11.07.1983

„Meine Ratte ist riesig“

SPIEGEL-Redakteur Peter Seewald über das Deutschlandtreffen der Punks und Skinheads *
Das Programm für das Drei-Tage-Marathon sieht die "Sprengung aller Luftschlösser" vor. Ein Konzert der Gruppe "SS Ultra Brutal" ist angesagt, ein "allgemeiner öffentlicher Geschlechtsverkehr" und ein Besuch "der reichen Schickeria". Zwischenstation am Sonntag, 10.30 Uhr: "Wir büßen unsere Sünden in der Marktkirche."
Ein Ultimatum ist gestellt: Bis Freitag, Mitternacht, sollen die Punker-Kartei der hannoverschen Polizei aufgelöst, "rosarote Berufskleidung für Zivilbullen" eingeführt und ein "Berufsverbot für Kaufhausdetektive" ausgesprochen sein - Ernst und Jux in der Flugblattsprache der Szene, Einstimmung auf ein bürgerschreckliches Wochenende.
Jahreshauptversammlung der Punks und Skinheads am vorletzten Wochenende in Hannover: das erste Deutschlandtreffen der Bäh-Jugend aus den Fußgängerzonen der Republik. Schmuddelige Paradiesvögel mit Chaos-Spaß die einen - die Punks; Stoppel-Schädel mit Trieb zu deutscher Ordnung die anderen - die Skins. "Die Wende" sei fällig, so ein Flugblatt: "OiOiOi statt Siegheil."
Ein Rundschreiben hat sie hierhergelockt - von irgendeinem entworfen, von irgendwelchen anderen photokopiert, weitergereicht in zig Städte, ohne Absender. Die Kunde dringt, wie von Buschtrommeln vertont, in jedes Punknest. Rund 1000 Leute reisen schließlich an, ohne zu wissen, wer ihr Fest eigentlich veranstaltet.
Bis jetzt, schreiben anonyme Organisatoren, "haben sich Punks und Skins in den meisten Städten gegenseitig den Schädel eingeschlagen". Nun müßten die "Kids von der Straße" endlich zusammenkommen: "Die Bullen lachen, und wir haben die Kopfschmerzen."
In Hannover sind sie zusammengekommen, um Erbfeindschaften abzubauen. Verbrüderung ist angekündigt - aber es ist, als wollten sich Hase und Igel paaren.
Die Skins sind die Skins. "Ich will doch nichts anderes", erzählt der Hamburger Skin-Führer Franz, "als ein einfacher SA-Mann sein, der sich auf der Straße prügeln darf." Franz, 21, ist vorbildlich,
die Hosen sauber, das Gesicht rasiert, der Körper trainiert. Er macht seine Speditionskaufmannslehre fertig und bleibt wochentags trocken.
Franz haßt Italiener und Franzosen, Türken sowieso und erst recht die Juden. Denn Deutschland, erregt er sich, sei noch immer "in Judenhand", solange ein Rosenthal "Dalli Dalli" gebe und ein ZDF-Löwenthal amerikanische Propaganda betreibe. "Ich könnte ja auch in den Boxverein eintreten", meint er, "aber da hab' ich eben keine Lust zu."
Franz und seine Mannen lernen Nazi-Lieder. In Hamburg rotten sie sich zusammen, um Ausländer und auch linke Punks zu verprügeln. Querverbindungen bestehen zu Fußball-Fanklubs und zu den Neonazis der "Savage Army". Fest angeschlossen aber, beteuert der Führer, seien sie nirgendwo: "Wir lassen uns doch nicht politisch mißbrauchen."
Die Punks sind die Punks. "Nie wieder Faschismus", hat sich Mix aus Lübeck auf seine ihn panzernde Lederjacke geschrieben, "wehret den Anfängen." Mix, 16, hat Löcher im Ohr, ein Mittelstreifen aus Haaren steht ihm zum Himmel, die Augen sind markiert wie bei Indianern.
