07.03.1983

„Mit Herrn Luther ist alles in Butter“

Wie die SED den 500. Geburtstag des Reformators feiert
Das Jahr des Herrn 1983 ist für die Agitatoren der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands ein schweres Jahr.
1983 rundet sich zum 100. Male der Todestag des sozialistischen Urvaters Karl Marx. Also erklärte die SED 1983 - selbstverständlich - zum Karl-Marx-Jahr.
1983 jährt sich aber auch zum 500. Male der Geburtstag eines anderen Deutschen: des frommen Christen und Erzvaters der Reformation Martin Luther. Also erklärte die SED - nicht ganz so selbstverständlich - 1983 zum Jahr der "Martin Luther Ehrung der Deutschen Demokratischen Republik".
Den Ärger mit dem seltsamen Doppelbeschluß ihrer Großkopfeten haben nun die Propagandisten der ostdeutschen Staatspartei. Denn ihnen obliegt es, an der Basis die für beide Jubiläen gleichermaßen verordnete Begeisterung zu erzeugen, ohne die auf strammen Atheismus getrimmten Genossen zu verwirren. Das ist selbst für die in ideologischen Wendemanövern geübten PR-Profis der SED ein harter Brocken.
Peinlich vor allem: Nicht nur das unbedarfte SED-Fußvolk, auch ideologische Dogmatiker und linientreue Funktionäre im Parteiapparat müssen den Eindruck haben, als stehe dem Politbüro der evangelische Reformator näher als der eigene Urahn.
Um Martin Luther gebührend zu feiern, gründete die SED bereits im Juni 1980 ein "Martin-Luther-Komitee der DDR" - mit SED-Chef Erich Honecker an der Spitze und viel Prominenz aus dem Politbüro.
Wenig später brachte die Partei, als Richtungsvorgabe für die "Martin Luther Ehrung 1983", 15 Thesen über den Reformator unters Volk - im Auftrag der Partei erarbeitet von der Akademie der Wissenschaften und ostdeutschen Universitäten.
Das Gedenken feiern Akademien, Museen, Volkshochschulen und die Bildungsgesellschaft "Urania" mit zahllosen Ausstellungen, Vorträgen und Konzerten. DDR-Verlage bringen rund 100 Bücher, Schallplatten und Bildbände heraus, die staatseigene Defa produziert eine Luther-Serie fürs Fernsehen. Der Kulturbund der DDR hat sich verpflichtet, dafür zu sorgen, "daß massenwirksam umfassend die Luther-Ehrung ... von unserer Organisation mit durchgesetzt werden kann".
Zum Geburtstag des Reformators am 10. November wird sich, Höhepunkt des sozialistischen Luther-Auftriebs, am Vorabend die geballte Parteiprominenz zum Staatsakt in Ost-Berlin versammeln.
"as Ost-Berliner Kabarett "Die Distel" reimte spöttisch: Wer imme" " noch glaubt der Martin sei für unser Geschehn philosophisch " " gesehn nicht ganz legitim - der Genosse Erich steht hinter " " ihm] "
Vom Luther-Jubiläum erhoffen sich die Image-Werber für die DDR Reputation im Westen und in den Ländern der Dritten Welt, deren Führer oft noch von christlichen Missionaren erzogen worden sind. Und nicht zuletzt erwarten sie üppige Devisengewinne von Millionen Touristen, allen voraus aus den USA.
Im "Distel"-Deutsch: "Mit Herrn Luther ist alles in Butter."
Daß es auch Kari Marx zur gleichen Zeit zu feiern gilt, darauf besannen sich die DDR-Oberen erst Ende 1982: Am 1. Dezember veröffentlichte das SED-Zentralkomitee auf den ersten drei Seiten des Parteiblatts "Neues Deutschland" 29 Thesen über den "Revolutionär und Theoretiker der Arbeiterklasse" - 14 mehr als für den Reformator.
Doch für Marx gibt es kein Jubelkomitee, mit Marx gibt es nur tägliche Durchhalte-Parolen in der Parteipresse an alle, an Bauern, FDJler, Arbeiter und Intelligenzler - Tenor: "Große Initiativen im Karl-Marx-Jahr für ein hohes Wachstum der Arbeitsproduktivität" ("Neues Deutschland").
