11.04.1983

Wenn die Muftis kommen, gibt's Zoff im Pütt

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über die Renaissance des Islam unter den Türken im Ruhrgebiet
Samstag morgens zwischen sieben und Viertel nach sieben, wenn Wilhelm Lebjon die Gläser mit Rollmöpsen und Essiggurken auf der Theke seiner Trinkhalle ausrichtet und die Drahtgestelle mit "Bild" und "Hürriyet" raushängt, beginnen im Hinterhaus von Schonnebeckhöfe Nr. 134 die Derwische zu summen. "Ramadan oder Rambazamba, oder wie dat heißt. Gehen Se ma überm Hof drüber. Da is ährlich wat los", sagt Wilhelm Lebjon.
Erst mal ist gar nichts los. Im Anbau hocken drei Dutzend Türken auf Socken unter der D-C-Fix-Decke und summen. Im Saal ist es finster. Nur ein alter Küppersbusch-Brikettofen wirft schwabbelnde Mäander auf den Teppichboden. Gleich neben der Tür dröhnt leise die Tiefkühltruhe mit den koscheren Hähnchen, aus deren Verkaufserlös ein Teil der Miete bestritten wird. Im Nebenraum surrt der große Samowar - für den "türkischen Frühschoppen", wie das auf "Tarzanja" (Tarzan-Deutsch) heißt.
Die Halle gehörte früher den Zeugen Jehovas. Die türkische Gemeinde von Essen-Katernberg hat sie gemietet, weil sie theographisch günstig liegt. Die Längsachse weist genau in die Gebetsrichtung. In der Verlängerung - ungefähr über Zeche "Zollverein" hinweg - liegt die heilige Kaaba von Mekka.
Kurz vor acht rumpelt ein Güterzug hinterm Haus vorbei. Es dämmert. An der Giebelwand kann man jetzt die Schautafel mit dem Beitragsstand der Mitglieder erkennen, woraus zu sehen ist, daß Derwisch Kartal Idris sechs Monate nicht mehr bezahlt hat.
Wieder ein paar Minuten Ruhe. Dann beginnt der Vorbeter fast konvulsiv den Namen Allahs zu preisen. Erst ganz bedächtig, dann immer lauter und schneller. Die anderen fallen ein. "Allah, Allah, Allah ..." Minutenlang nur "Allah, Allah ..." Die Erregung wächst. Das Donnern der S-Bahn geht in den Allah-Rufen unter.
Plötzlich schneidet Mehmet die Rezitation mit einer Handbewegung ab. Schweigen im Saal. Mehmet sieht in die Runde, rappelt sich hoch und klatscht in die Hände: Ende der Veranstaltung. Er sagt nichts, weil er ein höflicher Mann ist. Aber an seiner Miene kann man sehen, daß er die Gegenwart der Fremden als störend empfindet.
Die Derwische von Essen-Katernberg kommen diesmal nicht zum Höhepunkt. Keiner tanzt, keiner wird vor Erregung ohnmächtig. Keiner sticht sich eine Stricknadel durch die Hand. Mag sein, daß das Blitzlicht des anwesenden Photographen sie hindert, ekstatisch zu werden, und daß sie in Gegenwart von Ungläubigen nicht in rechte Stimmung kommen. Es kann aber auch sein, daß sie einfach nicht zuviel zeigen wollen.
Die Renaissance des Islams unter den Moslems in der Bundesrepublik ist erst im Kommen - aber mit Macht. "Die religiösen Dogmatiker sind auf dem Vormarsch", sagt Yilmaz Karahasan, Ausländer-Referent bei der IG Metall. Und der Schwerpunkt der Bewegung liegt im Ruhrgebiet.
Adolf Schmidt, der Vorsitzende der IG Bergbau und Energie, sah schon 1979 schwarz für den Kohlenpott, weil "die Hodschas immer stärker werden".
