12.09.1983

Ein Blechtrommler aus Bombay

Ulrich Enzensberger über Salman Rushdie: „Mitternachtskinder“ Ulrich Enzensberger, 38, lebt als freier Autor in München. Er hat eine Biographie des deutschen Jakobiners und Weltumseglers Georg Forster veröffentlicht und eine Komödien-Trilogie des venezianischen Dramatikers Goldoni ins Deutsche übertragen. *
Salman Rushdies Roman "Mitternachtskinder" erscheint ganz ohne offiziöses Händerühren. Es ist dem Autor weder darum zu tun, Indiens Unabhängigkeit feierlich eine Null umzuhängen, noch umgibt seinen Helden Saleem, der wie die indische Nation am 15. August 1947 in Bombay geboren wurde, die Aura eines Mahatma.
Mit diesem Roman _(Salman Rushdie: "Mitternachtskinder". ) _(Aus dem Englischen von Karin Graf. Piper ) _(Verlag, München; 612 Seiten; 39,80 Mark. )
hält kein vegetarischer Guru Erbauungsstunden in Cinemascope, hier schmatzt eher ein indischer Günter Graß. "Mitternachtskinder", seit 1981 in England und den USA mit einer halben Million verkaufter Exemplare als literarisches Werk ein succes fou, hat seinen Autor auf einen Schlag in fast schon olympische Höhen gehoben: Booker Prize 1981, Lord Snowdon kam zum Photographieren.
In Indien und Pakistan, wo nebenher Piratendrucke kursieren, in Finnland, Dänemark und Frankreich bereits seit längerem erschienen, wurde das Buch in diesen Tagen auch in der Bundesrepublik veröffentlicht; im nächsten Jahr folgen Italien, Spanien und vier weitere europäische Länder. Clark Blaise urteilte in der "New York Times Book Review": "Das Buch klingt, als fände ein Kontinent seine Stimme."
Salman Rushdie, 36, stört es nicht, wenn man das indische u in seinem Namen als a intoniert. Er schreibt englisch, wie Narayan, Desai und viele andere indische Schriftsteller. Nach seinen literarischen Vorbildern befragt, antwortet er: Swift, Sterne, Gogol, Joyce. Aber auch Charles Dickens, bei dem er die "erstaunlich moderne, komische Kombination von naturalistischem Hintergrund und surrealistischem Vordergrund" schätzt.
Er wohnt, mit einer Engländerin verheiratet, in Kentish Town, London. Im Regal steht ein Photo seines Geburtshauses, einer romantischen Villa mit Erker und Turm in Bombay. Vor seinem Arbeitszimmer Koffer, Stöße von Papier, Schachteln. Angenehm locker erläutert er seine Herkunft:
"Bombay ist eine kosmopolitische Stadt, Indiens reichste Stadt, eine Filmstadt, eine Stadt, in der alle Arten von Indern leben, alle nur vorstellbaren Leute. Ich bin moslemisch erzogen, aber ich feierte als Kind mit meinen Hindufreunden deren wunderschöne Feste mit. Die Stimmung war säkularisiert, nicht doktrinär."
Rushdies Indien-Saga, von Karin Graf, der Naipaul-Übersetzerin, mit wachsender Geschmeidigkeit ins Deutsche übertragen, beginnt 1915 in einem Tal in Kaschmir. Aadam Aziz, der Großvater des Helden, hat, wie Rushdies eigener, in Heidelberg studiert. Heimgekehrt stößt sich der frischgebackene Arzt beim ersten Versuch, das morgendliche Gebet gen Mekka wiederaufzunehmen, die Nase am Boden blutig.
Seine spätere Frau lernt Aadam Aziz portionsweise kennen. Durch ein Loch in einem Laken, das von zwei athletischen Damen gehalten wird, macht er mit den Körperteilen der Dauerpatientin einzeln Bekanntschaft, bis er schließlich - nach einer errötenden Hinterbacke - auch das Gesicht der Muselmanin sehen darf.
Rushdie beschwört 30 Jahre indischer Geschichte, macht Stimmung, zieht alle Register, schraubt die Erwartung des Lesers hoch wie ein Schlangenbeschwörer, dichtet dem alten Aziz zwei Töchter an, verheiratet eine der Töchter mit dem reichen mohammedanischen Spekulanten
Sinai, läßt sich schwanger werden ... und dann die Katze aus dem Sack:
Saleem, der Held des Buches, ist gar nicht der echte Enkel von Aziz. Unglücklich in einen Bombenwerfer verliebt, vertauscht vielmehr ein Kindermädchen in einem individual-anarchistischen Akt den wahren Sohn Sinais mit einem Bankert, den ein baumlanger, perückenbewehrter Engländer mit der Frau eines hinduistischen Straßensängers gezeugt hat.
