15.08.1983

Das sind Sachen, die dauernd passieren

Ein Bundestagsabgeordneter der Grünen griff seinen Mitarbeiterinnen an den Busen - und löste nicht nur Aufruhr in seiner Partei und Fraktion, sondern auch eine öffentliche Debatte aus. Ein Thema ist nicht länger tabu: der alltägliche "Sexismus" am Arbeitsplatz, gegen den sich die belästigten Frauen kaum wehren können.

Am Dienstag letzter Woche herrschte - ungewöhnlich für das vor sich hin dösende politische Bonn - im Foyer des Abgeordnetenhauses am Tulpenfeld Hochbetrieb. Dutzende von Fernseh-, Rundfunk- und Zeitungsjournalisten drängelten sich stundenlang vor dem Fraktionssaal der Grünen.

Angelockt hatte die Presseleute, was dank Springers "Bild am Sonntag" vom vorletzten Wochenende als "Sex-Skandal" in der sommerlichen Republik die Runde machte.

"Hier sind mehr Journalisten als Abgeordnete", registrierte der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Joschka Fischer, zu Beginn der "Aktuellen Sendung" der Fraktion säuerlich das ungewöhnliche Interesse der Medien. Und die grüne Volksvertreterin Waltraud Schoppe meinte verärgert: "Wir wären froh, wenn wir bei anderen wichtigen Themen ebensolche Aufmerksamkeit fänden."

Ausgelöst hat die Aufregung der 53jährige Klaus Hecker, verheiratet und Vater von drei Kindern, bis letzte Woche eher einer der Unauffälligen in den Reihen der Grünen-Fraktion. Hecker, Spitzenkandidat der hessischen Grünen und Vorsitzender im Forschungsausschuß des Bundestages, hatte sich, wie er selber umständlich-schamhaft beschreibt, Mitarbeiterinnen "in einer Weise genähert, die von diesen als eine Beeinträchtigung ihrer Würde als Frau angesehen werden mußte".

Drei Betroffene machten in der vorletzten Woche, ohne Heckers Namen zu nennen, die Missetaten des Abgeordneten in der Fraktion bekannt - per Flugblatt, das sie an Fraktionstüren klebten, auf die Schreibtische und in die Fächer der grünen Abgeordneten legten.

"Ein männliches Mitglied der grünen Bundestagsfraktion", empörten sich die Frauen, "hat seine vermeintlichen Direktorenansprüche bei mehreren weiblichen Mitarbeiterinnen der Fraktion geltend gemacht." Was genau darunter zu verstehen sei, stellten die Flugblatt-Verfasserinnen zweifelsfrei klar: "Er grapscht plötzlich nach den Brüsten der Frauen."

Zu dem spektakulären Schritt hätten sie sich, sagt Mitunterzeichnerin Sarah Jansen, allerdings erst entschlossen, als Einzelgespräche nichts fruchteten: "Er hatte gar nichts verstanden."

Doch erst "Bild am Sonntag" zerrte das "männliche Mitglied" aus der Anonymität und stellte Hecker vor der Öffentlichkeit bloß.

Die Enthüllung des Boulevardblattes allein freilich hätte so viel bundesweites Aufsehen kaum erregt. Was den Fall Hecker erst über den Rang eines sommerlichen Pausenfüllers hinaushob: Er trifft ausgerechnet jene Partei, die nach Bonn ausgezogen ist, um die Etablierten Mores zu lehren.

Seither steht bei den Grünen das Telephon nicht still. Eine Schwemme von Briefen geht ein, Sudeleien, aber auch Proteste von Frauengruppen, die den Rausschmiß des Grapschers fordern. Und in der Grünen-Fraktion bordet die Diskussion über.

Immer noch sind die Meinungen über die Frauen-Aktion geteilt.

Die Pragmatiker schimpfen, ein überflüssiger schädlicher Streit sei da angezettelt worden. Unmittelbar vor der Hessen-Wahl werde dem politischen Gegner ein willkommenes Thema zugespielt. Ihm werde es allzu leicht gemacht, die hohen Ansprüche an Politik zu diskreditieren und damit die Grünen selbst der Unglaubwürdigkeit zu überführen.

Die Frauen vor allem finden es gut, daß der Fall Hecker ein Problem hochgebracht hat, das zum westdeutschen Alltag gehört: Gewalt gegen Frauen. Waltraud Schoppe: "Das ist unsere Art, den Fall Hecker als Bundestagsfraktion der Grünen adäquat politisch zu bearbeiten, dafür sind wir hier" (siehe Interview Seite 79).