Das war vor dem großen Sieg der Mullahs im Iran. Heute haben die Hodschas, wie sich die türkischen Geistlichen nennen, die 20 000 türkischen Kumpels fest im Griff. Vor Kohle haben sie ihre stärksten Brückenköpfe. Wenn in Flöz "Sonnenschein" und Flöz "Dickebank" gut tausend Meter unter der Erde die Moslem-Kumpels zu beten beginnen, stehen alle Räder still. Denn auf einigen Zechen an der Ruhr sprechen 50 von hundert Unter-Tage-Bergleuten Türkisch - die meisten nur Türkisch.
Mit der Direktion gibt''s noch die wenigsten Schwierigkeiten. Die "Ajatollahs", wie die einheimische Belegschaft sie auch nennt, sind fleißiger als die S.87 weniger frommen Türken. Müßiggang, lehrt der Prophet, ist Betrug gegenüber dem Arbeitgeber, und Betrug ist Sünde. Lehren, die der Ruhrkohle AG nicht unsympathisch sind.
Nur bei den deutschen Bergleuten regt sich Unwillen über die galoppierende Islamisierung im Pütt: Wer keine Brieftauben züchtet und keinen Doppelwacholder trinkt, bleibt in Wanne-Eickel immer Außenseiter. Samstagnachmittags auf Schalke sieht man sie natürlich auch nicht. Und nun lassen sie zum Gebet auch noch fünfmal am Tag den Bohrhammer fallen und weigern sich, mit den deutschen Kollegen nackt in die Waschkaue zu steigen.
Das Ruhrgebiet hat im Laufe der letzten hundert Jahre ein halbes Dutzend Einwandererwellen fast spurlos geschluckt. Aber die Integration der Türken ist seit 15 Jahren keinen Schritt von der Stelle gekommen. "Das Ausländerproblem ist ein Türkenproblem", sagt der Mülheimer Bundestagsabgeordnete Thomas Schröer (SPD). Und die Hodschas haben die Mauern noch höher gemacht. Die Türken, sagt Gewerkschaftsboß Adolf Schmidt, dürfen vor Ort "nicht die Überzahl haben". Sonst ist Zoff im Pütt.
In einigen Vorstädten stellen sie schon die Mehrheit der Bevölkerung. In Duisburg-Bruckhausen zum Beispiel. Fast zwei Drittel der Türken in Deutschland wohnen an Rhein und Ruhr, davon 40 000 in Duisburg und davon die meisten in Bruckhausen. Dem Ruhrbischof Franz Hengsbach würde das Herz bluten, wenn er sähe, wie voll am Freitagnachmittag nach der Frühschicht der August-Thyssen-Hütte die Moscheen in Bruckhausen sind.
Letztes Jahr haben die Duisburger zusammen mit den Krefelder Moslembrüdern eine Pilgerreise, einen Hadsch, nach Mekka organisiert. 27 Mann waren dabei. Wenn die Buchungen nicht trügen, werden es in diesem Jahr zehnmal so viele sein, bei einem Pauschalpreis von 5000 Mark. Wer erst mal wieder zu Hause sei, sagt Hodscha Mehmet, habe keine Gelegenheit mehr, die heilige Stadt im Hedschas zu besuchen. Die türkischen Pässe der Gastarbeiter tragen alle den Vermerk: "Gültig für alle Länder, ausgenommen Saudi-Arabien." Linke dürfen, wenn sie wollen, mit dem Segen ihrer Regierung nach Moskau reisen, Moslems aber nur ausnahmsweise nach Mekka. Soviel Angst haben die Militärs in Ankara vor der Sprengkraft des Islams.
Bruckhausen ist türkischer als Kreuzberg. Die Kolonnen von Klingelschildern an den Hauseingängen sprechen für sich: Altimkaya, Sürekli, Beyharac. Nebenan praktiziert "Dr. Ali Teoman Bilge, Geburtshelfer".
Nur ein paar Kazmierzaks und Koslowskis vom altpolnischen Ruhradel, Nachkommen verebbter Einwandererwellen, halten wacker die Stellung. Der Spar-Laden an der Edithstraße - Inhaberin: S.90 Liselotte Yildiz - hat kaum noch was Deutsches im Angebot. Statt dessen Ekmek, Börek, Kürbiskerne.
