11.04.1983

Landschaft für Verlierer

"Eisenhans". Spielfilm von Tankred Dorst. Deutschland 1983. 110 Minuten; schwarzweiß.

Ein dunkler Titel, eine kümmerliche Landschaft, naßkalt und verhangen; helle Händel-Musik zu den ersten Bildern und ein Engel, der mit feuchten Flügeln über die Äcker davonläuft, können da keine guten Zeichen sein.

"Zonenrandgebiet" heißt so eine Trübsals-Gegend, immer noch, weil längst alles erstarrt ist und nur noch ganz langsam zerfällt. Die Grenze, die das Land teilt, erscheint in diesem Film (trotz der patrouillierenden Vopos) als etwas Phantastisches, als ein Riß durch die Wirklichkeit, den man herangekarrten Touristen mit Märchen erklärt: genaugenommen, heißt es, laufe sie quer durch den Gasthof "Wolfsschlucht", sichtbar als Spur von aufgeplatzten Fliesen zwischen Tresen und Stammtisch.

Den Schriftsteller Dorst hat diese Kummerecke Oberfrankens (hinter Coburg) immer wieder angezogen: Ein paar Kilometer weiter drüben, also unendlich weit weg, hat er seine Kindheit verbracht; deshalb ist die Grenze für ihn ein Alptraum-Riß, die Gegend eine verwunschene Landschaft, ein Ort für Verlierer.

"Eisenhans"

( Drehbuchtext: Tankred Dorst/Ursula ) ( Ehler: "Eisenhans". Prometh Verlag, ) ( Köln; 96 Seiten; 16,80 Mark. )

erzählt eine traurig alltägliche Vater-Tochter-Inzestgeschichte: S.235 Gerhard Olschewski und Susanne Lothar spielen sie mit einer leisen, bewegenden Innigkeit. Die Tochter gilt als schwachsinnig; der Vater, ein unbeholfener Kraftkerl, der ihr von seinen Berlin-Touren als Lkw-Fahrer kindische Geschenke mitbringt, liebt in ihr sein eigenes Unglück. Statt die Mißratene schamhaft zu verstecken, wie sich das gehörte, tanzt er mit ihr auf jeder Kirchweih und prügelt sich mit denen, die das blöde Kind auslachen - vielleicht erst das Gerede, daß das nicht normal sei, und der gehässige Tratsch (auch der eigenen Frau) treiben ihn in die Arme der Tochter, in das Katastrophenglück, den Untergang.

Eine sozialkritische Milieu- und Fallstudie ist dieser erste Kinofilm des Theater- und Fernsehautors Tankred Dorst nicht. Er liebt diese beiden und starrt wie sie auf das Grelle, Bizarre, Fratzenhafte (also manchmal auch Theatralische) der Welt rundum mit Grenz-Riß und "Wolfsschlucht", einer Schwarzweiß-Welt, in der nur die Fernsehbilder bunt sind. Er läßt sich tief in die Engelsträume und Todesphantasien seines Eisenhans hineinziehen, in die Schönheit des Chaos; so gewinnt dieser seltsame Film selbst mehr und mehr den Sog der Liebe, von der er erzählt: das Märchen vom Glück, das ein Unglück ist. Urs Jenny

S.232 Drehbuchtext: Tankred Dorst/Ursula Ehler: "Eisenhans". Prometh Verlag, Köln; 96 Seiten; 16,80 Mark. * Susanne Lothar und Gerhard Olschewski. *

DER SPIEGEL 15/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 15/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Landschaft für Verlierer