30.05.1983

LUFTFAHRTTödliches Spektakel

Nach dem Absturz eines kanadischen Jagdbombers fordern Politiker den Verzicht auf lebensgefährliche Flugdarbietungen. *
Fluglotse Hans Stang beobachtete "völlig unkontrollierte Bewegungen, so ein Trudeln". Gleich danach "flogen brennende Rumpfteile weg".
Eine Rauchsäule kündete wenig später, am Pfingstsonntag um 14.15 Uhr, vom makabren Ende einer Show auf dem Frankfurter US-Militärflugplatz: Ein Starfighter der kanadischen Luftwaffe war bei Tiefflugvorführungen am
"Tag der offenen Tür" auf einen Autobahnzubringer neben dem Frankfurter Waldstadion gestürzt. Der Pilot, der 27jährige Fliegerhauptmann Alan Stephenson von der in Söllingen bei Baden-Baden stationierten 439. kanadischen "Fighter Squadron", konnte sich unmittelbar vor dem Aufschlag mit dem Schleudersitz retten und landete geschockt, aber unversehrt an seinem Fallschirm.
Wrackteile der explodierten CF-104 trafen einen stadtauswärts fahrenden Peugeot-Kombi. In den Trümmern verbrannten der 40jährige evangelische Pfarrer Martin Jürges aus Frankfurt, seine 38jährige Frau Irmtraud, der 11jährige Sohn Jan, die einjährige Tochter Katharina und die 77jährige Mutter Erna. Eine 19jährige Verwandte wurde aus dem Fahrzeug geschleudert und erlitt schwere Brandwunden. Berstende Flugzeugteile trafen rund 50 parkende Personenwagen, zwölf Autos brannten aus.
Es hätte weit schlimmer kommen können. 500 Meter hinter der Absturzstelle feierten Zehntausende den "Wäldchestag", ein Frankfurter Volksfest, kaum 100 Meter vom Unfallort entfernt wurde auf 20 Feldern Tennis gespielt, 300 Meter weiter liegt eine Großtankstelle. Und auf der "Air Base", nur 1000 Meter Luftlinie von der Aufschlagstelle entfernt, hatten rund 400 000 Zuschauer die waghalsigen Flugmanöver verfolgt.
Die naheliegende Schreckensvision von einem Düsenjäger, der in eine Menschenmenge stürzt, veranlaßte die "FAZ" zu der Bemerkung, es müsse noch "das Glück im Unglück gepriesen werden" - und warf die Frage auf, ob solche "tödlichen Militärspektakel" (so der Bonner Grünen-Sprecher Otto Schily) über Wohngebieten nicht unterbleiben sollten.
Das Bundesverteidigungsministerium, als zuständige Genehmigungsbehörde, hatte die Erlaubnis erteilt - gegen erhebliche Widerstände. Die hessische Landesregierung zum Beispiel lehnte die Flugdemonstrationen ab, aber die Hessen hatten, wie Innenminister Herbert Günther (SPD) hinterher öffentlich bedauerte, "keine rechtlichen Möglichkeiten, ihre Einwände durchzusetzen".
Auch die Bundesanstalt für Flugsicherung, deren Mitarbeiter Störungen der Zivilluftfahrt befürchteten, war laut Abteilungsleiter Manfred Heinlein "zunächst strikt gegen diese Darbietungen". Nach Programmkürzungen und auf Drängen der amerikanischen Veranstalter und des Bonner Verteidigungsministeriums ließen sich die Luftschützer aber doch umstimmen - für Uwe Holzwig von der Pilotenvereinigung Cockpit "nicht zu verstehen".
Holzwig, früher selbst Starfighter-Pilot, hält Schauflüge "mit diesem unberechenbaren Flugzeug" - allein die Bundeswehr verlor bislang 256 Maschinen und 108 Piloten durch Starfighter-Unfälle - schlicht für "fahrlässig", zumal "vor einer so großen Menschenmenge".
