03.01.1983

AFFÄREN

Letzter Flug

Die Beerdigung des Nazi-Fliegerhelden Oberst Rudel geriet zum makabren Schaustück: Alte Kameraden verabschiedeten sich mit dem Hitler-Gruß, Bundeswehr-Jets setzten im Tiefflug über den Friedhof.

Im Altmühl-Tal zwischen Gunzenhausen und Eichstätt sind Kampfflugzeuge der Bundeswehr kein seltener Anblick. Der idyllische Landstrich in Mittelfranken ist Teil einer Tiefflugschneise der Luftwaffe, die sich von Freiburg im Breisgau über Karlsruhe und Heilbronn bis nach Ingolstadt erstreckt. An schönen Tagen donnern Dutzende von Düsenjägern über die Altmühl-Auen.

Was sich jedoch zwei Tage vor Heiligabend des vergangenen Jahres just über dem 240-Einwohner-Dorf Dornhausen im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen abspielte, hatte man im Altmühl-Tal bis dahin noch nicht erlebt: Während zur Mittagszeit auf dem Dorffriedhof gerade eine Beerdigung begann, zogen zwei Phantom-Jäger am Himmel eine sich merkwürdig kreuzende und knickende Bahn, die man, so ein Beobachter, "mit etwas Phantasie als Hakenkreuz betrachten" konnte.

Wenig später stürzte sich, wie mehrere Augenzeugen übereinstimmend berichten, eine Phantom gezielt in Richtung Dorfkirche hinunter, wackelte beim Anflug andeutungsweise mit den Tragflächen und drehte etwa hundert Meter über Dornhausen jäh nach oben ab.

Und während der abschließenden Trauerfeierlichkeiten in der Kirche setzten noch einmal zwei Phantoms und ein Starfighter im Tiefflug über die Gemeinde - so nah, daß die Hoheitszeichen der Bundeswehr-Luftwaffe unschwer ausgemacht werden konnten. Pastor Karl Ermann unterbrach den Gottesdienst für einen Moment und räusperte sich.

Der evangelische Geistliche, ein Freund des Verstorbenen, vermochte sich gewiß leicht einen Reim auf die turbulenten Himmelserscheinungen zu machen, denn er zelebrierte kein gewöhnliches Dorfbegräbnis. Pastor Ermann beerdigte den im Alter von 66 Jahren verstorbenen Oberst a. D. Hans-Ulrich Rudel, den höchstdekorierten Soldaten des Zweiten Weltkriegs, den einzigen Träger des Goldenen Eichenlaubs mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Als Stuka-Pilot hatte Rudel 519 sowjetische Panzer abgeschossen und ein sowjetisches Schlachtschiff versenkt - ein "verwegener Kämpfer" also, wie der Pfarrer betonte, der stets "schneller als der Tod" gewesen sei, nur dies eine Mal nicht mehr.

Daß Rudels "letzter Flug in die Ewigkeit" ("Deutsche National-Zeitung") in Dornhausen enden sollte, wohin es ihn und seine aus Schlesien stammende Familie nach dem Krieg verschlagen hatte und wo auch seine Mutter begraben liegt, muß sich - trotz der Geheimhaltungsversuche der Verwandten - auch in den Fliegerhorsten der Bundeswehr herumgesprochen haben. Denn anders als Ehrenbezeugungen für den heimgegangenen Stuka-Helden sind die Phantom-Vorstellungen kaum zu deuten.

Ganz so sah das jedenfalls eine Ex-Frau Rudels, die zweite und vorletzte, die mit ihrem 14jährigen Sohn an der Beisetzung teilnahm: "Die Burschen finde ich großartig, sie haben viel auf sich genommen, um dem Uli die letzte Ehre zu erweisen."

Großen Beifall fand das Flieger-Adieu offensichtlich auch bei den meisten der über 2000 Trauergäste, die in Dornhausen von linkischen Verfassungsschutzbeamten beäugt und abgelichtet wurden: Die meisten waren alte Kameraden und junge Neonazis, rechte Gesinnungsgenossen und Parteifreunde Rudels, der sich auch nach dem Krieg als unverbesserlicher Nationalsozialist bewiesen und völkischen Parteien und Bewegungen stets gern als Galionsfigur gedient hatte.

An seinem Grab defilierten ältere Herren in Ledermänteln und Phantasie-Uniformen, reichlich Ritterkreuzträger, den Orden um den Hals, der Bund der Frontsoldaten und die Wiking-Jugend. "Deutsch-Österreich" trauerte, vertreten durch eine stattliche Blondine. Ein junger Mann gelobte, Rudels Ruhm unter Kindern und Kindeskindern zu verkünden, "dann wirst du noch in tausend Jahren leben". Ein Betagter beschwor: "Deutschland lebt, der Hölle zum Trotz."

