23.05.1983

Rotary: Filz mit Nadelstreifen

SPIEGEL-Report über deutsche Herren-Clubs *
Das Zeichen glänzt neben den Eingängen gediegener Hotels und an den Türen besserer Restaurants, mal in Bronze, mal in Emaille, ein zierliches Zahnrad auf blauem Grund mit der Gravur "Rotary International". Bestimmt ist es für Gäste, die eine winzige Kopie davon im Knopfloch tragen oder doch dazu berechtigt wären.
Zu festvereinbarter Stunde treffen sie sich allwöchentlich, sei es im "Brackweder Hof" zu Bielefeld oder in den Heidenheimer "Rembrandtstuben" oder auch im Münchner Hotel "Vier Jahreszeiten", zumeist in Clubzimmern oder anderen Separees - vorwiegend ältere Bürger, die wie Herren aussehen und es auch sein wollen: Rotarier.
Sobald der vom Gastronomen zusammen mit allerlei Club-Insignien und Tisch-Bannern bereitgestellte Gong geschlagen ist, des Tages Unrast und Nichtmitglieder verläßlich ausgesperrt sind, gehen die Versammelten daran, satzungsgemäß die Männerfreundschaft zu pflegen. Dabei wird unbedingt gegessen und getrunken, mancherorts auch gesungen, später das Wohlbefinden durch Anhörung eines Vortrages erhöht.
"Eine Beerenauslese des geistigen Lebens, der religiösen Strömungen, des wirtschaftlichen Geschehens, der Kunst auf allen Gebieten, natürlich auch der politischen Ereignisse, und ein weltweiter Überblick" - das ist mit den warmen Worten des Würzburger Apothekers und Inhabers der Kneipp-Werke, Luitpold Leusser, "immer wieder der Eindruck von den Vorträgen bei Rotary".
Da trifft sich nicht irgendwer zu beliebiger Kurzweil. Da versammeln sich Bürger, die es zu etwas gebracht haben, Männer mit Weitblick und von "gutem Charakter", so will es auch die Satzung. Ein feiner Club? Eine "Weltgemeinschaft berufstätiger Männer" ist das, die nicht nur tafeln, sondern auch dienen möchten - der Menschheit im allgemeinen und der Gemeinde, dem überschaubaren Lebenskreis im besonderen.
Fünfzehn historische Straßenlaternen für Buxtehude - eine Erleuchtung durch den örtlichen Rotary-Club; 18 000 Mark für einen Behinderten-Schulbus - gespendet von Heidelberger Rotariern; ein Grillplatz für Pinneberg - Gratisleistung rotarischer Unternehmer; ein neues Boot fürs Schüler-Ruderzentrum Kassel - Rotary griff in die Riemen.
Gute Werke solcher Art sind längst zum festen Bestandteil lokaler Presseberichterstattung geworden, garniert mit Lichtbildern, auf denen Rotarier Schecks oder Bares übergeben, Weihnachtsgeschenke an Waisenkinder ausfolgen, Omas und Opas zur Kaffeefahrt ins Grüne begleiten oder mit aufgekrempelten Ärmeln Polen-Päckchen packen.
Zu ansehnlichen Summen addieren sich die Zuwendungen an den in Düsseldorf unterhaltenen "Verein der Freunde Rotary", der gern bei der Ausschöpfung aller steuertechnischen Vergünstigungen hilft. Von den allein dadurch seit 1980 jährlich zusammengebrachten 1,6 Millionen Mark fließt allerdings mehr als die Hälfte an die zentrale Rotary-Foundation im amerikanischen Evanston - für Wohltaten im Weltmaßstab. Dort kann auch jeder Rotarier gegen Zahlung von eintausend Dollar die nach dem Gründervater benannte Würde eines "Paul Harris Fellows" erwerben, die freilich auch schon mal ehrenhalber verliehen wird - so an Papst Johannes Paul II. oder an den belgischen König Baudouin.
Ein besonders gebefreudiger Club ist im schiefergedeckten Hotel "Zur Eich" von Wermelskirchen zu Hause. Die sauerländischen Rotarier von Remscheid-Lennep, die sich Donnerstag für Donnerstag pünktlich um 12.30 Uhr zum Mittagessen einfinden, haben seit der Clubgründung Ende 1964 allein in der US-Zentrale statt der obligatorischen zehn Dollar pro Kopf 1550 Dollar abgeliefert und sich damit den raren Rang eines 15 500-Prozent-Club erspendet. Der Jahresmitgliedsbeitrag beläuft sich auf 820 Mark, worin die Meeting-Mahlzeiten enthalten sind, die der rotarische "Zur Eich"-Hotelier Franz Jörgens derzeit mit 13,50 Mark berechnet.
Zum zehnjährigen Jubiläum wurden darüber hinaus 40 000 Mark für einen Kinderspielplatz lockergemacht, zum fünfzehnjährigen Gründungsfest 50 000 Mark für einen Rettungswagen und noch mal 10 000 Mark für die Aktion "Essen auf Rädern". Gegenwärtig unterstützt der Club mit 20 000 Mark ein Brunnenbau-Projekt in der Sahel-Zone. "Das kann man", warnt Schatzmeister Adolf Flöring, "aber nicht auf den einzelnen
umlegen, denn einer gibt mehr, der andere weniger - wie jeder eben kann."
Dennoch zeugen die stattlichen Summen nicht nur von der allgemeinen Spendierfreudigkeit der 39 Clubmitglieder, sondern auch von ihrer individuellen Liquidität. Zwei Drittel der Mitglieder sind, wie der Ex-Clubpräsident und Fabrikant von Wasserheizgeräten, Karl-Ernst Vaillant, formuliert, gleich ihm "Männer der Wirtschaft".
Getreu den überall und seit 78 Jahren verbindlichen Rotary-Regularien, daß es pro "Berufsklassifikation" nur jeweils ein Mitglied geben soll, teilen sich ins restliche Wermelskirchener Drittel ein Pfarrer, ein Apotheker, ein Richter, zwei pensionierte Studiendirektoren, drei Mediziner, ein Stadt- und ein Oberstadtdirektor. Dennoch möchte Rotarier Vaillant "direkt davor warnen, uns einen Honoratiorenclub zu nennen" - mit der verblüffenden Begründung, daß "so was nicht mehr in unsere Zeit paßt" und "wir ja schließlich international sind".