Mix war Maurer und lebt jetzt auf der Straße, die Eltern haben ihn rausgeschmissen: "Geld haben wir durch Betteln, und in der Bahnhofsmission gibt's 'ne gute Suppe." In Hannover hat er einen "Pennplatz" bei einer Türken-Familie. Für Mix ist "Meinung wichtig", der Aufzug sei nur zum Provozieren da. "Wenn wir normal rumlaufen würden", spekuliert er, "würde doch keiner über uns nachdenken." Mix ist gegen die "unpersönliche Gesellschaft" und will, "daß die Leute allein den Menschen akzeptieren". In der Niedersachsen-Stadt hofft er "auf das totale Chaos: daß die Bullen nicht mehr wissen, was sie tun sollen und daß die Nazis mal eins draufkriegen".
Mix und Franz sind unverwechselbar. Punks lieben Chaos, Skins sind straff organisiert. Punks tolerieren Ausländer, viele Skins sind erklärtermaßen Rassisten. Aber es gibt Skins, die einmal Punks gewesen sind, und es gibt neben rechten Skins auch linke Skins - fließende Grenzen unter Jugendlichen, deren Herkunft ja auch nicht durch Welten getrennt ist.
Punk bedeutet im Englischen Mist, Quatsch und bezeichnet eine Protesthaltung. Vorbild für die Art ist eine Mitte der 70er Jahre in England entstandene Bewegung bewußt provozierender Jugendlicher, die sich aus Altkleidersammlungen bedienten, Haare grell färbten und schnelle, aggressive Musik hörten.
Der Ur-Punk, dem nichts mehr zuwider ist als die Sinnfrage, hat sich inzwischen überlebt. Punk ist - auch - Mode geworden. Jeder gutsortierte Jeans-Shop bietet heute Punk-Accessoires feil, Tiger- und Zebrahosen, abgerissene T-Shirts, Nietengürtel. Manche Friseurläden haben sich auf den farbigen Irokesenschnitt spezialisiert. Geblieben ist
eine Lebenshaltung. Die echten Punks sind unausstehlich, in ihrer Erscheinung eine Mischung aus Schmutz und Fleisch in der sozialen Nähe des Pennertums, immer bereit zu schockieren, die Zunge rauszustrecken und den Spießern entgegenzuplärren: "Haut ab, ihr Wichser."
Skinheads tauchten Ende der sechziger Jahre in englischen Arbeitersiedlungen auf - junge Arbeitslose, die sich die Schädel rasierten und feste Arbeitsschuhe anzogen, Knobelbecher der Marke Dr. Martens, die heute 120 Mark kosten. Die Jeans haben sie aufgekrempelt, die Hosenträger heruntergelassen. Zur Uniform gehört eine graugrüne amerikanische Bomberjacke.
Ein Teil der Skins wurde allerdings früh von rechts indoktriniert, in England vom faschistischen British Movement, in Deutschland von Neonazi-Bünden wie der "Aktionsfront Nationaler Sozialisten".
"Skinheads", erklärt ein Kahlkopf aus Hamburg, "ist eine Massenbewegung, da sind viele Rechte drin, aber auch Linke. Zu uns gehört Fußball, die Musik, teilweise auch Gewalt. Skins sind für faire Kämpfe, nicht so mit Steinen schmeißen. Wir machen das mit Stiefeln aus."
Super-Oi, 17, ist ein Skin aus Aachen, Lehrling in einem Metallbetrieb. Vor dreieinhalb Jahren fing er als Punk an, seit einem Jahr schwört er auf die "männliche Einstellung". Super-Oi: "Von der Ideologie her sind doch die Punks abnorm. Wenn man älter wird, kapiert man das."
Normal zum Beispiel sei Kameradschaft. Punks seien im Grunde "nur moderne Hippies ohne Zusammenhalt, sie schlucken alle möglichen Drogen und arbeiten nicht". Als Skin führe er ein "bürgerliches Leben", ganz nach deutschem Durchschnitt, mit "unheimlich viel Saufen".
Die Punks - angereist aus Lübeck, Hamburg, Frankfurt, Freiburg, München, Zürich, Holland und England - sind in Hannover eindeutig in der Mehrheit: Kinder jenseits von Eden, jenseits von Job, Girokonto und Intim-Lotion, die meisten sind zwischen 15 und 19 Jahre alt.
Mit den Skins, etwa hundert insgesamt, versammeln sie sich vor dem Hauptbahnhof, lungern auf Treppen und Betonböden herum. Sie zeigen sich in ihrer bunten Montur her wie die nackten Mädchen der Peep-Shows und kassieren dafür auch ab: "Haste mal fünfzig Pfennig?" Vom Obolus der Gaffer ernähren sie sich.
