07.02.1983

Ein Maskenball zum Tod in Venedig

Von Bayreuth bis New York, auf dem Bildschirm und im Buchhandel, mit Gedenkstunden und Symposien besingt die Kulturwelt den vor 100 Jahren verstorbenen Komponisten Richard Wagner. Bei den multimedialen Totenfeiern wird der Gesamtkunstwerker auch auf marxistisch-leninistische Tendenzen untersucht, nach Phallus-Symbolen durchleuchtet und in Venedig mit karnevalistischem Mummenschanz unters Volk gebracht.
Das Festspielorchester, bislang ein reines Sommer-Ensemble, wird eigens zusammengetrommelt. Pierre Boulez will den Takt schlagen. Sogar ein Stück des Juden Gustav Mahler soll erklingen, um den Antisemiten Richard Wagner zu würdigen: Am kommenden Sonntag, wenn sich das Sterbedatum des Komponisten zum 100. Mal jährt, lädt Bayreuth zur großen Totenfeier.
Wagner urbi et orbi. Gleichfalls am Sonntagmorgen wird das ZDF in seiner kunstbeflissenen "Matinee" die Erdentage des Verblichenen auf dem Bildschirm abfeiern. Abends huldigt die ARD dem Komponisten mit Bayreuths letztem Regie-Ereignis: Nach der Tagesschau bis nach Mitternacht verbreitet sich die "Götterdämmerung" in der umstrittenen Inszenierung von Patrice Chereau im ersten Kanal.
Schon nicht mehr zu zählen, was aus dem Radio zur Feier des Tages nun ein ganzes Jahr lang ausgestrahlt werden dürfte. Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft sendet am Todes-Sonntag als bescheidenen Anfang den über 14stündigen "Ring des Nibelungen" komplett und nonstop.
An jeder bundesdeutschen Bühne, die auf sich hält, werden im Zentenarjahr die Wagner-Tuben noch häufiger ausgedrückt als sonst - am heftigsten in München, das sich schon immer als Wagner-Hort gefühlt hat: Für Abonnements von 112 Mark (Stehplatz) bis 1397,50 Mark können bajuwarische Wagner-Freaks in 13 Vorstellungen das Bühnengesamtwerk des Gesamtkunstwerkers kennenlernen. Wer bei dem schon lange ausverkauften Zyklus leer ausgegangen ist, mag im Münchner Marionettentheater wenigstens den "Fliegenden Holländer" an Fäden zappeln sehen.
Noch aufwendiger als in den Singstätten wird der Jubiläums-Tote vom Buchhandel hofiert. Gesammelte Noten und Gesammelte Schriften aus des Verblichenen unermüdlicher Feder wurden neu aufgelegt oder wohlfeil in Paperbacks verpackt. Karikaturen, Witze und Parodien konkurrieren mit Biographischem und Autobiographischem.
Die Geschichte vom "Rheingold" ist als Comic erschienen, der Frankfurter Autor Dieter Schickling hat unter dem Titel "Abschied von Walhall" sogar "Richard Wagners erotische Gesellschaft" (Untertitel) durchleuchtet und Leben und Werk des Meisters auf "Phallus-Symbole", "Kastrationsängste" und "Onanie-Komplexe" abgehorcht. Wenn der Komponist in seinem "Kunstwerk der Zukunft" von "Ständen, Anstellungen, Standrechten" schreibt, ist für Schickling "unüberhörbar die Gedankenverbindung vom 'Stehen' zum Glied des Mannes".
"Ergebnisse einer von marxistisch-leninistischer Position ausgehenden Forschung" dagegen will die Leipziger Karl-Marx-Universität in einem dreitägigen Kolloquium ausbreiten, "Zugang zum ganzen Wagner" verspricht zusätzlich der stellvertretende DDR-Kulturminister Martin Meyer dem Arbeiter-und-Bauern-Staat. "Richard-Wagner-Tage" stehen der roten Republik gerade bevor, 19 Bühnen werden im Lauf des Jahres noch mit 32 Neuinszenierungen und Übernahmen des Unsterblichen gedenken.
Eine Wagner-Büste des Bildhauers Max Klinger (1857 bis 1920) wird derzeit in der Kunstgießerei Noack in Bronze gegossen und soll in Wagners Geburtsstadt Leipzig hinter der Oper aufgestellt werden. Radio DDR hat sogar Wagners "Liebesmahl der Apostel" verbreitet - ein läppisches, frömmelndes Stück, mit dem Anfang Dezember schon die Katholische Akademie in Bayern ihre "Wagner-Betrachtung aus theologischer Sicht" eingesegnet hatte.
Lord Harewood, ein Vetter der britischen Königin, bringt in der "English National Opera" mehrere Wagner-Werke, darunter den ganzen "Ring", neu heraus und läßt das deutsche Dichtgut ausschließlich in englisch singen. In Paris hat der Dirigent Daniel Barenboim gerade ein 1981 wiederentdecktes Gelegenheitswerk (Titel: "Descente de la courtille") aus Wagners französischen Exil-Jahren uraufgeführt, und, natürlich, gleich für die Schallplatte mitschneiden lassen.
