09.05.1983

ABENTEUERMänner vom Rhein

Kann ein deutscher Verfassungsschützer zehn Tage lang ohne Wasser und Brot überleben? Im Südchinesischen Meer soll dieses Wunder gelungen sein. *
Baldur Drobnica, 48, Beamter beim Bundesamt für Verfassungsschutz, Abteilung IV, Spionageabwehr, ist in der ganzen Welt zu Hause. Tagsüber schützt er Deutschland vor den Ostagenten; abends, nachts und im Urlaub trägt ihn ein zweites "Hobby" weit hinaus: Der Amateurfunker sendet und empfängt weltweit, sucht auf der Kurzwelle Kontakte zu Gleichgesinnten und bricht - das bringt die Funkerei so mit sich - immer wieder zu fernen Kontinenten auf: "rein privat".
Zum erstenmal im Leben ist der Zeitvertreib des Staatsschützers eines öffentlichen, gar wissenschaftlichen Interesses gewiß. Dem Baldur Drobnica, als er wieder einmal ganz zum Spaß mit einem Katamaran weit hinten in Asien unterwegs war, ist ein Wunder widerfahren: Der Grauschopf und drei Mitglieder seiner schiffbrüchigen Crew haben auf offenem Meer, ganz ohne Wasser und Nahrung, schattenlos der glühenden Tropensonne ausgesetzt, zehn Tage überlebt. Das hat noch keiner geschafft.
Zu viert zusammengepfercht in einem lecken Plastik-Dinghi, einer Nußschale von vier Meter Länge, von zwei Meter hohen Wellen geschaukelt und nach ihrer Rettung noch so fit, daß eine ärztliche Untersuchung im ersten Hafen verweigert wurde - solch eine Odyssee muß, wie der "Stern" zutreffend erkannt hat, auch "ein Wunder" genannt werden: ein Ereignis, das den gewöhnlichen Lauf der Dinge durchkreuzt, ja aufhebt und (so der "Brockhaus") "an das Geheimnis rührt, das über der Welt liegt".
Exklusiv und "authentisch" hat der "Stern" in seiner letzten Ausgabe den "Wahnsinns-Trip" und die "Hölle" der zehn Tage geschildert. Von Singapur aus war auf einem gecharterten Katamaran (Tagesmiete: 1000 Mark) eine sechsköpfige Crew zu den felsigen Spratly-Inseln gestartet. Die Idee stammte von Drobnica. Die felsigen Eilande, ziemlich in der Mitte zwischen Vietnam, China und den Philippinen gelegen und von allen dreien begehrt, sollten, sagt der deutsche Beamte, fern der Heimat zu einer Funkbasis werden - nur für ein paar Tage und nur des Hobbys wegen. Daraus wurde nichts.
Kaum hatte Drobnica mit scharfem Blick ("ich habe sehr gute Augen") auf der ersten Insel "eine Menge Antennen" erspäht, eröffneten die dort eingebuddelten Funker aus Maschinenwaffen das Feuer. Die deutsche Jacht wird getroffen, gerät in Brand und sinkt. Ein Mann, Kölner wie Drobnica, stirbt. Die fünf anderen, darunter die chinesische Freundin des Schiffseigners, retten sich in das Plastik-Dinghi. Ein Geretteter soll darin später gestorben sein.
Wie das Funkerleben so spielt, hält der deutsche Verfassungsschützer im Moment des Feuerüberfalls zufällig gerade Kontakt mit einem Ätherwellenkameraden, dem US-Soldaten Pat McKee, stationiert auf einer Air-Force-Basis auf den Philippinen, natürlich auch nur ein Amateur. Der alarmiert dann die Retter. Die suchen tagelang, auch mit Flugzeugen, finden aber nichts. Wer den Katamaran beschossen hat, wird bisher nur vermutet.
Adlerauge Drobnica tippte auf Vietnamesen. Die Bonner Diplomaten schweigen sich dazu lieber aus, waren aber, wie sie durchblicken lassen, in den zehn Tagen nicht müßig.
Auch Späher Drobnica und seine Leidensgefährten wollen sich viel bewegt haben. "Ständig", so erzählen sie, hätten sie sich mit Meerwasser übergossen. Abgesehen davon, daß Salzwasser in offenen Schußwunden übel brennt, hätte diese Wasserkur zu einem stabilen Salzpanzer auf der Haut geführt. Die Austrocknung der Körper durch den totalen Mangel an Trinkwasser wäre dadurch nicht geringer geworden.
Ständig verliert der menschliche Organismus durch Urinproduktion, Schweiß, Verdunstung und mit der ausgeatmeten Luft Flüssigkeit - pro 24 Stunden schon bei Bettruhe 1,5 Liter. Sonne, Hitze und Streß steigern diesen Wert mindestens auf das Doppelte. Ein Erwachsener kann unter tropischen Bedingungen jedoch leicht auch fünf, sogar bis zu acht Liter Flüssigkeit pro Tag verlieren.
Wassermangel hat üble Folgen, von denen starker Durst noch die geringste ist. Die Muskeln versagen den Dienst, der Ausgetrocknete kann weder gehen noch stehen. Seine Haut ist in Falten abhebbar, die Augen sinken tief ein. Spätestens nach einem Wasserverlust von sieben Prozent des Körpergewichts - bei einem 70-Kilo-Mann also rund fünf Liter - stellen sich Halluzinationen ein. Der Verdurstende wird apathisch, er phantasiert. "In einem Sozialverband,
auch im Rettungsboot, zerfällt dann die Struktur", lehrt der Berliner Medizin-Professor Karl Kirsch über solche Situationen. "Es entsteht die Stimmung: Rette sich, wer kann." Physiologe Kirsch, der seine Studenten zweimal jährlich mit den Folgen von Hunger und Durst vertraut macht: "Ein Verdurstender kann zehn, allerhöchstens elf Prozent seines Gewichts verlieren. Dann ist er tot."
Angesichts der meteorologischen Bedingungen, die zur Unglückszeit im Südchinesischen Meer herrschten - 40 Grad im Schatten, 60prozentige Luftfeuchtigkeit, wolkenloser Himmel, kein Regen -, bleibt es vorerst das wundersame Geheimnis der rheinischen Seefahrer, wie es wohl möglich wurde, daß sie nach drei Tagen nicht tot, sondern nach zehn Tagen immer noch putzmunter waren.
Doch nicht nur dieses Naturgesetz hat der beamtete Abenteurer für sich außer Kraft gesetzt. Sein kleines Dinghi vollbrachte auch noch ein Wunder. Obwohl der Wind nach Norden blies und die Meeresströmung stetig nach Nordosten zog, trieb das Boot in zehn Tagen 230 Seemeilen in die genau entgegengesetzte Richtung. Dort jedenfalls fischten Japaner die furchtlosen Vier aus dem Wasser.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz will sich zu alledem nicht äußern, will "nichts bestätigen", aber auch kein Wunder "dementieren". Wegen seiner Fürsorgepflicht attachierte das Amt ab Zwischenstation Singapur seinem Entdeckungsreisenden jedoch ein paar breitschultrige Kameraden - auch sie Männer vom Rhein, und, wie Drobnica, gern auf Reisen in aller Herren Ländern.

DER SPIEGEL 19/1983
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