Der kleine Kramladen auf der Dieselstraße bietet einwandfreie Zahnbürsten an, den neuesten Hit auf dem Türkenmarkt. Der Produzent hat das Gerücht ausgestreut, Zahnbürsten aus Christenläden seien mit Schweineborsten besetzt.
Die Metzgerei gegenüber hat schon bessere Zeiten gesehen. Metzger Robert Stolzenbach möchte gern anderswo einen neuen Laden aufmachen. Nicht weil er keine Türken mag, sondern weil er von den paar Deutschen in Bruckhausen nicht mehr leben kann.
Weil der Fleischumsatz kümmerlich ist, hat er sogar schon Katzenstreu und Kitekat ins Sortiment genommen. Aber an Verkaufen seines Ladens ist nicht zu denken. Die Immobilienpreise in Bruckhausen sind ins Bodenlose gesunken. Ein Rechtsanwalt hat vergangenes Jahr einen ganzen Straßenzug für eine Million gekauft. Und für ein Butterbrot verschleudert Stolzenbach sein Haus nicht.
Der Versuch, sich türkische Kundschaft zu erschließen, ist gescheitert. Fromme Türken trauen keinem deutschen Metzger. Und seit die Islam-Welle läuft, kaufen auch unreligiöse Muselmanen nicht mehr in Fleischereien, die ihre Wurstmaschine wechselweise zum Schneiden von Rinder- und Schweinewurst benutzen.
"Wir ham nix gegen die Muftis, die tun uns nix, und wir tun die nix", sagt Rentnerin Erna Graff, die bei Stolzenbachs aushilft. "Aber immer dat Theater mit dat Messerabputzen, wennsse vorher Schnitzel mit geschnitten hass, und dat wird immer schlimmer."
Für "Türken-Theo" dagegen, wie ihn die Duisburger nennen, wird es immer besser. Theo hat aus einer Not der korantreuen Gastarbeiter ein Monopol gemacht. Weil die Ruhrgebietsbehörden die Türken mit Rücksicht auf das deutsche Tierschutzgesetz in ihren Schlachthöfen nicht schächten lassen, verpachtet er ihnen tageweise seine alte Scheune in Duisburg-Hamborn. Da dürfen sie schächten, soviel sie wollen - manchmal ein paar hundert Schafe am Tag. Türken-Theo hat mit der Massenhalsabschneiderei schon ein kleines Vermögen gemacht.
In der Dieselstraße in Bruckhausen sind auf einer Länge von 300 Metern alle wichtigen organisierten Spielarten türkischen Zeitgeistes mit Moscheen oder Geschäftsstellen vertreten: Milli Görüs, die führende moslemische Fundamentalisten-Vereinigung, ferner die noch militanteren Nurcus (Lichtträger), gleich neben dem rußgeschwärzten Hochbunker die rechtsextremen Grauen Wölfe und weiter unten Dev Yol, eine albanientreue Kommunistengruppe, die von allen Extremistenbewegungen daheim die meisten Todesurteile auf sich gezogen hat. "Der Hochofen", eine alte Thyssen-Arbeiterkneipe, ist fest in der Hand des linken "Vereins türkischer Transportarbeitnehmer". Man kann häufig schon an den Bärten erkennen, wer wohin gehört. Die Kleriker tragen Vollbart, die Grauen Wölfe gestutzten Schnäuzer, die Kommunisten gepflegte Viertelzoll-Arafat-Stoppeln. Hin und wieder sieht man auch mal einen osmanischen Traditionalisten mit Fes und Zwirbel-Moustache.
Trotzdem hat es hier schon lange keine ernsthaften Reibereien gegeben. Man S.92 geht sich aus dem Weg. Wenn zwei ultrareligiöse Süleymanlis im Krämerladen gegenüber dem Dev-Yol-Büro Schafskäse und Oliven einkaufen, bleiben die Kommunisten so lange draußen, bis drinnen die Luft rein ist.
"Wir sind keine Gewaltmenschen", sagt der freundliche Junge im Dev-Yol-Büro, "wir wollen unsere Ziele mit politischen Mitteln durchsetzen." Man würde ihm gern glauben, doch frische Brandwunden im Gesicht und aufgerissene Fingerkuppen der rechten Hand zwingen zur Skepsis.