Flaschen fliegen, Scherben spritzen. Insignie dieser unheimlichen Demonstration ist die Bierdose, die meisten sind betrunken. Die Gesten der Punks sind, auf den ersten Blick gesehen, ausschließlich fordernd, ichbezogen. Einsam sind sie nicht, kotzen aus, was ihnen nicht behagt, und Vorschriften macht ihnen vorerst auch niemand.
Mit großer Mühe gestalten sie ihren Aufzug. Spray-Dosen für Wandparolen haben sie nicht mitgebracht, dafür "Gard" fürs Haar. Mit Seife ziehen sie den Iro-Schnitt zu vertikalen Spitzen. Einer versucht, sich die fast obligatorische Sicherheitsnadel durchs Ohrläppchen zu drücken. Das Papiertaschentuch, das er dabei in der Hand hält, ist blutgetränkt.
Niemand würde auf die Idee kommen, zu dieser Gruppe von der "Solidargemeinschaft aller Demokraten" zu sprechen. Niemand wird je zu ihnen sagen: "Wir sitzen doch alle in einem Boot." Sie sind längst ausgestiegen. Raketen, Kernkraft, Umweltschutz - kein Thema für diese randständigste aller Randgruppen.
Für die zuschauenden Bürger sind die Punks vor dem Hauptbahnhof eine Mischung aus Glühwürmchen und Mörderbiene, faszinierend und bedrohlich. Dagegen ist der Denver-Clan ein Schmarren. "Haß" ist das am meisten geschriebene Wort auf den schwarzen Lederjacken dieser Großstadt-Wilden. Und wie sie selbst aggressiv sind, grundlos auch Passanten anfallen ("just for fun"), ziehen sie auch Aggressionen auf sich.
Polizei fährt auf, Polizeihunde knurren, Punks grunzen zurück. "Na, Junge", spricht ein Punk einen staunenden Elfjährigen an, "in zwei Jahren siehste auch so aus wie wir." Und trägt dann womöglich eine Jackenaufschrift wie diese: "World war 3 - a lot of fun."
In ihrem Unverstandensein begreifen sich Punks und Skins als einmalig. Selbst fürsorgerische Sozialarbeit ist da meist ratlos. Eine Annäherung Außenstehender ist schon deshalb kaum möglich, weil die blutjungen Gesichter skeptisch schauen gegen alles, was nicht ihre Fasson trägt.
Hexe aus Frankfurt, 22, ist mit dem Auto angereist. Ihr "stinken die Spießer",
und sie findet es "toll, daß man einfach nur dazustehen braucht, um die Leute zu provozieren". Hexe ist Puppenstubenpunk, adrett, mit ultrakurzem Rock und schwarzen Netzstrümpfen. Eigentlich studiert sie Pharmazie und hat Kontaktprobleme.
"Was Aufregendes läuft meist nicht", sagt sie. "Über Saufen quatscht man am meisten, oder was gerade in anderen Städten los ist." Man lerne halt als Mitglied dieser Gruppe schneller Leute kennen.
Der Vater ist Elektriker, die Mutter Kassiererin im Supermarkt. Hexe bastelt in der Freizeit ein "Fanzine", alle drei Monate ein neues, Auflage 100 Stück. Fanzines (Fan-Magazine) sind wichtigster Baustein im Informationssystem der Punks. In ihnen werden Trends vermerkt, Veranstaltungstermine bekanntgemacht.
Fanzines werden im Kopierverfahren hergestellt und untereinander ausgetauscht. Hexes Schrift, "Der Hexentanz", beschreibt ein typisches Punk-Konzert: "Messer, Spikes, Nietengürtel und sogar Nietenarmbänder wurden erbarmungslos konfisziert." Im Editorial grüßt Hexe die Punk-Kollegen "Flip, Unkraut, Elend, Ratze und Strolch".
Auch beim Konzert in Hannover, im Unabhängigen Jugendzentrum Kornstraße, ist Leibesvisitation Einlaßbedingung. Flaschen werden eingesammelt, aber keiner muckt auf. Vierzig Ordner wachen, und der Innenhof mit den wilden Gestalten hat jetzt, da man unter sich ist, fast die Ruhe eines Theater-Foyers.
