12.09.1983

CHILEPleite der Chicago Boys

Unter Pinochet hatten Jünger des Marktwirtschaftspapstes Friedman fast ein ideales Experimentierfeld. Der Versuch endete in einer Pleite, im Ausnahmezustand. *
Bei Einsätzen in Santiagos Elendsviertel La Victoria fackelt die ohnehin nicht zimperliche chilenische Polizei nie lange. Gegen die Barrikaden bauenden und mit leeren Kochtöpfen klappernden Slumbewohner wurde auch am 8. September, dem fünften "Nationalen Protesttag" in Chile, scharf geschossen: ein Toter.
In der Hafenstadt Valparaiso tötete ein Polizist, der bereits Feierabend hatte, pflichteifrig eine armselige Straßenverkäuferin, ein Versehen. Der Staatsdiener hatte auf einen Teenager gezielt, der Flugblätter in die demonstrierende Menge warf.
Mit Tränengas, Wasserwerfern, Hunden, Knüppeln und Schußwaffen gingen die Sicherheitskräfte in Chiles Städten gegen Tausende von Pinochet-Gegnern vor. Sieben Tote wurden gezählt, unzählige Verletzte, 600 Festnahmen allein in der Hauptstadt, Hunderte mehr in Valparaiso. Am vergangenen Freitag führte Pinochet den Ausnahmezustand wieder ein.
Junge Männer zu Krüppeln geschlagen, junge Frauen gefoltert und vergewaltigt, mit Photos und Dokumenten genau belegt - all das war jahrelang kein Thema gewesen im Lande.
Menschenrechte waren allenfalls etwas für direkt Betroffene, für zwangsweise Ausgebürgerte oder, von Berufs wegen, für "Amnesty International".
Im Lande selbst betäubte ein als "chilenisches Modell" gepriesenes Wirtschaftswunder Gewissen und Ängste der Bürger. Zuwachsraten bis zu neun Prozent, Luxusgüter aus aller Welt endlich auch hier, am abgelegenen Ende der Erde, zu haben, das half, eine Euphorie zu verbreiten, die Schlimmes vergessen machte.
In ein Entwicklungsland mit knapp zwölf Millionen Einwohnern wurden binnen weniger Jahre zwei Millionen Rundfunkgeräte, fast eine Million Fernseher und drei Millionen Uhren eingeführt. Den Fiat 127 gab es nicht nur original aus Turin. Individualisten konnten das gleiche Modell auch als Seat 127 aus Spanien oder Zastava aus Jugoslawien in Chile haben.
Dazu Butter aus Irland, eine halbe Welt östlich, oder aus Neuseeland, eine halbe Welt westlich, nur "importado", aus dem Ausland, mußte es sein.
Das war das Chile der goldenen späten 70er Jahre, als die "Chicago Boys" dort ein freies Experimentierfeld hatten - junge Wirtschaftswissenschaftler der Santiagoer "Universidad Catolica", die ihre höheren ökonomischen Weihen beim Guru der neoliberalen Monetaristen, Milton Friedman, an der Universität Chicago erhalten hatten.
Unter dem Patronat ökonomisch unbedarfter Kommißköpfe, denen die Theorien der Chicagoer von der Heilkraft des Marktes bei Abstinenz des Staates zupaß kamen, konnten Friedmans Wunderknaben ihre Ideen an einem Zwölf-Millionen-Volk erproben.
Eine "kapitalistische Revolution von oben", so ein Ökonomieprofessor in
Santiago, privatisierte nicht nur staatliche Wirtschaftsbetriebe, sondern auch Schulen, Krankenhäuser, Krankenfürsorge und soziale Dienste. Die Einfuhrzölle wurden von knapp 100 auf 10 Prozent gesenkt, Auslandskapital durch hohe Renditen angelockt.
Ein Scheinboom schwemmte jählings Geld und Güter in das lateinamerikanische Wunderland, in dem stramme Militärs für Ordnung sorgten. In Santiago wuchs eine imponierende Hochhaus-Silhouette von Appartement- und Warenhäusern. Spekulanten, deren Namen vorher niemand je gehört hatte, wurden über Nacht Multimillionäre, die mehr als die Hälfte des chilenischen Aktienkapitals kontrollierten.
