11.04.1983

Ballade vom Strich

„Kiez“. Spielfilm von Walter Bockmayer und Rolf Bührmann. Deutschland 1983. 83 Minuten; Farbe.
Vor drei Jahren inszenierte der Kölner Kneipier und Außenseiter-Regisseur ("Flammende Herzen") Walter Bockmayer in einer furiosen Theaterarbeit den kraftvoll rotzigen, ebenso melodramatisch wirksamen wie realistisch glaubwürdigen Bilderbogen "Kiez" des Autors Peter Greiner, den sich Theaterdramaturgen mit bewundernden Worten und spitzen Fingern sechs Jahre lang weitergereicht hatten, ohne ihn zu spielen.
Zu gewalttätig erschien vielen die Sprache und das Milieu dieser Zuhälterballade. Als jüngst Bockmayers "Kiez"-Verfilmung auf dem Festival in Manila lief, verließ die deutsche Botschafterin nach kurzer Zeit sehr demonstrativ die Vorstellung: Mit Sankt-Pauli-Luden und Sankt-Pauli-Kneipen und Mädchen, die für den Strich abgerichtet und durch den Strich zugerichtet werden, wollte sie, noch dazu in einem freien und sauberen Land wie den Marcos-Philippinen, deren Hauptstadt Manila als das größte Bordell Asiens gilt, die "Bunsreplik" nicht dargestellt wissen.
Den Autor Peter Greiner konnte das nicht kratzen, denn der Film von Bockmayer und Bührmann versteckt seinen Namen und nennt statt dessen als Drehbuchautor den Ledermann Eppendorfer, der dem Film nicht gerade seine besten Szenen zuerfunden hat: so eine Sankt-Pauli-Beerdigung, die als eine wirklich nur mit Maßen komische Transvestitennummer abgezogen wird.
Schließlich ist es gegenüber der Theaterinszenierung auch noch von Nachteil, daß Katja Rupe die Heinke spielt, also ein aus elterlicher Obhut geflüchtetes Mädchen vom Lande, das sich in Knut verliebt und in ihrer Unbedarftheit von ihm für den Strich präpariert wird. Frau Rupe dagegen wirkt als schöne, reife grüne Witwe, die nur Harm und Langeweile und eine schon an Blödheit grenzende Naivität ins horizontale Gewerbe genötigt haben können: Es ist, als wäre die Kameliendame Stammkundin im "Goldenen Handschuh".
Das ist schade, weil Wolf-Dietrich Sprenger und Brigitte Janner den schauspielerischen Kraftakt ihrer genauen Milieu-Figuren in die Verfilmung hinübergerettet haben: er, der bald dümmlich schlau, bald geduckt, bald auftrumpfend seinen Weg auf dem Kiez machen will und letztlich doch nur zum Opfer taugt; sie, die sich prall ins Fleisch wirft und vor Lebenslust räkelt und sich doch nur gegen drohende Trauer und Langeweile volldröhnt.
Bockmayer hat auch die Atmosphäre der Kneipen, in denen sich das Leben abspielt, der Hinterhofwohnungen, wo man sich eine kleinbürgerliche Burg baut, genau und stimmig in den Film gebracht. So vergißt man, sobald Frau Rupe abgetreten ist, daß man es mit verfilmtem Theater zu tun hat - auch als Filmballade hat Greiners "Kiez" dramatische Kraft. Hellmuth Karasek
S.238 Mit Wolf-Dietrich Sprenger (l.) und Brigitte Janner (M.). *

DER SPIEGEL 15/1983
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