Daß Luther zumindest zeitweilig Marx überholt hat, hängt mit dem Bemühen S.106 der SED zusammen, den eigenen Staat geschichtsmächtig werden zu lassen. Das Stichwort heißt, auf gut DDR-Deutsch, "Erbe-Rezeption".
"Es geht", so formuliert der DDR-Historiker Adolf Laube, "um das historische Selbstverständnis der DDR als eines deutschen Staates, dessen geschichtliche Wurzeln bis in die Anfänge deutscher Geschichte zurückreichen."
"Unser Staat der Arbeiter und Bauern", intonierte Erich Honecker bei Gründung des Luther-Komitees, "verwirklicht die Ideale der besten Söhne des deutschen Volkes im Sinne seiner Politik zum Wohle des Menschen. Zu den progressiven Traditionen, die wir pflegen und weiterführen, gehören das Wirken und das Vermächtnis all derer, die zum Fortschritt, zur Entwicklung der Weltkultur beigetragen haben, ganz gleich, in welcher sozialen und klassenmäßigen Bindung sie sich befanden."
Und in den Luther-Thesen postulierten die SED-Historiker gar gesamtdeutschen Hegemonie-Anspruch: "Die Deutsche Demokratische Republik ist tief verwurzelt in der ganzen deutschen Geschichte. Als sozialistischer deutscher Staat ist sie das Ergebnis des jahrhundertelangen Ringens aller progressiven Kräfte des deutschen Volkes für den gesellschaftlichen Fortschritt. Alles, was in der deutschen Geschichte an Progressivem hervorgebracht wurde, und alle, die es bewirkt haben, gehören zu ihren unverzichtbaren, die nationale Identität prägenden Traditionen."
Jahrelang hatte die SED einen sehr viel engeren Blickwinkel auf diese Geschichte, war sie vor allem bemüht, das eigene Regime von feudaler und bürgerlicher deutscher Vergangenheit abzugrenzen und den Staat der Arbeiter und Bauern als unvergleichbare revolutionäre Leistung zu preisen.
Daß sich der Horizont geweitet hat, erklärt der SED-Geschichtsschreiber Laube, einer der Autoren der Luther-Thesen und Mitglied des staatlichen Luther-Komitees, aus der gewachsenen Selbstsicherheit der Partei. "Eine machtausübende Arbeiterklasse", sagt er, "die auch die Interessen der anderen Klassen vertritt, hat einen breiteren Blick auf die Vergangenheit als eine, die im Kampf um die Macht steht."
Sie kann es sich leisten, Goethe ebenso für sich zu reklamieren wie Traditionen des Königreichs Preußen.
Das Goethejahr 1982 wurde in der DDR mit Pomp gefeiert. Und an Preußens Gloria erinnert längst nicht mehr nur der Stechschritt der Wache am Ehrenmal Unter den Linden. Zwischen Staatsoper und Neuer Wache steht seit gut zwei Jahren wieder das Reiterdenkmal Friedrichs des Großen.
Eine fünfteilige Fernsehserie würdigte den Militärreformer Gerhard Johann David von Scharnhorst. Und neuerdings verlieren ostdeutsche Geschichtsschreiber sogar über den erzkonservativen Reichsgründer Otto von Bismarck vorsichtig-freundliche Worte.
An Luther indes könnte sich die SED verheben. Denn anders als der Dichterfürst Goethe etwa ist Martin Luther kein Geistesheros aus ferner Vergangenheit, den man sich nach Gusto zurechtbiegen kann, sondern Repräsentant einer gesellschaftlichen S.109 Kraft, die in der DDR noch immer höchst lebendig ist und sich der Staatsideologie in weiten Teilen verweigert: der evangelischen Kirche.
Vor der Evangelischen Akademie Tutzing haben Laube und sein Kollege Gerhard Brendler, ebenfalls Mitglied im Luther-Komitee und Autor einer marxistischen Luther-Biographie, die im Sommer erscheinen soll, das neue marxistische Luther-Bild ausführlich vorgestellt - und dabei zugleich ungewollt das Dilemma enthüllt, in das die SED bei diesem Unterfangen gerät.