Saleem der Falsche fällt zunächst nur durch seine riesige, ständig verstopfte Nase auf. Von Anfang an umgibt ihn ein "glühender und unentrinnbarer Nebel der Erwartung", doch entwickelt erst der Neunjährige wunderbare Fähigkeiten, als er in einer Wäschetruhe versteckt entdeckt, daß seine (Stief-)Mutter mit einem kommunistischen Untergrundpoeten in heimlicher Verbindung steht.
Saleem wird Telepath und schaltet die Überlebenden der 1001 Mitternachtskinder - die in der Nacht der Staatsgründung zur Welt Gekommenen - zu regelmäßigen Konferenzen zusammen, um Indiens großartige Zukunft zu diskutieren. Deren Geburtsstunde hat den Romanfiguren magische Talente verliehen:
Eines der Kinder geht durch Spiegel, ein anderes kann sein Geschlecht ändern, ein drittes reist durch die Zeit und prophezeit, daß Indien einst von einem Urin trinkenden Zittergreis regiert werden wird. Aber niemand glaubt ihm.
Auch Shiva, der echte Saleem, der statt unseres Helden im Slum aufwächst, hat eine Wundergabe: Zwei monströse Knie, mit denen er all jenen "die Scheiße aus dem Leib quetscht", die nicht tun, was er sagt.
Bald kommt es zwischen den Kindern zum Streit, scheuen die hellhäutigen Nord-Inder die drawidischen "Blackies". 1962, am Tag, an dem die chinesische Armee den Himalaja hinabsteigt, löst Saleem die Konferenz auf. Eine Nasenoperation, mit dem geschichtlichen Prozeß synchronisiert wie Oskar Matzeraths Wachstumsschub 1945, beraubt Saleem seiner telepathischen Kräfte, bringt aber statt ihrer seinen Geruchssinn zu wunderbarer Entfaltung. Saleems Familie siedelt mit ihm nach Pakistan um.
Als Rushdie 14 Jahre alt war, 1961, schickten die Eltern den Sohn nach England aufs College in Rugby. Plötzlich hieß Westasien "Naher Osten". Die anderen Inder dort waren die Söhne von Maharadschas oder Cricket-Cracks. Einen inderfeindlichen Mitschüler, den er dabei erwischte, wie er "Wogs go home" über seinen Platz schrieb, packte er bei Gürtel und Kragen und schlug ihn mit dem Kopf gegen die Wand.
Als Student in Cambridge dann fühlte er sich wunderbar. Er spielte Theater, machte den M. A. in Geschichte und
wäre 1968 um ein Haar ins revolutionäre Paris geeilt. Statt dessen besuchte er seine Eltern, die inzwischen nach Pakistan gezogen waren.
Das Mitternachtskind Saleem verliert bei einem indischen Bombenangriff im indo-pakistanischen Krieg 1965 seine Familie und sein Gedächtnis. Im März 1971 wird unser Held mit 60 000 westpakistanischen Soldaten ins rebellische Bangladesch eingeflogen und mit seiner Bergerac-Nase, diesem Wunderrüssel, als menschlicher Spürhund eingesetzt.
Aus dem Gemetzel des Bürgerkriegs desertiert er mit Kameraden in die Sundarbans, die Dschungelsümpfe der Gangesmündung. Wie die traurigen Militärs in den Erzählungen von Gabriel Garcia Marquez verzehren sie sich in tropischen Halluzinationen, aber während jene in der Vorgeschichte gefangenbleiben, spült diese eine Flutwelle, die Gezeitenbore des Hooghly, flußaufwärts zurück in die Gegenwart.
Saleem wird politisch und schließt sich in Delhis "Magiergetto", in dem die verschiedensten marxistischen Gruppen und Grüppchen vertreten sind, einem Schlangenbeschwörer an. Eines Morgens - Indira Gandhi hat 1975 den Notstand verkündet - kommen Bulldozer. Lautsprecher dröhnen:
"Städtisches Verschönerungsprogramm ... vom Zentralkomitee der Sanjay-Jugend autorisierte Aktion ... bereiten Sie sich sofort auf die Übersiedlung in eine andere Gegend vor ... dieser Slum ist ein Schandfleck ... kann nicht länger geduldet werden ... alle haben den Befehlen ohne Widerspruch zu gehorchen." Feldbetten werden aufgebaut, Operationsbestecke werden bereitgelegt. "Sie sterilisieren!"
Und dann rast durch die Konfusion des Krawalls eine mythische Gestalt mit monströsen Knien auf Saleem zu, eine Inkarnation von Grauen und Zerstörung: Shiva in der Uniform eines Majors der indischen Armee.
