wahrheit oder Fälschung?"

Die "National-Zeitung" selbst würdigte die "Wahrheit über die Tagebücher" in roten Balkenlettern und druckte seitenlangen Triumph, etwa über die "hysterische Reaktion etablierter Geschichtsforscher".

Für die hatte, als Behördenfunde über die Fälschungen noch nicht vorlagen, auch der "Stern" nur Schmäh übrig. Nannen sprach von "Pseudohistorikern", Koch von "diesem selbsternannten Professor Maser" oder dem "Ferndiagnostiker Professor Jäckel".

Die "Wächter der Genauigkeit" hätten sich "in ihren eigenen Widersprüchlichkeiten verfangen" - etwa wenn bei dem einen Hitlers "rechte Körperhälfte" gezittert habe, bei dem anderen aber "die linke Seite". Kochs altdeutsches Fazit: "Viel Feind, viel Ehr."

Die Historiker, laut "Stern" nur von "gekränkter Eitelkeit" geplagt, hatten sich von der Polemik allerdings nicht beirren lassen. Martin Broszat, Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, forderte in einem offenen Brief an Nannen ebenso die Einschaltung einer internationalen Historiker-Kommission wie Oxford-Professor Alan Bullock und Hitler-Biograph Joachim Fest. In einer ZDF-Diskussion ("Gefälscht oder echt") und auch wieder im "Club 2" des Österreichischen Fernsehens verlangten die Teilnehmer die Offenlegung des Materials, der Quellen.

Nannen verweigerte die Einsicht und pochte auf "Exklusivität". Doch dem wachsenden "Druck auf den ''Stern''" (so die Londoner "Times") konnten Verlags- und Redaktionsleitung nicht standhalten. Sie schickten dem Bundesarchiv die sieben Kladden.

Ursprünglich hatte Heidemann mit dem Bundesarchiv ausgemacht, daß der "Stern" die Originale nach Auswertung "spätestens in zehn Jahren" der Bundesbehörde kostenlos übergeben werde - ein Arrangement, das Bundesinnenminister Zimmermann prompt kritisierte. Er gab Anweisung an das Bundesarchiv, auf keinen Fall Kopien zu begutachten.

Die sieben Bände waren Originale - nur eben gefälscht.

Rechts: "Stern"-Chefredakteur Felix Schmidt am 25. April 1983 auf der "Stern"-Pressekonferenz in Hamburg. Mit Hitler-"Tagebüchern" auf der Pressekonferenz in Koblenz am Freitag letzter Woche. unten: Rudolf Heß fertigte die Zeichnung von seinem Absprung über England für seinen Sohn an. Inschrift: "Vati am 10. Mai 1941. 22.45 DSZ." Oben: Am Dienstag letzter Woche in NBC''s "Today Show" in New York;

DER SPIEGEL 19/1983
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Hitler-Tagebücher: Ein tödlicher Fehler