Beide Argumente, zusammengenommen und vom Kopf auf die Füße gestellt, machen das einst vom Chicagoer Rechtsanwalt Paul Harris ersonnene Erfolgsrezept Rotarys aus: Geschäftsbeziehungen möglichst weltweit durch freundschaftlich-philanthropische Bande zu überwölben und zugleich mit dieser im Zahnrad symbolisierten internationalen Vernetzung von Besitzenden, Bestimmenden und Bedeutenden auch der ländlichen und kleinstädtischen Oberschicht den Ruch des Provinziellen zu nehmen.
Am 23. Februar 1905 trafen sich im Büro 711 des Chicagoer Unity-Geschäftsgebäudes vier Männer: der 36jährige Anwalt Harris, der Bergbauingenieur Gustavus E. Loehr, ein Schneidermeister namens Hiram E. Shorey und der Kohlenhändler Silvester Schiele. Der Advokat hatte die anderen drei aus dem Kreis seiner Klienten ausgewählt, um mit ihnen einen neuen Club zu gründen.
Die Harrissche Idee war ebenso simpel wie überzeugend. Jedes Mitglied sollte erfolgreiche Vertreter weiterer Berufe anwerben, und das Clubleben würde alsbald Geschäftspartner in Freunde verwandeln und umgekehrt. Tagen sollte der neue Verein abwechselnd in den Büros seiner Mitglieder; von dieser Rotationsregel, die Harris zum Namen Rotary inspirierte, ist heute nur noch der umschichtige Vortragszwang übriggeblieben.
Die gemeinnützige Dienstpflicht, der sich die frühen Rotarier unterwarfen, war durchaus nicht nur Mittel zum Zweck der Selbstbedienung, sondern führt zugleich nahe heran an die ideengeschichtlichen Wurzeln der Rotary-Bewegung: an die von dem deutschen Soziologen Max Weber glänzend und genau beschriebene "protestantische Ethik" des modernen Kapitalismus.
Weltliche Arbeit als Ausdruck von Nächstenliebe bei Luther, rastlose Berufstätigkeit als tägliche Überprüfung der eigenen Erwähltheit bei Calvin, das "Arbeite hart" der Puritaner als vorrangiges Zuchtmittel gegen religiöse und sexuelle Versuchungen - von da führen direkte Wege zu der Selbstlosigkeit beschwörenden Devise von Rotary: "Service above self." Nicht zufällig entwickelte sich der "Geist des Kapitalismus" (Weber) am reinsten in Nordamerika, wo die Baptisten und Mennoniten, Kongregationalisten und Quäker, Pietisten und Methodisten aller europäischen Nationen zusammenströmten. Sie alle einigte über jeden Sektenstreit hinaus das Credo: Wer finanziell kreditwürdig ist, muß es auch moralisch sein.
1910 existierten in den USA bereits sechzehn Rotary-Clubs, 1911 gelang mit Gründungen in London, Dublin und Belfast der Sprung nach Europa, und Ende der siebziger Jahre meldete die Erfolgsstatistik von Rotary International alle 24 Stunden einen neuen Club. Derzeit sind von Pol zu Pol im Zeichen des rotarischen Rades etwa 910 000 Männer in rund 20 000 Clubs organisiert.
Von Argentinien bis Zaire, von Chile bis Südafrika reicht die "Welt von Rotary" (Eigenreklame) in 157 Staaten; nicht natürlich in den Moskowiter Machtbereich,
denn "Rotary ist ein Produkt der Freiheit", bekräftigt Sekretär Karl Max Roscher vom größten deutschen Club Berlin, "und braucht deshalb freie Luft zum Atmen".
In der Bundesrepublik nebst Berlin-West war das Nachkriegsklima dem Rotary-Gedeihen besonders förderlich. Aus 36 Clubs mit rund tausend Mitgliedern im Jahre 1950 wuchsen binnen dreier Jahrzehnte 473 Ortsgruppen mit fast 20 000 deutschen Rotariern - allesamt, so das keimfreie Selbstverständnis der Organisation, "charakterlich honorige Männer", die bei "Beachtung hoher ethischer Grundsätze" ausnahmslos "in ihrem Beruf etwas geleistet haben".
Doch wer glaubt, diesen hohen Grad an Selbstveredelung erreicht zu haben, kann nicht einfach einem Rotary-Club beitreten; Aufnahmeanträge gibt es nicht. "Zu Rotary kann man sich nicht melden", lautet der eherne Grundsatz dieser Elite, "man wird ... aufgefordert."
Jeder offen bekannte Eintrittswunsch gilt als höchst unfein und kann die angestrebte Mitgliedschaft lebenslänglich verscherzen. Rotary gleiche da "in Theorie wie in Praxis" der alten Ordinarienuniversität, spottet ein emeritierter Geschichtsprofessor, der beide von innen kennengelernt hat: "Wünsche nach einer Berufung müssen um ein paar Ecken lanciert und die Spuren sorgfältig verwischt werden - dann klappt''s meistens." Wessen ehrenwerter Name den Aufnahmeausschuß und den Vorstand eines interessierten Clubs ohne Gegenstimme passiert hat, ist so gut wie drin. Zwar würden in den meisten deutschen Rotary-Clubs zwei Gegenstimmen aus der Mitgliedschaft ausreichen, um den Kandidaten zu kippen, aber das Vertrauen zu den Selektionsgremien ist traditionell riesig und fast blind.
Als wesentliches Kriterium für die Zuwahl gilt der berufliche Erfolg des als mögliches Mitglied ausgeguckten Mitbürgers: Durch hinlänglich hohe Einkünfte sollte er aufgefallen sein oder durch überdurchschnittlichen Einfluß - am besten gleich durch beides. Akademische Titel, feine Manieren und bürgerliche Bildungsinteressen, eine Latte einträglicher oder auch nur ehrenhafter Ämter sind weitere Gesichtspunkte, nach denen Rotarier die bessere Gesellschaft ihrer Heimat observieren, um weitere wöchentliche Mitesser ausfindig zu machen.
Dennoch sei Rotary "kein Club reicher Leute", korrigiert Farbenfabrikant Carl Erwin Leverkus vom Club Heidelberg-Schloß etwa in diese Richtung strebende "irrige Meinungen". Auch "die strenge Selektion" bei Neuaufnahmen habe nichts "mit Exklusivität" zu tun, sondern diene allein "einer rund um den Erdball zündenden Verschwörung der Anständigkeit".