Der Konzertsaal des Hauses ist zu klein und zu heiß. Nicht mal "pogen" ist möglich, der eigentümliche Punk-Tanz, bei dem sich das Jungvolk gegenseitig heftig anspringt und Bier über die Köpfe verspritzt. Während im Jugendzentrum die Band "Daily Terror" spielt, ist draußen mehr los.
Skins aus Hamburg bekunden erste Annäherungsversuche, ausgerechnet mit "Sieg-Heil"-Rufen. Was nun geschieht, hat Tatta, 15, Korrespondent der Punk-Zeitung "Boykott", später in seinem Tagebuch festgehalten: "Nazis auf die Fresse gegeben, Bullen greifen an, wir bauen Barrikaden aus Autos und Reifen. Bullen rücken von einer Straße aus vor, Flaschen und Steine fliegen, Wagen umgekippt, Fenster eingeworfen."
Die nächtliche Straßenschlacht ist der milieugerechte Auftakt zur Punk-Messe von Hannover, Vorwand für weitere Scharmützel am nächsten Tag. Viel Polizei hat die Straße abgesperrt, ein Wasserwerfer wird eingesetzt. Angereiste Krawaller, die weder Punk noch Skin sind, haben Pflastersteine ausgebuddelt. "Die sind doch doof", weint ein Punk vor Zorn, "die sollten doch gegen die Nazis und nicht gegen die Bullen."
Die Nächte verbringen die Kids in Parks, in einem leerstehenden Fabrikgebäude oder auf dem Straßenpflaster. Straßenstaub schändet sie nicht - Punks mögen Schmutz; Müll und Scherben entsprechen ihrer vermeintlichen Lebenssituation. Die Ratte ist ihnen zum Maskottchen geworden.
Kaum ein Punk, der mittlerweile nicht eine Ratte hält. Tatta trägt sie unter dem Hemd mit und läßt "Jonathan", ein ehemaliges Labor-Tier, von seinem Mund Spucke schlürfen.
"Meine Ratte ist riesig", unterhalten sich zwei Punks, "hat solche Zähne. Siehst du den Biß hier am Arm? Die hat irgendwelche Tabletten von mir angeknabbert und ist dann verrückt geworden." Antwort: "Meine Ratte haben die Bullen zerquetscht."
Niemand ist da, der ihre Aufmärsche in Bewegung setzt, Punks lehnen Führer ab. Und doch haben sie, die plakativ ohne Ordnung leben, ein eigenes Regelsystem. Ein Zeit-Zeichen wird eben einfach reif, Unrast ersetzt die Uhr. Irgendwann erheben sich drei Leute von der Weide, und jeder hat's gesehen. Aufbruch - egal welches Ziel und welche Richtung. Alle trotten nach.
Die Gespräche untereinander kreisen um das eine Thema: "Bullenpogo". "Mein Kumpel", erzählt Bernd, "wurde gestern im Revier mit Handschellen an den Stuhl gekettet und dann mit dem Gummiknüppel eins in die Fresse." Bernd berichtet ruhig, wie ein Landser, den nichts mehr erschüttern kann. Das, kommentiert er trocken die Knüppelmassage, "ist das härteste Beruhigungsmittel, das es gibt".
Irgendwann gibt's wieder "Bullenpogo". Ohne erkennbaren Anlaß heißt die Polizei vor dem Hauptbahnhof die Punks verschwinden, nicht ohne Tränengas einzusetzen.
Erst daraufhin, eine halbe Stunde später, stürmen Skins und Punks mit ihrem Schlachtruf "OiOiOi" erstmals gemeinsam die Fußgängerzone.
Rainer hat sich auf seine Jacke einen schießenden Polizisten aufgemalt, in der Hand hält er einen Stein. Der Krieg in der Verkaufspassage dauert 90 Minuten. Punk-Schädel müssen nicht mehr eigens gefärbt werden, sie werden geknüppelt, bis sie blutig rot sind. Auf Polizeiketten hagelt es dafür unbarmherzig Flaschen und Steine. "Wir nehmen sie jetzt in die Zange", kündet über Megaphon ein Polizeieinsatzleiter.