Es war so sicher wie das Amen in der Kirche, daß auch das Deutschland-Lied S.66 erklingen würde - alle drei Strophen, in schauerlichem Wettstreit mit dem Glockengeläut und dem Gunzenhausener Posaunenchor. Gewiß durfte man auch erwarten, daß Trauergäste sich von Rudel mit dem Hitler-Gruß verabschieden würden: Mancher tat es hastig und verstohlen, mancher reckte zackig die Rechte.

Gegen vier der (vorerst unbekannten) Gestrigen, die von Pressephotographen aufgenommen worden sind, ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft in Ansbach gemäß Paragraph 86 a des Strafgesetzbuches ("Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen"), da auch der Deutsche Gruß der Nazis zu den verbotenen "Kennzeichen" zählt. Die Identifizierung der vier Personen, darunter eine ältere Dame, werde, glaubt der Leitende Oberstaatsanwalt Rudolf Fick, "nicht übermäßig schwierig" sein und "nur eine Weile dauern".

Nicht lange dauerte es auch, bis das Bundesverteidigungsministerium die Untersuchung der ominösen Phantom-Tiefflüge mit dem Ergebnis einstellte, die Luftwaffe habe sich beim Rudel-Begräbnis "weder am Boden noch in der Luft beteiligt" (so der Parlamentarische Staatssekretär Peter-Kurt Würzbach).

Schon vor Weihnachten versicherte Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU), selbst Jet-Pilot und Oberstleutnant der Reserve, an der "Gespenstergeschichte" sei "absolut nichts dran". Vielmehr habe zur fraglichen Zeit und im fraglichen Gebiet, so das Ministerium in einer Pressemitteilung, "normaler Ausbildungsflugbetrieb" geherrscht, bei dem die Militärmaschinen nach Aussagen der bei der Beerdigung als Ordnungskräfte eingesetzten Polizei "in etlicher Entfernung von der Ortschaft" vorübergeflogen seien.

Nach Weihnachten bemühte sich das Ministerium, alle anderslautenden Augenzeugenberichte (Rudels Ex-Frau zum SPIEGEL: "Die sind drübergeflogen, das ist eine absolute Tatsache, das haben doch 2000 Leute gesehen") mit einer optischen Täuschung zu erklären. Die Düsenjäger, hieß es, die "seitlich versetzt am Dorf vorbei" geflogen seien, könnten im Fall eines gezielten Tieffluges beim Beobachter den Eindruck erwecken, sie zögen ihren Kurs "fast hautnah" an ihm entlang.

Obendrein hätten, damit schloß das Verteidigungsministerium den Fall letzte Woche ab, Befragungen bei allen an den Übungsflügen jenes Tages beteiligten Geschwadern ergeben, daß keine der Staffeln vom vorgegebenen Kurs abgewichen sei. Alle Besatzungen hätten in "dienstlichen Erklärungen" versichert, weder den Dornhausener Friedhof überflogen noch sonstwelche "demonstrativen Flugbewegungen ausgeführt" zu haben, die "in Zusammenhang mit der Beisetzung" gebracht werden könnten.

Wenn die Augenzeugen aber nun nicht allesamt einer Sinnestäuschung erlegen sind, dann muß es für die Phantome über dem Gottesacker noch eine andere Erklärung geben: Vielleicht leugnen die beteiligten Flieger ihre Rudel-Demo, die nur Sekunden beanspruchte, vielleicht wurden die Nachforschungen nicht mit allem Nachdruck durchgeführt.

Immerhin war zur fraglichen Zeit auch die 1. Staffel des Aufklärungsgeschwaders 51 "Immelmann" aus Bremgarten bei Freiburg im Einsatz, die den einstigen "Immelmann"-Kommodore Rudel 1976 zu einem spektakulären "Kameradschaftstreffen" eingeladen hatte. Die Feier im Bremgartener Offizierskasino, die von höchster Stelle nicht genehmigt, aber auf nie ganz geklärte Weise doch zustande gekommen war, führte seinerzeit zur Entlassung von zwei Kommandeuren durch den damaligen Verteidigungsminister Georg Leber (SPD).

Damals schwärmte Ehrengast Rudel nach dem Kasinofest, bei dem er stapelweise sein Buch "Wer sich aufgibt, ist selbst aufgegeben" signierte: "Es war phantastisch. Bonn nennt mich einen Ultra-Konservativen, jawohl, und darauf bin ich stolz." Damals hatte das Rudel-Treffen auch einen prominenten Befürworter - den jetzigen Verteidigungsminister und damaligen verteidigungspolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktion Manfred Wörner. Der schrieb seinerzeit dem Verteidigungsministerium, er kenne die "politischen Auffassungen Rudels nicht", doch selbst wenn er sie "gegebenenfalls mißbilligen" würde, hätte er "hohen Respekt vor den soldatischen Leistungen" dieses Mannes.

Nicht anders dachten vielleicht die Phantom-Piloten von Dornhausen - wenn es wirklich nicht nur Gespenster waren.


DER SPIEGEL 1/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 1/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFFÄREN:
Letzter Flug