16.05.1983

Flick-Affäre: Kinder, da ist viel drin

Wirtschaftsminister Lambsdorff und sein Vorgänger Friderichs müssen eine Hoffnung begraben: Der tote FDP-Schatzmeister Karry fällt nach den letzten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft als Entlastungszeuge aus. Im Gegenteil: Der Verdacht der Vorteilsannahme gegen die beiden Liberalen hat sich durch neue Indizien erhärtet. *

Die Erkenntnis ist alt, aber fast immer richtig: Tote Zeugen sind gute Zeugen. Dem Lehrsatz folgten auch die Verteidiger im Fall Flick.

In dem Dickicht des Bonner Polit-Krimis, der von Schmiergeldern, prominenten Politikern und illegalen Parteispenden handelt, tauchte der Tote Ende vergangenen Jahres auf: Heinz Herbert Karry, der im Mai 1981 ermordete Bundesschatzmeister der FDP, wurde posthum zur Schlüsselfigur der Affäre erklärt.

In dieser Rolle sollte Karry vor allem zwei prominente Freidemokraten entlasten: den amtierenden Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff und seinen Vorgänger Hans Friderichs, inzwischen Chef der Dresdner Bank. Die beiden, so der Verdacht der Bonner Staatsanwaltschaft, sollen Geld vom Flick-Konzern bekommen haben, während sie gleichzeitig als Wirtschaftsminister Entscheidungen trafen, die der Firma mehrere hundert Millionen Mark Steuern ersparten.

Diesen Vorwurf, so dachten die Anwälte der beiden Liberalen, könne der tote Zeuge Karry bestens entkräften. Als Schatzmeister der finanziell bedrängten FDP hantierte er ständig mit schmutzigen Geldern. Warum sollte er da nicht auch Flick-Tausender eingesammelt haben?

Genau auf diese These hatten Friderichs, Lambsdorff und der gleichfalls beschuldigte ehemalige Flick-Gesellschafter Eberhard von Brauchitsch ihre Verteidigung zugeschnitten. Fast gleichlautend teilten ihre Anwälte den Bonner Staatsanwälten mit: Karry war's.

Damit aber schienen die Vermutungen der Bonner Staatsanwälte widerlegt. Von Brauchitsch, das hatten die Ermittler aus den beschlagnahmten Unterlagen geschlossen, hatte sich die Zuneigung prominenter Politiker, vor allem der beiden FDP-Minister, jahrelang mit Geld erkauft.

Und das, so der Vorwurf der Staatsanwälte, aus einem Grund: Flick brauchte die Genehmigung der Bonner Wirtschaftsminister, um jene 1,9 Milliarden Mark Gewinn steuerfrei wiederanlegen zu können, die der Firma am 2. Januar 1976 aus dem Verkauf ihrer Daimler-Aktien zugeflossen waren.

Wenn jene Briefumschläge, in denen von Brauchitsch die Tausender zu übergeben pflegte, tatsächlich an Karry und nicht an die amtierenden Bundesminister gegangen waren, dann war für die Staatsanwälte aus dem größten Wirtschaftskrimi der deutschen Nachkriegszeit die Luft raus. Wie anrüchig auch immer solche Geldtransaktionen sein mögen: Strafrechtlich ließ sich der Vorwurf der "Vorteilsannahme" nur halten, wenn die Amtsträger Friderichs und Lambsdorff direkt Geld genommen hatten und dafür gefällig gewesen waren.

Die Aufzeichnungen des Flick-Buchhalters Rudolf Diehl, in denen über Jahre immer wieder die Namen Friderichs und Lambsdorff als Zahlungsempfänger vorkommen, konnten die Anwälte ebenfalls erklären. Die Namen seien als "parteipolitische Richtung", als "plakative Kürzel" verwendet worden. Friderichs und Lambsdorff hätten für den rechten, wirtschaftsfreundlichen Flügel der FDP gestanden.

Von Brauchitsch (firmeninternes Kürzel: v. B.) stützte diese These mit Details. Manchmal hätten zwei enge Freunde den Geldtransport an Karry besorgt: der Altliberale Ferry von Berghes und der ehemalige Hamburger Werftbesitzer Willy Schlieker - zwei Zeugen, die inzwischen ebenfalls gestorben sind.