Die Dieselstraße ist eine der friedlichsten in der ganzen Umgebung, ein kleiner grauer Boulevard der Koexistenz. Was hinter den zugepinselten oder mit Zeitungspapier zugeklebten Schaufenstern geschieht, ist eine andere Sache.
Die Hinterhof-Moscheen im Ruhrgebiet sind nicht gerade Tempel der Völkerfreundschaft. Die militante Moslembewegung in der Bundesrepublik hat viele Kohorten, die einander verbissen befehden. Doch die ideologisch benachbarten Segmente fließen ineinander.
Über das kleinislamische Schisma hinweg spannt sich eine Brücke gemeinsamer Grundwerte. Der wichtigste: Türkün türkten baska dostu yoktur - ein Türke kann nur eines Türken Freund sein. Mit diesem Credo gehen sogar die meisten linken Klubs konform. Es gibt noch mehr Berührungspunkte zwischen links und rechts. Dazu gehört auch der Brauch, ihre männlichen Nachkommen im Vorschulalter beschneiden zu lassen. Kemal Özkan, Inhaber des größten Istanbuler "Beschneidungspalasts", bereist drei Monate lang im Jahr die Bundesrepublik. Zu seinen Beschneidungsfesten schicken auch unreligiöse Türken ihre Kinder. Bunte Phantasieuniformen sollen die kleinen Patienten moralisch stärken, den Schmerz der Operation wie ein Soldat tapfer zu überwinden.
Integration? "Wissen Sie, wir sind sehr dankbar für die Gastfreundschaft, die wir hier in der Bundesrepublik genießen dürfen", sagt Sami Becelikli, der Hodscha von Gelsenkirchen-Resse, "kein Volk in Europa ist so tolerant wie die Deutschen."
Ausländerfeindlichkeit, sagt Sami, habe er in Deutschland noch nicht erlebt - mal abgesehen von neonazistischen Rabauken, die ihm neulich die Fensterscheiben der Moschee eingeworfen haben, und natürlich auch von dem Wattenscheider Mobil-Klo-Verleiher und nordrhein-westfälischen NPD-Vorsitzenden Klaus Schultz, dessen Kolonnen ihm ständig zu schaffen machen. Nein, für Sami gibt es am deutschen Volksempfinden nichts zu beanstanden. "Was meinen Sie, was in der Türkei los wäre, wenn wir bei unseren Arbeitslosen zwei Millionen Deutsche im Lande hätten. Die dürften sich nicht mehr auf die Straße wagen. Jedenfalls können türkische Männer bärtig aufs Amt gehen und die türkischen Frauen Kopftücher und Schleier tragen. In der Türkei ist beides verboten." Die hiesige freiheitlich-demokratische Grundordnung schützt auch die kleinen Unfreiheiten der Gastarbeiterfrauen.
Sami Becelikli weiß mehr von der Welt, in der er lebt, als die orthodoxen Kollegen, die zwar den Koran auswendig kennen, aber häufig nicht mal eine S-Bahn-Karte kaufen können. Sami gilt unter seinesgleichen geradezu als verdächtig liberal. Man hat empört vernommen, daß er sich bisweilen mit fremden weiblichen Wesen unter einem Dach aufhält. Nur, die Toleranz hat natürlich ihre Grenzen. Sami würde keiner Frau die Hand geben, nicht mal einer türkischen. Er weicht der Begegnung mit Deutschen nicht aus wie die orthodoxen Kollegen, die den Kindern im Koranunterricht einpauken, wer sich mit Deutschen S.94 einlasse, werde wie diese zur Hölle fahren. Aber Sami sucht auch nicht den Kontakt zu Deutschen, wo er nicht muß.
Wessen Nähe Sami lieber sucht, das zeigt ein Blick in seine Photokiste. Ein Bild zeigt ihn im Kreise afghanischer Mudschahidin, ein zweites mit Kalaschnikow im Arm neben einem iranischen Mullah.
