18.04.1983

COMPUTERWie eine Epidemie

Jedem deutschen Haushalt seinen Heim-Computer - das ist die Wunschvorstellung der Elektronik-Industrie, die jetzt den Verkauf der kleinsten Rechner massiv vorantreibt.
Die freudige Überraschung kam erst nach Weihnachten. Unter deutschen Christbäumen, so stellten die Verkäufer von Heim-Computern wieder einmal betrübt fest, wurden ihre Elektronen-Rechner für den Familien-Gebrauch nur selten ausgepackt.
Doch dann, mitten im gefürchteten Konsum-Loch Januar, "begann es sich zu überschlagen", wie etwa Harald Speyer, Deutschland-Chef der Computer-Firma Commodore aus den USA, verblüfft feststellt. Im Nu waren die Lager für den "Commodore-Volkscomputer" VC 20 geräumt, die Lieferfristen lagen bei sechs Wochen.
"Eine Explosion" vernahm auch der auf Klein-Computer spezialisierte Düsseldorfer Fachhändler Achim Becker ("Data Becker"). In den ersten Monaten des Jahres verdreifachte sich sein Umsatz: "Damit hatten wir nicht gerechnet."
"Mit Befriedigung" verfolgt ebenso Wolfgang Glöckle, deutscher Marketing-Chef des US-Elektronikkonzerns Texas Instruments, die Absatzkurven für seinen "TI II/4A". Glöckle glaubt: "Wir haben den Durchbruch des Home-Computers auch in Deutschland geschafft."
Das muß sich wohl erst noch zeigen. Bisher galt die Bundesrepublik in der Branche als elektronisches Entwicklungsland - und das nicht nur im Vergleich zum Stammland des Heim-Computers, den USA.
Die Briten liegen in den Verkaufsstatistiken zum Beispiel noch beachtlich vor den Deutschen. Nach Schätzungen der International Data Corporation gab es in der Bundesrepublik Ende 1982 rund 200 000 Mikro-Computer, in England über 600 000. "Es ist wie eine Epidemie", meint David Allen, der für das englische BBC-Fernsehen eine Serie über Heim-Computer betreut.
Die Bundesbürger, so ermittelte die US-Firma Apple Computer in einer Studie, erfaßt bei dem Stichwort Computer erst mal ein Gefühl der Angst. Die Hersteller unternahmen lange Zeit auch keinen Versuch, möglichen Kunden die Angst zu nehmen. Im Gegenteil, ihre Werbung war gespickt mit Computer-Kauderwelsch S.69 aus Ram's, Rom's oder Bytes. Eine sinnvolle Anwendung für den Hausgebrauch konnte sie hingegen kaum demonstrieren.
So blieben die Heim-Computer ein Spielzeug für Elektronik-Freaks. Erst jetzt, glaubt zum Beispiel Data Becker, sei neue Kundschaft zu entdecken: Leute, die einfach mal wissen wollten, was eigentlich so ein Computer ist.
Auf der Suche nach der Antwort vertiefen sich nun Rentner und Schüler, Manager und Arbeitslose in die Anfänger-Programmiersprache "Basic". Gelernt wird am Computer. Der Home-Computer-Hersteller Atari beispielsweise bietet ein Lernprogramm an, bei dem die Fernseh-Nachrichtensprecherin Dagmar Berghoff die Schüler mit sanfter Stimme ins Computer-Land lockt.
Der Einstieg ist in den letzten Monaten immer billiger geworden. Der Kunde muß in der Regel nur eine Recheneinheit kaufen. Den Bildschirm kann er sich sparen, denn der Rechner kann mit der heimischen Fernsehmattscheibe verbunden werden. "Es gibt in der Bundesrepublik über 28 Millionen Fernsehgeräte", schwärmt Atari-Manager Rüdiger Feld, "das ist unser Markt."
Einfach-Computer zum Lernen, wie das Erfolgsmodell des Engländers Clive Sinclar, gibt es schon für unter 200 Mark. Die anderen Firmen zogen in letzter Zeit nach. Der Preis des Commodore "Volkscomputer" sank zum Beispiel von knapp 1000 Mark auf gut die Hälfte. Texas Instruments hat für Mitte dieses Jahres ein Gerät für unter 300 Mark angekündigt.
Dennoch wird der Computer im Wohn- oder im Kinderzimmer wohl ein Spielgerät bleiben. Anders als in Büros oder Fabrikhallen, wo die Fülle der anfallenden Informationen die Speicher- und Rechengeräte gut auslastet, mangelt es im Heim an sinnvollen Einsatzmöglichkeiten. Das Haushaltsbudget läßt sich jedenfalls auf dem Bildschirm nicht wesentlich schneller ausrechnen als auf einem Blatt Papier. Das Tippen auf den Computer-Tasten bringt höchstens mehr Spaß.
"Andere spielen mit der elektrischen Eisenbahn, ich habe mir einen Computer gekauft. Den kann ich auch noch von der Steuer absetzen", berichtet ein Hamburger Schmuck-Großhändler, der an jedem Wochenende entzückt die Tastatur seines Heim-Computers bedient.
Die um ihr seriöses Image besorgten Computer-Hersteller geben es nicht gern zu - doch oft wird der schlaue Rechner nach einer gewissen Zeit nur noch als Konsole für Video-Spiele benutzt. "Diese doofen Spiele haben die Computer in Verruf gebracht", grollt Klaus O. Schmidt, Geschäftsführer von Apple in Deutschland.
Zu dem einseitigen Gebrauch mag auch beitragen, daß es bislang nur wenige Programme zu kaufen gibt, die speziell fürs deutsche Publikum entwickelt wurden.
Die meisten der in Deutschland angebotenen Home-Computer-Programme stammen aus amerikanischen Beständen und können trotz deutscher Titel und deutscher Begleittexte ihre Herkunft nicht verleugnen.
Von draußen kommt auch ein Fernsehprogramm, das den Deutschen - laut Forschungsminister Heinz Riesenhuber ein Volk von "Computer-Analphabeten" - bald näherbringen soll, was mit den elektronischen Undingern nun eigentlich anzufangen ist. Die BBC verhandelt mit dem Bayerischen und dem Westdeutschen Rundfunk über den Ankauf ihrer Fernsehserie "Wie man das S.71 meiste aus dem Mikro-Computer herausholt".
In England kam dabei zumindest für die Computer-Industrie allerhand heraus. Von dem mit der Serie als "BBC Computer" vermarkteten Heim-Rechner, ein Produkt des nach England übergesiedelten Österreichers Hermann Hauser und seiner Firma "Acorn", wurden letztes Jahr 100 000 Stück verkauft.

DER SPIEGEL 16/1983
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