14.03.1983

ZEITGESCHICHTEOpfer der Umstände

Durch Entnazifizierung und liberale Schulgesetze sollten die Nachkriegsdeutschen zu Demokraten werden. Die Probleme der US-Besatzer bei der „Umerziehung“ schildert ein amerikanischer Historiker.
Im April 1946 druckte die "New York Times" alarmierende Nachrichten aus Deutschland. In dem besiegten Reich, besonders an den Hochschulen, schrieb das Blatt, grassiere immer noch der "Nazi-Virus": An manchen Universitäten gebe es schon wieder Vorlesungen über "Rassenkunde", bei den Professoren rege sich offener Widerstand gegen die "Zusammenarbeit mit dem Feind".
"Reaktionäre Strömungen" hatten um dieselbe Zeit auch Agenten der U.S. Army aufgespürt - beispielsweise in der Münchner Studentenschaft: "Bei Erwähnung Friedrichs des Großen", so ein Geheimbericht, ertöne in den Hörsälen "zustimmendes Pultdeckelgeklapper". Auf dem Uni-Klo entdeckten die Späher schockierende Wandinschriften wie: "Herr, schick uns das 5. Reich, das 4. ist schon dem 3. gleich."
Solche Rückfallsymptome bewogen die US-Besatzungsmacht, schleunigst eine "zweite Säuberung" speziell der Schulen und Hochschulen anzuberaumen. Wie hilflos die Sieger dabei vorgingen, wie sie von konservativen deutschen Politikern ausgetrickst wurden und schließlich scheiterten, schildert der amerikanische Historiker James F. Tent in einem Buch, das unter dem Titel "Mission on the Rhine" soeben in Chicago und London erschienen ist.
( "Mission on the Rhine". The University ) ( of Chicago Press, Chicago and London; ) ( 376 Seiten; 12,95 Dollar. )
Tent, S.216 Professor für Geschichte an der Universität von Alabama, hat für seine Studie erstmals den gesamten, bisher unter Verschluß gehaltenen Aktenfundus der amerikanischen Besatzungsbehörden auswerten können. Die Dokumente - vor allem Unterlagen des "Office of Military Government" und des für die "Umerziehung" der Deutschen zuständigen "Education and Religious Affairs Branch" - lassen laut Tent erkennen, daß sich die US-Regierung bis zum Kriegsende kaum mit der Frage beschäftigt hatte, wie nach dem Sieg mit dem deutschen Volk zu verfahren sei.
Nur das grobe Schema der drei "D" - "denazification, demilitarization, decartelization" (Entnazifizierung, Entmilitarisierung, geographische Zerstückelung) - lag 1945 als besatzungspolitische Maxime vor, wobei ein viertes "D", für Demokratisierung, den gemeinsamen Nenner bildete. Über einen brauchbaren Weg dorthin hatte allerdings niemand nachgedacht.
Verantwortlich für diesen Planungsmangel war Amerikas Kriegspräsident Franklin D. Roosevelt. Stets hatte er sich dem Drängen seiner Mitarbeiter widersetzt, für die Zeit nach einem alliierten Sieg vorzusorgen.
Einfluß auf Roosevelt hatte zu dieser Zeit allenfalls der mächtige Finanzminister Henry Morgenthau, der das Deutsche Reich in ein Agrarland zurückverwandeln wollte. Als Ende 1943 in General Dwight D. Eisenhowers "Supreme Headquarters, Allied Expeditionary Force" (SHAEF) eine Studie zirkulierte, die den "Wiederaufbau" Deutschlands vorsah, intervenierte Morgenthau sofort - und Roosevelt ließ das Papier aus dem Verkehr ziehen.
Gleichwohl befaßten sich, nunmehr vorsichtiger, weiterhin Beamte vor allem des US-Außenministeriums mit der deutschen Zukunft, so etwa der Chef-Berater und spätere Unterstaatssekretär Archibald MacLeish. Dabei rückte schon bald ein Begriff in den Mittelpunkt der Diskussionen, den nicht die Politiker, sondern Psychiater wie Richard Brickner und Kurt Lewin aufgebracht hatten - "reeducation", Umerziehung.
Unter Hitler, so die Ansicht der Psycho-Berater, zeige die deutsche Volksseele unverkennbar neurotische Krankheitssymptome; eine gruppentherapeutische Behandlung sei daher angebracht. Heilung, meinte Psychiater Lewin, sei nur zu erwarten, wenn das Volk die Umerziehung bereitwillig auf sich nehme und selber aktiv daran mitwirke.
