11.07.1983

GRÜNEBreiter Graben

Die amerikanische Regierung bemüht sich um ein entkrampftes Verhältnis zu den Grünen. *
Die bundesdeutsche Botschaft in Washington wußte von nichts. Ob denn stimme, fragten die Diplomaten Ende Juni per Fernschreiben bei ihrer Bonner Zentrale an, was sie vom US-Außenministerium erfahren hätten: daß die Grünen einen offiziellen Besuch in Washington planten. Die Besuchsabsicht war dem Auswärtigen Amt zwar bekannt, mehr aber nicht.
Unbekümmert um diplomatische Gepflogenheiten, hatten die Grünen kurzfristig und auf eigene Faust ihren USA-Trip der vergangenen Woche organisiert. Statt wie üblich die bundesdeutschen Diplomaten einzuschalten, wandten sich die Ökopaxler direkt an die Amerikaner.
Er freue sich, ließ der US-Botschafter in Bonn, Arthur F. Burns, die Grünen-Sprecherin Marieluise Beck-Oberdorf kurz vor dem Abflug wissen, "daß eine Delegation der Grünen in mein Land fährt". Gespräche mit Regierungsmitgliedern, so stellte der US-Statthalter jedoch von vornherein klar, seien nicht möglich.
Um die reiselustigen Jungparlamentarier nicht zu verstimmen, stellte Burns aber Termine bei hohen US-Beamten und eine Fortsetzung der neugeknüpften Kontakte in Aussicht. Das Ergebnis des Besuchs, versicherte der Botschafter, werde einen starken Einfluß auf die Bereitschaft der US-Regierung zu einem "anschließenden Dialog auf hoher Ebene" haben.
Der konziliante Ton des Bonner US-Repräsentanten im Umgang mit den deutschen Alternativ-Politikern hat seinen Grund. Im Spätherbst, so fürchtet die US-Regierung, wenn die Stationierung der ersten Pershing-2-Raketen ansteht, könnten die Grünen gemeinsam mit der Friedensbewegung die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik so stark gegen die Nachrüstung mobilisieren, daß ein Vollzug des Nato-Doppelbeschlusses erschwert würde. "Die Stimmung in der Bundesrepublik", begründet John C. Kornblum, Leiter des Büros für Zentraleuropäische Angelegenheiten im State Department, die Bedenken der amerikanischen Regierung, "ist labil."
Daß die Amerikaner bemüht sind, unnötige Konfrontationen mit den Grünen zu vermeiden, hatte Fraktionssprecherin Petra Kelly bereits beim Besuch des amerikanischen Vize-Präsidenten George Bush in Krefeld erfahren.
Beim deutsch-amerikanischen Abendessen im Seidenweber-Haus hatten sich die Amerikaner eine besondere Überraschung für die Alternativ-Politikerin ausgedacht: Mary Hanley, eine ehemalige Kommilitonin Petra Kellys und Mitglied der US-Delegation, durfte an der Festtafel gegenüber der grünen Abgeordneten sitzen. Und höflich entschuldigte sich der US-Vize-Präsident bei der Grünen für seine Sicherheitsbeamtin, die das grüne Bundestagsmitglied daran gehindert hatte, ein Transparent mit der Aufschrift "Wir werden die Stationierung verhindern" zu entrollen.
Auch die Protestaktion der Grünen am Donnerstag letzter Woche vor dem Weißen Haus brachte die Amerikaner nicht aus der Fassung: Die Grünen stellten Transparente auf, ließen 20 weiße Tauben steigen - und wirkten vor dem großen Weißen Haus etwas verloren.
Wie breit aber der Graben zwischen Grünen und Reagan-Regierung ist, erfuhren die Alternativ-Politiker bei ihrem Gespräch mit Vertretern des State Departments und des amerikanischen Verteidigungsministeriums am Mittwoch letzter Woche in Washington.
"Wir haben", so das Resümee der Grünen-Sprecherin, Marieluise Beck-Oberdorf, "knallharte Positionen gefunden." Und: "Im State Department regiert ein geradezu paranoischer Antikommunismus."
An der Absicht der US-Regierung, im Herbst auf jeden Fall mit der Stationierung zu beginnen, hegt nach der US-Reise keiner der neun Delegationsmitglieder den geringsten Zweifel. Erhärtet hat sich bei den Grünen auch noch ein anderer Verdacht: daß die Aufstellung der Pershing-2-Raketen und der SS-20 militärstrategisch nichts miteinander zu tun haben. Diese Vermutung, empört sich Marieluise Beck-Oberdorf, hätten ihr die Regierungsbeamten sogar bestätigt.
Eher enttäuscht waren die Grünen auch nach ihren ersten Gesprächen mit der amerikanischen Friedensbewegung. Den deutschen Nachrüstungsgegnern kamen Zweifel, ob sich die US-Friedensbewegten für Aktionen gegen die Stationierung der Pershing 2 im Herbst mobilisieren lassen. "Die haben", befürchtet Marieluise Beck-Oberdorf, "die Bedeutung der Frage noch gar nicht erkannt."
Gleichwohl gibt es Anzeichen, daß sich die Anti-Rüstungsbewegung in den USA während der nächsten Monate verstärkt. Selbst Kornblum rechnet damit, daß durch den bevorstehenden Präsidentschaftswahlkampf die Friedensdiskussion an Bedeutung gewinnt. Und die deutschen Besucher registrierten freudig ein überdurchschnittliches Interesse der Medien an dem Besuch aus Bonn. "Die Grünen haben", wundert sich ein Botschaftsangehöriger, "Pressetermine, die wir uns auch für den Bundeskanzler und den Außenminister wünschen."
So war Petra Kelly, in den Vereinigten Staaten Symbolfigur der Grünen, eingeladen, in einer der drei bedeutendsten Fernsehsendungen der USA alternatives Gedankengut zu verbreiten. Um einen weiteren Termin, der anderen internationalen Politik-Größen verwehrt blieb, mußten sich die Grünen ebenfalls nicht einmal selbst bemühen: Ein Redaktionsgespräch mit der Herausgeberin der "Washington Post" Katharine Graham kam auf Wunsch der Zeitung zustande. _(Marieluise Beck-Oberdorf, Gert Bastian, ) _(Petra Kelly. )
Marieluise Beck-Oberdorf, Gert Bastian, Petra Kelly.

DER SPIEGEL 28/1983
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