An diesem Komplott teilzunehmen besteht begreiflicherweise großer Andrang. Und so haben sich weitere 20 000 deutsche Männer in 643 Lions-Clubs zusammengetan, einem ebenfalls aus dem amerikanischen Mittelwesten dirigierten Ketten-Verein mit weltweit sogar 1,3 Millionen Mitgliedern.
Lions, 1917 vom Versicherungsvertreter Melvin Jones in Chicago gegründet, steht für die Initialen von "liberty", "intelligence" und "our nations safetey". Die "Löwen", wie die deutschen Lions-Freunde des Gesamtdistrikts 111 sich gern nennen, geloben neben sieben anderen "ethischen Grundsätzen", jederzeit "den Unglücklichen mit Trost, den Schwachen mit Tatkraft, den Bedürftigen mit meiner Habe" beizustehen. Ihre Sach- und Geldspenden für 1981 beziffern sie mit 32 Millionen Mark.
Ihre guten Werke heißen "activity" und, wenn eines Jahre währt, "Langzeitactivity". Ihre regionalen Oberen firmieren als "District-Governors" und, wenn sie ihr lionistisches Jahr von Juli bis Juni herumgebracht haben, bis zum Lebensende als PDG, als "Past District Governor". Ihre Devise lautet: "Wir dienen."
Dieses Dienstgedankens wegen heißen Organisationen wie Lions und Rotary in ihrer nordamerikanischen Heimat "Service-clubs" - ein Name, der deutschen Dienern leicht degoutant klingt, "so ein bißchen nach Tingel-Tangel", fürchtet ein Bremer Rotarier falsche Assoziationen, "und nach Sich-bedienen-Lassen". Und da gibt es noch andere Mißverständnisse.
Im Sommer 1980 ermittelte eine Emnid-Umfrage, daß drei von vier Bundesbürgern sich unter Lions-Clubs überhaupt nichts vorzustellen vermochten - allenfalls ein neues Kreditkarten-System. Vom Rest der Wissenden allerdings votierte mehr als jeder dritte für die Rubriken "Herrenclub", "Club für Unternehmer, Manager, Geldleute u. ä." und "Eliteclub", "Nobelclub" - eine Einschätzung, so notierte die Verbandszeitschrift "Lion" beklommen, die der Mitgliedschaft "merkliche Nachdenklichkeit" verursachte. Denn das befragte Volk kommt der Wahrheit ziemlich nahe. Schon die Mitgliederstruktur der bundesdeutschen Rotary-Clubs macht das deutlich. Laut interner Berufsstatistik besitzt oder leitet gut ein Drittel der Mitglieder Industriebetriebe.
Jeder achte Clubfreund (11,9 Prozent) ist Mediziner, jeder elfte (8,9 Prozent) erwarb sich Vermögen und Ansehen in Wissenschaft, Erziehung oder Forschung. Die juristische Zunft stellt noch
stattliche sechs, die Banken bringen es auf immerhin knapp vier Prozent. In den Rest teilen sich Herren von Militär, Verwaltung und Geistlichkeit sowie der für gesellschaftsfähig gehaltene Journalismus von Appel (ZDF) bis Weinstein ("FAZ"). Wenn mal ein Handwerker oder ein Förster, ein Spediteur oder ein Sportler vorkommt, so soll es jeweils der beste und pro Club immer nur einer sein.
Die Konkurrenz um die dienstbereite Hautevolee zwischen den diversen Männerclubs ist ebenso unvermeidlich wie offenkundig. Im Lions-Hauptquartier in Oak Brook im US-Staat Illinois steht neben modernen Computern eine altväterliche Stecktafel. Auf der wird per Hand nicht nur der elektronisch errechnete Mitglieder-Saldo für jede Nation auf den neuesten Stand gebracht, sondern auch die internationale Rangfolge.
An der hat sich seit anderthalb Jahrzehnten kaum etwas geändert: Lions liegt mit einem Plus von jeweils einigen hunderttausend Mitgliedern vor Rotary. Danach - schon weit abgeschlagen - folgen auf dem dritten Platz die 8000 Kiwanis-Clubs (indianisch "nunc Keewanis" für "Ausdruck eigener Persönlichkeit") mit weltweit etwa 300 000 und in der Bundesrepublik nur knapp 1000 Mitgliedern.
Was aber Nimbus, Renommee und Exklusivität anlangt, so gilt Rotary auch nach Eingeständnis der Mitbewerber unstreitig als Erster. "Die sind natürlich immer einen ganzen Zahn vornehmer", beschreibt Rundfunk-Journalist Jürgen Graf vom Lions-Club Berlin-Dahlem das Gefälle von Herr zu Herrchen. Und ein Hamburger Lions-Governor gesteht, etwas säuerlich, die geläufige Antwort auf jene Scherzfrage, was denn eigentlich den Unterschied ausmache zwischen Lions und Rotary: "Rotary nimmt keine Prokuristen auf."
Die Pointe will so wörtlich nicht genommen werden, doch beschreibt sie zutreffend die Tendenz zumindest für jene rotarischen Spitzen- und Traditionsclubs, die ihre "Charter" geheißene Gründungsurkunde bereits vor dem Kriege, zwischen 1927 und 1937, empfingen: für Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart, München und einige andere, deren Mitgliederverzeichnisse sich lesen wie solenne Bestenlisten von Banken, Handel und Industrie.
Die dort eingeschriebenen Herren von Geld- und Blutadel, die Henkels, die Henkells und die zu Hohenlohe, die Rodenstocks, Merkles, von Siemens und von Preußens, bedürfen allesamt der rotarischen Nobilitierung nicht, sondern akzeptieren sie wie eine selbstverständliche Bestätigung ihres gesellschaftlichen Ranges. Doch ihr Glanz wärmt die arrivierten Provinzbürger in den sogenannten Flächenclubs, in Diepholz und Dachau, in Soltau und Schrobenhausen, wo es eine Ehre ist, unter den Notablen zu speisen. Denn "eine Ehre", erinnert Wermelskirchens Stadtdirektor Siegfried Störtte an seine Kooptation vor 10 Jahren, "eine Ehre ist das ja schon".
