08.08.1983

UNTERNEHMERGrob beleidigend

Mit Fremdarbeiterinnen habe Max Grundig im Krieg die Grundlage für seine späteren Erfolge gelegt, hieß es in einer DKP-Zeitung. Der vermeintliche Autor, beschäftigt bei Grundig, wurde gefeuert. *
Zu seinem 75. Geburtstag widerfuhr Max Grundig, dem Chef der Fürther Radio- und Fernsehfabrik, die gebührende Ehre.
Bundesminister und Oberbürgermeister, Industrievorstände und Unternehmerfreunde waren am 7. Mai zur Gratulation im konzerneigenen Hotel Forsthaus angetreten. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß steuerte einen Merian-Stich und den Spruch des indischen Dichters Bhartrihari bei: "Die Arbeit ist sein bester Freund, sie gibt ihm neue Kraft."
Einen Monat später würdigte das "Fürther Kleeblatt", Lokal-Organ der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), die Jubel-Feier auf seine Art. Unter der Überschrift "Grundig 75 - ein Ausbeuter hält Hof" geißelte die Zeitung in alter Klassenkämpfer-Manier den "Reigen der Speichelleckerei".
Das rote Blatt beklagte die Abwesenheit der "arbeitslosen Opfer des Konzerns" bei der Feier. Der DKP-Autor mißgönnte dem Fürther Ehrenbürger, Konsul der Republik Mexiko und Träger von 62 Orden, "fette Millionenbeträge", die CSU- und FDP-Stadträte dem Unternehmen durch Nicht-Erhöhung der Gewerbesteuer und Steuerstundungen als "angemessenes Geburtstagsgeschenk" verschafft hätten.
Die DKP-Postille holte auch nach, was die Festredner "für nicht erwähnenswert" gehalten hätten: daß der Jubilar "die Grundlagen seines Vermögens mit Kriegsproduktion und der Ausplünderung verschleppter Frauen und Mädchen aus der Sowjet-Union gelegt" habe.
Der Nachtrag der Kommunisten zu den Grundig-Festivitäten wäre wohl unbeachtet geblieben, wenn nicht der alte Herr selber für die nötige Publizität gesorgt hätte. Der "oberste Kriegsherr" (Konzern-Jargon) las die rote Festschrift und reagierte - so ein Mitarbeiter -, "wie es seiner Art gemäß ist".
Der vermeintliche Verfasser der despektierlichen Zeilen - hauptberuflich als Maschinenbautechniker in den Diensten des Konzerns - erhielt eine fristlose Kündigung und "ab sofort Hausverbot für alle Standorte der Firma".
Der Artikel sei "verleumderisch, verunglimpfend und grob beleidigend", eine "Störung des Betriebsfriedens" und ein "Vertrauensbruch", begründete Grundigs Personal-Vorstand Alexander Koch den Rauswurf. Im übrigen enthalte
die Veröffentlichung "wahrheitswidrige Behauptungen".
Die Kommunisten können für etliche Teile des Pamphlets freilich eine gute Quelle anführen: Eine vom alten Herrn persönlich inspirierte Geburtstags-Biographie "Sieben Tage im Leben des Max Grundig", die sich, so die Ankündigung, "absetzen sollte von der reinen Hofberichterstattung".
Eine Kurzfassung des opulenten Werks, in einer Sonderausgabe der Unternehmens-Zeitschrift "Grundig Report", vermittelt auch dem schlichten Grundig-Werker Einblick ins reiche Leben des Chefs.
Da findet sich etwa ein eigens zum 75. bestelltes Horoskop des Geburtstagskindes ("Stier in Konjunktion mit Merkur ist trigonal günstig verbunden mit Uranus dem Zeichen Steinbock") von trefflicher Qualität. "Eine Konstellation der Führerschaft", steht in Grundigs Sternen. Aber es zeigt sich da auch: "Taktgefühl ist nicht immer vorhanden."
Ausführlich wird über die Beinleiden des standhaften Franken berichtet. Weder "Professor Mester in Budapest" noch "der russische Professor Sarkisian" oder "der Pariser Arzt Dr. Baruch" verschafften Linderung: "Experimente mit gefrorener Haut zeigten keine Wirkung."