Doch das Bild ist trügerisch. Die islamische Internationale, die angeblich militante Moslems in der Bundesrepublik durch Zuwendungen fördert, ist im Ruhrgebiet nicht zu orten. Die türkischsunnitische Bewegung ist stramm türkischnational. Iranische Schiiten sind den Türken ein Greuel, weil sie den wahren Glauben verwässert haben. Und Araber sind für sie seit osmanischen Kolonialzeiten Leute mit schmutzigen Füßen, die im Nachthemd in die Moschee gehen.
Daß sie ausländerfeindlich ist und gegen alles "Untürkische", hindert die islamische Bewegung in der Bundesrepublik dennoch nicht daran, sich revolutionäre Impulse aus dem islamischen Ausland nutzbar zu machen - ebenso wie Gaddafis Geld.
Ein bißchen Pietismus und Klerikalismus kokelte immer schon unter der Oberfläche der türkisch-islamischen Diaspora. Aber erst das Stigma der iranischen Revolution hat Flammen aus der Glut geblasen.
Wollt ihr eine islamische Revolution nach Chomeinis Vorbild, Sami?
Sami erschrickt. Er hat ein PR-geschultes Ohr, er kennt den Klang, den der Name des Alten aus Ghom in deutschen Ohren hat. "O nein, die Perser sind uns viel zu radikal." Und wie radikal sind die türkischen Fundamentalisten in der Bundesrepublik? S.95
Hasan Kerem, der Vorsitzende der "Islamischen Union Europa" in Köln, die allein in der Bundesrepublik über 200 Mitgliedervereine hat, möchte es so sagen: "Wir wollen durch gewaltlosen Widerstand einen Zustand erreichen, daß das Volk die Lügen der türkischen Regierung nicht mehr glaubt."
Dr. Kerem weiß, was deutsche Demokraten gern hören. Gewalt, sagt er, werde man nur leidend erfahren. "Viele von uns werden sterben, vielleicht Tausende, so wie es Chomeini gemacht hat."
Auch der Imam Chomeini, sagt Mufti Kerem, habe dem Islam im Iran gewaltlos zum Durchbruch verholfen. Gewaltlos ...? "Na ja, ein paar Randgruppen waren dabei, die seine Botschaft nicht verstanden hatten. Aber ansonsten war und ist die islamische Revolution im Iran gewaltlos. Wer etwas anderes behauptet, dem haben die Kommunisten und US-Imperialisten die Sinne vergiftet."
Zum Beweis schlägt er "Hicret" auf, das Zentralorgan von Milli Görüs. Der Dolmetscher übersetzt: "Die jüdische Weltverschwörung bedroht uns alle -44. Folge." Na bitte. Doch so was kann bei einem frommen Kampfblatt kaum verwundern, wenn schon die betont laizistische "Hürriyet" den türkischen Gastarbeiter aus Frankfurt feierte, der sterben mußte, weil er die Transfusion von Heidenblut zurückgewiesen hatte.
Chomeinis Islamische Republik ist dennoch für Mufti Kerem kein Modell - sagt er. Allerdings, für den Befreiungskampf gegen weltliche Elemente könne man von Chomeini lernen. "An der S.98 gesetzlichen Grundlage der Islamischen Republik können wir sowieso nichts ändern. Denn die ist von Gott und vom Propheten festgelegt."
Inklusive Steinigen und Kopfabhacken?
Der Mufti wiegt gütig lächelnd das buntbandagierte Haupt. "Natürlich werden wir Heuchler mit Enthaupten bestrafen müssen, so wie es die Sunna vorschreibt. Aber Sie vergessen, junger Freund, der Sünder wird erst einmal verwarnt." Und Steinigen für Ehebruch ... herrje, die Europäer vergessen immer, daß vier männliche Augenzeugen erforderlich sind, um Ehebrecher zu überführen.
Glücksspiel, Alkohol und Homosexualität, das wird es natürlich auch in der Türkisch-Islamischen Republik nicht geben. Einen Moment lang lauscht der Mufti leidend auf die Geräusche der Spielhalle im Parterre, wo wie zum Hohn die Flipperautomaten klingeln. Wen Allah liebt, den quält er.