Mit diesem Konzept aber hatten sich die Umerzieher, wie bald klar wurde, selbst ein Bein gestellt. Kaum hatte sich, nach Morgenthaus Sturz, die Idee der "reeducation" durchgesetzt, ging auf allen Ebenen ein Kampf um die richtige Methode los. Die Besatzer standen, so Tent, "vor der Frage, wie man ein Volk zu seiner Freiheit zwingen kann".
Dazu fehlte es nicht nur an praktikablen Lösungsvorschlägen; das Unternehmen litt auch an Kompetenz-Wirrwarr, Personalmangel und vor allem am lückenhaften Wissen vom spezifisch deutschen Bildungswesen. Streit löste zudem die Frage aus, ob anerkannte Nazi-Gegner bei der Umerziehung mitmachen dürften - was schließlich unterblieb: Bei manchen Widerständlern fand die Militärregierung "horrende Beispiele reaktionärster Gesinnung".
Als die U.S. Army im Mai 1945 - "widerwillig", wie Tent konstatiert - die Umerziehung organisierte, gab es für die besetzten Gebiete (Bayern, Württemberg-Baden, Groß-Hessen, Bremen und Teile von Berlin) nicht mehr als zehn hauptamtliche Helfer. Sie sollten zunächst, durch Entnazifizierung, das alte System zerschlagen - gerieten aber schon bei den ersten Schritten ins Stolpern.
So gab es allein während der Monate März bis Oktober 1945 nacheinander drei verschiedene amtliche Definitionen, wer als Nazi zu gelten habe. Anfangs sollte jeder, der erst nach 1933 Parteigenosse geworden war und keine NS-Funktion ausgeübt hatte, seinen Job behalten dürfen. Dagegen protestierte die US-Presse; im Juni wurden deshalb ausnahmslos alle gefeuert, die überhaupt je Parteimitglied waren. Die Folgen waren schmerzhaft - ganze Landkreise hatten plötzlich keine Beamten, Lehrer und Ärzte mehr.
Prompt folgte die nächste Kurskorrektur: Ende Juni durfte wieder angestellt werden, wer erst nach dem 1. Mai 1937 - der letzten "Gleichschaltungswelle" - der NS-Partei beigetreten war und nicht als Funktionär gedient hatte. Viele Ex-Nazis rückten wieder ein - und wurden bei einer erneuten "Säuberung" 1946 abermals entlassen.
Die Besatzer, so kennzeichnet Tent den Schlingerkurs, hätten versucht, "Unvereinbares zusammenzubringen: Erstens die Annahme, daß Nazis unverbesserlich sind. Zweitens, daß viele Nazis Opfer der Umstände waren".
Unter dieser Schaukelpolitik hatte vor allem das nachkriegsdeutsche Schulwesen zu leiden. So klagte der spätere Bundespräsident Theodor Heuss, damals Kultusminister in Württemberg-Baden, daß durch die Säuberungsaktionen seine "ganze bisherige Arbeit" zunichte gemacht werde: Das Zahlenverhältnis zwischen Lehrern und Schülern lag zeitweise bei eins zu 120. Heuss Ende 1945: "Erziehung nach den US-Richtlinien wird immer weniger möglich."
Nicht alle deutschen Politiker freilich sahen darin ein Ärgernis. In Bayern etwa wurde 1946 der SPD-Kultusminister Franz Fendt durch den klerikal-konservativen Dr. Dr. Alois Hundhammer ersetzt - der lehrte die US-Behörden alsbald das Gruseln. Historiker Tent: "Die amerikanischen Stäbe hatten erwartet, daß eventuelle Widerstände gegen Schulreformen vor allem im traditionell konservativen und autoritären Bayern auftreten würden. Hundhammer erfüllte diese Erwartungen in jeder Hinsicht."
Als der rauschebärtige Bayer am 1. April 1947 seinen ersten "Reformplan" vorlegte, hatte er auch nicht eine einzige jener Forderungen erfüllt, die vom US-Hochkommissar John McCloy formuliert S.217 worden waren - McCloys Vorgaben: eine einheitliche sechsjährige Grundschule, eine nur nach Fächer-Schwerpunkten differenzierende Oberschule, eine akademische Lehrerausbildung, Schulgeld- und Lernmittelfreiheit sowie Abschaffung der Konfessionsschulen und Gemeinschaftsunterricht für Jungen und Mädchen.