Im "Haus der Grünen Witwe" werden die Mitternachtskinder, alle außer Shiva, gefoltert, sterilisiert und einer "Sperektomie" unterzogen: Man schneidet ihnen die Hoffnung aus dem Leib.
"Die Unterdrückung der Demokratie in Indien war ein furchtbarer Schock", sagt Rushdie im Gespräch. "Natürlich, jeder wußte, die Demokratie war korrupt gewesen, aber trotzdem, es hatte sie gegeben. Um Indien herum hatte so etwas nie existiert. Es war einfach eine Frage des Stolzes."
Nach Erfahrungen mit der pakistanischen Zensur war Rushdie nach London zurückgekehrt, hatte sich in diversen Theatern als Schauspieler versucht, einen ersten - erfolglosen - Roman geschrieben und dann, nach der Notstandserklärung, die "Mitternachtskinder" begonnen. Während er schrieb, dauerte der Notstand an. "Ich wurde langsam panisch, wie das Ende des Romans aussehen würde."
Rushdies Humor hat etwas Pfiffiges, Geduldiges. "Ich weiß, daß Indira Gandhi sehr böse auf mich ist, oder sagen wir besser, sie ist indigniert." Rushdie blickt aus dem Fenster auf das Haus gegenüber, das genauso aussieht wie seines: Vorgärtchen, Verandafenster zwischen Säulchen, englischer Kamin.
Er wohnt zwar nicht in einem Inderviertel wie Southhall, wo in den Auslagen bärtige Indergötter hängen, hat sich aber viele Jahre in antirassistischen Komitees engagiert. "Die Engländer sind ein Volk von Empirikern. Solange man einzelne schlimme Beamte angreift, bekommt man recht, aber daß der Rassismus tief in die staatliche Struktur eingedrungen ist, gibt keiner zu."
Rushdie lacht mild glucksend, seine Stimme ist weich und melodisch. "Ja, beim Festival of India. Da war ein recht komischer Vorfall. Mrs. Thatchers Büro beging den seltsamen Irrtum, mich zu einem Lunch zu Ehren von Mrs. Gandhi einzuladen. Nun ja, ich sagte, ich könne nicht kommen, es wäre für mich, für alle nur peinlich.
"Das Dumme war, daß Mrs. Thatcher von meiner Absage nicht in Kenntnis gesetzt wurde. So hielt sie am Tag nach dem Lunch in Anwesenheit von Mrs. Gandhi eine Rede über indisch-englische Geschichte und fruchtbaren Kulturaustausch und sprach dabei über mein Buch, das sie offenbar nicht gelesen hatte, und daß mein Buch beweise, wie fruchtbar der Kulturaustausch sei, und sagte, ich sei gestern ja auch beim Lunch gewesen ... Ein völlig idiotischer Vorfall."
Auch in Finnland erwarteten Mrs. Gandhi bereits Journalisten mit der Frage, was sie von Rushdie hielte. Sie äußerte sich nur allgemein abfällig über antiindische Literatur. Rushdie liebt Indien, meint, er könnte dort wohnen, rechnet es Mrs. Gandhi hoch an, daß sie keinen Versuch machte, sein Buch verbieten zu lassen, "auch wenn es recht schwierig ist, in Indien ein Buch zu verbieten ..."
Gegen Dichter ist kein Kraut gewachsen. Sie gleichen Saleems kleiner Schwester, die unentwegt alle Schuhe in Brand setzt, derer sie habhaft werden kann. Rushdies todernster Humor ist unverwüstlich, weil er poetisch, weil er vieldeutig, weil er hinterrücks ist wie der historische Prozeß. "Indien wird eine Nation sein!" rief 1924 in E. M. Forsters "Passage to India" ein Dr. Aziz. "Keine Fremden mehr! Hindu und Moslems und Sikhs werden eins sein! Hurra!"
Aber nicht einmal auf die Tücke der Geschichte ist Verlaß. Saleem, der Erzähler, hört am Ende den Todesengel. Aber er zieht einen Sohn Shivas auf, den dieser mit dem Mitternachtsmädchen Parvati gezeugt hat. Das allegorische Kind, in der Mitternacht des Notstandes geboren, erweist sich als verblüffend lebenskräftig, besitzt Elefantenohren und brabbelt vorsichtshalber erst nach drei Jahren, einem Monat und zwei Wochen ein Wort: "Abrakadabra".
Salman Rushdie: "Mitternachtskinder". Aus dem Englischen von Karin Graf. Piper Verlag, München; 612 Seiten; 39,80 Mark.
Von Enzensberger, Ulrich

DER SPIEGEL 37/1983
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