20.06.1983

LUFTFAHRTKredit verspielt

Von November an muß kein westdeutscher Urlauber mehr mit Spantax-Maschinen fliegen. Die Reiseveranstalter kündigten der spanischen Charter-Airline die Partnerschaft auf. *
Gemeinsam machten am Donnerstag vorletzter Woche die Chefs der drei größten deutschen Reiseveranstalter einen Anstandsbesuch in Madrid, um den sie sich am liebsten gedrückt hätten. Ihr Ziel war die Chefetage der spanischen Bedarfsfluggesellschaft Spantax. Captain Rodolfo Bay Wright, Gründer und Mitinhaber der Airline, hatte darauf bestanden, den Herren aus Köln, Hannover und Frankfurt vorzuführen, wie der ramponierte Ruf der Firma wieder zu korrigieren sei.
Bay ließ eine hübsch gebastelte Anzeigenkampagne vorführen. Für mehr als 1,2 Millionen Mark sollten die flotten Inserate in deutsche Zeitungen gerückt werden. Bay: "Schon Ende Juni können wir loslegen."
Rechte Begeisterung wollte bei den Geladenen gleichwohl nicht aufkommen. Rolf Pagnia, Geschäftsführer von NUR-Touristic, dem größten deutschen Spantax-Kunden: "Prima Präsentation, kann aber leicht zum Bumerang werden." Kollege Jürgen Fischer, Vorstandsmitglied der TUI, applaudierte ebenfalls höflich, äußerte aber ernsthafte Bedenken wegen der "ungenügenden Substanz der Kampagne". Ein dritter Teilnehmer resümierte: "Alles sehr schön, bloß leider viel zu spät."
Ein bißchen Human touch der Besatzung, ein wenig frische Farbe auf der Außenhaut der Maschinen, dazu neue
Uniformen und Bonbon-Service an Bord, alles nett zu Anzeigen verarbeitet, das sei - die deutschen Touristiker waren sich einig - nicht ausreichend, einer Airline aufzuhelfen, die ihren Kredit verspielt hat.
Donnerstag, der 9. Juni 1983, wird wohl als das jüngste Schreckensdatum in die Spantax-Firmengeschichte eingehen. An diesem Tag hatte die Gesellschaft zwar kein weiteres Flugzeug verloren, dafür aber mehrere Hunderttausend Passagiere.
Ab November, wenn der letzte Chartervertrag ausgelaufen ist, wird vorerst kein Kunde eines westdeutschen Reiseveranstalters mehr mit Spantax-Maschinen in den Spanienurlaub jetten. "Und diese Entscheidung", beteuerte ein Mitglied der Madrider Runde, "ist unumstößlich."
Dabei hatten die Reiseproduzenten noch vor Jahresfrist einen durchaus glaubwürdigen "letzten Versuch unternommen, den stets pünktlichen und sehr preiswerten Carrier" wieder marktfähig zu machen. Damals legten sie der Spantax einen Katalog mit Forderungen vor. Wichtigste Punkte: Änderung des Firmennamens, Ankauf moderner Flugzeuge, Austausch des Spitzenmanagements, Abbau der Schulden und Aufstockung des Kapitals.
Wütend lehnte Präsident Bay jegliche Diskussion um die Schriftzüge auf seinen Jets ab: "Niemals werden wir den Namen Spantax aufgeben." Über alles andere ließe sich dagegen reden. Tatsächlich wurde daraufhin zwar viel geredet, aber nicht gehandelt.
Am liebsten hätten die Reise-Riesen aus Alemania die spanische Unglückslinie daher schon im letzten Winter aus den Programmen geworfen, weil sich mehr und mehr Kunden weigerten, Spantax-Jets zu betreten. Doch eine vorzeitige Auflösung der Verträge wäre von den Spaniern unweigerlich mit Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe beantwortet worden. So viel Geld war den Touristikunternehmen die Flugangst ihrer Kundschaft nicht wert.