Doch die sorgsam aufgebaute Verteidigungslinie hielt nicht. Die Staatsanwälte fanden bei einer Durchsuchung das gemeinsame Strategiepapier der Rechtsanwälte. Daraufhin verfolgten sie in wochenlangen Recherchen die Spur des toten Alibi-Zeugen Karry.

Wenn die Flick-Gelder so stetig geflossen waren, mußten doch Freunde und engste Mitarbeiter des ermordeten FDP-Schatzmeisters davon wissen. Das Ergebnis: Karry und die anderen Toten geben zur Entlastung von Friderichs und Lambsdorff kaum noch etwas her.

Einen ersten Anhaltspunkt hatte von Brauchitsch selbst geliefert. 1977, so sein Anwalt, habe v. B. an Karry einen Betrag persönlich im Frankfurter Hotel Intercontinental übergeben. Der Brauchitsch-Chauffeur, der Herr Konrad, könne sich noch gut daran erinnern, damals mit dem Karry-Fahrer gesprochen zu haben.

Die Staatsanwälte hielten die Geschichte dem ehemaligen Karry-Fahrer Oswald Koch vor: "Hierüber", gab Koch zu Protokoll, "ist mir nichts bekannt." Den Namen von Brauchitsch habe er erst aus der Presse erfahren.

Aus Kochs Fahrtenbuch und Karrys Terminkalender ergibt sich, daß der Fahrer seinen Dienstherrn zwischen 1975 und 1980 zehnmal nach Düsseldorf, dem Flick-Firmensitz, gefahren hat. Obwohl es sich fast immer um Karrys übliche Spendentouren handelte, führte keine Reise zu Flick - Karrys Terminkalender nennt jeweils die Adressen anderer Industrieller.

Die Staatsanwälte befragten Karrys Familie nach möglichen Kontakten mit von Brauchitsch oder dessen Abgesandten. Ehefrau Maria, Bruder Eric und Sohn Ronald, der einige private Konten des FDP-Politikers führte, hatten nie davon gehört. Auch Karrys langjährige Freundin wußte weder von Flick-Zahlungen, noch kannte sie die Namen von Berghes oder Schlieker.

Hans Elsner, lange Jahre Karrys Persönlicher Referent im hessischen Wirtschaftsministerium, hätte es eigentlich wissen müssen. Elsner leitete gleichzeitig das Referat für "Aufgaben übergeordneter Art". Dazu gehörten auch Karrys Spendengeschäfte, die Elsner disponierte. Der Staatsanwaltschaft in Wiesbaden legte Elsner den Karry-Hefter, ein Einnahmen- und Ausgabenbuch für die Jahre 1970 bis 1979, vor. Elsner sagte aus, daß Karry Spendenunterlagen ständig in einem Aktenkoffer mit sich herumgetragen habe - die "mexikanische Buchhaltung", wie er Staatsanwälten erklärte.

Nach Karrys Tod verbrannte Elsner einen Ordner, in dem Durchschriften von Dankschreiben an Spender aufbewahrt waren. Doch auch dieser Mann, der Karrys Spendengeschäfte so intim kannte, antwortete dem Staatsanwalt: Er könne sich "an einen Spendenvorgang Flick nicht erinnern". Eine Verbindung zwischen "Herrn Karry und der Firma Flick ist mir im Bereich von Spendenangelegenheiten nicht bekannt." Elsner: "Bei Schlieker fällt mir lediglich die gleichnamige Werft ein."

Die Zeugin Lieselotte Zarda führte über Jahre den Terminkalender im Vorzimmer Karrys. Sollten Treffen zwischen Karry und v. B. vereinbart worden sein, "so müßte es in meinem Terminkalender stehen". Da steht aber nichts.

Karrys Mitarbeiterin Doris Günther erinnerte sich gegenüber den Staatsanwälten, daß ihr leutseliger Chef schon mal seine Aktentasche mit den Worten schwenkte: "Kinder, da ist viel drin." Auch habe Karry ihr hin und wieder Schecks und Bargeld für die Partei übergeben. Aber: "Von Spenden der Firma Flick an Herrn Karry", sagte Frau Günther aus, "ist mir nichts bekannt."

