29.08.1983

Aus der Menschenfinsternis

Von Schultz-Gerstein, Christian

SPIEGEL-Redakteur Christian Schultz-Gerstein über Brigitte Kronauers Roman "Rita Münster" *

Der Titel des zweiten Romans von Brigitte Kronauer ist ebenso schlicht wie außergewöhnlich.

"Rita Münster" heißt das Buch, ein Name ohne Sang und Klang und dennoch irritierend, weil seit Fontanes "Effi Briest" oder Thomas Manns "Tonio Kröger" Erzählungen ohne weiteres nicht mehr so heißen.

Alfred Döblin beispielsweise nannte sein Epos nicht Franz Biberkopf, sondern "Berlin Alexanderplatz": Ausdruck des verlorengegangenen Glaubens an die Unverwechselbarkeit und Selbstmächtigkeit des Individuums, das nur mehr als Spielball sozialer Verhältnisse und dunkler Triebkräfte erscheint.

Noch im Jahre 1983 einen Roman "Rita Münster" zu nennen, während doch alle Welt längst weiß, daß der einzelne nur noch die verkabelte Codenummer der Computerüberwachung ist, das kann doch eigentlich nur von einer womöglich schon wieder prophetischen Ignoranz zeugen. Jedenfalls geht ein Geheimnis aus von diesem Titel, etwas wie das Erscheinen eines angeblich ausgestorbenen Tieres in der Fußgängerzone.

Tatsächlich mutet Brigitte Kronauers Roman anachronistisch an. Die Figuren scheinen weder von der Startbahn West noch von der atomaren Bedrohung gehört zu haben. Auch weit und breit keine Feministin und kein Softie, die mit auswendig gelernten Gefühlsproblemen ringen. Die sonst unter jüngeren Autoren verbreitete Furcht, aus dem Rahmen zu fallen und nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, kennt diese Schriftstellerin offenbar nicht.

Statt dessen richtet sie sich mit proustscher Besessenheit und einer vor keinem Detail zurückschreckenden brutalen Neugierde im Alltag ihrer Figuren ein.

Frauen, die bei der Begrüßung "vor Herzlichkeit" aufschreien; Fremde, die im Eisenbahnabteil mit den Knien fast zusammenstoßen und sich daraufhin, "als läge eine ganze Erdbiegung" zwischen ihnen, ansehen "von einem Horizont zum anderen"; die mürrischen Leute in der Stadt, denen "der graue Stoff ihrer Kleidung über die Ohren" wächst: in diesen überwachen ruhelosen Augen wird jede Wahrnehmung zur Zerreißprobe.

Der Beobachtungsfanatismus in Brigitte Kronauers Roman ist freilich keine äußerliche poetische Technik, sondern die dominierende Verhaltensweise, mit der sich die Ich-Erzählerin Rita Münster gegen die Übermacht der Mitwelt und gegen das spurlose Verschwinden in der alltäglichen "Ereignislosigkeit" zu stemmen versucht.

Merkwürdig nur, daß diese Ich-Erzählerin nahezu die Hälfte des Buches im Hintergrund und undurchsichtig bleibt. Warum, fragt man sich während der Lektüre, beschäftigt sie sich fortgesetzt, und dazu atemlos, mit ihrer Umgebung, warum redet die Ich-Erzählerin nicht, wie sich das gehört, von sich selber?

Was geht da vor in Rita Münster, wenn sie sich im Leben der Ruth Wagner breitmacht und erzählt, daß die "jederzeit um ein Haar platzte" oder wie sie auch im Feinschmeckerrestaurant wieder Hals über Kopf den Konventionen entgegenstürzt, während ihr "aber der Boden unter den Füßen brannte"?

Oder "Herr Willmer", der "irgend etwas nicht länger ertragen" wollte und sich das Leben genommen hat. Wieso drängt sich die Ich-Erzählerin in die Verengungen dieser erfolgreichen Künstlerexistenz hinein?

