07.03.1983

GELDSPIEL-AUTOMATENGoldene Serie

Ist der Zeitvertreib am Münzautomaten ein gefährliches Glücksspiel?
An die ersten Groschen kann sich Eduard Hempel
( Name von der Redaktion geändert. )
nicht mehr erinnern. "Irgendwann", sagt der 45jährige Lübecker Pädagoge, "bin ich halt an so einem Münzspielautomaten stehengeblieben und habe ein paar Geldstücke eingeworfen."
Daß es beim "gelegentlichen Spielen nach dem Unterricht" nicht blieb, wurde dem Berufsschullehrer spätestens bewußt, als er in drei Stunden "600 Mark an drei Automaten gleichzeitig durchfegte". Insgesamt hat ihn seine "Sucht", wie Hempel selber sagt, in bisher 15 Jahren gut 150 000 Mark gekostet.
Auf "gut und gerne sieben Millionen" schätzt der Bremer Psychologe und Spielsucht-Forscher Gerhard Meyer die Zahl der Bundesbürger, die mal so ganz nebenbei, oft aber auch stundenlang und ausschließlich in Spelunken, Spielhallen, gutbürgerlichen Lokalen und Frittenbuden die mehr als 160 000 "Geldspielautomaten mit Gewinnmöglichkeit" mit Münzen füttern. "Und bei 500 000 von denen", so vermutet der Bremer, "hat das Spiel schon krankhafte Züge angenommen."
Der 30jährige Wissenschaftler sprach in Kneipen und Spielhallen 49 Dauerspieler und - als Kontrollgruppe - 49 Gelegenheitsspieler zwischen 18 und 70 Jahren an, die an den Groschengräbern ihr Glück versuchten. Das Ergebnis der Befragungen hat er in seiner Dissertation
( Gerhard Meyer: "Spielautomaten mit ) ( Gewinnmöglichkeit - Objekte ) ( pathologischen Glücksspiels?". ) ( Studienverlag Brockmeyer; 161 Seiten; ) ( 24,80 Mark. )
an der Universität Göttingen niedergelegt.
Fazit der Stichprobe: Auch Automaten-Zocker können der bisher nur bei klassischen Glücksspielen wie Roulett, Baccara oder Black Jack bekannten "Spielsucht" verfallen. Psychologen und Mediziner beschreiben damit einen Zustand, in dem der Spieler die Kontrolle über die Dauer und die Höhe des Einsatzes verloren hat und so lange spielt, bis kein Geld mehr zur Verfügung steht.
Meyer: "Aus dem einst belächelten ''Roulett des kleinen Mannes'' ist längst eine raffinierte Maschine geworden, von der die Spieler nur allzu schnell abhängig werden können." Die Produkte der Branche - blinkende Kästen vom Typ "Merkur-Komet", "Crown-Gold", "Triomint-Chance" oder "Rotolux-Hit" - entlockten den Bundesbürgern 1982 einen Bruttospielerlös von einer Milliarde Mark. Die Apparate-Bauer und -Betreiber verstehen sich als "Teil der Freizeitindustrie" (Branchenblatt "Münzautomat"), ihr Automatenspiel preisen sie als ein harmloses, aber amüsantes Vergnügen an - sicherheitshalber unter Berufung auf deutsche Professoren.
Zu den in Branchenschriften Vielzitierten gehört der Kölner Soziologe Rene König mit seiner Erkenntnis, daß "Gewinn und Verlust beim Spielen am Geldautomaten keine Bedingungen sind für das Spielen". Die Gewinnmöglichkeit, so König, sei lediglich eine erfreuliche Zugabe. Das "Spielen an Automaten", befindet die Psychoanalytikerin Edeltrud Meistermann-Seeger, sei eine humane "Möglichkeit des Abbaus von Aggression und Destruktion".
Der Mainzer Kriminologe Armand Mergen, der dem Automatenverband seit Jahren mit seinen Arbeiten beisteht, hält das Spielen an Geldautomaten für "generell unbedenklich". Für bestimmte Menschen, so Mergen, könne diese Beschäftigung sogar besonders "nützlich" sein, weil sie helfe, "ein momentanes Abgleiten in auffälliges Verhalten (sogar kriminelles) abzufangen".
Was von der Geldautomatenindustrie in einer eigens angefertigten "Argumentationshilfe" als "Forschungsarbeiten namhafter Wissenschaftler" dargestellt wird, hält Spielsucht-Forscher Meyer freilich für "fragwürdige Public Relations". Die Arbeit der Analytikerin Meistermann, bemängelt der Bremer Psychologe, unterscheide beispielsweise nicht zwischen Spielern an Flippern, Musikboxen und Geldspielautomaten. "Und als König 1965 seine Untersuchung machte", so Meyer, "waren die heute marktbeherrschenden Serien- und Risikospiel-Systeme noch gar nicht auf dem Markt."
Meyer bezweifelt in seiner Doktorarbeit, daß die Automatenindustrie gerade mit diesen Ende der 60er Jahre entwickelten Spielsystemen die Vorschriften der staatlichen "Spielverordnung" einhält.
Die Verordnung legt fest, daß ein Spiel mindestens 15 Sekunden dauern muß (Paragraph 11,3), "der Einsatz für ein Spiel höchstens 0,30 Deutsche Mark, der Gewinn höchstens drei Deutsche Mark" betragen darf (Paragraph 11,5) und "bei unbeeinflußtem Spielablauf mindestens 60 vom Hundert der Einsätze" betragen muß (Paragraph 11,6).