Risiken für Leib und Leben sind bei Flugdemonstrationen wohl immer gegeben. Beispiele gibt es genug, für jedes Jahrzehnt seit dem Krieg: *___September 1982: Bei den Mannheimer Luftschiffertagen ____verliert ein Chinook-Hubschrauber der US-Armee seinen ____Heckrotor und fällt wie ein Stein auf die Autobahn: 46 ____Insassen, zumeist Fallschirmspringer aus Frankreich, ____England und der Bundesrepublik, sterben in den Flammen. *___Juni 1973: Bei der Luftfahrtmesse auf dem Pariser ____Flugplatz Le Bourget explodiert ein sowjetisches ____Überschallflugzeug vom Typ Tupolew 144 bei einem ____Demonstrationsflug in der Luft. Die Trümmer stürzen auf ____die Gemeinde Goussainvielle, 13 Menschen, darunter die ____sechs Besatzungsmitglieder, sind auf der Stelle tot. *___September 1968: Bei der Flugschau im englischen ____Farnborough stürzt ein französischer Marineaufklärer ____vor 100 000 Zuschauern auf ein Flughafengebäude: sechs ____Tote. *___September 1952: Ebenfalls in Farnborough rast ein ____britischer "D. H. 110"-Düsenjäger in die ____Flugschau-Besucher: 26 Zuschauer und zwei ____Besatzungsmitglieder finden den Tod.
Kunstflug-Piloten haben meist keine hohe Lebenserwartung, viele verunglücken schon beim Training. So verlor die berühmte US-Staffel "Thunderbirds" seit ihrer Gründung 1953 bereits 18 Flugzeugführer. Allein vier Piloten starben im Januar 1982, als eine Viererformation vom Jet-Typ T-38 Talon ("Kralle") nach einem mißglückten Übungslooping im Wüstensand von Nevada explodierte.
Vier Mitglieder der britischen "Red Arrows" kamen ums Leben, als in Kemble im Januar 1971 zwei Jets vom Typ Gnat ("Stechmücke") bei einem riskanten Trainings-Manöver in der Luft zusammenstießen und abstürzten.
Heikle Kunststücke standen in Frankfurt angeblich nicht auf dem Programm. Laut Staatssekretär Peter-Kurt Würzbach vom Bundesverteidigungsministerium flog die kanadische Fünferstaffel "The Tigers", der auch die Unglücksmaschine angehörte, nur "Ausschnitte aus dem täglichen Ausbildungsprogramm". Augenzeugen sprachen dagegen von "gewagten Luftschrauben" knapp 20 Meter über der Piste.
Nun scheint es auch Parteipolitikern an der Zeit, die Luftakrobatik über Ballungsräumen in Frage zu stellen. Frankfurts CDU-Oberbürgermeister Wallmann fordert plötzlich ein Flugschauverbot über dem Rhein-Main-Gebiet. Hessens Innenminister Günther will sich bei der Bundesregierung gar dafür stark machen, daß in der Bundesrepublik keine Schauflüge mehr stattfinden.
Das kanadische Verteidigungsministerium hat nach dem Unfall prompt die Teilnahme an weiteren Luft-Vorführungen in der Bundesrepublik untersagt. Auch die US-Amerikaner fühlen sich laut Air-Force-Pressesprecher Joseph Carter "verantwortlich und schwer betroffen". Dennoch sind, so Carter, in diesem Jahr noch fünf Schau-Flugtage in der Bundesrepublik vorgesehen.
Ganz im Sinne des Bundesverteidigungsministeriums. Demonstrationen fliegerischen Könnens, sagt Staatssekretär Würzbach, seien nun mal "Teil sicherheitspolitischer Öffentlichkeitsarbeit". Auf sie, so Würzbach, dürfe "grundsätzlich nicht verzichtet werden". _(In Hannover, 1980. )
In Hannover, 1980.

DER SPIEGEL 22/1983
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