18.04.1983

DDRHallo, Erich

Auf seiner neuen Langspielplatte veralbert Rock-Star Udo Lindenberg den SED-Chef Erich Honecker. Für den Song bekam er im Westen eine Goldene Schallplatte, in der DDR wurde das Lied zum heimlichen Hit.
Der Bannfluch der SED-Bürokraten traf einen Toten. Sie wollen die Mauer vor den Posaunen des Bigband-Leaders Glenn Miller retten.
Sein Swing-Standard "Chattanooga Choo Choo" von 1941, der eine gemütvolle Reise mit der Dampfeisenbahn auf der "Tennessee-Linie" besingt, wird in der DDR nicht mehr gesendet. Jugendklubs erhielten Weisung, den Evergreen aus dem Programm zu nehmen. In einer Ost-Berliner Disko holten die Kulturwächter einen Gelegenheitspianisten vom Klavier, der das Stück geklimpert hatte.
Meister Millers Melodie steht, fast 39 Jahre nach dem Ableben des Musikers, auf Platz zwei der heimlichen DDR-Hitparade. Spitzenreiter ist, seit Januar, der westdeutsche Rock-Senior Udo Lindenberg, 36.
Er singt zu Millers Weise einen neuen Text (siehe Kasten). Die "Nachtigall aus Billerbeck", so Lindenberg über sich und seine "schön kaputte Stimme", zieht es nicht nach Chattanooga, sondern in den "Sonderzug nach Pankow". Auf der neuen LP "Odyssee" macht er SED-Chef Erich Honecker an: "Erich ey, bist Du denn wirklich so ein sturer Schrat, warum läßt Du mich nicht singen im Arbeiter- und Bauernstaat?"
Denn auf eine Antwort zu dieser Frage wartet Lindenberg nunmehr seit über acht Jahren. Damals bemühte er sich zum erstenmal bei der Künstler-Agentur und beim Kulturministerium der DDR um einen Auftritt. Doch während die westdeutschen Schnulzen-Könige Rex Gildo und Costa Cordalis, während Katja Ebstein und Udo Jürgens in der DDR Triumphe feierten, blieb das "Jodeltalent" (Lindenberg) draußen. Inoffizielle Begründung von DDR-Funktionären bei einem Kontaktgespräch 1978: "Die Zeit ist noch nicht reif."
Die SED-Zensoren wußten freilich selbst nicht, was sie von Lindenberg halten sollten. Er sei zwar, rühmte das FDJ-Magazin "Neues Leben" 1977, der "geradezu klassische Antityp zu jenen glatt polierten Schlagerschnulzen-Schönlingen der ZDF-Hitparaden". Doch leider habe er sich mit den "organisierten progressiven Kräften in der BRD", sprich DKP, nicht verbündet.
Mal reagierten die östlichen Kulturverwalter sauer, weil Udo Deutsch-Deutsches über ein "Mädchen aus Ost-Berlin" sang, dessen West-Freund nicht über Nacht bleiben darf. Mal machten sie ihm Hoffnung, als die volkseigene Plattenpresse "Amiga" eine Scheibe von ihm herausbrachte.
Als Lindenberg schließlich beim Festival "Rock gegen Rechts" 1979 in Frankfurt auftrat, sich gegen Franz Josef Strauß, Startbahn West und Nachrüstung engagierte, schien er auch den Ost-Berlinern endlich genehm. Im Mai vorigen Jahres durfte Lindenberg den Lesern der FDJ-Tageszeitung "Junge Welt" erklären, weshalb er nichts von den Bonner "Politcontrolettis" halte. Vier Monate später würdigte ihn ausführlich das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland", als er ein Friedensfest in Bochum vorbereiten half.
Doch rein darf er noch immer nicht, die Kulturfunktionäre schweigen sich aus. "Sonderzug"-Dichter Lindenberg: "Ich habe alle offiziellen Schienen probiert." Nun gab er seinem acht Jahre alten Antrag mit kessem Text musikalische Schubkraft, zum Mißvergnügen der DDR-Aufpasser.
Im Westen kletterte der pfiffige Song auf der Hitliste nach oben, Lindenberg bekam schließlich eine Goldene Schallplatte. Entsprechend oft spielen die West-Berliner Rundfunksender das Lied S.46 an "Honey" Honecker. Zahllose Tonband-Mitschnitte sind in der DDR verbreitet, junge Leute pfeifen die Chattanooga-Melodie in der S-Bahn und auf dem Alex.
Das Lied, so ein Ost-Berliner Jugendlicher auf dem DDR-Festival "Rock für den Frieden" im Januar, schlage sehr gut ein: "Der soll mal kommen irgendwie." Ein anderer pflichtet bei: "Ich schätze, der hat das größte Publikum hier. So viele Leute hat der noch nie gesehen."
Die Fan-Gemeinde ist beträchtlich. Lindenberg, der vor drei Jahren das letzte Mal privat in Ost-Berlin war, selbstbewußt: "In der DDR kennt mich praktisch jeder." Seit sein Pankow-Song auf dem Markt ist, bringt ihm die Post jeden Tag rund 50 Briefe aus der DDR, auch von älteren Leuten. Von Erich war keiner dabei.
Deshalb hakte Lindenberg nach. Vor einigen Wochen mahnte er in einem Brief nach Ost-Berlin, "betr.: Jodel-Lizenz für die DDR", erneut eine Antwort an: "Du als Staatsratsvorsitzender hast viele Heavysachen um die Ohren und hast wahrscheinlich deshalb noch nicht die Zeit gefunden, auf meinen Song zu antworten. Ich verstehe das; ich hab' auch immer zuviel zu tun." Lindenberg weiter: "Nun hoffe ich aber, daß Du mir bald grünes Licht gibst für meine Reise ins rote Land. Wenn nicht, sei doch bitte so lieb und laß mir von Deinen Unterindianern klar und klipp mitteilen, warum."
Die haben jetzt wenigstens eine Begründung für die Absage. Philipp Dyck, als Leiter der Abteilung Kultur beim FDJ-Zentralrat zuständig für Jugendklubs und deren Arbeit, bezweifelte auf dem Ost-Berliner Rock-Fest im Januar, ob Lindenberg überhaupt eine "klare Position" zur Friedenspolitik habe. Dyck: "Ich weiß auch nicht, ob es da eine Möglichkeit geben wird."
Ein linientreuer FDJler kritisierte, das neue Lied sei "ein absoluter Schuß in den Ofen", Lindenberg habe sich das Auftrittsverbot "im Grunde genommen selbst zuzuschreiben". Zwei Discjockeys in der DDR verloren bereits ihre Lizenz, weil sie die Lindenberg-Platte gespielt haben. Beide wurden zu einer Geldstrafe von 3000 Mark verurteilt.
Doch der Rock-Star gibt vor, unverdrossen weiter zu hoffen. Die DDR-Führung fürchte, glaubt er, Auftritte von ihm könnten zu "Emotionalisierung" und "unkontrollierbaren Tumulten" führen. "Aber daran", so Lindenberg, "bin ich überhaupt nicht interessiert." Er wolle bei jedermann zugänglichen Konzerten zwar sagen, was er denke, "doch ich würde die DDR nicht runtermachen".
Der Honecker müsse ihn eigentlich verstehen, meint Lindenberg: "Der Mann hat doch auch mal Musik gemacht." Vor 55 Jahren rührte Jung-Erich beim Spielmannszug des Roten Frontkämpferbundes im saarländischen Wiebelskirchen die Trommel.

DER SPIEGEL 16/1983
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