01.08.1983

John Lennons „verlorenes Wochenende“

Sauforgien, Gewaltausbrüche und die herzliche Hingabe an eine Frau begleiteten John Lennons Los-Angeles-Aufenthalt zwischen 1973 und 1975, den er später zum „verlorenen Wochenende“ verharmloste. May Pang, seine Geliebte in dieser Zeit der Trennung von Yoko Ono, hat jetzt ihr Leben mit dem Ex-Beatle beschrieben. *
Zwischen 1973 und 1975 hat sich John Lennon für 18 Monate von "Mutter", wie er seine Frau Yoko Ono nannte, abgeseilt. Die spektakuläre, meist auf offener Bühne ausgetragene und von vielen Fans verwünschte Ehe des Beatles und der sieben Jahre älteren japanischen Avantgarde-Künstlerin schien an ihr Ende gekommen.
Obwohl sich Lennon in Interviews gern ehrlich und offen gab, hatte er über seine Trennung von Yoko später immer nur verschwommene Auskünfte parat. "Sie hatte mich hinausgeworfen, und ich trieb allein auf einem Floß mitten im Universum", erzählte er vage, aber lyrisch dem "Playboy" - wenige Wochen, bevor er im Dezember 1980 erschossen wurde. Vor der Öffentlichkeit ließ er die 18 Monate ohne Yoko zu einem "einzigen langen, verlorenen Wochenende" schrumpfen.
In die Klatschspalten war nur durchgesickert, daß er diese Zeit - von New York nach Los Angeles verzogen - hauptsächlich im Kreis notorischer Schluckspechte und Koksnasen verbracht und dabei gelegentlich wüst auf den Putz gehauen hatte - das war zum Fehltritt in Flower-Power-Gefilden zu verharmlosen.
Deshalb beschloß er seinen lapidaren "Playboy"-Rückblick auf das eineinhalbjährige Kapitel seiner Biographie wie ein zerknirschter Ehemann nach einer Sauftour mit dem Seufzer: "Ich schäme mich, wenn ich an diese Zeit denke. Ich habe mich damals wie ein Idiot benommen."
Lennon war aber durchaus nicht einsam auf einem Floß durchs Universum geschaukelt. Auch hatte er nicht, wie er später die Vergangenheit zur Legende zurechtbog, an kalifornischen Tresen einsam dem Zeitpunkt entgegengebrütet, an dem ihn Yoko wieder gnädig im geräumigen Apartment des "Dakota"-Hauses am New Yorker Central-Park aufnehmen würde.
"Jedesmal, wenn ich diese Interviews über Johns ''verlorenes Wochenende'' lese, tut mir das weh", klagt jetzt die 32jährige Amerikanerin May Pang in einem neuen Lennon-Erinnerungsbuch, das sich deutlich von den bisher üblichen, den ehemaligen Beatle als Jesusähnlichen Heiligen der Popkultur glorifizierenden Berichten aus dieser Zeit unterscheidet. _(May Pang and Henry Edwards: "Loving ) _(John". Warner Books, New York, 336 ) _(Seiten; 8,95 Dollar. Deutsche Ausgabe ) _(Ende des Jahres im Heyne Verlag, ) _(München. )
Als eine schwindelerregende Achterbahnfahrt zwischen Glück und Horror beschreibt May Pang (mit Hilfe des Journalisten Henry Edwards) jene 18 Monate, in denen sie mit Lennon zusammenlebte und an die er sich später nur noch so ungern erinnern wollte.
Seit 1971 stand May Pang in den Diensten der Lennons. Sie war ihre Sekretärin und Assistentin, hielt sich rund um die Uhr bereit, um dem Paar den Rücken vom normalen Alltag freizuhalten. Sie war Faktotum bei der Produktion von Yoko Onos Experimentalfilmen, sie ging John im Plattenstudio zur Hand, sie mußte Verabredungen mit der New Yorker Kulturschickeria arrangieren und versuchen, dem Paar bei der Erfüllung exzentrischer Wünsche zu helfen.
Als die Lennon-Ono-Ehe auseinanderzubrechen drohte, dachte die Chefin May Pang eine ganz spezielle Aufgabe zu. In ihrem Bestreben, immer alles im _(Aufnahme an Lennons Todestag. )
Griff zu behalten, gab Yoko ihrer Angestellten den Auftrag, sich als Mätresse für John zur Verfügung zu stellen.
Es war eine ihrer Maßnahmen, die von coolem strategischem Kalkül diktiert waren: Bevor sich John anderen, ihr unbekannten Frauen zuwendete, wäre es zweckmäßiger, ihn mit der vertrauten May Pang zusammenzubringen. Auf diese Weise, so ihre Rechnung, könnte sie auf Dauer ihre Ehe retten und John weiterhin unter Kontrolle haben.
Gegen Yokos Ansinnen, ihren Aufgabenbereich in derart ungewöhnliche Dimensionen auszuweiten und nun auch noch als Geliebte des Chefs zu dienen, hat sich May Pang zunächst heftig gewehrt, wie sie in ihrem Buch anmerkt. Schließlich sei aber die Liebe zu dem Beatle zu mächtig geworden, als daß sie sich ihrem neuen Auftrag hätte verweigern können.
