20.06.1983

JAPAN

Gewaltiger Mut

Tokios Regierungschef will sich als "asiatischer de Gaulle" profilieren. *

Der deutsche Bundeskanzler fand Japans Ministerpräsidenten einfach "zum Weglaufen":

Beim Weltwirtschaftsgipfel 1979 in Tokio nervte Gastgeber Masayoshi Ohira mit kunstvoll geschachtelten, nichtssagenden Reden seinen deutschen Kollegen

derart, daß Helmut Schmidt erwog, vorzeitig abzureisen.

Japaner allerdings hatten an dem Verhalten ihres Premiers nichts auszusetzen. Denn ihnen gelten verklemmtes Auftreten und quälende Unverbindlichkeit der Sprache, "die andere wütend macht", wie die Zeitschrift "Sunday Mainichi" anmerkte, als "Tugend, als Diplomatie bester Tradition".

Die wäre dann fürs erste vorbei. Denn mit Yasuhiro Nakasone, 65, seit gut einem halben Jahr Regierungschef, zeigt Japan einen Politiker vor, der sich bisherigen Klischees über japanische Politik entzieht. Er liebt die Selbstdarstellung, vor allem auf internationaler Bühne; er liebt es, politisch anzuecken, vor allem, wenn es ihm daheim Pluspunkte zu bringen scheint.

Beides demonstrierte Nakasone beispielhaft Ende Mai, als er in Williamsburg beim Gipfeltreffen seinen ersten Auftritt im Kreis der Großen der Welt hatte.

"Schamlos unjapanisch", meinte der Kolumnist Hideo Matsuoka, habe sich Nakasone in Williamsburg gebärdet: Die Hände in den Taschen redete "Yasu" vor TV-Kameras scheinbar ungezwungen mit seinem Freund "Ron" Reagan.

Aber: "Als Führer einer Wirtschaftsmacht wie Japan", applaudierte die rechtslastige "Sankei Shimbun", "muß der Premier die Rolle eines international akzeptablen Staatsmannes ausfüllen." Nakasones diplomatischer Stil möge "eine Schocktherapie sein für die unreife Haltung der japanischen Öffentlichkeit in Sachen Außenpolitik".

Die meisten Japaner glauben allerdings doch, daß der Premier mehr tue als notwendig, daß er, der ehemalige Marineoffizier, sich zu forsch in Großmachtpolitik versuche. Aber das ist sein Stil.

Nach Williamsburg war Tokios Regierungschef mit der Maßgabe gefahren, entschieden für die "Geschlossenheit des westlichen Lagers" einzutreten, um "Reagan den Sowjets gegenüber den Rücken zu stärken".

Und Reagan wußte, daß auf den neuen Mann in Tokio Verlaß ist. Schon im Januar, bei seiner ersten Washington-Visite, hatte Nakasone dem US-Präsidenten versprochen, aus dem bis dato pazifistischen Japan einen "unversenkbaren Flugzeugträger" zu machen - Nakasone liebt die Terminologie des weiland großjapanischen Kaiserreichs.

Nakasone weiter: Bis 1000 Meilen in den Pazifik hinaus würden Japans Streitkräfte die Seewege der Nation sichern, im Ernstfall gar die sowjetische Fernostflotte im Japanischen Meer einschließen. Und ganz im Sinne des amerikanischen Freundes ließ Nakasone den japanischen Verteidigungsetat dieses Jahres um 6,5 Prozent anheben - bei praktisch Nullwachstum aller übrigen Ressorts.

Konsequent nur, daß Nakasone beim Gipfeltreffen in Williamsburg auftrat wie "ein asiatischer de Gaulle, von einem Gedanken nur besessen: der Wiederherstellung der japanischen Grandeur", so der linke Pariser "Matin".

Andere sahen in ihm vor allem einen Erfüllungsgehilfen Reaganscher Militanz. So lobte der für japanische Verhältnisse "ungewöhnlich freimütige Regierungschef aus Tokio" (ein Konferenzteilnehmer) gleich beim ersten gemeinsamen Dinner des US-Präsidenten "unermüdliche Suche nach Frieden".

Obschon Japan weitab von der Nato liegt, bekräftigte der Japaner in Williamsburg per Unterschrift den Nato-Doppelbeschluß, durch die Androhung neuer Raketenstellungen im fernen Europa die Sowjet-Union in die Schranken zu weisen. Selbst der konservativen Zeitung "Tokyo Shimbun" kam der Premier vor "wie ein Sprecher für Reagans Strategie".

"Sie müssen gewaltigen Mut aufgebracht haben, diese Erklärung zu unterschreiben", lobten japanische Journalisten Nakasone, aber auch: "Sie müssen doppelten Mut haben, sich dem politischen Aufruhr zu Hause zu stellen."

Erstmals nämlich hatte Nakasones Alleingang Japan, das bisher mit eher unentschlossen hinhaltenden Regierungen gesegnet war, in eine "kollektive Deklaration zu Sicherheitsfragen" eingebunden, wie die "New York Times" erstaunt vermerkte.

Eine kollektive Sicherheitspolitik aber ist Japan per Verfassung verboten, wie sogar der Regierungssprecher einräumte. Deshalb versuchte auch Nakasone -

"Ich tat, was ich für richtig hielt" - abzuwiegeln, eingedenk der für Ende dieses Monats angesetzten Wahlen zum Tokioter Oberhaus: Sein Beitrag zum Gipfel der Sieben stelle bestenfalls ein "politisches, kein militärisches Bündnis mit der Nato" dar.

Zum Auftakt des Wahlkampfes, wieder im heimischen Tokio, schlug Nakasone noch stärkere Töne an. Er verlangte "erhöhte Verteidigungsanstrengungen": "Wenn wir nichts tun, werden wir ein Land wie Finnland, das um die Gnade der Sowjet-Union betteln muß."

Für Ichio Asukata, Chef der oppositionellen Sozialistischen Partei, ist der Premier seit Williamsburg "unverantwortlich, gefährlich".

Das gemäßigte Zentrum der buddhistischen Komeito, der "Partei für eine saubere Regierung", wertete den beispiellosen Kraftakt des Premiers als eine "Abkehr vom Frieden" und bezichtigte ihn gar, ein "Hehler" zu sein, Hehler für "Reagans Konfrontationspolitik gegen die Sowjets".

Selbst "Tokyo Shimbun", sonst auf Nakasone-Kurs, schauderte: "Es ist, als schüre Japan die antisowjetische Stimmung in Westeuropa."

Tatsächlich wurde das eh schon frostige Verhältnis zwischen Tokio und dem Kreml noch um einige Grade kälter, als die Nachrichtenagentur "Tass" Japans Ministerpräsidenten einen "Militaristen im Dienste des Pentagon" nannte.

An Militaristischem hat Yasuhiro Nakasone tatsächlich Gefallen:

Am 27. Mai, dem Geburtstag des Premiers und auch Jahrestag des japanischen Sieges über die russische Flotte bei Tsuschima (1905), ließ Reagan in Washington seinem Tokioter Freund den "Gunkan"-Marsch aufspielen, den japanischen Marsch der "Kriegsschiffe".

In Japan schallt diese Kriegsweise, in großjapanischer Zeit komponiert, heute bestenfalls noch aus den Lautsprechern der Propagandawagen Ewiggestriger. Nakasone befand, das sei "gute Musik".


DER SPIEGEL 25/1983
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