Der Spielforscher begründet seine Skepsis damit, daß mit Sonderspielen, S.93 auf die der Kriminologe Mergen in seiner Unbedenklichkeitsbescheinigung nicht eingeht, die Höchstgewinn-Vorschrift umgangen wird. Denn durch Gewinn einer Sonderserie erhält jeder Spieler zusätzlich zum Maximalerlös von drei Mark die Chance, bei den nächsten 100 Spielen auf besonders gekennzeichneten Feldern jeweils drei Mark zu gewinnen. Da in der Regel dann jedes zweite Bild ein Volltreffer ist, dürfen die Spieler 50mal mit drei Mark rechnen.
Ein Risikospiel-System wiederum umgeht die Bestimmungen über den Einsatz, die Spieldauer und die Gewinnausschüttung. Mit der Risikotaste, wie sie beispielsweise der "Crown-Jubilee"-Automat hat, kann ein gerade erzielter Gewinn in Aussicht auf Verdoppelung - oder aber totalen Verlust - sofort wieder eingesetzt werden. "Mit dem ''Allesoder-Nichts''-Verfahren der Risikotaste", weiß Meyer, "sind Einsätze bis zu 60 Mark möglich."
Zudem dauert das riskante Spiel kaum länger als zwei Sekunden. Und die gesetzlich angeordnete Gewinnausschüttung wird dabei auch nicht eingehalten. "Durch Risikostrategien", so geben die Hersteller kleingedruckt auf dem Automaten zu, "kann die Auszahlungsquote verbessert werden, aber auch unter 60 Prozent sinken."
"Mit den Sonder- und Risikospiel-Systemen", so Meyer, "erfüllen die Münzspielautomaten alle als gefährlich einzuschätzenden strukturellen Kriterien des gefährlichen Glücksspiels: das Wechseln des Geldes in kleine Einheiten, eine schnelle Spielfolge, die große Diskrepanz zwischen Einsatz und Erlös sowie eine schnelle Gewinnauszahlung."
Um zumindest formal die Vorschriften einzuhalten, lassen sich die Betreiber der bundesweit 5000 Spielhallen, in denen die meisten der Münzapparate hängen, einiges einfallen. Da nach der Spielverordnung nur drei Geräte in einer Halle stehen dürfen, sind häufig Holz- oder Plexiglaswände als Raumteiler installiert, so daß eine "Spielhalle" neben der anderen steht.
Stammgäste werden für die Enge schon mal mit frischem Gratiskaffee entschädigt. Und über Lautsprecher erfahren die Spieler hier und da, an welchem Automaten mal wieder die Goldene Serie geholt wurde.
In dieses Milieu zieht es vorwiegend junge Leute, Zocker, die gelegentlich spielen, und solche, die es dann nicht mehr lassen können. Die Meyer-Stichprobe ergab, daß von den Personen, die nach eigenen Angaben "häufiger" spielen, 14 mehr als sechsmal in der Woche am Automaten stehen, darunter acht sogar jeweils länger als zweieinhalb Stunden. Zehn dieser Täglich-Spieler gaben bei jedem Spielhallen-Besuch immerhin mehr als 50 Mark aus, und drei warfen schon mal 1000 Mark hintereinander in den Münzschlitz.
Verschuldet durch das Automatenspielen haben sich nach eigenen S.94 Angaben 36 der von Meyer befragten Männer und Frauen; neun gaben zu, auch schon mal "das Geld anderer" verspielt zu haben. Eine Frau schickte ihre Tochter sogar auf den Strich, um das nötige Kleingeld für die Spielautomaten anzuschaffen. Gerhard Meyer: "Unter den Spielern, von denen sich über drei Viertel selbst als süchtig bezeichnen, gibt es Automatenabhängige mit Schicksalen, wie wir sie bisher nur aus der Drogenszene kannten."
Bei der für die Zulassung der Apparate verantwortlichen Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) stößt die "saubere wissenschaftliche Arbeit" (so Meyers Göttinger Doktor-Vater Jürgen Bredenkamp) denn auch auf "großes Interesse". Ob sich allerdings "schnell was ändert", hält PTB-Abteilungsdirektor Günter Sauerbrey für "fraglich". Sauerbrey: "Sonderspiele und Risikotasten hat der Gesetzgeber bisher so noch nicht erfaßt."
Großstädte wie Duisburg versuchen inzwischen, durch Verdoppelung des monatlichen Steuersatzes auf 60 Mark je Münzautomat, "den Spieltrieb zu hemmen". Der Deutsche Städtetag fordert bereits gesetzliche Möglichkeiten gegen das "uferlose Ausbreiten der Spielhallen", und in Bremen, Lübeck, Hamburg und Göttingen wurden schon erste "Beratungsstellen für Spielsüchtige" eingerichtet.
Die Apparate-Bauer aber reagieren auf die Meyer-Vorwürfe gereizt. "Es gibt immer Leute", so verteidigt Heinz Kummer, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Automatenindustrie, sein Gewerbe, "die mehr spielen, als ihnen nützlich ist."
Die Anschuldigung, die Automatenhersteller umgingen die Gesetze, weist der Verband von sich. Dem Spiel-Experten wurde das weitere Verbreiten dieser Anschuldigung denn auch per einstweiliger Verfügung verboten. Als Meyer seine Dissertation jetzt als Buch veröffentlichte, mußte er entsprechende Stellen schwärzen.
S.92 Name von der Redaktion geändert. * Gerhard Meyer: "Spielautomaten mit Gewinnmöglichkeit - Objekte pathologischen Glücksspiels?". Studienverlag Brockmeyer; 161 Seiten; 24,80 Mark. *