Martin Lange, der Geschäftsführer der FDP in Hessen, wußte ebenfalls nichts. Dabei war Lange in finanzielle Situationen der FDP immerhin so weit eingeweiht, daß er von jenen 10,8 Millionen Mark Schulden wußte, die Karry bei seinem Amtsantritt als Bundesschatzmeister vorgefunden hatte.

Dem Schatzmeister der FDP-eigenen Karl-Hermann-Flach-Stiftung, Raimund Bach, gleichzeitig einer der beiden Revisoren der Bundespartei, sind "die Namen Flick, von Brauchitsch" im Zusammenhang mit Spenden "kein Begriff". Immerhin vertraute Karry dem Revisor so sehr, daß er ihm eine Vollmacht für das wichtigste FDP-Spendenkonto bei der Internationalen Genossenschaftsbank in Basel einräumte. Von dort überwies Bach nach Karrys Tod fünf Millionen Mark an die FDP in Bonn. Flick-Geld, soweit die Staatsanwaltschaft das kontrollieren konnte, war nicht dabei.

Heinz Herbert Karry, das ergaben die Zeugenaussagen übereinstimmend, war ein chaotisch-begabter Spendensammler, der die FDP-Kassen in wenigen Jahren füllte. Doch die These der Rechtsanwälte, wonach die Flick-Gelder persönlich an Karry und nicht, wie Buchhalter Diehl notiert hatte, an die möglichen Zwischenträger Friderichs und Lambsdorff gingen, wurde durch die Aussagen kräftig erschüttert.

Wochenlang, von Januar bis März, untersuchten die Staatsanwälte noch einmal die "vertraulichen Tageskopien", die Eberhard von Brauchitsch über mehr als ein halbes Dutzend Jahre geführt hatte. Die Aufzeichnungen waren den Ermittlern bei einer Flick-Hausdurchsuchung in die Hände gefallen. Bei dem "geradezu exzessiven Dokumentationswesen" der Flick-Konzernleitung (Friderichs-Anwalt Eberhard Wahle) mußte die angeblich enge Verbindung zu Karry eigentlich aufgezeichnet sein.

Die Recherchen durchlöcherten wieder die Verteidiger-These. Die Korrespondenz, die von Brauchitsch mit von Berghes und Schlieker führte, ergab keinerlei Hinweise, daß die Vertrauten als Geldboten zu Karry geschickt worden waren.

Zwischen von Brauchitsch und Karry selbst finden sich über die Jahre lediglich acht Telephongespräche. In einem Brief, den die Staatsanwälte beschlagnahmten, bedauert Karry sogar, daß man "sich so lange nicht gesehen" habe.

"Die Durchsicht der Tageskopien hat keine Umstände ergeben", vermerkten die Staatsanwälte im März dieses Jahres, "die die auf Karry, Berghes und Schlieker zielenden Einlassungen bestätigen."

Lambsdorff hatte diese Bestätigung von einem Parteifreund erhofft. Der

Bundesgeschäftsführer der FDP, Fritz Fliszar, "kann aus eigener Wahrnehmung berichten", so hatte der Lambsdorff-Anwalt geschrieben, "daß Herr Karry Barbeträge auch von der Flick-Gruppe erhielt".

Doch der Zeuge Fritz Fliszar war sich da gar nicht so sicher: Er wollte den Lambsdorff-Satz "weder bestätigen noch ausschließen".

Der Zeuge Fliszar wußte auch von einer anderen Sache gar nichts, die dem Lambsdorff-Vorgänger Friderichs aus dem Gedränge helfen sollte.

Friderichs hatte im Juli 1980, er war schon über zwei Jahre Chef der Dresdner Bank, aus einem Urlaub in der Bretagne eine Briefkarte an von Brauchitsch geschrieben, in der er 123 000 Mark anmahnte. Friderichs' und von Brauchitschs Erklärung für den Urlaubsgruß: Auf einer Krisensitzung im Jahre 1975, von der allerdings Friderichs erst später erfahren haben will, sei die katastrophale Finanzlage der FDP zwischen FDP-Präsidium und Wirtschaftsvertretern diskutiert worden.

