07.03.1983

„Wir haben ein gutes Polster“

SPIEGEL-Interview mit dem Energie-Experten Ulf Lantzke über Ölpreise und die Opec Die Förderländer der Opec haben vorige Woche vergeblich versucht, den Sturz der Ölpreise zu bremsen und sich über ihre Politik zu einigen. Der Deutsche Ulf Lantzke, 55, ist Direktor der Internationalen Energie-Agentur, die in Versorgungskrisen das Öl auf die Industrieländer verteilen soll.
SPIEGEL: Herr Lantzke, das Ölkartell scheint zusammenzubrechen. Brauchen wir die Opec eigentlich noch?
LANTZKE: Die Opec hat Schwierigkeiten, das ist unübersehbar. Daß sie zusammenbricht, bezweifle ich. Die Ölförderländer müssen die fallende Nachfrage mit den Förderzielen der einzelnen Länder in Einklang bringen. Das ist nicht einfach, da müssen Wunschvorstellungen und Entwicklungsprogramme korrigiert werden. Ob wir die Opec brauchen - das ist eine Frage, die wir uns eigentlich nicht stellen müssen, sondern das ist eine Frage an die Opec-Länder.
SPIEGEL: Welcher Rohölpreis schiene Ihnen gegenwärtig realistisch?
LANTZKE: Der Preis von 34 Dollar war offensichtlich zu hoch, Saudi-Arabien hat zweimal den vergeblichen Versuch gemacht, den Preisauftrieb zu bremsen. Welches der richtige Preis ist, vermag wahrscheinlich niemand zu sagen. Wir wissen, daß Konkurrenz-Energien zu Kosten produziert werden können, die wesentlich unter diesem Preis liegen.
SPIEGEL: Auf welche Förderung müßte sich die Opec beschränken, um einen weiteren Preissturz zu verhindern?
LANTZKE: Die Nachfrage nach Opec-Öl wird sich 1983 etwa in denselben Größenordnungen bewegen wie 1982. Der extrem milde Winter drückt zudem die Nachfrage im Jahresdurchschnitt um weitere 0,5 bis eine Million Barrel. Bis Mai oder Juni zumindest muß die Opec, die jetzt pro Tag 13 bis 14 Millionen Barrel fördert, damit rechnen, daß die Produktion zumindest temporär unter 15 Millionen Barrel bleibt.
SPIEGEL: Werden nicht einige Förderländer, wenn Produktion und Preise sinken, bankrott gehen?
LANTZKE: Gewiß entstehen da Probleme, aber die werden in der öffentlichen Diskussion oft ein wenig übertrieben. Das Bankensystem ist mit der durch die Petrodollars sprunghaft steigenden Geldmenge fertiggeworden, und ich sehe nicht, warum das Bankensystem nicht mit einem bisher ja immer noch begrenzten Preisrückgang fertig werden sollte. Einige Schuldner-Länder werden in eine schwierigere Situation kommen, dafür wird die Situation anderer Schuldner-Länder erleichtert.
SPIEGEL: Werden die gedrosselten Entwicklungsprogramme in den Ölförderländern dazu führen, daß Exportländer wie die Bundesrepublik weniger Aufträge bekommen?
LANTZKE: Ja, aber ich glaube immer noch, daß dieser Auftragsrückgang mehr als ausgeglichen wird durch Nachfrage, die in den Industrieländern selbst durch sinkende Energiekosten ausgelöst wird.
SPIEGEL: Werden niedrigere Ölpreise dazu führen, daß die Entwicklung alternativer Energien vernachlässigt und wieder verschwenderischer mit Öl umgegangen wird?
LANTZKE: Ich denke nicht. Der heutige Ölpreis liegt immer noch so hoch, daß letztlich ein entscheidender Einbruch kaum erfolgen kann.
SPIEGEL: Wird beispielsweise die Kohle nun wieder weniger eingesetzt werden?
LANTZKE: In den beiden vergangenen Jahren hatten wir vorübergehend einen Kohleboom. Wir haben immer gewarnt, diesen Aufschwung nicht zu überschätzen, weil die Kohle erst dann im großen Stil genutzt werden kann, wenn die erforderlichen neuen Anlagen da sind. Das aber wird erst in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zu erwarten sein. Das mag sich durch die Rezession sogar noch um einige Jahre verzögert haben.
Aber es bleibt die Tatsache, daß die Produktionskosten der Kohle weiter unter dem derzeitigen Ölpreis liegen. Wir sollten jedenfalls nicht wieder in die Illusion der 60er Jahre zurückfallen, als wir alle noch glaubten, daß wir immer über reichlich Erdöl zu billigen Preisen verfügen könnten. Wie trügerisch dies offenkundig war, ist uns mit einiger Härte klargemacht worden.
SPIEGEL: Sie sehen eine Gefahr, daß die Abhängigkeit von den Ölstaaten wieder größer werden könnte, weil Industrie und Verbraucher bei sinkenden Preisen leichtfertiger mit dem Öl umgehen?
LANTZKE: Natürlich besteht immer diese Gefahr, wenn der Druck nachläßt. Aber ich meine, daß der Anteil der Heiz- und Benzinkosten am Budget der privaten Verbraucher noch immer so hoch ist, daß es lohnt, weiterhin sparsam mit Energie umzugehen. Auch in der Industrie sind die Energiekosten noch immer ein so entscheidender Faktor, daß die Unternehmen jede Anstrengung machen werden, diese Kosten weiter zu senken.
SPIEGEL: Wann kommt der nächste Ölpreis-Schub?
LANTZKE: Ein Schub kommt hoffentlich nie mehr. Wir haben das zu einem gewissen Maße selbst in der Hand, wir müssen die Nachfrage nach Öl in Grenzen halten. Langfristig sollten wir uns darauf einstellen, daß sich die Angebots-Nachfrage-Situation beim Öl wieder ausbalanciert und daß dann natürlich auch wieder die Preise steigen könnten.
Zunächst aber möchte die Opec in diesem Jahr sieben oder acht Millionen Barrel pro Tag mehr fördern, als verlangt werden. Da müssen wir in den kommenden drei, vier Jahren nicht mit neuem Druck rechnen. Selbst wenn die Weltwirtschaft sehr schnell wieder in Gang kommt, haben wir ein gutes Polster.

DER SPIEGEL 10/1983
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DER SPIEGEL 10/1983
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