11.04.1983

VATIKANUm Himmels willen

Das soeben eröffnete Heilige Jahr 1983 stellt die Verwaltung der Ewigen Stadt vor unlösbare Probleme.
Dieser Papst ist ein Phänomen. Wo immer sein Photo auftaucht - ob auf Aschenbechern, Schals, Schmucktellern oder Erinnerungsplaketten, "geht der Pole weg wie warme Semmeln", frohlockt der römische Andenkenhändler Giulio Gomanzo. Er erwartet für sich und seine Branche vom eben eröffneten Heiligen Jahr das große Geschäft.
Roms Stadtverwaltung indessen hat den päpstlichen Einfall, 1983 zu einem Jubeljahr zu erklären, mit Skepsis und Argwohn aufgenommen.
Unverhüllt klagten Stadtbeamte über die Verantwortung, die der Papst ihnen auflud, als er im November vergangenen Jahres überraschend das "Heilige Jahr der Erlösung" erfand. Denn die Ewige Stadt hat keine Zeit mehr, sich auf die erwarteten Pilgermassen vorzubereiten.
Zwar verfügte Johannes Paul II., daß zum ersten Mal für den Ablaß der Sünden keine Wallfahrt nach Rom notwendig sei. Dennoch werden im Anno Santo '83 rund zehn Millionen Pilger und Touristen in der italienischen Hauptstadt erwartet.
Wie aber solche Massen, die vor allem aus Deutschland und dem Nachbarstaat Frankreich mit Autobussen anreisen oder in Pkw in die Ewige Stadt kommen, durch die verwinkelten Gassen der römischen Innenstadt schleusen?
Roms antiker Stadtkern erlaubt keinerlei Infrastruktur für den Massentourismus: Parkplätze, Parkhäuser und Umgehungsstraßen können in der 2736 Jahre alten italienischen Hauptstadt auch für das Heilige Jahr nicht schnell gebaut werden.
Die sieben Milliarden Lire (zwölf Millionen Mark), die der Stadtrat schnellstens als "Sonderfonds Heiliges Jahr" zur Verfügung stellte, reichten lediglich für eine kosmetische Schnellkur aus: Aufstellen zusätzlicher Blumenkästen und Abfalleimer und Herrichten einiger Baudenkmäler, die nachts - allen Energiesparmaßnahmen zum Trotz - wieder angestrahlt werden.
Auch ein nächtens bewachter Busparkplatz wurde noch fertig, ein einziger. Drei weitere, die in der Zone um den Vatikan dringend notwendig wären, sind über das Planungsstadium noch nicht hinaus.
Von diesen Notdiensten abgesehen, fehlen Rom die Mittel, sich als Hauptstadt gezielt auf die "päpstliche Herausforderung", so Bürgermeister Ugo Vetere, vorzubereiten. Vetere: "Das Heilige Jahr hat begonnen, aber das Geld fehlt."
Vergeblich hatte die rot regierte Stadt die christdemokratische Landesregierung gebeten, "auch ihren Teil der Verantwortung an einem nationalen Problem zu übernehmen".
Die Stadtverwaltung drängt vor allem auf massive Regierungshilfe, um das römische Straßendickicht zu sanieren, durch das sich zu normalen Zeiten schon drei Millionen Autos im Schneckentempo voranquälen. Unter dem Andrang der Pilgerbusse, so fürchtet die Verwaltung, werde der Verkehr vollends zusammenbrechen, es sei denn, man stelle unverzüglich 2000 zusätzliche Verkehrspolizisten ein. S.183 Einen plastischen Vorgeschmack von den zu erwartenden gigantischen Staus bekommt die Stadt jeden Mittwoch, wenn der populäre polnische Papst auf dem Petersplatz seine Generalaudienz hält, und jeden Sonntag bei seiner Ansprache.
Der Verkehr erstickt an diesen Tagen in der gesamten römischen Innenstadt. Die Zufahrtsstraßen zum Vatikan sollen daher jetzt trotz des Protests der vielen Andenkenverkäufer in der Via della Conciliazione zu Fußgängerzonen werden.
Um keine weitere Zeit zu verlieren, schlug die Stadtverwaltung der italienischen Regierung vor, 2000 Rekruten in einem Schnellehrgang zu Verkehrspolizisten auszubilden und 600 Wehrdienstverweigerer als Museumswächter anzuheuern.
Der Vatikan, der Rom durch das heilige Sonderjahr die zusätzlichen Organisationsprobleme und -kosten aufhalste, zeigte sich gleichgültig gegenüber den Finanzsorgen der Stadt, obschon der Heilige Stuhl an dem Pilgerstrom indirekt verdient.
Der Präsident des vatikanischen Komitees für das Heilige Jahr, Monsignor Mario Schierano, dementierte zwar kategorisch, daß der Papst das Heilige Jahr ausgerufen habe, weil er die schlechte Finanzlage des Vatikans nach dem Skandal um die Vatikanbank aufbessern wolle.
"Um Himmels willen, der Heilige Stuhl verdient keinen Pfennig", entrüstete sich Schierano in Rom und hielt allen Ungläubigen vor, daß schon "das Heilige Jahr 1975 mit einem Zwei-Milliarden-Lire-Defizit abgeschlossen" habe; die Mehreinnahmen der vatikanischen Museen und der Verkauf von Sonderbriefmarken seien "nur ein Tropfen auf den heißen Stein".
Aus einer Untersuchung des italienischen Hotelverbandes geht aber hervor, daß die 320 römischen Hotels und rund 3500 Pensionen an dem Heiligen Jahr so gut wie nichts verdienen, weil dessen Organisation fest in der Hand katholischer Institutionen liegt.
Rombesucher, die als Pilger in die Ewige Stadt reisen, übernachten meist in Klöstern und Seminaren, die mangels eigenen Nachwuchses zahlreich als "religiöse Hotels" den Reisenden geöffnet wurden. Schon im Heiligen Jahr 1975 beherbergten die 1800 religiösen Mutterhäuser in Rom bis zu 12 000 Pilger täglich.
Dank der Steuerfreiheit, die Klöster in Italien aufgrund des Konkordats von 1929 genießen, und dank ihrer geringen Lohnkosten können die "religiösen Hotels" ihre weltliche Konkurrenz erheblich unterbieten.
Die Hoteliers und Restaurantbesitzer fürchten sogar, daß weltlich gesinnte Touristen 1983 zu Hunderttausenden ausbleiben können, weil sie die Pilgermassen scheuen.

DER SPIEGEL 15/1983
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