Verschiedene Firmen hätten anläßlich des Gesprächs der FDP feste Geldbeträge zugesagt. Sein Vorgänger Konrad Kaletsch, so von Brauchitsch, habe Karry drei Millionen versprochen. Später habe er sich mit Karry über die Abwicklung der Zahlungen verkracht. Friderichs habe fortan zwischen Karry und ihm vermittelt. Das, sagt auch Friderichs, sei der Hintergrund der Briefkarte.

Doch die Drei-Millionen-Geschichte war weder Fliszar noch den anderen Zeugen je zu Ohren gekommen.

Hans-Dietrich Genscher, der im Dezember letzten Jahres vernommen wurde, erinnerte sich nur sehr undeutlich an das Krisengespräch. Gespräche mit führenden Vertretern der Wirtschaft habe es gegeben, sagte er den Staatsanwälten, "solange ich zurückdenken kann. Es kann deswegen auch sehr wohl sein, daß 1975 ein Gespräch stattgefunden hat".

"Der Beweis für die Richtigkeit" der Drei-Millionen-Zusage, so hatte der Brauchitsch-Anwalt geschrieben, "läßt sich durch eine Anhörung von Herrn Genscher ... erbringen".

Doch Genscher, dessen Partei durch die Flick-Zusage immerhin vor einem drohenden Ruin bewahrt wurde, kann oder will den Beweis nicht erbringen: Finanzabsprachen seien mit ihm oder in seiner Gegenwart "zu keiner Zeit bei solchen Gelegenheiten getroffen worden". Vielmehr habe er immer gesagt, "der Herr Karry wird auf Sie zukommen". Von konkreten Zusagen einzelner Firmen und der "Höhe" wisse er nichts.

Zu Friderichs' angeblicher Vermittlerrolle zwischen Karry und von Brauchitsch sagt Genscher: Er habe nach Friderichs' Ausscheiden aus der Politik und dessen Einstieg bei der Dresdner Bank "bei irgendeiner Gelegenheit Herrn Karry sehr salopp gefragt, ob unser früherer Kollege ihm auch hilft, nachdem er im Bankgeschäft tätig ist". Karry habe ihm dem Sinne nach geantwortet, "bei seiner jetzigen geschäftlichen Tätigkeit setze ich ihn natürlich ein. Er darf nicht vergessen, wo er politisch hingehört". Er sei sehr sicher, so Genscher, daß Karry auch gesagt habe, Friderichs auf von Brauchitsch "angesetzt" zu haben.

Präziser kann sich Genscher an die Rettungsaktion zugunsten der FDP nicht erinnern.

Die Spur Karry, von den Verteidigern gelegt, dürfte so am Ende kaum weiterhelfen. Die Beschuldigten Friderichs und Lambsdorff müssen, trotz aller Unschuldsbeteuerungen weiterhin damit rechnen, wegen des Verdachts der Vorteilsannahme angeklagt zu werden.

Mitte Februar, bei einer weiteren Durchsuchung der Firma Flick, kamen die Staatsanwälte wieder ein Stück weiter. Sie fanden neues Belastungsmaterial. Die sichergestellten Unterlagen zeigen, daß der Verdacht, Friderichs und Lambsdorff hätten als Bundesminister für Wirtschaft "finanzielle Zuwendungen" von Flick erhalten, so abwegig nicht sein kann.

Bei Heribert Blaschke, dem Chef der Steuerabteilung des Hauses Flick, nahmen die Ermittler eine Rechnung der Düsseldorfer Fluggesellschaft Air Traffic mit, die "für die Charterung eines Flugzeuges" ausgestellt worden war.

"Wir erlauben uns", heißt es darin, "den für Sie am 2./3. 9. 1977 durchgeführten Flug mit dem Flugzeug D-CCPD LR 36 wie folgt zu berechnen: Düsseldorf-Köln-Neapel-Nizza-Düsseldorf. Insgesamt 13 277,66 Mark", zu überweisen auf ein Konto der Migros Bank AG in Düsseldorf.