Ihr teilhaftig zu werden bemühen sich neuerdings insbesondere Militärs. Das Bestreben, über die Herrenclubs jenes Sozialprestige zurückzugewinnen, das ihm über zwei Weltkriege abhanden kam, ist beim Offiziersstand unverkennbar. Rund 300 Offiziere, davon fast zwei Drittel aktiv, bevölkern die Rotary-Stammtische: mindestens 45 Generäle, 28 Generalmajore, 73 Oberstleutnante, 68 Oberste, 17 Admiräle.
Angeführt vom Generalinspekteur Wolfgang Altenburg und seinem Vorgänger Jürgen Brandt, ist von der Luftlandetruppe bis zur "aufklärenden" Artillerie, vom "Wehrpsychiater" bis zum Logistiker jeder militärische Bereich vertreten. Die zwei Dutzend Klassifikationen, mit denen die Uniformierten dezent das Berufslimit unterlaufen, reichen von "Wehrwesen" über "Generalstab" bis zu "Militärmusik".
Heinz Wolff, Herausgeber der Monatszeitschrift "Der Rotarier" und Beauftragter _(Oben links: Mit Rotary-Mitteln ) _(restaurierter historischer Kran in ) _(Stade. Oben rechts: Vom Rotary-Club ) _(Frankfurt-Friedensbrücke gestifteter ) _(Brutkasten für das Universitäts-"Zentrum ) _(der Kinderheilkunde". ) _(Unten: Vom Rotary-Club Kiel für den ) _(Naturschutz gestiftetes Gelände. )
der elf deutschen Distrikte für Öffentlichkeitsarbeit, räumt ein, daß "es niemals an der Klassifikation scheitert, wenn jemand allseitig gewünscht wird".
Und so bietet das im Rotarier-Jargon "Bibel" geheißene, über eintausend Seiten starke Mitgliederverzeichnis eine Fülle von offenkundigen Beispielen dafür, wie besonders in Provinzclubs der Kamerad den Kameraden, der Vater den Sohn, der kaufmännische den technischen Direktor, der Anwalt seinen Sozius nachzieht.
Der Spott der Konkurrenz illustriert die fortgeschrittene Aufweichung des Berufsklassen-Prinzips. Für die Lions, die durch solche Vorschriften nicht eingeengt sind und sich sogar eine dezente Mitgliederwerbung gestatten, ulkt ein ehemaliger Präsident: "Wenn im Rotary-Club schon ein Frauenarzt ist und ein zweiter soll rein, wird einfach die Klassifikation geändert, daß sie den einen als Spezialisten für die obere und den anderen für die untere Hälfte ausweist."
Zwei Berufsgruppen sind allerdings auch bei Rotary auf solche Tricks nicht angewiesen: die Theologen und die Journalisten. Ihnen gestatten die normierten Clubverfassungen aktive Mitgliedschaft in theoretisch unbegrenzter Anzahl unter derselben Klassifikation - vielleicht, so philosophiert ein rheinischer Rotary-Veteran, "weil die einen zuständig sind für unseren guten Leumund hier und die anderen für den im Jenseits".
Die katholische Fraktion der christlichen Geistlichkeit ist freilich noch nicht allzu lange dabei. Trotz jahrzehntelanger Fürbitten der amerikanischen Rotary-Zentrale blieb der Vatikan bis Anfang der fünfziger Jahre bei seinem Verdikt, kein Geistlicher dürfe Rotarier werden. So lange galt eine 1928 von spanischen Jesuiten und dem päpstlichen Zentralblatt "Osservatore Romano" gemeinsam vorgetragene Verurteilung der Rotarier als verkappte Freimaurer und ihres Toleranzbegriffes als Glaubensabfall.
Doch 1959 empfing Papst Johannes XXIII. einen internationalen Rotary-Präsidenten in Privataudienz. Seither strömen Gemeindepfarrer ebenso in die Clubs wie Universitätstheologen. Seite an Seite mit protestantischen Amtsbrüdern betrachten sie Rotary inzwischen als ihre Organisation - so sehr, daß Pater Basilius Streithofen vor seinem Club Düsseldorf-Pempelfort unter großem Beifall dieselben Thesen ("Die Freiheit ist höher zu bewerten als der Frieden") vortragen konnte wie zuvor schon auf dem Hamburger CDU-Parteitag.
Der politische Grundton in den meisten deutschen Rotary-Clubs ist konservativ. Zwar lautet die Legitimationsformel aller geschlossenen Clubs, daß allein der gute Freund gesucht und allein wahre Freundschaft geboten werde. Doch weil die, wie im Lied, nicht wanken darf, siedelt sie bei Rotary ausschließlich innerhalb desselben, vom Gründerkreis vorgegebenen sozialen Milieus.
Entsprechend düster fiel das Bild vom deutschen Vaterland aus, das in Rotary-Clubs unbeirrt bis zum Exitus der sozialliberalen Koalition gezeichnet wurde: Auf den Straßen "Plünderungen und Straßenterror a la ''Reichskristallnacht 1938''", die Bonner Regierung "erpreßbar" und in "fatale Anpassungsbereitschaft" gegenüber der Sowjet-Union verfallen, die heimische Wirtschaft gelähmt durch "Leistung- und Arbeitsverweigerung auf Betreiben von Ideologen des Neomarxismus und Kommunismus" - so schilderte Oberst a. D. Keerl vom Club Bonn-Rheinbrücke die Feindlage.
Da konnte es Rotarier mit differenzierterem Weltbild kaum noch verwundern, wenn Freund Heinrich Reimers, Glasfabrikant zu Nienburg, kurzentschlossen zur Sache kam und die vielgerühmten Rotary-Ideale des Dienens und Helfens auf die "zweite und dritte Stelle" verwies. "Höchste Priorität" dagegen müsse endlich das "Ringen um eine freiheitlich demokratische Gesellschaftsordnung im verbliebenen westlichen Abendland" haben.
Eine Analyse von Clubvorträgen und Artikeln im Monatsblatt "Der Rotarier" macht zudem deutlich, daß Gegenpositionen fast vollständig fehlen - und wohl auch die berühmte Vier-Fragen-Probe für diesen Kreuzzug vorübergehend suspendiert war. Danach nämlich sollten sich Rotarier bei allem Denken, Sagen und Tun immerfort fragen: "Ist es wahr, bin ich aufrichtig?" - "Ist es fair für alle Beteiligten?" - "Wird es Freundschaft und guten Willen fördern?" - "Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen?"