Laube und Brendler zerteilen den Reformator gewissermaßen in zwei Hälften, eine subjektive und eine objektive, um ihn für den kommunistischen Hausgebrauch einzupassen. Was er gewollt hat, so ihre These, war eine Reformation von Glauben und christlicher Kirche. Was er bewirkt hat, ohne es zu wollen, war die "Revolution Nr. 1 der Bourgeoisie" (Friedrich Engels).
Brendler und Laube räumen zwar ein, was die Luther-Forscher der SED bislang stets negiert haben: daß Luther im "innersten Kern seiner Persönlichkeit" (Brendler) nur zu begreifen sei, "wenn man ihn zuallererst als Theologen ernst nimmt und seine ganze persönliche Angst um sein Seelenheil" (Laube).
Doch die von Luther angestrebte Reformation der Kirche wurde, unter den gesellschaftlichen Bedingungen des frühen 16. Jahrhunderts mit ihren verkrusteten autoritären Strukturen, gewissermaßen zwangsläufig (Laube: "weitgehend unabhängig vom Willen Luthers") "zur Startbahn für die bürgerliche Revolution, und die Reformation selbst wurde zu einem Element der frühbürgerlichen Revolution" (Brendler).
Das ist die aus marxistischer Perspektive "objektive" Leistung Martin Luthers. Und die eben rechtfertigt es, ihn in die Ahnengalerie der DDR aufzunehmen - egal, was Luthers subjektive Absichten waren und woher seine "Antriebskräfte" kamen.
Laube nennt eine ganze Reihe von Beispielen für die revolutionären Taten des Reformators: seinen Kampf gegen Wucher, Bettelei und Zehnten sowie gegen die großen Kapitalgesellschaften, etwa die Fugger, "die als Inkarnation des Frühkapitalismus gelten".
Laube: "Sozialökonomische Reformvorstellungen gehören ebenso wie politische zum Wesen der Reformation und können nicht künstlich von den religiöstheologischen getrennt werden."
Daß die SED erst jetzt Luther als einen der Ihren entdeckt, daß die Partei 30 Jahre lang lieber auf den Bauernrevolutionär Thomas Müntzer setzte, dafür hat Laube eine einleuchtende Begründung: "Die gesellschaftliche Situation nach 1945, die antifaschistisch-demokratische Neuorientierung erforderten zunächst und vor allem eine Rückbesinnung auf die revolutionär-demokratischen Traditionen des deutschen Volkes, das heißt auf die Traditionen des Bauernkrieges und Thomas Müntzers."
Beim 450. Reformationsjubiläum 1967 versuchte die SED erstmals öffentlich, den "frühbürgerlichen Revolutionär" für sich zu reklamieren. Doch das Unternehmen war nicht sehr erfolgreich, nicht zuletzt weil die Staatspartei den Christen und Theologen Luther völlig ignorierte.
Das Luther-Bild der einfachen Genossen blieb negativ eingefärbt, die Schulbücher wurden nicht umgeschrieben. Im Geschichtsunterricht der 6. Klasse lernen die 12jährigen nach wie vor, daß Müntzer der Held und Luther ein "Verräter an den revolutionären Bauern" war.
Doch auch das soll rechtzeitig zum 500. Geburtstag des Wittenbergers anders werden: Zu Beginn des nächsten Schuljahres im Herbst erhalten die Sechstkläßler neue Geschichtsbücher - mit einem kräftig retuschierten Luther-Bild. Erstmals wurde sogar die Kirche um Rat gefragt, wie der Reformator dargestellt werden soll.
Die Richtung ist schon klar: Der Gegensatz zwischen Luther und Müntzer wird zwar nicht aufgehoben, aber soweit gemildert, daß künftig beide nebeneinander Platz in der "Erbe-Rezeption" haben.
Luthers Leistung wird durch seine Haltung im Bauernkrieg nur geschmälert, nicht mehr entwertet. Sie ist sogar aus marxistischer Sicht plausibel zu entschuldigen: durch das "Klassenwesen seiner Persönlichkeit" (Brendler).