In Parma inszeniert der Wagner-Urenkel Wolf Siegfried ("Wummi") "Die Walküre", Wagner-Urenkelin Nike jettet zu einem Wagner-Symposium nach New York, wo gerade Chereaus Bayreuther Jubiläums"Ring" im Kino angelaufen ist.
Während am Broadway Wagners Schwiegertochter Winifred als Hitlerfreundliche Musical-Heldin längst traurige Urständ feiert, steht der Auftritt von Richard Burton als Bayreuther Platzhirsch erst bevor: Bislang ist der Film über Wagners Leben, der als Dreistünder in die Kinos und als Zwölfteiler auf den Bildschirm kommen soll, am Schneidetisch noch nicht angemessen verhackstückt worden.
Nirgends indes wird des Toten inständiger gedacht als in Wagners Sterbestadt Venedig. Nicht nur, daß dort die unvermeidliche Susan Sontag in einem Vortrag nun auch noch dem Bayreuther nachtrauert; nicht nur, daß sich der von Frau Sontag zum "größten lebenden Wagnerianer" ausgerufene Regisseur Hans Jürgen Syberberg herabläßt, der Trauergemeinde seinen "Parsifal"-Film vorzuführen; nicht nur, daß das Bühnenweihfestspiel als Puppenspiel und auch als richtige Opernaufführung dargeboten wird, dirigiert von Peter Maag, mit Wagners höchsteigenem Taktstock.
Nein, an die 40 bundesdeutsche Wagnerianer werden am 100. Todestag im Sterbehaus, dem Palazzo Vendramin, den "Hansischen Richard-Wagner-Verein S.173 zu Venedig in Lübeck" ins Leben rufen, der sein Geschäftsjahr künftig immer am 13. Februar beginnen wird und dessen Mitglieder laut Satzung III/2/b "Anteil oder teilnehmen an der Vergegenwärtigung des Werkes von Richard Wagner".
Das geschieht vor Ort durch den Besuch einer Wagner-Ausstellung und eines mehrtägigen, einschlägig mit Wagner-Thematik bestückten Film-Festivals, durch einen auf dem Canal Grande arrangierten Korso von trauerschwarzen Gondeln und, gleichsam als Mischung aus Fasching und Requiem, durch die Teilnahme am "Ballo in morte di Richard Wagner" auf der Piazza S. Polo. Mit dem fidelen S.174 Trauer-Marathon in der Lagunenstadt wollen die kunstsinnigen Venedig-Pilger noch einmal die Erinnerung wachrufen an die erste Passionszeit der Wagner-Gemeinde, nachdem ihr Messias Wilhelm Richard Wagner 69jährig an einer "Ruptur der rechten Herzkammer" verstorben war - fernab vom Grab im Garten von Wahnfried, das er frühzeitig in Auftrag gegeben, während der Erdarbeiten täglich besichtigt und zum Empfang der "göttlichen Ruhe" ausersehen hatte.
Damals, als der Komponist in den Armen seines "Weibchens" Cosima entschlafen war, fuhren Hunderte von Gondeln am Palazzo Vendramin vor, 300 Beileidstelegramme liefen ein, die Theater wurden geschlossen, Konzerte abgesagt. Die Wiener Firma Beschorner lieferte expreß den Sarg, die Totenmaske wurde abgenommen, die Leiche einbalsamiert.
Drei Tage nach der tödlichen Herzattacke schaukelte der Verblichene in einer schwarz verhängten Gondel zum Bahnhof, der für sterbliche Reisende gesperrt worden war. Die städtische Feuerwehr stand Spalier.
Die Hinterbliebenen nahmen in reservierten Salonwagen Platz, die Vorhänge geschlossen; der Sarg, nach einem Entwurf des Malers Ruba mit schwarzem, silberverbrämtem Samt ausgeschlagen und zwischen 22 Kränzen aufgebahrt, rollte in einem Güterwagen heim ins Reich. Die Bahnverwaltung hatte den Totentransport in einem regulären Zug durch Sondererlaß genehmigt.
Als der Kondukt samstags um 14.30 Uhr im Münchner Zentralbahnhof einrollte, wurden die Fahnen und Fackeln sämtlicher Gesangs- und Musikvereine und der Abgeordneten des "Ordens vom heiligen Gral" gesenkt. Drei Abgesandte hatten Mühe, den Riesenkranz der Münchner Künstlerschaft zu halten.
Am Bayreuther Bahnhof schließlich, wo der Leichenzug noch am gleichen Abend, 36 Minuten vor Mitternacht, einrollte, waren zwölf hohe, durch Trauerflore miteinander verbundene Fahnenstangen aufgestellt. Auf Tafeln waren die Titel sämtlicher Bühnenstücke aufgeführt, das Schild "Parsifal", den der Komponist für seinen Grünen Hügel reserviert hatte, wies mit einem Pfeil Richtung Festspielhaus.
Auf fast allen Gebäuden wehten schwarze Fahnen, die Geschäfte waren bis zur Bestattung geschlossen. Der Wagen 6625 der Bayerischen Staatsbahn - Aufschrift mit Kreide: "Leiche" - wurde aufs Abstellgleis geschoben.
Die Kulturwelt begann ihren jetzt hundertjährigen Totentanz, der längst die Dimensionen hat, die dem Größenwahn des Verewigten angemessen sind.

DER SPIEGEL 6/1983
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