Dennoch stellen Rotary-Clubs primär weder Seilschaften zur gegenseitigen Beförderung von Karrieren dar noch gar Institute der machiavellistischen Grundausbildung. Machtausübung in all ihren Varianten wird dort nicht gelehrt, sondern bereits als Eintrittsbillett verlangt. Rotary ist vielmehr das Spitzenhäubchen des konservativen Milieus; und das Stück, das zumal deutsche Rotarier en suite aufführen, heißt Geschlossene Gesellschaft.
In einer ersten wissenschaftlichen Arbeit über deutsche Rotarier ("Ein Führungskreis in der Bundesrepublik") präsentiert jetzt die Straßburger Sozialwissenschaftlerin Carole Reich den empirisch abgesicherten, wenngleich kaum verblüffenden Befund: "Was die Stärke und Macht der Rotarier ausmacht, ist...die Verknüpfung und Durchdringung verschiedenster Bekanntschaften, Einflußnahmen und Beziehungen."
Aufgrund ihrer Recherchen bei Mitgliedern von 21 repräsentativen deutschen Rotary-Clubs offenbarte sich der französischen Soziologin deutlich eine "Einheit, man könnte sagen: ein Klassenbewußtsein des Milieus, dem sie angehören".
Gerade diese Charakterisierung ihrer Club-Kette als Klassenorganisation aber empört Rotarier gemeinhin aufs äußerste. "Läßt sich ernsthaft dagegen räsonieren", ereifert sich der Darmstädter Hochschullehrer Hartmut Wedekind, "daß verantwortungsbewußte Männer in
maßgeblichen Positionen, über Partei- und Partikularinteressen hinweg, Freundschaft halten und für das Gemeinwohl eintreten?"
Kaum - wenn es so wäre. Doch lehrt ein rascher Vergleich, wie es bei den Herrenclubs mit der Repräsentanz politischer Parteien bestellt ist: Von den 475 männlichen Abgeordneten des neunten Deutschen Bundestages beispielsweise war fast jeder siebte Mitglied bei Rotary (41), Lions (26) oder Kiwanis (3). Jeder vierte von ihnen war Volksvertreter der Unionsparteien, jeder sechste FDP-Mann, aber nur jeder 55. Sozi.
Peter Würtz, gelernter Maschinenschlosser und Oberstleutnant a. D., war und ist einer der beiden sozialdemokratischen Rotarier im Bonner Parlament. Sein Club im niedersächsischen Syke nahm ihn vor sechs Jahren auf, weil er einem Mitglied einen persönlichen Dienst erwiesen hatte - aber natürlich auch, so Würtz, "weil ich das Image eines rechten Sozialdemokraten habe".
Vor seinem Beitritt habe er allerdings vom Parteivorsitzenden Willy Brandt einen Rat erbeten und auch erhalten. "Der hat gesagt: ''Prima, mach das, das ist ''ne gute internationale Sache.''" Seither bringt Würtz das Clubleben "viel Spaß", und er genießt die Verblüffung seiner örtlichen Parteifreunde, wenn er "immer die besten Informationen von der anderen Seite" hat.
Natürlich weiß Würtz, wie sorgsam die Clubs darauf achten, "daß nur die richtigen Leute drin sind", um besser "ihren Einfluß konsolidieren und koordinieren zu können". Das erklärt auch, warum trotz großer Clubautonomie der Zuwahlmechanismus so sauber greift und bundesweit zu fast identischen Ergänzungen führt. Auf der Kabinettsliste des unionsregierten Baden-Württemberg etwa stehen neben Ministerpräsident und Lions-Mitglied Lothar Späth immerhin drei Rotarier, während die sozialdemokratische Landesregierung von Nordrhein-Westfalen nicht mit einem einzigen Clubmitglied dienen kann.
Bayern, was Wunder, liegt ganz vorn, was die Anzahl patentierter Herren auf Ministersesseln anlangt: Neben dem bei Lions beurlaubten Landesvater Franz Josef Strauß regieren vier weitere "Löwen" und ebenso viele Rotarier - eine Organisationsquote von 90 Prozent, noch schöner als das jüngste CSU-Wahlergebnis.
In der Übergangs-Bundesregierung stieg der Herren-Anteil gegenüber dem Kabinett Schmidt gleich um 100 Prozent: Zur freidemokratischen Rotarier-Riege Genscher, Lambsdorff, Ertl, die das Tor aufgemacht hatte, stießen die Unionspolitiker Werner Dollinger (Lions) und die beiden Rotarier Christian Schwarz-Schilling und Jürgen Warnke.
FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher freilich ist ein spätberufener Rotarier: Erst Ende 1981 wurde er in den Club Bonn/Süd-Bad Godesberg gebeten und unter der Klassifikation "Rechtspflege: Rechtsanwaltschaft" registriert, obwohl die längst besetzt war.
Daß der Wechsel in Bonn wie die neue Koalition aus Sicht der Herrenclub-Klientel überfällig war, liegt auf der Hand. Rotarier und Löwen stellen in den Vorständen von CDU, CSU und FDP ein solides Drittel, während sie im SPD-Präsidium überhaupt nicht vertreten sind - weil, bestätigt die Ausnahme Würtz, "Sozialdemokraten in der Regel nicht gewollt und nicht gefragt werden", ebensowenig wie Gewerkschaftsfunktionäre.
Vertreter anderer "angesehener und achtbarer" Berufe kommen besser an, und an manchen Orten entsteht ein regelrechtes Gedränge. Den drei Karlsruher Rotary-Clubs mit zusammen 144 Mitgliedern beispielsweise gehören nicht nur die Präsidenten des Bundesgerichtshofs und des Bundesverfassungsgerichts an, sondern zugleich deren Vorgänger und etliche höchste Richter.
Der Präsident des Bundesarbeitsgerichts ist ebenso Rotarier wie der Präsident des Bundessozialgerichts. Der Präsident des Bundesfinanzhofes dagegen ist wie der Generalbundesanwalt bei Lions untergekommen. Von 26 westdeutschen Regierungspräsidenten steht jeder vierte bei Rotary und jeder fünfte bei Lions auf den Clublisten. Und in fast jeder zweiten Großstadt gehört entweder der Oberbürgermeister oder der Oberstadtdirektor zu einem der Honoratiorenclubs.