"Seine Leistung in der Theologie", so der Luther-Biograph, "reichte aus, die reformatorische Bewegung auszulösen und in Gang zu setzen, nicht aber dazu, sie bis zu ihren radikalsten Konsequenzen ideologisch zu bedienen und zu rechtfertigen" - eben weil Luther ein Interessenvertreter des auf die Fürsten orientierten Bürgertums war.
Doch gerade der Versuch, Luther und Müntzer zu harmonisieren, enthüllt das Dilemma, in dem die SED - und mit ihnen die SED-Politiker - bei ihrer Vergangenheitsbewältigung stecken.
Nach marxistischem Selbst- und Geschichtsverständnis könnte die ostdeutsche Staatspartei allenfalls die Reformation feiern - als Beginn jenes revolutionären Prozesses, der 1949 schließlich in der DDR mündete. Indem sie aber den Menschen Martin Luther in ihre Ahnengalerie erhebt, macht sie ihn zum Vorbild - einen Mann, der die Maßstäbe S.111 seiner Existenz und seines Handelns weder von einer weltimmanenten Ideologie bezog noch von einer Partei oder einem Kollektiv.
Mit Luther wertet die SED, ob sie will oder nicht, auch jene Kirche auf, die sich auf Luther gründet; eine Kirche, die bei allem Bemühen, sich in der DDR zu integrieren, im sozialistischen Staat ein kritischer Faktor bleibt, wie die neue kirchliche Friedensbewegung zeigt.
"Das Revolutionäre in Luthers Theologie", hat SED-Mann Brendler erkannt, "bestand darin, daß den etablierten Autoritäten der feudalen Gesellschaft prinzipiell das Recht abgesprochen wurde, in Sachen des Glaubens Entscheidungen über das Gewissen zu fällen. Gerade dies machte den Weg frei dafür, daß sich die Interessen oppositioneller Kräfte mit der neuen Theologie verbinden konnten."
Was machen die Regenten in Ost-Berlin, wenn sich die christlichen Friedensfreunde im eigenen Land demnächst auf diese Sätze berufen? Wenn sie gegen die Staatsschützer des Politbürokraten Erich Mielke Luthers "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders" vom Reichstag zu Worms setzen?
Die evangelische Kirche sieht freilich weniger die Chance, die ihr die staatliche Luther-Ehrung eröffnet. Sie plagt mehr die Furcht, ihr könnte ihr eigener Kirchenvater abhanden kommen.
Zwar mahnte der Ost-Berliner Altbischof Albrecht Schönherr seine Glaubensbrüder, sie sollten hinter dem Luther-Jubel der SED nicht nur "die Suche nach Identifikationsfiguren, ein Legitimierungsbedürfnis gegenüber dem Ausland und eine Demonstration von Harmonie" vermuten. Der Partei gehe es "vielmehr um Aufarbeitung des kulturellen Erbes". Und die habe zur guten Folge, daß "kampfbedingte Einseitigkeiten abgebaut" würden.
Vor allem konservative Protestanten argwöhnen jedoch, wenn sie sich im Falle Luther mit der SED gemein machen, könnte am Ende der Reformator von Glaube und Kirche hinter dem hausgemachten Revolutionär ganz und gar verschwunden sein. "Was da 1983 passiert", sagt der Eisenacher Kirchenrat Horst Greim, "ist Heldenverehrung. Und dagegen sind wir empfindlich."
Gewarnt durch ihre Erfahrungen beim 450. Reformationsjubiläum 1967, verzichteten die evangelischen Oberen darauf, Vertreter ins staatliche Luther-Komitee zu entsenden, und gründeten statt dessen ein eigenes Komitee. Im Honecker-Gremium sitzen lediglich vier Kirchenleute als Berater, unter ihnen der Vorsitzende des kirchlichen Luther-Komitees, der thüringische Landesbischof Werner Leich.
1967 hatten sich die Kirchenführer zunächst an den staatlichen Vorbereitungen des Gedenktages beteiligt, waren dann aber im Krach ausgeschieden - aus Protest gegen die Behinderung der Kirche bei ihren Reformationsfeiern und weil die SED versuchte, die Kirche vor ihren politischen Karren zu spannen.