Es geht auch um das Selbstverständnis der Grünen. "Derart krassen Sexismus", begründeten die Betroffenen ihr Vorgehen, _(Bei der Bundesdelegiertenversammlung in ) _(Hagen. )

hätten sie "bei den Grünen nicht erwartet". Mit gutem Grund. Schließlich gehört der Kampf gegen die Unterdrückung der Frau, gegen ihre alltägliche Belästigung durch Besitzansprüche von Männern, zu den Essentials der grünen Moral.

"Jede Frau", heißt es etwa im hessischen Landesprogramm, "ist der Gefahr männlicher Gewaltausübung gegen ihren Körper, ihre Psyche und auf Grund ihrer sozialen Situation ausgesetzt." Diese Gewalt gegen Frauen werde immer noch verharmlost.

Der Vorwurf fällt auf die Grünen selbst. Zwar fordern sie in Bundes- und Landesprogrammen, Vergewaltigungen auch in der Ehe unter Strafe zu stellen. Zwar gehören die Alternativen zu den lautesten Befürwortern von Frauenhäusern als Zufluchtsstätte für mißhandelte Frauen.

Aber das Alltagsproblem der sexuellen Nötigung am Arbeitsplatz hat die Grünen bisher so wenig beschäftigt wie die Politiker anderer Parteien.

"Auch bei den emanzipierten Grünen", klagte eine Vertreterin der Frauengruppe Hannover-Stadt auf der Bundesdelegiertenversammlung Anfang Juni in Hannover, "sind dieselben Strukturen der Mann-Frau-Beziehung wirksam wie überall sonst in unserem Leben." Doch bei ihren Beispielen beschränkte sich die Grüne auf parteiinterne Erfahrungen: Wenn Frauen sich in Sitzungen der Grünen zu Wort meldeten, fielen ihre Beiträge oft "ins Leere". Männer aber erhielten für die gleichen Aussagen begeisterten Beifall.

Zu erklären ist die Distanz vor allem aus der sozialen Struktur der Grünen. Deren Mitglieder stammen meist aus der Mittelschicht, die Frauen kennen den "Sexismus" am Arbeitsplatz seltener aus eigener Anschauung.

Verharmlosen wollten die Grünen zunächst auch den Fall Hecker. In zwei Krisensitzungen versuchten aufgeschreckte Fraktionsmitglieder, die peinliche Affäre zunächst möglichst unauffällig zu bereinigen - in internen Gesprächen mit dem Abgeordneten und seinen Kontrahentinnen.

Die Frauen, murrten männliche Grünen-Abgeordnete über den Wirbel, hätten das Ganze schließlich auch mit einer Ohrfeige aus der Welt schaffen können.

"Dann wäre Hecker", kontert Sarah Jansen, "zur nächsten gegangen."

Einhellig distanzierten sich die grünen Frauen zwar von der Veröffentlichung ihres Briefs in "Bild am Sonntag" "als eine Scheinheiligkeit ohnegleichen". Gerade "Bild" behandle Frauen "tagtäglich in übelster Form als Sexualobjekte".

Aber sie sehen auch in der nun ausgebrochenen öffentlichen Debatte eine "ungeheure Chance" (Jansen), anderen Frauen Mut zu machen, sich gegen männliche Übergriffe zu wehren. "Busengreiferei und andere, viel subtilere Arten, Frauen zu benutzen", kommen, da ist Frau Jansen sicher, in jedem Betrieb und in jeder Behörde vor. "Wir können wenigstens den Mund aufmachen, ohne Angst haben zu müssen."

Wirkung zeigen sollte der grüne Mut vor allem im Bonner Umfeld. Unter den Mitarbeiterinnen der anderen Bundestagsfraktionen ist "Sexismus am Arbeitsplatz" seit letzter Woche bevorzugter Gesprächsstoff.

Daß Heckers Übergriffe in Bonn durchaus kein Einzelfall sind, wissen viele weibliche Angestellte aus eigenem Erleben. "Das, was die Grünen-Frauen als sexuelle Verfehlung bezeichnen", wundert sich die langjährige Mitarbeiterin eines etablierten Parlamentariers, "kann mich nur erheitern. Hier sind ganz andere Sachen bekannt." Und Tina Arndt, Sprecherin der SPD-Angestellten im Bundestag, weiß: "Das sind Sachen, die andauernd passieren."

Daß sich die belästigten Frauen nach dem Beispiel der Kolleginnen von der Grünen-Fraktion künftig wehren, hält Frau Arndt jedoch für wenig wahrscheinlich. Zwar seien viele mit den Alternativ-Frauen solidarisch. Aber die wenigsten trauten sich damit an die Öffentlichkeit. Tina Arndt: "Unheimlich viele haben Angst."