Solche auch öffentlich einflußreichen Bezugspersonen für das Beziehungsgeflecht, gewissermaßen als Filz mit Nadelstreifen, jedem neuentstehenden Club zu sichern, gehört zu den vornehmsten Aufgaben der Planungspaten und führt mitunter zu Grenzkonflikten.
So sorgten sich unlängst die Rotarier von Hamburg-Bergedorf, eine vom _(Nach einem Sitzstreik beim "Ostermarsch ) _(1983" in Neu-Ulm. )
Nachbarclub Lauenburg-Mölln geplante Neugründung könnte sie selbst womöglich bei der Aufnahme neuer Mitglieder in Schwierigkeiten bringen. Als Kompromiß wurde eine vorherige "Potentialerhebung" vereinbart, wobei sich beide Präsidenten versicherten, "die Qualität neuer Mitglieder" müsse "immer Vorrang vor der Quantität haben".
Denn Niveau soll ja spürbar sein, spätestens, sobald sich nach dem Servieren des Kaffees der Präsident räuspert, um "dem lieben Freund" Sowieso zum Referat der Woche das Wort zu erteilen. Und wenn in der Buxtehuder "Walhalla" die "GmbH in steuer- und handelsrechtlicher Sicht" auf dem Programm steht oder vier Wochen später Autohändler Rolf Eberstein über eine "fröhliche Wallfahrt in Andalusien" plaudert, so deutet das auf gewisse Schwierigkeiten hin, auf dem flachen Lande die elitär-gesellige Anziehungskraft von Rotary zu bewahren.
Da haben es die urbanen Rotarier besser. Möbelhändler Achim Türklitz kann seinen Club Berlin-Tiergarten zum "rotarischen Liederabend" bitten, zu einer "künstlerischen Sternstunde" mit Rotarier Donald Grobe (Tenor) und Rotarier Gerhard Puchelt (Klavier). Rotarier Josef Neckermann beschert seinem Club Frankfurt-Friedensbrücke nebst Jugend und Damen schon mal eine "begeisternd" empfundene Reit- und Dressurvorführung auf Gut Neuhof.
Ob nun Rotarier Felix Wankel aus dem Club Friedrichshafen-Lindau über die Rotationen seines Motors referiert, ob Rotarier Otto Graf Lambsdorff den Freunden aus Düsseldorf-Süd das Geheimnis entdeckt, "daß ein bestimmtes Maß an Wirtschaftswachstum in einer Volkswirtschaft unabdingbar ist", oder ob Berlins ehemaliger Justizsenator Rupert Scholz seinem neuen Club Berlin-Nord "für die Beantwortung vielfältiger Fragen zur Berlin-Politk zur Verfügung" steht - bei solchen Gelegenheiten wird dem gesättigt lauschenden Rotarier allemal der Eindruck vermittelt, zum Kreis der bevorzugt Informierten und ergo der wenigen Wissenden im Lande zu gehören.
Daraus resultiert kollektive Diskretion und nicht selten die generelle Abschirmung des Clublebens als strikte Privatangelegenheit. Diesem Argument begegnete die französische Soziologin Carole Reich denn auch am häufigsten, wenn Clubs jegliche Auskünfte verweigerten. Einen weiteren Grund zum Neinsagen lieferte die Sorge, die Arbeit könne "Wasser auf die Mühlen der linken und extrem linken Soziologen" sein und "ganze Unwetter von Gemeinheiten" hervorrufen.
Am einleuchtendsten aber erschien der Wissenschaftlerin die Erklärung, daß Rotarier "Opfer einer Hexenjagd des Naziregimes" waren und aus dieser Zeit ihr Mißtrauen datiere, "sich anders als internationale Organisationen mit humanitären Zielen zu erkennen zu geben". Damit freilich saß die Forscherin einer hausgemachten Verfolgungs-Legende deutscher Rotarier auf, die auch durch häufiges Wiederholen nicht glaubwürdiger wird.
Als Abgesandte von 41 reichsdeutschen Rotary-Clubs am 4. September 1937 im Berliner Hotel "Esplanade" die Selbstauflösung ihrer Vereinigung beschlossen, gab es dafür einen einzigen Grund: Nach langem Hin und Her hatte der Reichsinnenminister allen Beamten und das Oberste Parteigericht allen Parteigenossen die Mitgliedschaft bei Rotary untersagt.
Damit ging eine vierjährige Periode der Anbiederung deutscher Rotarier-Funktionäre an die braune Macht zu Ende: Sie hatten Ergebenheitsadressen an die Nazi-Führer geschickt, hatten ihre Dienst-Devise als weltanschaulich identisch mit dem NS-Grundsatz "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" ausgegeben und sich selbst als völkischer denn die NSDAP.
Einige Clubs schlossen, sobald das opportun war, Juden prompt aus. Die meisten jedoch gingen den Weg der moralischen Erpressung, indem jüdische Mitglieder aufgefordert wurden, nun rotarische Größe zu beweisen und von selbst zu gehen, damit ihretwegen nicht die arische Mehrheit ausscheiden müsse.
Als das erhoffte Arrangement mit den Nazis nicht zustande kam, obwohl die Clubs sogar anboten, alle Verbindungen nach USA zu kappen und sich der Parteiaufsicht zu unterstellen, handelten sich die geringschätzig als "Auch-Nationale" eingestuften Rotarier zu den moralischen Blessuren auch noch Hohn ein:
Reichsleiter Walter Buch bekräftigte Ende August 1937 die Unvereinbarkeit, obwohl "die deutschen Rotary-Clubs ... nach der Machtübernahme beflissen" gewesen seien, "sich dem Geist der neuen Zeit anzupassen", und sich "beeilt" hätten, "die aufgenommenen Juden aus ihren Reihen auszuscheiden".
Nach der Selbstauflösung der Clubs zeigte sich die Staatsmacht sogleich wieder versöhnlich: Der Sicherheitsdienst wurde überall im Land angewiesen, bei der Aktenübergabe anwesende Rotarier "mit äußerster Höflichkeit zu behandeln". Ältere Herren, die politisch und ökonomisch nicht von der konservativen Linie des deutschen Rotary-Gründers und Reichskanzlers (1922/23) Wilhelm Cuno abzubringen waren, durften ihre Stammtische und Freundeskreise bis Kriegsende zwar observiert, aber praktisch unbehelligt abhalten, obwohl gerade diese Zirkel - wie etwa der harte Kern des Bremer Clubs - mit ihrer Hitler-Gegnerschaft nicht hinterm Berg hielten.