Die Rechnung bezahlte der Flick-Konzern, ein guter Kunde der Düsseldorfer Charter-Gesellschaft. Gebucht wurde der Flug plus Übernachtung für einen Freund des Hauses, den damaligen Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs. An ihn erinnert sich der Pilot Horst Mentlewitsch noch heute aus einem ganz besonderen Grund: Friderichs schenkte ihm ein Feuerzeug, auf dem der Name des Ministers eingraviert war.

Über den Mittelmeer-Trip nach Italien und Frankreich wollten die Bonner Staatsanwälte Genaueres wissen. Was macht der Wirtschaftsminister, der sich vorher so intensiv um die Steuerbefreiung für den Industriekonzern bemüht hatte, an Bord einer von Flick gecharterten Privatmaschine? Dafür hatte Ministerialdirigent Klaus Wohlleben, ehemals Leiter des Ministerbüros, bei seiner Vernehmung vor der Staatsanwaltschaft auch eine Erklärung:

Friderichs, sagte er aus, habe zu jener Zeit das Angebot gehabt, Vorstandssprecher der Dresdner Bank in Frankfurt zu werden. Wohlleben, ein guter Bekannter aus Friderichs' Wahlkreis Bad Kreuznach, war angeblich "als erster im Ministerium" über den Berufswechsel seines Chefs informiert. Er selber habe in dieser Sache "einige Telephonate" mit dem stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden der Dresdner Bank, Hans-Günther Sohl, geführt.

Friderichs wollte angeblich zur Vorbereitung seiner Entscheidung "die Meinung persönlicher Freunde einholen, die nichts mit Politik oder Wirtschaft zu tun hatten". Wohlleben vor der Staatsanwaltschaft: "Da die Angelegenheit eilbedürftig war und diese persönlichen Freunde zu dieser Zeit im Ausland waren, mußte geflogen werden."

Wohlleben, der mit an Bord war, gab bei seiner Vernehmung an, der Flug sei von der Dresdner Bank organisiert worden. Das wollten die Staatsanwälte, weil sie nach eigenen Recherchen schon etwas mehr wußten, dem Ministerialbeamten nicht glauben. Er müsse sich irren, hielten sie dem Beamten vor, der Flug sei nicht von der Dresdner Bank vorbereitet worden. Er, Wohlleben, habe doch "wenige Tage vor dieser Reise mehrfach mit dem Sekretariat von Brauchitsch telephoniert und über Einzelheiten des Fluges und die Passagierliste gesprochen".

Die Staatsanwälte hatten bei einer Durchsuchung Notizen gefunden, die belegen, daß Flick-Mitarbeiter auch damit befaßt waren, die Ehefrau des Ministers, Erika Friderichs, per Hubschrauber von Idar-Oberstein zur Nizza-Maschine nach Köln bringen zu lassen.

Wohlleben, von den Staatsanwälten mit den Flick-Aufzeichnungen konfrontiert, reagierte jetzt wie vor ihm fast alle anderen, die zur Flick-Affäre aussagen sollten: "Ich kann nur sagen, daß mir Einzelheiten völlig entfallen sind."

Gerade Einzelheiten gingen die Staatsanwälte nach. So fanden sie heraus, daß Friderichs mit von Brauchitsch im Privatjet auch gen Norden unterwegs war. Im April 1977 bestieg Friderichs in Frankfurt ein Flugzeug, holte seinen Duzfreund v.B. in Düsseldorf ab und schwebte eine Stunde später in Hamburg-Fuhlsbüttel ein. Dann ging die Reise weiter nach Schleswig-Holstein. Dort besuchten die beiden Gut Schierensee, wo der Verleger Axel Springer ein Herrenhaus besitzt.

Wie Hans Friderichs, der im Fluge den Rat von Freunden einholte, hatte der Nachfolger im Amt des Bundeswirtschaftsministers, Otto Graf Lambsdorff, offenbar ebenfalls Flug-Verbindungen zu Flick. Bei einer Durchsuchung der Geschäftsräume der "Air Traffic GmbH Executive Jet Service" auf dem Düsseldorfer Flughafen, Halle 3, entdeckten die Ermittler Unterlagen, die vermuten lassen, daß auch Lambsdorff auf Kosten Flicks unterwegs war.