Hasan Kerem ist auch Chef der deutschen Milli Görüs, der sich selbst auch für gemäßigt hält. Gewiß, von Milli-Görüs-Hodschas hört man selten, daß sie öffentlich das Hohelied des deutschen Führers singen wie der Prediger von der Nurcu-Bewegung in der Bottroper Moschee, der die Hitler-Forschung um die These bereicherte, der Gröfaz sei in den letzten Tagen in der Reichskanzlei zum Islam übergetreten.
Die Milli-Görüs-Prediger sind meist einfache Leute vom Lande mit einfachem Weltbild, in dem konfessionsübergreifende Elemente wie Ökumene und Nächstenliebe keinen Platz haben. Aus einer Dortmunder Moschee war zu vernehmen, der dortige Hodscha habe seine Koranschüler davor gewarnt, sich mit Christenkindern einzulassen, weil einst allen Christen die Hälse abgeschnitten würden. In einem Flugblatt des "Vereins für Koran-Schulen", der Milli Görüs nahesteht, wurde vor allzu freundlichen nichtmoslemischen Mitmenschen gewarnt, weil in der Regel doch "dahinter ein häßliches Kommunistengesicht, ein christlicher Missionar oder ein jüdischer Agent auftaucht".
Die Kommunisten rangieren im Feindbild der Milli Görüs noch vor den Ungläubigen. Ein frommer Moslem dürfte notfalls noch ein Backhendl vom "Wienerwald" essen, aber nie eins aus dem HO-Laden.
Kommunismus fängt bei den Hodschas mit der Sozialdemokratie an. Der "Verein zur Förderung der Hagia Sophia-Moschee" in Berlin führte unlängst in einer Aufklärungsschrift aus, was er vom deutschen Staat und seinen sozialdemokratischen Entartungen hält. Dort heißt es unter anderem: "Moslemkinder, die deutsche Schulen besuchen, neigen zu ethisch minderwertigen Gewohnheiten ... Lehrer- und Schülerkontakte sind vergleichbar mit Inhalten billiger Sexfilme. Mit der einzigen Ausnahme, sich vor dem Lehrer auszuziehen, sind wohl jegliche Schweinereien erlaubt. Und man klammert sich an die letzten Reste des barbarischen Faschismus."
Die schlechtesten Noten kriegt die SPD-nahe "Arbeiterwohlfahrt" (Awo). "Ihre Unterbringungsheime", so heißt es in dem Mahnschreiben, seien "Brutnester für Prostitution, Heroinhöhlen, Herbergen für Lesbierinnen". Die Awo habe "junge Mädchen dem Schoß der Mutter entrissen und sie dem Sumpf der Leidenschaften zugeführt".
Derlei Untaten könne man nicht anders als "schreckliche heimliche Morde" nennen. Schlußappell an alle: "Wischt die Tränen Tausender Kinder, Mütter und Väter ab. Überprüft die Praktiken dieser Monster- und Mördernester."
Lächerlich. Aber mit ähnlichen Lächerlichkeiten hat auch der große Graue mit dem schwarzen Turban seine politische Laufbahn begonnen.
Die Parallelen sind noch verschwommen. Auf der bundesdeutschen Muftiszene ist keine Heilsfigur von Ajatollah-Format zu sehen. Gelsenkirchen ist nicht Neauphle-le-Chateau. Aber den Generalen daheim sitzt die Angst vor der Duplizität der Geschichte in den Knochen, seit von anatolischen Minaretten demagogische Kassetten-Gesänge tönen, die in Moscheen an Rhein und Ruhr aufgenommen wurden.
Wie die Revolution auf die Türkei überspringen soll, ist noch unklar. Aber der Funke glimmt. Davon sind auch die türkischen Kommunisten in Essen überzeugt. S.101 Sonst hätten sie den verhaßten Religiösen sicher nicht Nutzungsrechte im linken türkischen Kulturzentrum, gleich neben der Peep-Show auf der Viehofer Straße, in Essen eingeräumt.
Die türkischen Konsulate sind sensibilisiert. Bei der Freitagspredigt sind stets auch die Spione der Generale mit Kassettenrecordern dabei. In Witten wäre Anfang Januar beinahe ein Lauscher des Essener Generalkonsulats von aufgebrachten Gläubigen gelyncht worden. Emanet Fikri, der Hodscha von Duisburg-Hochfeld, einer der eifrigsten Kritiker des Generalsregimes, achtet darauf, daß im Gottesdienst immer ein paar kräftige Kerle in der ersten Reihe sitzen, seit neulich ein Stoßtrupp von Moslemfeinden in der Moschee an der Wannheimer Straße Randale machte.
