03.01.1983

FREIZEIT

Dienstfahrt mit Pfeife

Nach Hula-Hoop, Rollschuhlauf und Joggen stürzen sich die Amerikaner nun auf einen neuen Modesport: Radfahren.

Greg Lemond entschied: "Ich starte nicht." Nach einer Viruserkrankung fühlte sich der Amerikaner "matt und müde".

Dabei hatte Lemonds Familie schon Charterflüge in das englische Leicester gebucht, um ihren Greg bei den Profi-Weltmeisterschaften der Radrennfahrer anzufeuern. Und der Lemond-Clan ließ den Profi wissen, die Tickets würden bei der Abbestellung des Fluges verfallen.

Greg startete. Hinter dem Italiener Giuseppe Saronni wurde er Vize-Weltmeister, der erste Amerikaner in der Geschichte des Radsports, der bei einem Profi-Straßenrennen eine Medaille gewann. Er fuhr noch vor dem Tour-de-France-Sieger Joop Zoetemelk über die Ziellinie und auch vor dem US-Profi Jonathan Boyer, der bisher als einziger Amerikaner die Tour vom Anfang bis zum Ende mitfuhr.

"Whoo-ee", jubelte die amerikanische Radfahrer-Zeitung "Cycling USA", denn neben Lemond gewannen in Leicester vier Amerikanerinnen goldene und silberne Medaillen. "Resultate wie diese", prophezeite der Team-Manager der amerikanischen Radrenner, Jim Ochowicz, "werden den Rad-Boom in den USA noch mehr anheizen."

Ochowicz-Ehefrau Sheila, die unter ihrem Mädchennamen Young bei den Olympischen Spielen in Innsbruck 1976 drei Medaillen im Eisschnellauf und im selben Jahr die Sprint-Weltmeisterschaften der Frauen-Radrennfahrer gewann, sprach gar von einer "Revolution".

"100 Millionen Menschen in diesem Land können wir als Radfahrer betrachten", meint Ralph Hirsch von der Zweirad-Lobby "League of American Wheelmen" - zumindest als Gelegenheitsradler. Doch "Tausende und Abertausende", so schrieb das Magazin "Bicycling" (Auflage: 200 000), entdecken nun in den USA das Radfahren als Sport.

22 000 Zuschauer kamen zu einem von einer großen US-Brauerei veranstalteten Radrennen in Kalifornien. In Texas organisierte der österreichische Hersteller Puch Trainingslager und Rennen. Italiens Radrennprofi Francesco Moser unterrichtete Radsport-Fans in Florida. 1984 wollen die Tour-de-France-Planer eine oder mehrere Etappen durch die USA führen.

Noch joggen die Amerikaner unermüdlich, als müßten sie bösen Geistern davonlaufen. Doch in ihrer schier unbegrenzten Begeisterungsfähigkeit und Neugier für Sport und Spiel - gestern Hula-Hoop, Skateboards und Rollschuhe, S.136 dann Windsurfen und Tennis, neuerdings europäischer Fußball an fast allen Schulen - stürzen sie sich nun aufs Radfahren.

Sieben Millionen Fahrräder wurden schätzungsweise im letzten Jahr in den USA abgesetzt. Zu Hunderten zogen im New Yorker Central Park Schwarze wie Weiße ihre Runden, mit Trillerpfeifen im Mund, als seien es Babyschnuller, und warnten mit schrillen Pfiffen die Fußgänger.

In der Hauptstadt Washington fahren Boten wie des "Speed Service Courier" auf Rennrädern, ausgestattet wie die Profis der Tour, mit windschlüpfigen Hosen, eng anliegenden Trikots, Rennfahrerschuhen, Rennfahrerhandschuhen und Sturzhelmen. Im einheitlichen Rennlook starten Familien überall in den USA zum Wochenend-Ausflug: Vater vorneweg, danach die Mutter und dann die Kleinen, das Kinn über den Lenker gebeugt, mit rundem Rücken. Eines Tages klagen sie dann über Rückenschmerzen.