Gefunden wurde die Rechnung Nr. 6973 an Flick, auf der eingetragen ist: "Wir erlauben uns, den für Sie am 13. 6. 1979 durchgeführten Flug mit dem Flugzeug D-COOL wie folgt zu berechnen: Düsseldorf - Köln - München - Düsseldorf. Gesamtflugzeit 2 Stunden, 35 Minuten, a Stunde 2300 Mark, plus 5 % Eurocontrol, 3 Abfertigungen Inland a DM 300,-, insgesamt 7995,27 Mark."

Das passende Gegenstück zur Rechnung fanden die Staatsanwälte in den Aufzeichnungen des Chefbuchhalters Diehl. Darin wird die Hälfte des Betrages, 3997,63 Mark, unter dem "Betreff: Zahlungen an FDP (Air Traffic Düsseldorf wegen Graf Lambsdorff)" notiert.

Auf der von Flick-Gesellschafter Hanns Arnt Vogels abgezeichneten Rechnung befindet sich der Vermerk: "Reisekosten Fremde". Vogels, inzwischen Chef bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm, kann sich "nicht erinnern, daß Graf Lambsdorff als Gast mit mir nach München geflogen ist". Aber er hält es "nicht für ausgeschlossen auf Grund der Flugroute", daß er am gleichen Tag "einen Termin mit Graf Lambsdorff in Bonn hatte".

Viele Einlassungen von Zeugen und Beschuldigten, die in den vergangenen Wochen von der Staatsanwaltschaft überprüft wurden, passen nicht zusammen. Klar wird nur, daß in von FDP-Politikern geführten Ministerien Amtsgeschäfte und Spendenakquisition der Parteien durcheinandergingen.

Die Staatsanwaltschaft schreibt inzwischen dem Ministerialdirigenten Wohlleben, der bis Juni 1978 auch bei Lambsdorff das Ministerbüro leitete und jetzt im Wirtschaftsministerium für "Verwaltung" zuständig ist, "in der 6b-Abschreibung eine bestimmte Mittlerrolle" zu. "Möglicherweise", so ein Vermerk der Bonner Fahnder vom März 1983, sei er "bei finanziellen Transaktionen eingeschaltet gewesen".

Bei seiner ersten Vernehmung am 23. April 1982 hatte der Friderichs-Vertraute eine Brauchitsch-Aktennotiz ("Wohlleben wird versuchen, die Staffette 6b an Lambsdorff weiterzugeben") nicht interpretieren können. Wohlleben: "Ich habe keine Erklärung dafür, was mit dieser Bezeichnung gemeint sein soll."

Bei einer zweiten Vernehmung, Ende Dezember letzten Jahres, klappte es mit der Erinnerung schon besser. Er habe als Leiter des Ministerbüros, so gab er zu Protokoll, in den Jahren 1975 bis 1977 mehrfach vertrauliche Unterlagen von Friderichs an von Brauchitsch übermittelt. Insgesamt habe er den Flick-Manager "etwa zehnmal" in Düsseldorf aufgesucht und dabei "vertrauliche Sendungen" für seinen Minister entgegengenommen. Auf drängende Fragen der Staatsanwaltschaft wollte der Bote Wohlleben nicht ausschließen, daß auch Bargeld in den Briefumschlägen steckte.

Dafür gibt es Indizien. Als die Fahnder den Terminkalender der Firma Flick überprüften, stellten sie fest, daß Wohlleben zweimal an Tagen bei von Brauchitsch war, an denen dieser nach den Aufzeichnungen Diehls jeweils für Friderichs bestimmte Bargeldbeträge aus der Dispositionskasse entgegengenommen und quittiert hatte.

Bei der dritten Vernehmung, im März 1983, wußte Wohlleben, was er bei seinen "vertraulichen Sendungen" transportiert hatte. Er sagte aus, es habe sich um Papiere mit "aktuellen wirtschaftspolitischen Fragen" gehandelt, die Friderichs vom Flick-Gesellschafter von Brauchitsch beantwortet haben wollte. Zu den angeschnittenen Themen, die dem Topmanager auf so geheimnisvolle Art vorgelegt wurden, wollte Wohlleben nichts sagen. Dazu fehle ihm die Aussagegenehmigung.

