10.01.1983

FISCHEREIKirk gegen alle

Ein Europa-Parlamentarier wollte es wissen: Er forderte Britannien - und Europa - heraus. Auf den absurden Falkland-Krieg folgte der absurde Sprotten-Krieg.
Im Tiefflug über der sturmgepeitschten Nordsee machte die Besatzung des "Islander"-Aufklärers den Feind aus.
Von den Männern der Royal Air Force alarmiert, griff die Royal Navy ein: Eilends bezog die "Dumbarton Castle" Stellung, ein 1450-Tonnen-Patrouillenboot, und richtete ihre 40-mm-Schnellfeuerkanone drohend auf den Feind.
Unter der Küste Schottlands warteten derweil 21 weitere britische Kriegsschiffe in Alarmbereitschaft; vierstrahlige "Nimrod"-Fernaufklärer beobachteten die Feindbewegungen.
Den von den Briten ausgemachten Aggressor schien der martialische Aufwand nicht zu irritieren: An Bord seines 140-Tonnen-Fischdampfers "Sand Kirk" (Heimathafen: Esbjerg, Dänemark) befand Kapitän Kent Kirk, 33, am vorigen Donnerstag, es sei "gutes Wetter zum Fischen", und ließ die Netze auswerfen. Worauf die Briten ihn aufbrachten. Der Sprottenkrieg war da.
Die geballte Macht der großbritannischen Navy gegen einen in aufgewühlter See schlingernden dänischen Trawler - nach Falkland ein zweiter absurder Krieg, es durfte gelacht werden.
Doch Fischer Kirk, im Hauptberuf konservativer Abgeordneter im Europa-Parlament, bestand darauf, die kleinen Fische zur Fischmehlverarbeitung ausgerechnet in britischen Hoheitsgewässern zu fangen - innerhalb jener von London für ausländische Fischer, auch und gerade für EG-Partner, zum Tabu erklärten Zwölf-Meilen-Zone.
Auf dem Begleitschiff "Martin Knudsen" - Kent Kirk hatte die drängelnde Menge der britischen und dänischen Kriegsberichterstatter auf seinem Kutter nicht unterbringen können - erlebte Reporter Eric Peters den Kriegsbeginn mit Schiffskanonen, Flugzeugen und leuchtend grünen Fischnetzen als eine Art "Zirkus mit drei Manegen". S.99
Eine Show wurde allemal dargeboten, ein Schauspiel gar, in dem nach Londoner und EG-Lesart dem Dänen die Rolle des Schurken zugewiesen war. "Die Wikinger kommen", schrieben britische Blätter, und sogar Kopenhagener Zeitungen wiederholten das als Schlagzeile.
Kent Kirk, der Parlamentarier mit Europa im Sinn, sähe sich selbst gern als Michael Kohlhaas der Makrelen- und Sprottengründe vor Schottland: Er wollte von der britischen Marine aufgebracht werden; er wollte von einem britischen Gericht wegen illegalen Fischfangs verurteilt werden (wenngleich ihm nicht eine Sprotte ins Netz ging).
Bis zu 200 000 Mark Strafe können britische Richter als angemessene Sühne für den Fischfrevel festsetzen (wofür sich Kirk vorsorglich von seiner Hausbank eine entsprechende Bürgschaft geben ließ). Kirk bekam am Freitag eine Strafe von umgerechnet 120 000 Mark und will nun den Europäischen Gerichtshof anrufen.
Denn Kent Kirk will ein Zeichen setzen für Europa, will Britannien anklagen im Europäischen Gerichtshof zu Den Haag als Gemeinschaftsschädling, will sich seiner dänischen Fischer-Klientel empfehlen als unerschrockener Vorkämpfer nationaler Interessen - im europäischen Rahmen, versteht sich.
Kirk: "Ich habe meine Pflicht zu erfüllen. Ich habe den dänischen Fischern gegenüber Verantwortung."
Kirk der Fischer, der seit 15 Jahren nicht mehr an Ruder und Netz gestanden hat, argumentiert ganz schlicht mit einem Recht, das es nicht gibt.
Denn als Großbritannien, Irland und Dänemark vor zehn Jahren der EG beitraten, vereinbarte man, die jeweiligen Fischereiinteressen durch eine Übergangslösung auf zehn Jahre zu schützen. Danach, so die Absprache, solle ein gemeinsames Fischereirecht endgültige Quoten und Fänge festsetzen.
Zum Jahreswechsel 82/83 war der Rechtswechsel fällig - und platzte. Dänemark mochte sich nicht einigen. Fischereiminister Henning Grove: "Wir sind die einzigen, die verlieren."
In der Tat: 0,04 Prozent sollten die Dänen gegenüber ihren bisherigen Fängen einbüßen (aber gleichwohl mit fast einem Viertel der Gesamtmenge zweitgrößter Fischer der Gemeinschaft bleiben). Nur England blieb größer: 36 Prozent des Gesamtfangs, ein magerer Zuwachs von 0,3 Prozent.
Als man sich partout nicht arrangieren konnte, kam plötzlich dänische Schadenfreude auf. Ohne neues Recht, so argumentierten Kopenhagens Regierungsjuristen, gelte der Grundsatz der Römischen Verträge: Freizügigkeit in allen EG-Gewässern für alle EG-Partner, bis zur Küste.
Die Freude dauerte nicht lange. Denn was die Dänen - und vor allem Kirk - als Unrecht anprangerten, wurde von der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel, in Abwesenheit der Dänen, vergangenen Mittwoch ausdrücklich für Recht erklärt: Da es derzeit keine gemeinsame Fischereipolitik (CFP) gebe, seien nationale Verordnungen gültig, bindend und bis zum nächsten Treffen Ende Januar unanfechtbar, also auch das britische Beharren auf Beachtung der Zwölf-Meilen-Zone.
Die dänische Regierung - wenn's um Fisch geht, sonst stets widerborstig gegenüber Kompromissen - ließ den Kent Kirk nun doch lieber allein im Wind. Während der Euro-Parlamentarier dem britischen Enter-Kommando an Bord half, beriet Kopenhagens Außenminister in Brüssel mit Bundes-Genscher, seit Jahresanfang turnusmäßig EG-Führer, darüber, wie "neue Konfliktsituationen" zu vermeiden seien.
Kopenhagens Chefdiplomat hatte Gefahr gewittert: Sollte Englands Zwölf-Meilen-Zone fallen, dann stünde mit einem Mal auch Dänemarks lukrativer maritimer Keuschheitsgürtel zur Disposition: Her Majesty's Trawlers dürften unbehindert die Küsten von Grönland abfischen.

DER SPIEGEL 2/1983
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