29.08.1983

SKANDINAVIEN

Finger weg

Absurder Wortkrieg zwischen Dänen und Schweden: Es geht um Öl und Ressentiments. *

Es war eine eindeutig friedliche Aktion. In der ersten Augustnacht wurde die Bohrplattform "Maersk Explorer" aus der Nordsee in das Kattegat geschleppt und ging auf Position 56 21'50" nördlicher Breite, 12 1'8" östlicher Länge vor Anker.

Im Auftrag des Dansk Undergrunds Consortium (DUC) - und mit Genehmigung der Kopenhagener Regierung - sollte die "Maersk Explorer" auf dem Explorationsfeld "Hans 1" in den Gewässern zwischen Dänemark und Schweden nach Öl und Gas suchen.

Doch schon am nächsten Tag war's mit dem Frieden vorbei. Schwedens Ministerpräsident Olof Palme, Sozialdemokrat, hatte den Feind geortet: Die dänische Bohrinsel da draußen im Kattegat, befand er öffentlich, sei eine Herausforderung, die durchaus mit der "argentinischen Provokation" im Falkland-Konflikt zu vergleichen sei. Palme: "Das dänische Vorgehen verletzt vitale schwedische Interessen."

Gleichzeitig raffte sich die Stockholmer Regierung zu einem Kraftakt auf, wie er im Umgang skandinavischer Länder untereinander seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen war: Der dänischen Regierung wurde eine scharfe Protestnote

überreicht; ihr Verhalten verstoße "gegen geltende Völkerrechtsgrundsätze". Kopenhagen, forderte Palme kategorisch, solle die Bohrungen unverzüglich wieder abbrechen.

Und dann wußte Schwedens Premier noch eins draufzugeben: Die dem DUC erteilte Bohrgenehmigung im Kattegat sei ein Beweis der "aggressiven Außenpolitik schlechthin" des konservativen dänischen Regierungschefs Poul Schlüter.

Ein grotesker Streit zwischen den skandinavischen Nachbarn hob an, angeheizt durch Palmes "absurde Querverweise auf Argentinien und die Falkland-Inseln", so Stockholms "Expressen".

Absurd, in der Tat. Denn der Krach um die "Maersk Explorer" bricht in Verhandlungen zwischen den beiden skandinavischen Ländern ein, die vom schwedischen Außenministerium als so wenig drängend erachtet wurden, daß es sie jahrelang verschleppte.

Seit 1978 beraten die beiden Außenministerien kursorisch darüber, wie außerhalb der zwölf Seemeilen breiten Territorialgewässer die wirtschaftliche Nutzzone im Kattegat zwischen den Nachbarn aufgeteilt werden soll. Im Prinzip herrscht Einigkeit: Die Mittellinie zwischen den Ländern soll die Grenze sein.

Doch wo verläuft die? Stockholm weigert sich bislang, bei der Bestimmung der dänischen Küstenlinie eine Reihe weit vorgelagerte Eilande zu berücksichtigen. Vor allem das winzige Hesselo, 70 Hektar groß, von zwei Menschen, einer Kuh und einigen Hühnern bewohnt, gilt schwedischen Politikern lediglich als "Sandbank" - für den Küstenverlauf unerheblich.

Die schwedische Regierung wollte offenkundig ein Abkommen überhaupt blockieren und mit den Verhandlungen nur verhindern, daß Dänemark im Alleingang im Kattegat nach Öl bohrt. Der Grund für diese Haltung ist Furcht vor der Sowjet-Union.

Denn ebenfalls seit Jahren verhandeln - in oft nicht sehr freundlichem Ton - Stockholm und Moskau über eine Grenze zwischen ihren Wirtschaftszonen in der Ostsee. Und die Angst geht um in der schwedischen Hauptstadt, nach dänischem Beispiel könnten nun plötzlich sowjetische Bohrinseln in einem von Schweden beanspruchten Gebiet vor der Insel Gotland auffahren.

Moskau gegenüber aber argumentieren die Schweden genau wie die Dänen: Gotland gehöre zum schwedischen Festland und müsse deshalb für die Grenzziehung bestimmend sein.

Das Königreich Schweden, tönte es mit Genugtuung aus dem Kopenhagener Außenministerium, beanspruche in der Ostsee für sich, was es dem Königreich Dänemark im Kattegat verweigere.

Da wird kein Däne nachgeben. Außenminister Uffe Ellemann-Jensen: "Hesselo ist dänisch und wird seit 6000 Jahren von Dänen bewohnt. Der Ausverkauf an unseren Grenzen ist vorbei."

Der Hinweis auf längst vergangene Tage vor 325 Jahren, als sich Schweden nach siegreichem Krieg gegen den Nachbarn dänisches Territorium einverleibte und Hesselo nur verschonte, weil der Schweden-König das Inselchen für wertlos hielt, kam bei den Dänen gut an. "Finger weg, Palme!" warnte die Zeitung "B.T.", als setze schwedisches Militär bereits zum Sprung übers Kattegat an.

Der Streit um die Ölbohrungen im Kattegat spülte in Dänemark alte antischwedische Stimmungen hoch - und die sind leicht aufzuputschen. Denn viele Dänen sind dem großen Bruder im Norden, trotz immer wieder beschworener skandinavischer Eintracht, nicht grün: Schweden gilt in Kopenhagen als schulmeisterlich und arrogant, als großspurig und engstirnig.