DER SPIEGEL 10/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GELDSPIEL-AUTOMATEN:
Goldene Serie

Video 01:35

"Viking Sky" Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera

  • Video "Viking Sky: Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben" Video 01:52
    "Viking Sky": "Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben"
  • Video "Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens" Video 45:07
    Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens
  • Video "Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf" Video 00:50
    Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf
  • Video "Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde" Video 00:38
    Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde
  • Video "Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung" Video 02:31
    Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung
  • Video "Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn..." Video 01:18
    Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn...
  • Video "Amateurvideo von der Viking Sky: Als der Sturm zuschlägt" Video 01:22
    Amateurvideo von der "Viking Sky": Als der Sturm zuschlägt
  • Video "Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan" Video 01:07
    Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan
  • Video "Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet" Video 01:13
    Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet
  • Video "Kerber-Frust in Miami: Größte Drama-Queen aller Zeiten" Video 01:49
    Kerber-Frust in Miami: "Größte Drama-Queen aller Zeiten"
  • Video "Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens" Video 03:57
    Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens
  • Video "Duisburg: Wohnblock Weißer Riese gesprengt" Video 00:59
    Duisburg: Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt
  • Video "Rettung aus Seenot: Havarierte Viking Sky erreicht sicheren Hafen" Video 01:15
    Rettung aus Seenot: Havarierte "Viking Sky" erreicht sicheren Hafen
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?
  • Video "Viking Sky: Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera" Video 01:35
    "Viking Sky": Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera