16.05.1983

SCHULEN

Kampf ums Kind

An den Schulen werden die Schüler knapp. Um der Schließung zu entgehen, lassen sich Gymnasien Werbegags einfallen. *

Drei rockende Lehrer des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Göttingen sind die Stars eines Werbefilms, der die Lehranstalt ins rechte Licht rücken soll. Sie trällern: "Ich steh'' aufs THG, du, du bist okay." Der Spot soll im Herbst vor Eltern und möglichst vielen künftigen Schülern aufgeführt werden.

Lehrer des Kurfürst-Maximilian-Gymnasiums im bayrischen Burghausen versprachen, bis das Kultusministerium einschritt, jenen Schülern Buchprämien, die Freunde, Bruder oder Schwester für ihre Schule keilen.

In Düsseldorf werden Eltern bei Kaffee und Kuchen bedrängt, ihre Kinder anzumelden. Und in Hamburg-Steilshoop wird animiert: "Wollen Sie die Gesamtschule hautnah erleben?"

Werbeslogans und Kaffeekränzchen sind Zeichen eines neuartigen Schulkampfs. Viele Gymnasien und Gesamtschulen, in den Ballungsräumen wie in der Provinz, wollen absehbarer Auszehrung nicht länger tatenlos zusehen.

"Der Schülerklau geht um", beschreibt der Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes Wilhelm Ebert den Verteilungskampf. Bei zu kleinen und zu wenig Klassen, noch dazu bei knappen Kassen, droht mancher Schule der Exitus.

Denn auf die Schülerflut folgt jetzt, wie schon bei den Grundschulen, die Ebbe bei den weiterführenden Schulen. Mitte der siebziger Jahre, auf dem Höchststand, wurden sechs Millionen Zehn- bis Sechzehnjährige gezählt. 1990 werden es nur noch 3,5 Millionen sein - fast 45 Prozent weniger.

In "diesem Jahr 1600 Schüler weniger für die fünften Klassen", rechnet Hamburgs Schulsenator Joist Grolle vor: "Das muß Auswirkungen haben." In München, wo die Zahl der Gymnasiasten binnen dreieinhalb Jahren um rund 7000 abnimmt, erkannte das städtische Schulreferat: "Das heißt, in jedem Jahr haben wir ein Gymnasium weniger."

Der Kampf ums Kind wird hart geführt, und das hessische Kultusministerium warnte schon, es mit der Schulwerbung nicht zu unsachlich zu treiben: "Dann kriegen die das Staatliche Schulamt auf den Hals." Zwei Hamburger Schulleiter wurden bereits zurückgepfiffen. Sie hatten die Konkurrenz madig gemacht.

Fraglich ist, ob Abmahnungen dieser Art fruchten. Denn der "Schülerschwund im Sekundarbereich", prophezeien die Dortmunder Schulentwicklungsforscher Marianne Horstkemper, Klaus Klemm, Klaus-Jürgen Tillmann, wird sich "in den kommenden Jahren enorm verstärken".

Einerseits, heißt es im Hamburger Schulentwicklungsplan, bringe die rückläufige Schülerzahl "spürbare Verbesserungen" - etwa "die Senkung der Klassenfrequenzen" oder "die Verbesserung der Stundentafeln". Andererseits eben auch den schleichenden Schultod. Zudem steht das pädagogische Konzept, entwickelt in den Jahren der Bildungsreform, auf dem Spiel mit einer Skala von Wahlpflicht-, Leistungs-, Neigungs- und Förderkursen.

Noch kommt den weiterführenden Schulen der "Aspirationsschub" der Eltern (so die Dortmunder Forscher) entgegen. Immer mehr Eltern erhoffen für ihre Kinder wenigstens die mittlere Reife, lieber noch das Abitur. Kräftig unterstützt wird der Hang zum Höheren von künftigen Arbeitgebern in Industrie, Handel und Gewerbe: "Immer mehr Firmen wollen heute den Lehrling mit Abitur", sagt der Dortmunder Bildungsforscher Hans-G. Rolff.

Hauptschüler sind kaum mehr gefragt. Obendrein verläßt ein knappes Viertel aller Hauptschüler diese Rest-Bildungsanstalt ohne jeden Abschluß. Hauptschulen können häufig nur noch durch "pädagogische Mund-zu-Mund-Beatmung", so übereinstimmend Berliner und niedersächsische Schulbeamte, überleben. Gerade noch siebzehn Prozent aller Frankfurter Schüler gehen zur

Hauptschule, einst Hauptlieferant für Lehrlinge.

Doch auch so ist die Lage kritisch im höheren Bildungsbereich. Mangels Schüler-Masse wird in diesem Schuljahr das altehrwürdige Irmengard-Gymnasium auf Frauenchiemsee dichtgemacht - nach mehrhundertjähriger Unterweisung meist betuchter Leute Kinder. 400 beziehungsweise 500 Schüler reichten zwei Gymnasien in Bamberg nicht mehr für einen geordneten Schulbetrieb - sie werden zusammengelegt.

Das Stuttgarter Hölderlin-Gymnasium schrammte nur deshalb knapp am Untergang vorbei, weil nach Eltern-Appellen die begehrten Schüler doch noch aufgetrieben wurden. In Hamburg bangen vier Gymnasien und eine Gesamtschule um die Existenz.

Von der Schließung bedroht, verbreitete das Düsseldorfer Rethel-Gymnasium, die benachbarte Gesamtschule Graf-Recke-Straße bleibe ein Provisorium, es gebe im Haushalt für sie keine weiteren Mittel. Prompt beschwerte sich der Gesamtschulleiter über die "Verleumdungs- und Diffamierungskampagne" bei Kultusminister Jürgen Girgensohn und forderte Richtigstellung "wegen der irreparablen Schäden für die Gesamtschule".

Nichts nutzte dagegen dem Hamburger Gymnasium Curschmannstraße die Anpassung an positive Gesamtschul-Erfahrung. Trotz des Werbe-Versprechens, die Kinder bis nachmittags um vier bei Mittagessen, Schularbeiten, Spiel und Musizieren zu beaufsichtigen, blieben Eltern ungerührt. Die Schule wird wohl bald geschlossen werden.

Schulen sind nur leistungsfähig, wenn sie groß genug sind, ist übereinstimmendes Credo der Kultusminister, die den Widersprüchen zwischen bildungspolitischen Zielen und demographischer Entwicklung einstweilen hilflos zusehen. Über die Konzeption eines "kleinen Gymnasiums mit weniger als 500 Schülern" nachzudenken, empfahl daher der Niedersächsische Philologenverband. Die Klassenstärken energisch herunterzufahren, forderte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Derweil versucht Hamburgs Schulsenator durch "behutsame Umverteilung" vorgeschriebene Klassenfrequenzen und Mehrzügigkeit zu erhalten. "Einzügigkeit" einer Schule, so auch Kultusminister Girgensohn, führe "automatisch" dazu, "daß bestimmte Unterrichtsangebote in der erforderlichen Breite" nicht mehr gemacht werden können.

Schleswig-Holstein garantiert, noch zuversichtlich, die "Erhaltung von Schulstandorten". Bayerns Kultusminister Hans Maier beläßt es bei der Warnung vor dem Naheliegenden: "Die Aufnahmepraxis darf sich einzig - und das aus pädagogischem Verantwortungsbewußtsein für den Jugendlichen - an dessen Leistungsfähigkeit und Leistungswillen orientieren."

Tatsächlich jedoch nehmen es Gymnasien im Kampf ums Überleben mit der Leistung nicht mehr so genau. Sie "sahnen unten ab", so das Münchner Stadtschulreferat, "und holen sich Schüler, die früher auf die Realschule gegangen wären". Schon bleiben, beobachten Bildungsforscher, weniger Gymnasiasten _(In Düsseldorf, April 1983. )

sitzen, und auch die Quote derjenigen, die zu den Real- und Hauptschulen absteigen, ist geringer geworden.

Und so wie Gymnasien sich verstärkt der Realschüler annehmen, so füllen Gesamtschulen ihre Klassen zunehmend mit "Hauptschul-Empfohlenen". In Berliner Gesamtschulen machen sie bereits mehr als die Hälfte aus.

"Schmiß man bisher die Schwächeren kurzerhand aus der Schule", so GEW-Sprecher Frank von Auer, "nimmt dieses unmenschliche Verfahren gegen Kinder jetzt ab." Der Vorsitzende des Niedersächsischen Philologenverbands, Roland Neßler, freut sich darauf, "wenn die Zeit der Schülerüberlast vorbei ist, und wir wieder pädagogisch arbeiten können".

In Düsseldorf, April 1983.

DER SPIEGEL 20/1983
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