Immer wieder mische sich Stockholm in rein dänische Angelegenheiten ein, meinen die Dänen. So etwa forderten schwedische Regierungspolitiker unlängst, die alternative "Freistadt Christiania" in Kopenhagen müsse geschlossen werden - damit schwedische Jugendliche sich dort kein Rauschgift mehr besorgen könnten.

Dänemarks Regierung - und in seltener Einmütigkeit die Presse - wiesen das Ansinnen entrüstet zurück. Mehr noch: Der dänische Parlamentarier Ole Henriksen wollte der schwedischen Regierung zeigen, daß sie besser daran tue, vor der eigenen Haustür zu kehren, anstatt den Nachbarn zu bemäkeln. Er fuhr nach Stockholm und erstand auf dem Platz direkt vor dem Parlamentsgebäude ohne Schwierigkeiten eine Prise Haschisch. Schwedens Justizminister nannte ihn daraufhin einen "Verbrecher" - die schwedisch-dänische Freundschaft hatte einen neuen Knacks, von der Presse genüßlich ausgekostet.

"Heuchelei" warf der TV-Journalist Mogens Berendt den Schweden vor, beschrieb das Nachbarland als lediglich "modernisierten mittelalterlichen Staat" und riet: "Macht Schweden dicht."

Doch Schweden schotte sich oft genug schon selbst ab und lasse dabei, meinte ein dänisches Regierungsmitglied, "jede skandinavische Solidarität vermissen".

So wurde voriges Jahr die Einfuhr dänischer Chrysanthemen verboten, angeblich wegen gefährlichen Insektenbefalls. In Dänen-Augen aber war es eine rein protektionistische Maßnahme zugunsten der schwedischen Gärtner. Als im Winter auf der Insel Fünen eine Maul- und Klauenseuche ausbrach, verhängte Stockholm ein viermonatiges Importverbot für sämtliche dänischen Fleisch- und Wurstwaren. Gleichzeitig verkauften schwedische Schlachthöfe ihren Schweineberg in traditionell dänischen Absatzgebieten, etwa Japan.

Jüngste Stockholmer Verfügung, die Dänemark erbittert: Wegen Tollwutfällen in einigen EG-Ländern (nicht in Dänemark) dürfen nun auch Dänen auf der Fahrt zwischen den dänischen Inseln Seeland und Bornholm beim Transit durch Südschweden ihre Haustiere nicht mitnehmen.

Dänischen Wünschen und Klagen gegenüber zeigt sich Schweden oft hochfahrend: An der Küste direkt gegenüber Kopenhagen baute es ein Atomkraftwerk, trotz massiver dänischer Proteste. Und im Januar dieses Jahres wies Stockholm auch das Begehren des dänischen Umweltschutzministers zurück, über die Fahrtroute des schwedischen Atommüllschiffs "Sigyn" zu verhandeln, die durch dänische Hoheitsgewässer ging.

In die nationalistischen, teils geifernden Töne, die Dänemarks Boulevardpresse seit einiger Zeit, vor allem wegen des Kattegat-Streits anschlägt, mochte Ministerpräsident Poul Schlüter nicht einstimmen. Zwar rüffelte er auf der Sitzung des Nordischen Rats vor drei Wochen in Helsinki seinen schwedischen Kollegen, Parallelen zum Falklandkrieg zu ziehen, stehe "einem Mann des Friedens" schlecht an. Doch dann vereinbarten Schlüter und Palme, ihren Grenzstreit am Verhandlungstisch beizulegen.

Doch zurück in Kopenhagen verbreitete Schlüter: "Die Probebohrungen werden fortgesetzt." Recht so, befand das Wirtschaftsblatt "Borsen"; im Umgang mit den Schweden gebe es nur eine erfolgversprechende Taktik: "Erst bohren, dann verhandeln."

Es wird für Schweden noch ärger kommen: Das Kopenhagener Energieministerium hat, mit Billigung des Parlaments, bereits mehrere internationale Ölgesellschaften aufgefordert, Offerten für Probebohrungen zu unterbreiten. Denn Kopenhagen hat für sich die Grenze gezogen: Praktisch das gesamte Kattegat würde danach zur dänischen Nutzungszone gehören.

[Grafiktext]

von Dänemark beanspruchte Nutzungszone Kartenausschnitt SCHWEDEN DÄNEMARK dänische Bohrinsel Bornholm BUNDES-REPUBLIK OSTSEE DDR POLEN SCHWEDEN Halmstad Anholt KATTEGAT Grena dänische Bohrinsel DÄNEMARK Hesselo Hälsingborg Helsingor Kilometer Grenzen im Kattegat: 1 Schwedische 12-Meilen-Zone (Territorialgewässer) 2 Dänische 12-Meilen-Zone 3 Mittellinie ohne Berücksichtigung der dänischen Inseln 4 Mittellinie unter Berücksichtigung der dänischen Inseln (entspricht ungefähr der von Dänemark beanspruchten Nutzungszone)

[GrafiktextEnde]


DER SPIEGEL 35/1983
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