Noch dubioser wird Rita Münsters Anteilnahme an den Lebensregungen der anderen, wenn sie an einer Stelle unvermittelt und kaltschnäuzig feststellt: "Nein, sie interessieren mich alle nicht." Woher denn diese plötzliche Verachtung, dieser vorwurfsvolle Ton? Wer hat sie denn gezwungen, sich mit Ruth Wagner oder Herrn Willmer zu beschäftigen?

Ehe man es richtig bemerkt und ehe man die Geduld mit diesem Satz für Satz angespannten Roman verliert, der weder eine zügige Geschichte erzählt noch mit griffigen kausalen Zusammenhängen arbeitet, ehe man als eiliger Zeitgenosse diese Zumutung zurückweist, ist Rita Münster im Kopf des Lesers bereits zum Unruheherd geworden.

Ihre verschwiegen familiären Andeutungen, wenn sie von "solchen Tagen mit ihrem bösem Hof" flüstert, als dürfe sie eigentlich zu niemandem darüber sprechen; das jäh von einem bebenden Haßausbruch gesteigerte Tempo ihrer Sprache angesichts des Mondes, "der wieder und wieder glotzend dasteht, alle Monate und Jahre, und man muß auch noch dankbar sein, daß man es immer wieder erlebt, und erträgt es trotzdem kaum noch dies eine, immer wiederholte Mal"; die hilflos herrischen Befehle - "Nun aber ich selbst" -, endlich aus dem Hintergrund herauszutreten und die eigene Existenz nicht länger von der Umwelt verfinstern zu lassen: Irgend etwas auf Leben und Tod braut sich in diesem flackernden Bewußsein zusammen.

Je länger Rita Münster erzählt, desto mehr schrumpft ihre gereizte Ohnmacht, ihre bedrohliche Anfälligkeit für "die zu trägen Umstände" und für die Leute rundum, die mit zusammengebissenen Zähnen in einer reibungslosen Behaglichkeit überwintern und auf das Ende warten.

"Die ärgerte ja schon, daß es sie selbst überhaupt gab, und im bloßen Dasitzen breiteten sie sich aus, und wenn sie das Abteil verließen, drückten sich neue von ihrer Sorte herein."

Rita Münster geht zum Widerstand über, sie wendet sich empört und verzweifelt von dieser nichts als existierenden Mitwelt ab, der sie doch auch zugehören will.

"Warum", flüstert sie nachts in die Kissen, "warum kauft ihr Fleisch und Pullover und atmet rund um die Uhr, wenn ihr nicht blitzen und schimmern wollt?"

Die Ich-Erzählerin setzt sich ab ins eigene Leben, nach mehr als der Hälfte des Romans erfährt man zum erstenmal ihren vollen Namen. Sie redet sich jetzt mit "Ich, Rita Münster" an, und es ist, als habe sie das erlösende Zauberwort gefunden.

Sie hat wieder ein Bewußtsein von und für sich selber, Rita Münster kann sich wieder an Rita Münster erinnern.

Eine atemberaubende Vergangenheit kehrt zu ihr zurück. Die Schulwege beispielsweise, auf denen sie Verfolger und

Peiniger magisch auf sich zieht, "als wäre ich signalrot angestrichen, als führen unentwegt kleine Flammen oder Federn aus mir".

Die Kinderspiele, bei denen einer dem anderen auflauert, die täuschenden Gesten des Jägers, der sein Opfer vielleicht längst schon ausgespäht hat, während er sich noch bedrohlich unbeteiligt gibt.

Der katholische Gott, der sie beobachtet, wie sie den Nachbarn Matsch in den Briefkasten steckt. Sein "strenger Blick, aber ich sah nicht zurück. Er war ja unsichtbar."

Rita Münster hat also Anschluß an sich selber gefunden. Nach der Lektüre von Brigitte Kronauers Roman kann es freilich passieren, daß man den komischen Verdacht nicht loswird, im eigenen Leben gar nicht vorzukommen.


DER SPIEGEL 35/1983
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