Vermutlich hatte Hundhammer auf den seinerzeit bevorstehenden Wechsel in der Leitung der amerikanischen Umerziehungsbehörde spekuliert. Doch auf den eher nachgiebigen Amtschef John W. Taylor folgte der profilierte Hardliner Richard Thomas Alexander, ein Schulexperte und Verwaltungsfachmann, der sich sogleich mit Hundhammer anlegte.
Es begann, so Tent, "Alexanders Kulturkampf". Der Amerikaner richtete "warnende Worte" an den widerborstigen Bayern und verlangte "unverzüglich ein mit unseren Vorstellungen konformes Curriculum". Hundhammer antwortete mit einer Provokation: Er führte, Proteste souverän mißachtend, die Prügelstrafe wieder ein.
Am 1. Oktober 1947 lieferte er dann, höchstpersönlich, seinen Reformplan Nummer zwo ab - mit der beruhigenden Versicherung, nun sei alles im Lot. Aber das Papier, notiert Tent, wirkte auf die Amerikaner "wie eine Ladung Dynamit": In Wahrheit hatte Hundhammer nichts geändert; der Plan enthielt nicht einmal die von den Umerziehern für unverzichtbar ("nicht kompromißfähig") erklärte Schulgeld- und Lernmittelfreiheit.
Auf die Empörung der Amerikaner reagierte Hundhammer mit Notaufrufen zur Rettung des Abendlands. Mit der Behauptung, das ehrwürdige humanistische Gymnasium sei in Gefahr, brachte er auch angesehene Antifaschisten auf seine Seite. Mächtige Helfer fand er zudem in der katholischen Kirche, die vor allem die geplante Auflösung der Konfessionsschulen als Teufelswerk bekämpfte.
Im Schulkrieg gegen den Reformer Alexander rief der Erzbischof von München und Freising, Josef Kardinal Faulhaber, sogar seinen amerikanischen Amtsbruder Francis J. Spellman zu Hilfe. Der Kardinal und Erzbischof von New York intervenierte bei den Besatzungsbehörden und diente, wie Tent vermutet, den Deutschen mit dem Hinweis auf einen Berater Alexanders, der vormals Mönch gewesen und obendrein mit einer früheren Nonne verheiratet war - der abtrünnige Gottesmann, so ließ Hundhammer verbreiten, schüre nun in den US-Ämtern antichristliche Ressentiments.
Doch auch solche Rufmordversuche machten Alexander nicht weich. Mit Rückendeckung des US-Militärgouverneurs Lucius D. Clay wies er die bayrische Umerziehungsbehörde an, nunmehr "bei der Schulreform direkten Zwang auszuüben". Hundhammer, zum Chef der Behörde zitiert, gab sich scheinbar geschlagen: "Sir, ich bin Soldat und weiß, wie man Befehle ausführt."
Dann begab er sich ins Münchner Funkhaus und hielt eine flammende Radioansprache an seine "lieben Landsleute": Die Besatzungsmacht, verkündete er, habe ihnen ein unbajuwarisches Schulgesetz aufgezwungen; es verfüge unter anderem, daß "die Reichen nun kein Schulgeld mehr zahlen", dafür aber "Handarbeitslehrerinnen an der Universität studieren" müßten - das Gesetz, resümierte er, sei geeignet, die abendländische Kultur zu ruinieren.
Zustatten kam dem Reform-Feind ein paar Wochen später die Berlin-Blockade der Sowjets. Die inzwischen entnervten Amerikaner bemühten sich fortan, in ihrer Zone den bürokratischen Kleinkrieg beizulegen. Um den Streit zu beenden, flog Militärgouverneur Clay aus dem belagerten Berlin zu einem Treffen mit Ehard nach Frankfurt.
Auf "neutralem Boden" (Clay) rang der US-General dem Ministerpräsidenten wenigstens die schrittweise Einführung der Schulgeld- und Lernmittelfreiheit ab - es blieb die einzige dauerhafte Reform-Errungenschaft der Amerikaner in Bayern.
S.215 "Mission on the Rhine". The University of Chicago Press, Chicago and London; 376 Seiten; 12,95 Dollar. * S.216 Winifred Wagner vor der Spruchkammmer in Bayreuth; sie wurde zunächst als "belastet", später als "minderbelastet" eingestuft. * S.217 Im März 1947 auf einer Pressekonferenz mit dem Chef der US-Nachrichtenkontrolle Colonel Anthony S. Kleitz. *

DER SPIEGEL 11/1983
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