Wenn es um Geld geht, fehlt ihm auch stets die Erinnerung. Die Abteilung für Wirtschaftsstrafsachen der Bonner Staatsanwaltschaft stellte bei Firmendurchsuchungen Schriftstücke sicher, die belegen, daß Wohlleben von Zahlungen an die Partei und an parteinahe Vereine Kenntnis hatte.

Bei Mannesmann fand sich eine Aufzeichnung vom Dezember 1975, in der es

heißt: "Anruf Wohlleben: 25 000 Mark für die Gesellschaft zur Förderung der freien Marktwirtschaft in Europa e. V., Rodenkirchen, sollen auf das Konto Nr. 88 67 80 Dresdner Bank Rodenkirchen überwiesen werden."

Dazu Wohlleben bei seiner Vernehmung: "Ich kann mich nicht erinnern."

Die Gesellschaft ist der Staatsanwaltschaft seit Jahren als FDP-Spendensammelstelle bekannt, gegen deren Geschäftsführer Dr. Friedrich Karl Patterson wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt wird (Az: 40 Js 114/ 81). Patterson, ein enger Vertrauter Lambsdorffs, nimmt ohne Mandat seit langem an Vorstandssitzungen der nordrhein-westfälischen FDP teil. Dort sitzt er dann mit dem Grafen regelmäßig zum Plausch etwas abseits auf einem Sofa.

Wenn Flick Geld an die FDP und FDP-nahe Vereinigungen verteilen wollte, wußte Klaus Wohlleben, der Mann aus dem Minister-Vorzimmer, immer eine passende Kontonummer. Reichlich bedacht wurde das Walter-Eucken-Institut in Freiburg, mal mit 30 000 Mark, mal mit 70 000 Mark.

Dazu Wohlleben bei seiner Vernehmung: "Ich kann mich an diese Einzelheiten nicht erinnern. Es könnte sich aber um einen Forschungsauftrag handeln, den die deutsche Wirtschaft finanzieren sollte."

Manchmal gab es, ganz gezielt, auch finanzielle Hilfe für einzelne Unternehmer. Eine Telephonnotiz des Sekretariats Brauchitsch weist aus, daß Wohlleben den Flick-Manager gebeten hat, die Optischen Werke Jos. Schneider in Bad Kreuznach zu unterstützen. Dort war der Wahlkreis von Hans Friderichs, und Fabrikant Schneider saß für die FDP im Stadtparlament.

Dazu Wohlleben bei seiner Vernehmung: "Diese Aktion ist jedoch nicht von Dr. Friderichs initiiert worden, sondern war eine der wenigen Operationen, die ich persönlich in Gang gebracht habe. Ich stamme aus Bad Kreuznach."

Viel kann Flick nicht gegeben haben, im letzten Jahr ging die Firma pleite. Der Unternehmer Schneider, der im Betrieb mit seiner Pistole herumgefuchtelt hatte, wurde inzwischen entmündigt.

Die zahllosen Details, denen die Ermittler überall in der Bundesrepublik und im Ausland nachgehen müssen, drohen die Bonner Staatsanwaltschaft lahmzulegen. Der Kölner Generalstaatsanwalt hat inzwischen einen Beamten zur Verstärkung abgeordnet.

Auf einen besonders findigen Mitarbeiter allerdings müssen die Staatsanwälte künftig verzichten. Der Bonner Regierungsdirektor Klaus Förster, der als Chef der Steuerfahndung in Sankt Augustin die Parteispendenaffäre und damit am Ende den Flick-Skandal ins Rollen brachte, darf nicht weiter gegen die Politiker ermitteln.

Förster war aufgrund seiner unnachsichtigen Recherchen für die Finanzverwaltung unbequem und an das Finanzamt Köln-Ost zwangsversetzt worden. Seine Einsprüche und eine Klage gegen diese "Abordnungsverfügung" wurden abgewiesen - am letzten Freitag vom Oberverwaltungsgericht Münster endgültig.

Fahnder Förster will den Staatsdienst quittieren.


DER SPIEGEL 20/1983
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