01.08.1983

UMWELTGrüne Wand

Landespolitiker und Biologielehrer propagieren die totale Umwandlung der klassischen Schulgelände: Öko-Gärten statt Betonplatten und Einheitsrasen. *
Mit Maßband und Kreide machten sich die Kinder in Katzenelnbogen im Taunus über ihre Hauptschule her. Unter Anleitung des Biologielehrers Volker Wessel, 45, ermittelten sie Länge und Breite der grauen Betonklötze, vermaßen Schulhof, Wege, Busstation und Parkplätze rundum - allesamt geteert, gepflastert oder betoniert: eine Steinwüste von 13 500 Quadratmetern.
Weniger Raum - nur 6900 Quadratmeter - nahmen die Grünflächen der Schule ein: Englischer Rasen, Serbische Fichten, Japanische Kirschen, Latschen, Magnolien und anderes exotisches Gehölz. Vergebens hielten die Schüler zwischen den ausländischen Ziergewächsen nach vielerlei Tierarten Ausschau.
Weder Schmetterlinge noch Bienen oder Ameisen, geschweige denn Grillen, Libellen oder Igel ließen sich das Jahr über blicken; die fehlenden heimischen Nahrungspflanzen und der Einsatz von Herbiziden und Rasenmäher hatten sie allesamt vertrieben. Nur Spatzen und Amseln, Kaninchen und Regenwürmer gab es zu beobachten, ganz selten einen Buchfink, eine Elster, eine Rabenkrähe.
Schüler und Lehrer wollten es nicht dabei belassen, den in der Bundesrepublik galoppierenden Artenschwund zu beklagen. Sie beschlossen, in ihrem eigenen Einflußbereich ein "Signal zum Umdenken" zu setzen. In Briefen an das Landratsamt, die Bezirksregierung und das Kultusministerium beschwerten sich
die Schüler über "die kosmetisch-architektonische Einkleidung der betonierten Schulgebäude".
"Ohne Kunstdünger, ohne wöchentliches Rasenmähen, ohne Gifteinsatz und ohne die standortfernen Gehölze", so argumentierten der Bio-Lehrer und die Öko-Arbeitsgemeinschaft der Hauptschüler, "wäre der Schulgarten eine Oase für Wildkräuter, Spinnen und Heuschrecken." Vorschlag der Klassen 7 bis 9 an die hohen Herren in den Ämtern: "Wir verwandeln den Zierrasen nach und nach in eine bunte Wiese, wir schaffen Feuchtgebiete und Hecken im Schulgelände."
Wie gesagt, so getan: Die Schüler erkämpften sich von der Schulbürokratie ein Stück Land. Schon nach der ersten Vegetationsperiode waren auf der Schülerwiese 23 Wildkräuter und zehn Grasarten, darunter die seltene Grasnelke, nachweisbar. Auf dem alten Zierrasen nebenan, den der Hausmeister wie immer gemäht und gedüngt hatte, dagegen waren nur vier Gräser und sechs Wildkräuter zu registrieren.
Der Fall Katzenelnbogen ist nicht einmalig: Viele Lehrer wollen weg von der "Kreidebiologie" (Kollegenjargon), hin zu ökologisch orientiertem, praktischem Unterricht.
Wie im Rhein-Lahn-Kreis holen engagierte Ökologen auch in der Pfalz, in Schleswig-Holstein, Hessen und Niedersachsen die Natur wieder aufs Schulgelände. "Der Schulgarten, den die Nazis mit ihrer Ideologie einst kaputtgemacht hatten, erlebt heute" nach den Beobachtungen des Biologen Wessel "eine Renaissance".
Nach Vorbildern in Waldorfschulen und vor allem nach Modellen in der Schweiz versprechen immer häufiger auch westdeutsche Schul- und Umweltpolitiker den "Abschied vom Einheitsgrün" in den Schulanlagen.
In der Hauptschule in Albersdorf im schleswig-holsteinischen Dithmarschen etwa wurden landschaftstypische Knicks angelegt. In Bad Kreuznach ließ Gymnasialdirektor Werner Keym bei einem Schulfest "Öko-Aktien" für 2,50 Mark das Stück vertreiben; jeder konnte so Mitinhaber des neuen 3000 Quadratmeter großen Wildgartens für Gymnasium, Realschule und Hauptschule werden.
Im Schulbiologiezentrum in Hannover, im Brockenweg 5 A, fordern immer mehr Nachahmer einschlägige Planungsunterlagen an. Auch der Bad Kreuznacher Schulbiologe Reinhard Marks vom Regionalen Pädagogischen Zentrum registriert neuerdings "großes Interesse der Lehrerschaft an der Errichtung von Kleinbiotopen auf dem Schulgelände" und erteilt Tips.
Einige Landesminister haben sich die Idee zu eigen gemacht. Der rheinlandpfälzische Kultusminister Georg Gölter (CDU) pflügte hinter zwei Pferden eigenhändig einen Schulhof in Oppenheim um. In Hamburg propagiert Umweltsenator Wolfgang Curilla (SPD) seit langem mehr "Mut zur grünen Wand", auch in Schulen.
Ermutigung von oben scheint notwendig, um die in Stadt und Land noch immer vorherrschenden vielfältigen Widerstände zu brechen. "In allen möglichen Konferenzen", weiß Wessel, "ist erst einmal vom Aufstand der Hausmeister und Putzfrauen gegen das Unkraut, den Dreck und die Unordnung die Rede, nicht aber vom eigentlichen Sinn der Idee." Bei der Heimatpresse und auf Elternabenden sorgt der Lehrer dafür, daß der Hausmeister "nicht als Faulenzer angesehen wird, weil er nur noch einmal im Jahr mäht".
Der Landkreis und andere Gönner spendierten der Katzenelnbogener Hauptschule schließlich gar ein Vogelbeobachtungshaus; in Nistkästen, die vom Innern der Hütte her einsehbar sind, können Schüler das Brut-, Schlüpf- und Aufzuchtverhalten von Höhlenbrütern verfolgen. 15 Äpfel- und Birnbäume wurden ringsum gepflanzt, um Vögel anzulocken. Weitere Projekte, mit denen Wessel den hergebrachten Biologie-Unterrichtsstil ablösen will, sind ein nahegelegenes Feuchtgebiet, ein Waldlehrpfad, ein Steingarten, ein Heidehügel und ein Versuchsgarten.
Was der "grüne Spinner" (Wessel über Wessel) und seine Gesinnungsgenossen im Kollegenkreis einstweilen nur in den Schulen erreichen wollen, soll im Saarland nach dem Willen des dortigen Umweltministers Günther Schacht bald üblich bei jedermann werden. Ähnlich wie in anderen Ländern wurde auch an der Saar die sogenannte Unkrautverordnung aufgehoben. Jetzt kann nicht mehr von seinem Nachbarn belangt werden, wer seinen eigenen Grund und Boden brachliegen läßt.
Christdemokrat Schacht propagiert offen den Samenflug über jeglichen Zaun: "Ich messe einer vielfältigen, wildgewachsenen Kraut- und Grasflora besondere Bedeutung bei."

DER SPIEGEL 31/1983
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