19.09.1983

„Hauptsache, du protestierst“

SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz beim Zehn-Jahres-Jubiläum der Junta in Chile *
In La Legua, einer "Poblacion", wie die Chilenen Santiagos Vorstadtslums aus Holz-, Lehm- und Wellblechhütten nenne, ist Rabatz. Die 35 000 Leguanos feiern den Tag der nationalen Befreiung auf ihre Weise.
An jeder Straßenkreuzung flackert zwischen Barrikaden aus Steinen, alten Öfen, allerlei Gerümpel ein Feuer - umtanzt wie in einem heidnischen Ritual von vermummten Gestalten. Über der Szene dröhnt eine Kakophonie von rhythmischen Schlägen auf Töpfen, Kesseln, Fässern, auf das Wellblechdach einer Bushaltestelle, das verrostete Wrack eines Autos, auf alles, was Krach macht.
Am eifrigsten trommeln dreizehn-, vierzehnjährige Kinder. Ihre Eltern hatten vor einem guten Jahrzehnt, als in Chile die Volksfront Salvador Allendes an die Macht kam, vergebens Hoffnung geschöpft, hatten geglaubt, daß nun ihre Stunde schlüge.
Doch Allendes chilenischer sozialistischer Aufbruch in eine neue Zeit hatte gegen die in Jahrhunderten versteinerten politischen und wirtschaftlichen Strukturen mit den wenigen oben und den vielen unten nie eine Chance. Das Experiment endete nach drei Jahren mit einem Putsch des Militärs und dem gewaltsamen Tod des Volksfrontführers - einer Tat, die für Chiles heutige Herren immer noch Grund zum ausgiebigen Feiern ist.
Die Leguanos hatten damals, 1973, tagelang erbitterten Widerstand geleistet, einen Bus voller verhaßter Carabineros, Gendarmen, angezündet und schwer dafür büßen müssen.
Ihren Widerstandsgeist haben sie in all den Jahren nicht verloren. Die Wände ihrer Häuser sind voller gemalter Parolen mit Bitterkeit und Witz: "Pinochet - Mörder", "Pinochet, ab in die Hölle" oder "Ab nach Paraguay" - im Volksmund letztes Asyl für abgehalfterte Militärdiktatoren.
"18 000 Säcke und ein Verrückter" lautet ein anderer Spruch - er erinnert an den 11. August, als der Generalspräsident den vierten nationalen Protesttag in der Hauptstadt von 18 000 Soldaten zusammenschießen ließ. Und allenthalben steht da auf den Wänden "Allende".
Der Präsident Allende, der im Leben so wenig Erfolg hatte, ist als Märtyrer zu einer Symbolfigur nicht nur für die Linke in Chile geworden. Auf einer von Christdemokraten - einst ärgste Widersacher des Volksfront-Führers - organisierten Demonstration auf Santiagos Plaza Italia wird ein Allende-Bild vorangetragen - für die "Pacos", die Bullen, ein rotes Tuch.
Kaum kommen die ersten Demonstranten in Sicht der Polizei, erklingen die ersten Sprechchöre "Se va a caer", "er (Pinochet) wird fallen", da deckt ein Hagel von Tränengasgranaten die Marschierenden ein, da versuchen wild kurvende Wasserwerfer die Menschen von den Straßen zu fegen.
Kommandiert wird die Schlacht von einem Carabinero-General, der seine Truppe in immer aussichtslosere Hetzjagden gegen die wieselflinken Demonstranten schickt. Frustriert verhaftet er, eine Heldentat ist überfällig, einen kleinen Jungen, der lauthals gerufen hatte, was in diesen Tagen überall in Chile widerhallt, wo die braun uniformierten Ordnungstruppen antreten: "Asesino", Mörder.
Anderntags werden die Flugblätter zusammengefegt, auf denen die letzten Worte des Volksfrontführers Allende vor seinem Tod im zerbombten Regierungspalast La Moneda zu lesen waren. Auf der Alameda, Santiagos neuerdings von glitzernden Hochhäusern gesäumter Prachtstraße, läßt die Junta unter strahlender Frühlingssonne zwei Stunden lang ihre Truppen und ihre Anhänger paradieren - statt "Allende!" ein organisiertes "Es lebe Pinochet".
Unter den in makellosem Wichs und donnerndem Stechschritt vorbeidefilierenden Einheiten fällt ein Bataillon in vertrautem Feldgrau mit original Wehrmachts-Stahlhelm aus dem Rahmen - Chiles wohlkonserviertes Erbe einstiger deutscher Militärhilfe.
Als der Musikzug der Feldgrauen hinter dem Schellenbaum gar noch aus vollem Hals "Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein, und das heißt Eeerika" bläst, jubeln amerikanische Kameraleute vor Vergnügen: So was Schönes kennen sie nur aus Filmen über die Nazizeit, in natura sehen und hören sie''s hier zum erstenmal.
Ein paar hundert Meter weiter auf der Alameda wird nicht mehr gejubelt, sondern geprügelt. Dort treffen die Pinochetistas, die Jubelchilenen, mit den Buntporträts ihres Generals auf pfeifende, buhende Junta-Gegner. Ein Regen von wertlosen Münzen geht auf die Marschierenden nieder: Ihr seid käuflich, heißt das. Auf die "Pinochet-Pinochet"-Chöre der organisierten Marschkolonnen antworten die Linken mit rhythmischem "Se va a caer".
Aus den hinteren Reihen fliegen dünne Plastikbeutel, mit Exkrementen gefüllt, auf die Marschkolonne. Die Beutel platzen beim Aufprall, und ihr Gestank vereint sich mit den Tränengaswolken