Seine Frauen - die erste eine "Soubrette" und "lebenslustige Theaterfrau", die zweite "ebenso einfühlsam wie charmant" - werden gewürdigt, und auch seine Liebe zu den Tieren wird gerühmt: "Als sein alter Dackel starb, hatte er Tränen in den Augen ... Aber er mag auch Tiere, die den Mund halten, Fische zum Beispiel."
Die Kommunisten schöpften mehr aus dem Kapitel "Ein Millionär mit 30", das unter anderem Grundigs Beitrag zur Waffenherstellung schildert.
Mit erstaunlicher Offenheit wird dort ausgebreitet, wie Max Grundig in der Kriegsproduktion mitmachte und an der Rüstung verdiente. Von dem öffentlichen Bild des Wirtschaftsunternehmers, der nach dem Krieg bei Null angefangen hat, bleibt nicht viel.
Ohne falsche Bescheidenheit läßt der "oberste Kriegsherr" darstellen, wie "die Herren Wehrwirtschaftsführer" von AEG und Siemens "mit immer neuen diffizilen, geheimen Aufträgen", die "einen energischen und gleichzeitig verschwiegenen Chef" erforderten, zu ihm kamen. So baute Max Grundig "Steuerungsgeräte für die V-1- und V-2-Raketen, elektrische Zünder für Panzerabwehrwaffen, für den Panzerschreck".
Als stünde der Endsieg noch immer kurz bevor, bejubelt das Haus-Organ die Herstellung "kriegswichtiger Präzisionsteile" auf der Kegelbahn des "Roten Ochsen" in Vach, einem kleinen Dorf bei Fürth, wohin Grundig seine Fabrik verlagert hatte: "Es mußte produziert werden, und es wurde produziert. Der Unternehmer Max Grundig war der Garant für diesen Erfolg. Bis zur letzten Minute."
Stolz registrierte die Sonderausgabe den Vermögensstand des Chefs in diesen denkwürdigen letzten Minuten: Auf 17,5 Millionen Reichsmark sei das Grundig-Eigentum geschätzt worden.
Wahrlich empört ist der Chef, so ein Vertrauter, über die "bösartige Behauptung" des DKP-Blatts, er habe sein Vermögen mit der Ausplünderung verschleppter Frauen gemacht.
Richtig ist: 150 ukrainische Mädchen, so die Grundig-Chronik, wurden vom Auftraggeber AEG "mitgeliefert". Max Grundig ließ sie nicht verkommen. Höchstpersönlich organisierte er "Mehl, Brot, Nudeln, Kraut, auch Schweinefleisch von Schwarzschlachtungen" für die "Fremdarbeiterinnen". Als dann die Besatzer anrollten, vergalten seine Mädels ihm "jeden Teller Suppe": Sie bewachten das dörfliche Grundig-Werk in Vach und hängten ein "Off-Limits"-Schild an die Tür.
Gegen die Verleumdung seiner damaligen guten Taten durch das rote Pamphlet ist Grundig bisher nicht mit den üblichen Mitteln des Presserechts, mit der Forderung auf Gegendarstellung oder Widerruf, vorgegangen. "Das wird auch erwogen", sagt Grundigs Sprecher Karl-Heinz Schmidt nur.
Ob der unmittelbare Durchgriff auf den vermeintlichen Täter - per fristloser Kündigung - Wirkung zeigt, ist noch offen. Der Geschaßte, Horst Raschke, 38, Vertrauensmann der IG Metall im Grundig-Werk 23, reagierte mit einer überraschenden Wende.
Er sei gar nicht der Verfasser des beanstandeten Artikels, ließ er wissen. Die "Kleeblatt"-Redaktion habe "offensichtlich irrtümlich" die Namen der Autoren von zwei Artikeln auf der ersten Seite vertauscht. Nächste Woche soll nun das Nürnberger Arbeitsgericht herausfinden, wer der wahre Urheber ist.
Raschke ist wie sein bisheriger Arbeitgeber der Meinung, daß der Artikel über Grundig "nicht inhaltlich" richtig ist. Der DKP-Mann bekennt sich vielmehr zu einem anderen Beitrag des "Kleeblatts", in dem es um Umweltverschmutzung geht: Fürth, heißt es darin, sei "eine der dreckigsten Städte der Bundesrepublik". _(An seinem 75. Geburtstag wird ihm eine ) _(Torten-Nachbildung des Radios ) _("Heinzelmann" überreicht, mit dem ) _(Grundig seine ersten Nachkriegserfolge ) _(hatte. )
An seinem 75. Geburtstag wird ihm eine Torten-Nachbildung des Radios "Heinzelmann" überreicht, mit dem Grundig seine ersten Nachkriegserfolge hatte.

DER SPIEGEL 32/1983
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