Weil die Regierung in Ankara die islamische Bewegung mit Drohungen und Paßentzug nicht in den Griff bekommt, versucht sie, die Glut an der Basis zu löschen. Die Stellen für islamische Religionslehrer in der Bundesrepublik, die vorwiegend von Studenten und Arbeitern ohne pädagogische Ausbildung besetzt sind, sollen auf Wunsch der Militärs staatlich approbierte türkische Lehrer erhalten.
Militante Muftis an Rhein und Ruhr dagegen fordern die Religionslehrerstellen für sich. Die Alternativen sind für die Landesregierung in Düsseldorf nicht verlockend: hier mehr oder weniger zuverlässige Demokraten ohne theologische Ahnung, dort gute Theologen mit betont antidemokratischen Absichten, dort nicht ganz so gute Theologen mit nicht ganz so antidemokratischen Absichten.
Ahmed Okutan, der Religionsbeauftragte des Essener Generalkonsulats, warnt dringend vor der "Chomeinisierung" in der Bundesrepublik: "Wir müssen jetzt zusammenhalten, um die Gefahr zu entschärfen." Bonn und Düsseldorf würden den Bund mit Ankara schon schließen - wenn sie nicht fürchten müßten, daß die Generale mit der frommen Gefahr auch die demokratische Opposition entschärfen möchten.
Durch die Koranschulen auf deutschem Boden sind deutsche Demokraten in eine Front mit den Gegenreformatoren von der türkischen Militärregierung gedrängt worden. "Die Koranschulen verhindern die Integration", sagt Herr Okutan. "Wer sein Kind in die Koranschule schickt, schadet ihm, weil er es zwingt, Fremder zu bleiben", schreibt der Sozialdemokratische Pressedienst.
Stures Surenpauken ist nicht das Schlimmste. In den Koranschulen werden den Kindern auch mit Hilfe des Rohrstocks atavistische Grundwerte des Islams eingetrichtert, die selbst in den meisten islamischen Ländern nicht mehr gelten: absoluter Gehorsam der Schüler gegenüber dem Lehrer, Gehorsam der Frau gegenüber dem Mann, Haß auf "alles, was nicht von Allah kommt". Und die Deutschen sind natürlich nicht von Allah.
Die islamische Revolution geht durchs Kinderzimmer. So war das auch bei Familie Gülsen in Gelsenkirchen. Der Vater ist Bergmann auf Zeche Hugo. Er war nie ein frommer Moslem - bis seine Töchter Sabire und Cömlek eines Tages aus der Koranschule heimkamen und ihm mitteilten, daß es an der Zeit sei, Allah zu geben, was Allahs ist. Heute geht Kumpel Gülsen regelmäßig zu Hodscha Sami Becelikli in die Moschee.
Nicht alle lösen den Konflikt der konkurrierenden Kultureinflüsse so reibungslos wie Familie Gülsen. Die zwölfjährige Sehure ging daran zugrunde. Sie war als Kleinkind nach Deutschland gekommen, und sie wollte als Deutsche leben, einfach weil sie ihre türkische Heimat nie gesehen hatte.
Doch ihre Eltern wollten eine fromme und patriotische Tochter. Sehure mußte in der Schule das verhaßte Kopftuch tragen und alle Kontakte zu ihren deutschen Freundinnen abbrechen.
Am 20. Mai 1982 fanden die Eltern ihren Abschiedsbrief auf dem Küchentisch: "Allah wollte es so", schrieb sie. "Ich küsse eure Hände, ich küsse die Augen von Elif, Adife und Sedat." Sehure hatte sich auf dem Dachboden mit ihrem Kopftuch erhängt.
S.94 In Altenessen. * S.95 Vor den wahrscheinlich von Neonazis eingeworfenen Fensterscheiben seiner Moschee. *

DER SPIEGEL 15/1983
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