Mindestens 21 Ex-Rotarier wurden zu Wehrwirtschaftsführern des Dritten Reiches umdekoriert, konnten als "hervorragende Persönlichkeiten" ungebremst Karriere machen und bewährten sich allesamt, so qualifiziert eine Analyse die Mitglieder des Göringschen Wehrwirtschaftsrates, als "gute Nationalsozialisten".
Die 56jährige Geschichte des deutschen Rotary erzählt, auch während der Nazi-Zeit, wenig von Verfolgung und Widerstand, dafür viel von der Kunst des Obenbleibens. Und als Ende der vierziger Jahre die Wiederbegründung der Clubs abzusehen war, plädierten die Hamburger Freunde sogleich dafür, "die Weiterführung der alten Mitgliedschaft ohne Rücksicht auf politische Gesichtspunkte" anzuerkennen, weil "unser privater Freundeskreis weder ein Recht noch ein Anlaß für Spruchkammer-Verfahren bietet".
Einen "schonungslos ehrlichen Bericht" über Rotary unterm Hakenkreuz hat jetzt, als interne Publikation, der Bonner Club herausgebracht. Im Vorwort werten die Hauptstadt-Rotarier als "besonders schlimm" die Willfährigkeit der Clubs, "Rotary judenrein" zu machen, statt zu diesem Zeitpunkt die Organisation bereits aufzulösen. Dennoch, trösten sich die Herausgeber, "ist es gut, daß das nicht verschleiert wurde".
Doch es wurde verschleiert und verschleppt, zwanzig Jahre lang. Denn schon Anfang der sechziger Jahre hatte Alt-Rotarier Friedrich von Wilpert für seine um Aufklärung und Entschuldigung zugleich bemühte Arbeit eine "Freigabe" durch den Governorrat erbeten - ohne Erfolg: Der Lackindustrielle Carl-Friedrich Spieß vom Rotary-Club Lüdenscheid fürchtete "tausendfach Material zum Mißbrauch"; Governor Günther Ramdohr aus Frankfurt fand es Mitte 1963 "viel zu früh", das "Hin und Her der Jahre 1933 bis 37 dem unbefangenen Leser preiszugeben".
Auf der Governorrats-Sitzung Mitte 1964 stand das Thema erneut auf dem Programm, doch das Protokoll vermerkt die Absicht, "keinen schlafenden Hund zu wecken". Noch ein Jahr später wurden die Funktionäre endlich deutlich: Keine Veröffentlichung, denn das gesamte Manuskript gebe "für Leser, die Rotary nicht kennen, ein falsches Bild" und sei "geeignet, böswilligen Kommentatoren in der Boulevard-Presse, deren es nur allzu viele gibt, Material an die Hand zu geben, um dem Rufe Rotarys zu schaden".
Der "Verzicht auf eine Veröffentlichung" sei schließlich eine "noch größere rotarische Tat" als die Zusammenstellung. Zuletzt wurde als fair und der Freundschaft dienlich ausgehandelt, das Manuskript beim Bundesarchiv zu deponieren - "mit der Auflage", der Bericht dürfe "nicht vor dem Jahre 2000 veröffentlicht werden". Vertraulich, für Mitglieder, gelang es nun schon etwas früher.
Die Mühsal bei der Bewältigung der eigenen Vergangenheit mögen die Rotarier gemein haben mit den meisten Deutschen, die sich den Eliten zurechnen - nur kontrastiert das schärfer zu den Postulaten eigener Wohlanständigkeit und Hochherzigkeit.
Thomas Mann, schon im Schweizer Exil, notierte Anfang April 1933 in seinem Tagebuch: "Ich erhalte vom Rotary-Club München denselben Brief mit der trockenen Mitteilung der Streichung meines Namens wie (der Schriftsteller Bruno) Frank ... Erschütterung, Amüsement und Staunen über den Seelenzustand dieser Menschen, die mich, eben noch die ''Zierde'' ihrer Vereinigung, ausstoßen, ohne ein Wort des Bedauerns, des Dankes, als sei es ganz selbstverständlich."
Die Erbötigkeit deutscher Rotarier gegenüber den Nazis ist so unbestreitbar wie die Tendenz, das Thema bis heute ruhenzulassen. Aber bei aller Rücksicht gegenüber der eigenen Vergangenheit, bei aller konstant gebliebenen Voreingenommenheit gegenüber Sozis und Linken jeder Couleur - so ganz und gar spurlos ist die Nachkriegszeit an den Rotariern nicht vorübergegangen. Gerade bei einigen nach Gründungsjahr und Altersdurchschnitt jüngeren Clubs zeichnet sich ein vorsichtiger Wandel ab: So legt beispielsweise der Rotary-Club Wangen-Isny ausdrücklich Wert auf jenes breite Meinungsspektrum, in dem politische Kultur überhaupt erst entfaltet und die vielbeschworene Toleranz überhaupt erst erwiesen werden kann.
Da folgte immerhin auf den Getreidemüller Karl Schneider ("Ich bin ein ganz ein Schwarzer") als nächster Präsident ein beinahe Grüner: der Architekt Helmut Morlok, Senior der lokalen Friedensbewegung und, wie seine sechs Kinder meinen, "durch Rotary erst richtig radikalisiert, weil dort mein Widerspruch viel deutlicher als anderswo herausgefordert wird".
Längst nicht alle Mitglieder teilen Morloks pazifistische Anschauungen, aber in einem Punkt stimmen ihm viele spontan zu: "So etwas wie in Würzburg, wo man (den Nachrüstungsgegner und Ex-General) Freund Gert Bastian aus seinem Club ''rausgegrault hat - das wäre hier unmöglich."
Auch im Club Wertheim (gegründet 1979), wohin Bastian wiederholt zu Diskussionen gebeten wurde, "könnte er
heute noch Mitglied sein" - jedenfalls nach Meinung von Präsident Heinz-Dieter Bürger, der, auch das eine rotarische Rarität, zugleich SPD-Kreisvorsitzender ist. Die Atmosphäre seines Clubs jedenfalls hält er für liberal, und deshalb ärgert ihn besonders, "wenn der neokonservative Chefideologe Günter Rohrmoser hier auf Einladung referiert und so tut, als sei Rotary seine natürliche Gemeinde".