Über 18 Milliarden Dollar schafften zinsgierige Bankiers der Neuen und Alten Welt nach Chile - bis 1981, als die Weltrezession einsetzte und der Preis für Kupfer, Chiles wichtigstes Exportgut, auf die Hälfte fiel und das Wirtschaftswunder im Schatten der Militärs platzte.
Zurück blieben eine ruinierte Volkswirtschaft, für deren Erholung Fachleute mindestens 20 Jahre veranschlagen, sowie ein sozialer und politischer Vulkan,
der von der bewaffneten Macht nur noch mit Gewalt unter Kontrolle gehalten wird und jeden Augenblick explodieren könnte. Denn die Billigeinfuhren haben die heimische Industrie nicht wettbewerbsfähig gemacht, wie von den Chicago Boys erwartet, sondern sie ruiniert.
Überall im Lande verrotten neue Produktionsanlagen, deren Maschinenpark verschleudert oder verschrottet wurde. Der Anteil der chilenischen Industrieproduktion am Sozialprodukt fiel in den wilden Chicago-Jahren zwischen 1974 und 1982 von 29,5 Prozent auf knapp 19 Prozent, ein Drittel der chilenischen Arbeiterschaft ist ohne Job oder geht, gegen Hungerlohn, einer tageweise vom Staat verordneten Scheintätigkeit nach.
Amerikanischer Weizen zu Dumpingpreisen und subventionierte Überschußprodukte vom europäischen Markt lösten in Chile ein großes Bauernlegen aus. Die landwirtschaftliche Nutzfläche sank während der Pinochet-Jahre um die Hälfte, die Getreideerzeugung ging auf ein Drittel zurück. Das Viehzuchtland Chile importiert heute Fleisch.
Die schlagartige Rezession ließ das Sozialprodukt 1982 um 14 Prozent, die Löhne real um über 12 Prozent fallen. Am schlimmsten traf sie die Ärmsten der Armen. Der gesetzliche Mindestlohn von knapp 150 Mark im Monat liegt heute um mehr als ein Viertel niedriger als bei der Machtübernahme der Militärs vor zehn Jahren.
Statt einem Chile der "Gente Linda", der schönen Menschen a la Hollywood, wie es die Fernsehreklame noch immer vorgaukelt, sieht die Wahrheit in Chile so aus: In den Slums hungern die Kinder, von denen jedes zweite keinen Grundschulabschluß erreicht. Ihre Eltern schließen sich zu Suppengemeinschaften zusammen, jeder trägt bei, was er in den Abfällen von Supermärkten oder Restaurants der Reichen-Viertel findet. Medikamente, die kaum noch jemand kaufen kann, werden von den Apotheken wie Winterklamotten zu Schlußverkaufspreisen feilgeboten.
Was 150 000 während der Militärherrschaft verhaftete Chilenen, von denen mindestens 10 000 umgekommen sind, was 10 000 des Landes Verwiesene und 200 000 Emigranten, was alle Foltern und Repressalien nicht schafften, das bewirkte nun der wirtschaftliche Bankrott des Regimes: eine breite Volksbewegung gegen die Diktatoren aus den Kasernen.
Im Mai begann ein landesweiter Widerstand gegen die Militärherrschaft. An vier nationalen Protesttagen schlugen Hausfrauen rhythmisch auf Kochtöpfe, streikten Arbeiter, demonstrierten Studenten, türmten Slumbewohner Barrikaden auf. Die Militärherren ließen schießen, an die hundert Menschen starben laut Schätzungen der Menschenrechtskommission.
Dennoch erreichte die Protestwelle erst in diesen Septembertagen, da die Junta ihr Zehn-Jahres-Jubiläum begeht, ihren kritischen Höhepunkt, wurde die Auseinandersetzung zur bislang schwersten Kraftprobe für die Generäle.
Ob der Diktator Pinochet, der nach eigenem Bekunden noch bis zum Ende des Jahrzehnts an der Macht bleiben will, sein erstes Dezennium lange überlebt, darauf werden heute nicht einmal dort mehr Wetten angenommen, wo man es wissen sollte: in der US-Botschaft von Santiago. _(Beim Besuch eines Einkaufszentrums in ) _(Santiagos Prominentenviertel Las Condes. )
Beim Besuch eines Einkaufszentrums in Santiagos Prominentenviertel Las Condes.

DER SPIEGEL 37/1983
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