07.02.1983

EISKUNSTLAUFDas Schlimmste

Noch immer dürfen Eiskunstläufer nicht so kreativ sein, wie sie könnten: Das umstrittene Pflichtprogramm fordert mehr Trainingszeit als die Kür.
Bei der Spurensicherung gehen die Fährtenleser in die Knie wie Winnetou. Manchmal prüfen sie die Ritzen auf dem Eis sogar bäuchlings. Bei der Pflicht im Eiskunstlauf verrichten die Preisrichter Millimeterarbeit.
Kaum ein Zuschauer sieht dabei zu. Deshalb ernten die Schiedsrichter am nächsten Abend oft Pfiffe und Schmähungen S.167 aus dem Publikum, wenn eine Eisprinzessin trotz hinreißender Kür vermeintlich um ihren goldenen Lohn betrogen wird. Hatte sie zuvor in der Pflicht versagt, war niemand aus dem Jubelpublikum anwesend.
Der Alptraum der Pflicht beginnt früh. "Wir mußten schon um sechs Uhr beginnen", erinnerte sich Trainer Günter Zöller, einst Eiskunstlauf-Meister der DDR. "Da mußten wir um vier Uhr aufstehen."
Bei den Eiskunstlauf-Europameisterschaften letzte Woche in Dortmund begann die Pflicht erst um acht - immer noch zu früh für Eisathleten, die ihr Bestes an Rhythmus, Kraft und Kreativität in der Kür zwischen dem Abendessen und Mitternacht aufbieten sollen.
Für Zuschauer findet die Pflicht nicht nur zu früh statt, die geometrischen Figuren auf graugefärbtem Eis - grau, weil sich darauf die Kufenschnitte am deutlichsten abzeichnen - langweilen auch unendlich. Das Fernsehen bleibt fern, Preisrichter, Wettkämpfer, Trainer und Eislaufmuttis sind unter sich.
Oft zieht sich die kalte Frühschicht bis zu sechs Stunden hin. Die Läufer tragen wärmende Pullis, die Mädchen müssen im dünnen Flitterröckchen kringeln, so will es die Gewohnheitsregel. Angeblich ist dann die Körperhaltung besser zu beurteilen - als ob die Männer keine Hosen trügen.
Alle Wettkämpfer müssen 41 Pflichtfiguren üben, bis zu fünf Stunden täglich, vielfach doppelt so lange wie ihr Kürprogramm. Drei Figuren werden bei Meisterschaften ausgelost. Die heißen etwa "Wende vorwärts auswärts", was drei aneinanderstoßende Ringe meint, die teils vorwärts, teils rückwärts auszuführen sind, oder "Gegen-Dreier-Paragraph" - eine Acht. Jeder Kringel muß dreimal möglichst deckungsgleich aufs Eis gezeichnet werden: Die Preisrichter prüfen penibel nach.
Ein ungewollter "Kantenwechsel ist das Schlimmste", plauderte die deutsche Schiedsrichterin Erika Schiechtl aus der Eisschule. Wackler, Zacken und Abweichungen finden sich immer: In nahezu 100 Jahren Eiskunstlauf-Geschichte vermochte noch kein Wettkämpfer seine Schlingen und Achter anstandslos einzuritzen.
Dabei wird es bleiben. Die beste Pflichtnote erwarb sich vor zehn Jahren die Österreicherin Beatrix Schuba mit einer 5,2 (möglich sind 6,0). Doch gewöhnlich ist die 4 schon die Schallgrenze.
Trixi Schuba brachte es dank ihres Pflichtvorsprungs auf zwei Europatitel, Ondrey Nepela aus der CSSR auf fünf. Beide waren Olympiasieger und Weltmeister. Der Kanadier Toller Cranston konnte wegen seiner Pflichtschwäche niemals Weltmeister oder Olympiasieger werden. Kreativen Eisläufern Pflichtfiguren abzufordern entspricht dem Verlangen, Picasso drei Verkehrsschilder malen zu lassen, deckungsgleich und frühmorgens, bevor er seine Bilder hätte ausstellen dürfen.
Im freien Kürteil entwickelte sich der Eiskunstlauf ständig: Zweifache und dreifache Sprünge gingen in das Repertoire ein, vierfache Sprünge werden bereits geprobt. Die Pflicht ist dagegen "steril geblieben", schrieb das Ost-Berliner "Sportecho", und hat "die Jahrzehnte ohne Veränderungen überdauert".
Pflichtverteidiger begründen, jeder Läufer müsse die geforderten Figuren auch für die Kür beherrschen: wohl, aber niemals deckungsgleich. Einleuchtender klingt das Argument, daß Berufstrainer ohne Pflichteinübung einen Großteil ihrer Lehrgelder einbüßen würden.
Der erfolgreiche deutsche Trainer Erich Zeller, der auch Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler zur Weltmeisterschaft führte, berichtete, daß sich 1978, als der Internationale Verband (Isu) über einen Pflichtverzicht diskutierte, "vier Fünftel der Trainer für die Pflicht ausgesprochen" haben.
"Die Pflichtfiguren müssen sterben", hatte 1980 der damalige Isu-Präsident Jacques Favart aus Frankreich gefordert. "Sie sind eine Zeitverschwendung und hindern die Eisläufer daran, mehr kreativ zu sein."
Dazu erwies sich das Pflichtprogramm als zusätzlicher Kostenfaktor für alle Veranstalter internationaler Meisterschaften. Die Dortmunder Titelkämpfe kosteten 1,5 Millionen Mark, die Pflicht-Wettkämpfe verlegten die Organisatoren nach Unna, als wollten sie unterstreichen, daß sie nicht zum Kernprogramm gehören.
Vor allem der Druck der Zuschauer führte Regelveränderungen herbei. Der Pflicht-Anteil bei der Gesamtbewertung sank von 60 auf 30 Prozent. Statt dessen führten die Funktionäre eine Neuerung ein, die sogenannte Pflichtkür. Sie schreibt den Wettkämpfern bestimmte Elemente wie Sprünge und Pirouetten in einer Zwei-Minuten-Schau vor. Die Läufer dürfen jedoch Reihenfolge und musikalische Untermalung selber festlegen. Die Kurzkür geht mit 20 Prozent in die Gesamtnote ein.
Eine Kurzkür mit vorgeschriebenen Hebungen und Sprüngen verlangen die Preisrichter seit der Regeländerung von 1973 auch den Paaren ab. Der frühere kanadische Weltmeister Donald Jackson begrüßte die Neuerung "als eine gesunde Weiterentwicklung". Pflicht-Spezialist Nepela dagegen würde sie am liebsten "wieder streichen und dafür zwei zusätzliche Pflichtfiguren aufnehmen".
Doch vorläufig zittern und verkrampfen die meisten Eisläufer weiter vor dem Pflichtverhängnis. Eislaufmuttis ziehen sich nervös in entfernte Ecken zurück und lenken sich strickend ab. Die bevorstehende Weltmeisterschaft, überlegte die Mutter der Österreicherin Sonja Stanek, "das ist fast ein Pullover". Sogar Jutta Müller, die erfolgreichste DDR-Eislauftrainerin, fiel vor Erregung fast von der Bank, als ihre Läuferin ein bißchen verwackelte.
Einen Funken Hoffnung verbreitet der einstige CSSR-Weltmeister Karol Divin: "Im Jahr 2000 wird es überhaupt keine Pflicht mehr geben."

DER SPIEGEL 6/1983
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