Doch noch sind Mißverständnisse dieser Art bei Rotary selten. "In vielen Clubs, ob sie nun Hamburg heißen oder Berlin", bedankt sich der liberale Rechtsanwalt und ehemalige Wangener Landrat Walter Münch, "wäre ich nie Mitglied: Da trifft sich wirklich die Fünfte Kolonne des Pentagon oder wer quer über den Mittagstisch die neuesten Börsentips haben will."
Doch nicht zuletzt dieses heimliche Angebot handfester Vorteile für seine Mitglieder hat Rotary in der Vergangenheit stetig wachsen lassen und es - so das Urteil des bisherigen Straßburger Bürgermeisters und Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments Pierre Pflimlin - zur "größten und einflußreichsten Organisation" gemacht.
In der Pionier-Zeit wurden amerikanischen Rotariern noch wöchentlich Rückantwort-Postkarten ausgehändigt. Auf denen mußten sie dem Clubstatistiker mitteilen, wieviel geschäftliche Aufträge sie von rotarischen Freunden bekommen und wieviel sie umgekehrt an Clubmitglieder vergeben hatten. Die positiven Resultate waren lange Zeit das stärkste Werbeargument.
Diese Tradition, den Dienst am Nächsten ganz offen auch als clubinternes Gegengeschäft zu verstehen, ist deutschen Rotariern sichtlich unangenehm. Und oft sind die Privilegien, die solch ein örtliches Machtkartell produziert, ja auch kaum öffentlicher Gegenrede wert: die persönliche Einladung zur Kunstausstellung durch den Freund Museumsdirektor, die bevorzugte Behandlung der Ehefrau durch den Freund Chefarzt, die Vermittlung eines guten Bocks durch den rotarischen Forstamtsleiter - beliebige Beispiele aus dem letztjährigen Selbstbedienungskatalog bundesdeutscher Rotary-Clubs, eben das alltägliche Schmieröl in den Beziehungen der besseren Stände.
In manchen Rotary-Distrikten allerdings sind in den letzten Jahren sogenannte Beraterstäbe "Erste Hilfe" aufgebaut worden, deren Aufgabe es keineswegs ist, etwa dem Roten Kreuz Konkurrenz zu machen. Diesen verschwiegen arbeitenden Spezial-Trupps gehören jeweils ein Rechtsanwalt, ein Notar, ein Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer, ein Bankdirektor, ein Ingenieur und ein Betriebswirt an. Ihre gemeinsame Aufgabe: Mitgliedern aus wirtschaftlichen Schwierigkeiten herauszuhelfen, ihnen Stellen oder Kooperationspartner zu vermitteln.
In öffentlichen Darstellungen bleibt solche spezielle Caritas freilich unerwähnt, schon um - so befand vor drei Jahren der 186. Rotary-Distrikt (Rheinland-Pfalz, Saarland) - "nicht die Begehrlichkeit zu wecken, Mitglied zu werden".
Anzustreben sei eine Strategie der "dosierten Publizierung". Dabei dürfe zwar nicht "der Eindruck entstehen, wir wollten uns unserer eigenen guten Taten rühmen", jedoch sei unbedingt "unser soziales Engagement in den Vordergrund (zu) stellen".
Unstrittig ist ja auch, daß Rotarier mit manchem Tausendmarkschein dort eingesprungen sind, wo öffentliche Hilfe nicht, mindestens aber nicht ausreichend verfügbar war. Obwohl eine Gesamtbilanz solcher guten Werke in Mark und Pfennig fehlt, beeindrucken bereits Einzelbeispiele.
So schenkte der Club Kiel (60 Mitglieder) anläßlich seines 50jährigen Jubiläums der Stadt 14 000 Quadratmeter nasse Wiesen zur Begründung eines Naturschutzgebietes. Der Club Berlin-Spandau (46 Mitglieder) übergab seinem Stadtbezirk erst kürzlich immerhin 12 000 Mark als Grundstock für ein "Bürgerhaus-Museum". Und vor drei Jahren brachten die elf deutschen Rotary-Distrikte gemeinsam eine Sonderspende von 1,4 Millionen Mark auf, um dafür sechs Häuser in einem Feriendorf für Behinderte zu erwerben.
Doch was immer gegen Spendenquittung an großen wie an kleinen Summen hergeschenkt und von den Medien getreulich und freundlich vermeldet wurde - viele Rotarier fühlen sich von Volk und Volkes Stimme nach wie vor verkannt und unter Wert behandelt. "Eifersüchtige und Abseitsstehende", so grollte etwa der Esslinger Chefarzt Rolf Simon-Weidner, operierten mit "Unterstellungen", daß "man sich bei uns hauptsächlich zum guten Essen trifft."
Deutsche Rotarier, deren Überzeugung von der eigenen Exzellenz jeglicher Selbstironie meist im Wege steht, legen großen Wert darauf, die wöchentliche Gruppenmahlzeit lediglich als Rahmen zu uneigennütziger Weiterbildung gelten zu lassen. Das sah der Rotarier George Bernard Shaw denn doch mit angemessenem Sarkasmus. Er stellte und beantwortete die Sinnfrage knapp: "Where is Rotary going to? - Rotary is going to lunch."
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BESSERER KREIS Mitglieder-Struktur der deutschen Rotary-Clubs (Anteile in Prozent) Industrielle oder Leiter von Industriebetrieben Journalisten Soldaten Apotheker Geistliche Leiter von Banken und Sparkassen Leiter in der öffentlichen Verwaltung Juristen Wissenschaftler, Forscher, Erzieher Mediziner Sonstige
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Oben links: Mit Rotary-Mitteln restaurierter historischer Kran in Stade. Oben rechts: Vom Rotary-Club Frankfurt-Friedensbrücke gestifteter Brutkasten für das Universitäts-"Zentrum der Kinderheilkunde". Unten: Vom Rotary-Club Kiel für den Naturschutz gestiftetes Gelände. Nach einem Sitzstreik beim "Ostermarsch 1983" in Neu-Ulm.

DER SPIEGEL 21/1983
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