Wie die zu beheben sind, warum die Knie weh tun, welche Bandagen die Schmerzen von Prellungen und Zerrungen am wirkungsvollsten lindern, erläutern Experten in Fachzeitschriften und Broschüren. "The Complete Book of Bicycling Commuting" beispielsweise enthält Anweisungen, wie Radfahrer den Autofahrern entkommen können. Das Buch "Bike in the Fast Lane" erklärt Waghalsigen, wie sie auf New Yorks Fifth Avenue oder in Downtown Los Angeles während der Hauptverkehrszeit am schnellsten vorankommen.

Die "League of American Wheelmen" müht sich im Kongreß um die Gleichberechtigung der Radfahrer, denn in zwei Drittel der Bundesstaaten ist das Fahrrad noch immer nicht als Fahrzeug im Sinne der Verkehrsordnung anerkannt. Viele der gigantischen Auto-Brücken bleiben den Radlern versperrt. Auch die Forderung der Lobbyisten, Dienstfahrten von Regierungsangestellten auf dem Fahrrad ebenso mit Kilometergeld zu honorieren wie Dienstfahrten mit dem Auto, blieb bisher unerfüllt.

Annoncen in den Fahrrad-Zeitschriften locken zur Fernfahrt: Radtouren in Vermont und in Florida oder auch in Sri Lanka "zwischen Elefantenherden und buddhistischen Ruinen". Ein Unternehmen in Boulder (US-Staat Colorado) bietet den Radfans eine 21-Tage-Tour durch China: "Radrennen zur Großen Chinesischen Mauer" - zum Preis von rund 3000 Dollar.

Mit Dutzenden von ganzseitigen Anzeigen der Fahrradfabrikanten und der Zubehörindustrie sind die "Cycling"-Magazine durchsetzt. Für "Kraft durch die Sohle" werben Schuhfabrikanten, "Schönheit durch Sicherheit" versprechen die Sturzhelm-Hersteller.

Fahrrad-Computer (Preise: ab 37 Dollar) errechnen für den Radler, daß er beispielsweise 58,3 km/h schnell fahren müßte, um die 17,5 Kilometer zum nächsten Bahnhof in 18 Minuten zu schaffen. Stoppuhr, Kilometerzähler und Tacho sind im Preis eingeschlossen. Als Ergänzung wird ein Gerät zur Überwachung des Herzrhythmus angeboten. Eine Firma brachte den "Talkman" auf den Markt, ein Radio mit Kopfhörern und Mikrophon, das zugleich als Funksprechgerät für Radfahrer dient.

Brauereien, Ladenketten und Schokoladenhersteller nutzen den Boom für ihre Verkaufsförderung. In einem TV-Spot wirbt "Milky Way" mit einer Radrenn-Konkurrenz, deren Teilnehmer sich durch Schokolade stärken. Im November unterstützte die Coors-Brauerei ein Radrennen in Kalifornien, das "Desert Bicycle Classic". Die Konkurrenz, Budweiser, rief auf zum "Bud Light Great American Bike Race", einem Rennen, das von Kalifornien nach New York führte. Sieger Lon Haldeman, Geschäftsführer eines Fahrradladens, benötigte neun Tage, 20 Stunden und zwei Minuten.

Durchschnittlich 300 Meilen pro Tag legten die Fahrer zurück, zwei bis drei Stunden schliefen sie. Haldeman, an tägliche Strapazen gewöhnt, weil er jeden Tag 84 Meilen zu seinem Radladen radelt, dachte in den letzten sechs Tagen "nicht einmal an New York, sondern nur an Schlaf".

An einer anderen Mangelerscheinung litten die Teilnehmer des 28 Meilen langen "Bob Cook Memorial Mount Evans Hill Climb" in Idaho Springs (US-Staat Colorado): Ihnen wurde die Atemluft zu dünn.

Ziel der Wettfahrt war die Spitze des höchsten asphaltierten Berges der USA. Er ist 4279 Meter hoch - fast so hoch wie der Montblanc.


DER SPIEGEL 1/1983
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