Der Juwelier Wempe läßt die Rollos herunter. Gerhard Magis, Besitzer eines Modehauses, hat sich eine zehn Mann starke Sicherheitstruppe und einen
scharfen Hund gechartert. Seine Privatsheriffs schlagen auch außerhalb des Kaufhauses zu, bewaffnet wie Polizei, mit Schlagstock, Schild und Chemical Mace.
Punk-Leben ist nicht zuerst Gewalt. Es ist, sagt der Realschüler Tatta, "sich so zu geben, wie man sich gerade fühlt, vom Reden her, von den Klamotten". Spielen, Spaß haben, Leistung verweigern. Komplizierte Verhältnisse wollen Punks nicht mehr durchmessen, sie reduzieren ihr Verhalten auf die emotionale Ebene - "tierisch" eben.
Zielstrebigkeit ist ihre Sache nicht. Sie besiedeln lethargisch einen Fleck, und die Farben werden nicht vermischt, dort Irokese, hier Kahlkopf. Natürlich gibt es keine Arbeitsgruppe für den anvisierten Punk-Skin-Pakt. Ernsthaft reden einige aus beiden Lagern nur kurze Zeit miteinander - über die Punk-Losung "Keine Macht für niemand"; sie ist den Skins suspekt.
Letztlich haben die orthodox Rechten, also die Mehrheit der Skins, wieder nur Verachtung übrig: Beim Straßenkampf hätten etliche Punks einmal mehr Hasenfüßigkeit bewiesen.
Außerdem, schließt Super-Oi einen der wenigen Wortwechsel, "lassen wir uns von irgendwelchen Linken noch lange nichts vorschreiben".
Da die Rangelei mit der Polizei sie nicht mehr fesselt, beginnen die Skins zu sticheln. Sie marschieren mit Hitler-Gruß durch die Straße und schlagen auf Punks ein. Super-Oi ist dabei, er legt mit Fäusten und Füßen los. "Das muß einfach so sein", sagt er später, "warum, weiß ich nicht. Aber nachdenken will ich darüber auch nicht."
Als Hannovers Polizei am Sonntagabend den Rapport schreibt, hat türkisches Personal die Innenstadt bereits von massenhaft verstreuten Vesper-Resten, Scherben, Dosen und Steinen gereinigt. Der Polizeibericht erwähnt 195 Festnahmen, 235 Strafanzeigen wegen Plünderung, Widerstands gegen die Staatsgewalt, Diebstahls und Landfriedensbruchs. 87 Jugendliche sind vorübergehend inhaftiert, der Jüngste von ihnen 15 Jahre alt. 17 Polizisten sind verletzt worden und ungezählte Punks, über hundert Schaufenster zu Bruch gegangen.
Warum Hannover? Wie ein reinigendes Gewitter wirkte hier vor einem dreiviertel Jahr die Kapitulation von dreißig Skins, die ein Jugendzentrum überfallen hatten und von den Punks ordentlich vermöbelt wurden. Die Skins jagten danach ihren rechtsradikalen Anführer davon, der sie in dieses ausweglose Abenteuer gehetzt hatte. Fortan, erzählt Punk Peter, "haben die sich für uns geschlagen, das hat uns imponiert".
Als im Herbst letzten Jahres bekannt wurde, daß die örtliche Polizei eine eigene Kartei mit den Daten von über 60 Punks angelegt hat, machten die Skins die Sache zu ihrer eigenen. In einer Schlacht im Dezember, am legendären "Chaos-Tag", kämpften sie wieder Seit' an Seit' gegen Polizisten. Anarcho-Punks entwickelten seitdem die Idee von der Verbrüderung, mit der sie hofften, rechten Einfluß auf die Skin-Gemeinde zurückzudrängen und unverbesserliche Skins isolieren zu können. Sie schickten Flugblätter für "die Wende" in die Zentren.
Sie ist nicht gekommen. Joe und Krümel, ein Punk-Pärchen aus dem Badischen, packen ihre Schlafsäcke zusammen und sind dennoch zufrieden. "Bei uns in Kehl", resümiert Joe, "gibt's ja nicht mal Äktschn. Da gibt's drei Punks, und abends hauen wir uns die Birne voll. Kehl ist kotz würg, Punk ist saugeil."
Von Peter Seewald

DER SPIEGEL 28/1983
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