Jedenfalls ist die Tochter chinesischer US-Einwanderer (sie arbeitet heute in New York in einem Musikverlag und kümmert sich um neue Talente) seit ihrer ersten gemeinsamen Nacht mit John im August 1973, nach der er ihr den Love-Song "Surprise, Surprise" schrieb, buchstäblich das Mädchen für alles geworden.
Sie war Lennons Geliebte, seine Sekretärin, Assistentin und Chauffeurin. Sie koordinierte die Studioproduktion der LP "Walls And Bridges" und arbeitete mit bei der Einspielung der Lennon-Alben "Mind Games" und "Rock''n'' Roll".
Als sie zusammen New York verließen und sich danach in Los Angeles aufhielten, lernte sie allmählich einen ganz anderen John Lennon kennen, der dem weltweit in Umlauf gebrachten Image des sanften, friedfertigen, geistreichen und witzigen Jugendidols nicht mehr entsprach.
Lennon vertrug keinen Alkohol. Schon nach wenigen Schnäpsen verwandelte er sich oft in einen blindwütigen, tobsüchtigen Berserker, der alles attackierte, was ihm in die Quere kam. Wenn er seine Anfälle hatte, mußte sich May Pang oft vor ihm in Sicherheit bringen. Am nächsten Tag konnte sich Lennon dann meist an nichts mehr erinnern, verfiel in Depressionen, wurde zahm und sanft - das übliche Verhalten nach einem Filmriß. Dann pflegte May Pang seinen Kater und seine Melancholie. Sie ertrug bis zur Selbstaufgabe Lennons Unberechenbarkeiten, Ausbrüche und Eskapaden, weil sie ihn trotz allem, wie sie bekennt, "abgöttisch" liebte.
Als Lennon, sein Musikerkollege und Saufkumpan Harry Nilsson und May Pang einmal übers Wochenende nach Palm Springs fuhren, um "in der Wüste auszutrocknen", kam es zur schlimmsten Szene, die der Bericht enthält. Nilsson und Lennon, kaum am Reiseziel angekommen, griffen allen guten Vorsätzen zum Trotz sofort wieder zur Flasche. Bei einem Bad im Swimming-pool fing Lennon plötzlich an, seine Gefährtin mit harter Hand zu würgen. In letzter Not konnte Nilsson sie befreien.
Wieder einmal, am nächsten Morgen, brach Lennon in Tränen aus, als er auf May Pangs Hals die Spuren seines nächtlichen Ausflippens erblickte. May Pang erlebte ein ständiges Wechselbad von Brutalität und Zärtlichkeit mit Lennon, und immer, wenn sie endgültig vor ihm flüchten wollte, band er sie als verständnisvoller Liebhaber wieder an sich. May Pang war fasziniert von seiner Genialität als Musiker und hielt sich für unentbehrlich,
weil der selbstbesessene Superstar bei der Lösung alltäglicher Probleme hilflos war.
Und immer wachte über der Liaison der beiden die Chefin Yoko, die durchschnittlich 15mal am Tag aus New York anrief, um genau darüber im Bild zu bleiben, was ihr Mann so trieb. Selbst in großer räumlicher Entfernung verringerte sich Johns Abhängigkeit von der Übermutter Yoko nur wenig.
"Yoko hat gesagt, sie will, daß ich meinen Spaß habe", erklärte John seiner Freundin. "Und du weißt, was das für sie bedeutet: gefickt werden und basta. Wenn sie wüßte, daß ich etwas für dich empfinde, würde ihr das wehtun. Ich möchte ihr nicht wehtun."
Was John bedrückte, war der schlechte Ruf Yoko Onos, die immer wieder für das Auseinanderbrechen der Beatles verantwortlich gemacht wurde. "Ich hab''s nie geschafft, die Presse dazu zu bringen, daß sie Yoko mögen. Wenn die Presse etwas für sie übrig hätte, würde auch das Publikum sie allmählich lieben." Und dann, so schlicht erklärt der Mann des Showbusiness May Pang die Sache, "würden auch mehr Leute ihre Platten kaufen".
Als John und May 1974 zu den Aufnahmen des "Walls And Bridges"-Albums nach New York zurückkehrten, war klar, daß Yoko Ono ihren John bald wieder heim ins eigene Heim lotsen würde. Zu Beginn des Jahres 1975 verließ John die Wohnung, in der er zusammen mit May Pang lebte, unter dem Vorwand, in einen von Yoko besonders gepriesenen Raucher-Entwöhnungskurs im "Dakota"-Haus einzusteigen. Und damit fing auch das Ende ihrer Beziehung an. John eröffnete May: "Yoko hat mir erlaubt, wieder nach Hause zu kommen."
Aber obwohl er nun wieder unter den Fittichen Yokos steckte, traf John sich fast regelmäßig mit May Pang, um mit ihr zu schlafen. Lennons Geliebte mußte resigniert feststellen: "Von dem Augenblick an, als Yoko mich bat, mit John auszugehen, wußte ich, daß sie am längeren Hebel sitzt."
May Pang and Henry Edwards: "Loving John". Warner Books, New York, 336 Seiten; 8,95 Dollar. Deutsche Ausgabe Ende des Jahres im Heyne Verlag, München. Aufnahme an Lennons Todestag.

DER SPIEGEL 31/1983
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