Dabei spielt nicht nur die Sorge um den Arbeitsplatz eine Rolle. Allzuoft wird die Schuld an sexuellem Fehlverhalten den Opfern angelastet. Solche Vorfälle seien, sagt die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, Inge Wettig-Danielmeier, "nicht nur für den Täter, sondern auch für das Opfer nicht nur positiv besetzt".

Und kaum in einem anderen Bereich wird so häufig versucht, Peinliches zu vertuschen, um den Delinquenten zu schützen. "Ein größerer Teil der SPD-Abgeordneten", schätzt Inge Wettig-Danielmeier, würde Belästigungen a la Hecker nicht vor die Fraktion bringen.

Die Bereitschaft, den Täter als Mitopfer zu bemitleiden, bekamen auch die Grünen-Frauen von ihren eigenen Kollegen zu spüren. Ein Großteil der Fraktionsdebatte

am vergangenen Dienstag, beklagte Sarah Jansen, "betraf nicht die Schwierigkeiten der Frauen, sondern hatte die menschliche Problematik von Klaus Hecker zum Inhalt".

Mit dazu beigetragen hatte Hecker selbst, der ganz in der Rolle des reuigen Sünders aufging. In seinem Entschuldigungsbrief an die Beschwerdeführerinnen warb er mit der selbstzweiflerischen Frage um Verständnis, ob es vielleicht "Ausdruck von Verlassensein" oder "der Versuch, sich Menschen näher zu bringen", gewesen sein könnte, was ihn zudringlich werden ließ.

Als er von den Frauen abgewiesen wurde, hatte er noch ganz nach Macho-Art gemault, neun von zehn Frauen hätten so was doch gerne. Jetzt fragte er, ob er denn wirklich so sexistisch sei, wie er nun erscheine. Mit seiner Versicherung schließlich, sich nichts mehr zuschulden kommen zu lassen, war für die meisten das Thema eigentlich vom Tisch.

Die Betroffenen sahen in der Diskussion bestätigt, was sie in ihrem Flugblatt ohnehin schon vermutet hatten: "Die Verletztheit und die Wut, die entstehen, wenn dich irgendwer plötzlich in einer Art anfaßt, die nur sehr speziellen Leuten und Situationen vorbehalten ist, kann vielleicht nur von denen nachvollzogen werden, die selber solche Situationen erleben mußten."

Von dem, was die Frauen mit ihrer Flugblatt-Aktion bewirken wollten, kritisiert Sarah Jansen, hätten "erschreckend wenige" der grünen Herren etwas begriffen. Diskriminierung der Frau und Ausnutzung von Abhängigkeit am Arbeitsplatz blieben am Rand.

Die Frauen selbst sind sich durchaus der Schwierigkeiten bewußt, in die Hecker durch den "Bild"-Pranger geraten ist. "Jetzt weiß ich, was es heißt, ''Bild'' killt", hatte Hecker in der Fraktion gestöhnt. Da sei was dran, fanden auch die weiblichen Abgeordneten.

Und sie bewiesen durchaus Mitgefühl: Hecker, so die einen, solle selbst entscheiden, wie es mit seiner Karriere weitergehe. Er solle zwar sein Mandat niederlegen, so die anderen, aber nicht in der Versenkung verschwinden, sondern in der Fraktion weiter mitarbeiten.

Irgendeine Strafe freilich müsse sein. Denn wenn Heckers Tat nicht geahndet werde, sei es mit der Glaubwürdigkeit der Grünen in der Frauenbewegung vorbei. Und die anderen Parteien im Bundestag, warnte Waltraud Schoppe, "machen uns dann fix und fertig".

Das sehen selbst jene sechs grünen Frauen ein, die dafür stimmten, Hecker solle gar nichts geschehen. Sie fürchten jedoch, träte Hecker zurück, so entstünde im Lande der Eindruck, das Problem sei in der Grünen-Partei erledigt. Dann sei das Thema Gewalt gegen Frauen vom Tisch, der Aufstand gegen Hecker vergeblich gewesen.

Das aber wäre nach Ansicht der Rebellinnen von Bonn auch für den Klärungsprozeß in den eigenen Reihen fatal. Denn der Fall Hecker, glaubt Renate Berger, Vorstandsmitglied im Landesverband Nordrhein-Westfalen, sei "nur die Spitze eines Eisberges". Die Frauenfeindlichkeit fange schon viel früher an: "Man merkt das schon an dem Geräuschpegel, wenn wir reden."

Auf der Bundesdelegiertenversammlung der Grünen in Hagen im November letzten Jahres mußten die Vertreterinnen der Basis erst lautstark protestieren, bevor die männlichen Kollegen ihnen ein Mitspracherecht beim Wirtschaftsprogramm der Partei zugestanden.

Bei der Bundesdelegiertenversammlung in Hagen.

DER SPIEGEL 33/1983
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