aus den Reihen der Polizisten zu einer unerträglichen Mischung.
Die Anhänger des Generals gebrauchen sein Bild als Schild, die Stange, auf der sie es getragen haben, als Schlagstock und stürmen auf die Störenfriede los. Die wiederum beschmieren erbeutete Pinochet-Bilder mit Blut oder malen "Asesino" drauf, bevor sie vor den anstürmenden Pacos flüchten.
"Ist das wie Deutschland in den dreißiger Jahren?" fragt ein ausländischer Kollege angesichts der Paraden, der Bilder, Fahnen und aufeinander Einschlagenden. Ein wenig ist es das: Kurt Tucholsky schrieb damals, der Mensch könne ohne Arme und Beine, auch ohne Milz leben, aber nicht ohne Fahne. Chile 1983 käme ihm sicher sehr vertraut vor.
Der blanke Haß zwischen Herrschenden und Beherrschten bricht bei jeder Gelegenheit hervor. Wenn er sich noch nicht in mörderischer Gewalt entladen hat, dann wohl deshalb, weil bisher nur die eine Seite Waffen hat.
So wehren sich die Unterdrückten gegen die Symbole der Unterdrückung, vor allem gegen Tausende von Pacos mit ihren Maschinenpistolen und Schäferhunden. Die halten in diesen Tagen die ganze Vier-Millionen-Stadt Santiago in gegenseitiger Sichtweite besetzt. Doch die Demonstranten entwischen immer wieder - ihre Parole: "Egal wie du protestierst - Hauptsache, du protestierst."
Studenten tauchen in kleinen Gruppen an verschiedenen Plätzen gleichzeitig auf, rufen nach "Brot, Arbeit, Freiheit" - nicht viel verlangt -, werfen ein paar Flugblätter und verschwinden in Seitengassen oder Cafes, bevor die Greifer eine Chance haben. Nur die U-Bahn ist als Fluchtweg verschlossen: Metro-Angestellte bewachen die Eingänge und lassen blitzschnell die Gitter herunter, wenn sich die Fliehenden nähern.
Flinke Demonstrierer foppen die Wasserwerfer der Gendarmen, nach dem spuckenden Anden-Tier "Guanaco" getauft. In Sprechchören rufen sie "Uff, uff, que calor, un guanaco por favor" - etwa "Uff, uff, welche Hitze, bitte eine kalte Spritze". Die wasserspeienden Ungetüme erwischen aber nur selten eine Demo-Gruppe; meist bewässern sie unbeteiligte Passanten oder Autos.
In den Elendsvierteln geht es blutiger zu als in Santiagos Innenstadt, wo jede Fernsehkamera eine spontane Demonstration auslöst. Dort, wo die ausländischen Zeugen, die Journalisten, fehlen, greifen die Pacos schnell zu Pistole oder MP. So kamen in diesen Tagen mindestens ein Dutzend Menschen zu Tode.
Schwer bewaffnete Gendarmen verfolgen die Fliehenden bis in ihre Hütten, schießen ganze Schrotladungen durch die dünnen Wände, prügeln wahllos auf die Angehörigen ein, zerschlagen und zerschießen Fernsehgeräte oder Geschirrschränke.
Kaum jedoch haben Pinochets Schergen das Revier verlassen, sammeln sie sich an allen Ecken wieder, die Gruppen zumeist junger Leute, viele vermummt, manche mit Steinschleudern bewaffnet, und schichten wieder Barrikaden auf, zünden Feuer an, in denen sie Pinochet-Puppen verbrennen.
Da und dort weht neben Allende-Bildern eine Fahne der "Mir", jener bewaffneten Stadtguerilla, die Ende August mitten in der Stadt den Militärgouverneur von Santiago ermordet hatte.
Kein Wunder, daß das Regime nach zehn Regierungsjahren eine Bunkermentalität entwickelt hat.
Weit weg von den elenden Poblaciones, im vornehmen Norden der Stadt, wo die tiefverschneiten Anden zum Greifen nahe scheinen, hat sich General Pinochet eine Privatresidenz bauen lassen: ein Symbol diktatorischen Größenwahns.
Da mußte ein ganzer Hügel verschwinden, so daß ein bunkerartiges Betonmonstrum in das Loch gegossen werden konnte. Zwei Stockwerke hoch ragt der Bau aus der Erde, gekrönt von einer Dachspitze, für die sich der Architekt von einem Soldatenhelm inspirieren ließ.
Der Keller aber hat vier Etagen. Unten soll er, ganz wie es sich für einen zeitgenössischen Führerbunker gehört, gar atombombensicher sein. Draußen gibt es noch ein Schwimmbad, Tennisplätze und zur Überwachung des Refugiums Dutzende schwenkbarer Fernsehkameras.
Das ist Chile ''83, seit zehn Jahren befreit, wie die oben sagen; seit zehn Jahren unterdrückt, wie die unten sagen. Chile, ein ideales Vaterland, wie patriotische Fernseheinblendungen immer wieder suggerieren wollen: TV-Schmalztenöre besingen im hungernden Chile wogende Kornfelder.
Dies ist das Traumland Chile, von Innenminister Jarpa in einer Pressekonferenz vor gut zweihundert ausländischen Korrespondenten in solchen Tönen gepriesen, daß ein Kollege ergriffen kommentiert: "Der spricht von einem wunderschönen Land - da müßte man mal hin." _(Am zehnten Jahrestag des Militärputsches ) _(in Santiago. ) _(Am zehnten Jahrestag des Militärputsches ) _(in Santiago. )
Am zehnten Jahrestag des Militärputsches in Santiago. Am zehnten Jahrestag des Militärputsches in Santiago.
Von Siegfried Kogelfranz

DER SPIEGEL 38/1983
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