Nun droht der Fluggesellschaft, die seit 1964 rund sechs Millionen westdeutsche Touristen befördert hat, doch das Aus. Allein im letzten Jahr stieg noch rund jeder fünfte der insgesamt 1,5 Millionen Spantax-Passagiere auf einem deutschen Flughafen ein, "wenn auch oft nur sehr widerwillig", wie die Mitarbeiter in Reisebüros häufig genug feststellen mußten.
Der Airline, so beklagen ihre langjährigen Partner, ist genau das widerfahren, was einer Fluggesellschaft auf keinen Fall passieren darf: Jahrelang erschien ihr Name in der Weltpresse vornehmlich in Katastrophenberichten. Spantax gilt nach Meinung vieler Urlaubsflieger als unsicherer Kantonist am Luftfahrthimmel.
Tatsächlich liest sich die Firmen-Chronik wie das Drehbuch zu einer Gruselfilm-Serie: *___Am 7. Dezember 1965 starben alle 32 Insassen beim ____Absturz einer Spantax-DC-3 auf der Ferieninsel ____Teneriffa. *___Am 6. Januar 1970 verunglückte eine vierstrahlige ____Convair Coronado kurz nach dem Start in Stockholm; fünf ____Tote. *___Am 3. Dezember 1972 stürzte, wiederum auf Teneriffa, ____eine weitere Coronado ab; alle 155 Insassen starben. *___Am 4. April 1978 zerstörte ein Spantax-Pilot die dritte ____Coronado, weil er bei der Landung in Köln vergessen ____hatte, das Fahrwerk auszufahren; 139 Passagiere und ____sieben Besatzungsmitglieder überlebten dank einer ____Verkettung glücklicher Umstände. *___Am 13. September 1982 brannte in Malaga ein ____Großraumflugzeug vom Typ DC-10 nach einem zu spät ____abgebrochenen Startversuch des Piloten aus; 57 von 392 ____Insassen starben.
Selbst in Spanien, wo Vorwürfe aus Deutschland jahrelang als von Konkurrenten gesteuerte Pressekampagne abgetan wurden, setzte nach dem jüngsten Desaster von Malaga heftige Kritik ein.
Die Tageszeitung "El Pais" forderte im September letzten Jahres die Regierung in Madrid auf, den Ursachen der Unglücksfälle auf den Grund zu gehen. Das angesehene Blatt warf der Spantax in mehreren Fällen Schlamperei, Leichtsinn und vorsätzliche Gefährdung von Passagieren vor. Die Sparmaßnahmen der mit über 100 Millionen Mark verschuldeten Fluggesellschaft gingen, so wurde gemutmaßt, häufig auf Kosten der Flugsicherheit. Vorschriften für Arbeitszeit und Wartung seien mehrfach gebrochen worden.
Um trotz der Absage der Branchengiganten TUI, NUR und ITS nicht gänzlich vom deutschen Markt zu verschwinden, wollen die Spanier künftig mit Dumpingpreisen Kleinunternehmer dazu gewinnen, Charterflüge mit Spantax als Pauschalreisen anzubieten. "Vermutlich", so schätzt einer der Reisechefs aus dem bundesdeutschen Spitzentrio, "lassen sich immer einige Kunden finden, die bereit sind, zwei Stunden zu zittern, wenn es nur billig genug ist."
Die deutschen Charterfluggesellschaften und Spantax-Konkurrenten Condor,
LTU und Hapag-Lloyd hoffen derweil schon darauf, vom Herbst an ihre derzeit rückläufigen Passagierzahlen mit den vormaligen Spantax-Kunden mehr als ausgleichen zu können.
Offiziell üben die deutschen Bedarfsflieger noch vornehme Zurückhaltung, aber Vertrauten gegenüber frohlocken sie: "Das gibt Auftrieb."

DER SPIEGEL 25/1983
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