So unberechtigt ist der protestantische Verdacht nicht, die SED könnte Luther so lange umfunktionieren, bis nur noch der sozialistische Revolutionär übrigbleibt. Denn auf dem Weg von der differenzierend-einfühlenden Sicht der SED-Historiker zu den mundgerechten Propagandaparolen der Agitatoren hat sich Martin Luther schon merklich verändert.
In der Wochenzeitung "Sonntag" avancierte der Reformator bereits zum Vorläufer Lenins. Kostprobe: "Lenin und Luther. Der Ältere konnte sich über den Jüngeren nicht äußern. Lenin hat es umgekehrt auch nicht getan, wenigstens nicht im buchstäblichen Sinne. Aber es gibt keinen Augenblick des Stockens, sich einen fruchtbaren Austausch zwischen ihnen vorzustellen."
Ihre Skepsis ließen die Kirchenleute den Vorsitzenden des staatlichen Luther-Komitees an dessen 70. Geburtstag im vergangenen August spüren. Bei der Gratulationscour im Zentralkomitee am Marx-Engels-Platz überreichten sie dem Staatsratsvorsitzenden nicht nur einen Packen Luther-Literatur, sondern zugleich auch Exzerpte der mitgebrachten Werke. Da Honecker als vielbeschäftigter Politiker nicht alles lesen könne, so die süffisante Begründung, möge er sich wenigstens aus der Kurzfassung über den Reformator kundig machen.
Für ihre eigene Luther-Ehrung wählten die Protestanten ein Motto aus Luthers Kleinem Katechismus, das die Distanz zum Staat demonstrativ deutlich macht: "Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen."
Die Kirche plant insgesamt sieben regionale Kirchentage. Nur einer allerdings, im September in Wittenberg, ist speziell Luther gewidmet. Bei den übrigen sechs in Erfurt, Rostock, Eisleben, Frankfurt, Magdeburg und Dresden stehen neben innerkirchlichen und Glaubensproblemen auch politisch brisante Punkte auf dem von der Basis erarbeiteten Programm: Umweltschutz, Friedensbewegung, der wachsende Alkoholismus und die hohe Selbstmordrate in der DDR.
Eingeläutet wird das Kirchenjahr am 4. Mai in internationalem Rahmen und an historischem Ort: Zur Eröffnung auf der Wartburg hat die DDR-Kirche alle evangelischen Kirchen der Welt geladen.
Bei dieser Wartburg-Feier kann auch die SED Weltniveau und Offenheit demonstrieren: Während die Staatspartei 1967 noch zahlreichen evangelischen Hirten aus dem Ausland die Einreise verweigerte, werden am Abend des 4. Mai die kirchlichen Gäste aus Europa, Amerika und der Dritten Welt in S.113 Eisenacher Gemeinden ausschwärmen. Wichtiger als die Jubelfeier ist für die Kirche 1983 allerdings ein anderes Ereignis, von dem sich die Oberhirten geistliche Wirkung weit übers Jahr hinaus erhoffen: der Wiederaufbau des Augustinerklosters in Erfurt, in das Luther 1505 als junger Mönch eingetreten war.
Die Eigentumsverhältnisse an dem im Krieg arg ramponierten Bau waren lange Zeit unklar. Beim Gipfelgespräch 1978 zwischen SED-Chef Honecker und der evangelischen Kirchenspitze einigten sich beide Seiten auf eine friedliche Teilung.
Der Staat übernahm den total zerstörten Klosterteil, der vorläufig nicht wieder aufgebaut werden soll. Die Ruinenreste werden derzeit als Gedenkstätte für die Opfer des Krieges hergerichtet.
Die Kirche und der erhaltene Kreuzgang fielen an die Evangelischen. Die erklärten die Renovierung rechtzeitig zum Luther-Jahr zur Sache des Lutherischen Weltbundes. 1,8 Millionen Dollar will der Bund bei seinen Mitgliedskirchen für den guten Zweck einsammeln. Die Restaurierung betreibt die DDR-Kirche in eigener Regie.
Nach der Fertigstellung soll das Augustinerkloster ein Zentrum des kirchlichen Lebens in der DDR werden, mit Bildungsakademie, Predigerschule, umfänglicher Bibliothek und historischer Luther-Zelle. Bereits im Sommer wird dort der 6. internationale Kongreß für Luther-Forschung tagen, zu dem sich auch marxistische Luther-Forscher der DDR angesagt haben.
Konkurrieren mit dem staatlichen Luther-Jubel indes kann die Kirche nicht. Denn die SED beschränkt ihre Luther-Rezeption keineswegs nur aufs Reden und Denken. Sie läßt es sich eine Menge kosten, auch den letzten DDR-Fleck aufzuhellen, in den Martin Luther seinen Fuß gesetzt hat.
Die Wartburg ist für drei Millionen Mark bereits frisch poliert, ohne den obligaten Tintenfleck früherer Generationen in der Zelle des Junkers Jörg. In Gotha wurde die Mönchskutte, nach mündlicher Überlieferung Luthers letztes Ordensgewand, penibel erneuert. In Erfurt wurde nicht nur der Chor der zerstörten Barfüßerkirche, in der Martin Luther gepredigt hat, als Konzertsaal mit Orgel wieder hergerichtet, sondern auch die Burse, wo der junge Student Luther vor seinem Klostereintritt gewohnt haben soll. Zur Wiedereröffnung des Lutherschen Geburtshauses und des Lutherschen Sterbehauses in Eisleben hatte die DDR vorletzte Woche auch das West-Fernsehen geladen.
Glanznummer der architektonischen Luther-Bewältigung aber ist Wittenberg: Die Reformationsstadt gleicht seit Monaten einer Baustelle - zwischen Schloßkirche mit Luther-Grab und legendärer Thesen-Tür am einen Ende und Luthers Wohnhaus, dem ehemaligen Augustinerkloster, am anderen. Wohnhausfassaden an der berühmten Collegien-Straße und ihrer Verlängerung, der Schloßstraße, werden frisch gepinselt, das historische Hotel "Goldener Adler", in dem der Reformator ab und an gebechert hat, wird DDR-deutsch "rekonstruiert". Das Prunkstück, die Lutherhalle, wie das Domizil des Mönchs und später der Familie Luther seit 100 Jahren heißt, soll im Frühjahr fertig sein.
Doch in Wittenberg wird auch sichtbar, daß sich die DDR mit Luther nicht nur ideologische Probleme aufgehalst hat. Mehrere Millionen Touristen aus dem Ausland erwarten die ostdeutschen Reisemanager im Luther-Jahr. Allein die Wartburg rechnet mit 800 000, "vielleicht", so Burgdirektor Werner Noth, "kommen sogar 1,2 Millionen". In Wittenberg werden es, nach vorsichtiger Schätzung der Stadtväter, mehr als eine halbe Million sein statt der üblichen 35 000. Doch für einen solchen Ansturm ist Wittenberg nicht gerüstet. Die Stadt besitzt nur zwei Hotels mit 200 Betten, die Gastronomie ist mäßig.
Luther-Fans werden daher im Eiltempo durch die Geburtsstadt der Reformation geschleust, vorgesehen sind allenfalls zwei bis drei Stunden. Auf dem Weg nach Leipzig, wo die Ausländer im teuren Interhotel "Merkur" logieren müssen, "liegt ja noch Eisleben", sagt Ulrich Dürfeldt vom Kulturreferat der Stadt.
Sorgen bereiten die Luther-Touristen auch der Wittenberger Stasi. Eine der kommunalen Attraktionen sind die Türme der Stadtkirche; von dort hat man einen zauberhaften Blick über den Ort. Doch wie sollen die Staatsschützer photographierwütigen Amerikanern klarmachen, daß sie nur nach Ost und West knipsen dürfen, nicht aber nach Nord und Süd, weil da die Russen liegen?
Vorsorglich haben die örtlichen Aufpasser des Ministeriums für Staatssicherheit schon mal die "Stadtbilderklärer" ausgetauscht: Die älteren Stadtführer waren den Zensoren bei ihren Führungen durch die Vergangenheit zu kirchenfromm und zu wenig revolutionär.
S.103
Wer immer noch glaubt der Martin sei für unser Geschehn
philosophisch gesehn nicht ganz legitim - der Genosse Erich steht
hinter ihm]
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DER SPIEGEL 10/1983
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