15.08.1983

SCHACHRussische Rätsel

Weltmeister Karpow verlor gegen einen unbekannten Deutschen. Gibt es ein Formtief aus politischen Gründen? Ein Konflikt zwischen Moskau und dem Weltschachbund gefährdet Karpows Zukunft. *
Der haushohe Favorit und der größte Außenseiter saßen sich am 6. August zu Beginn eines fast dreiwöchigen Schachturniers in Hannover gegenüber: der sowjetische Weltmeister Anatolij Karpow, 32, und der weithin unbekannte Bamberger Bundesligaspieler Wolfram Hartmann, 27.
Auf der Weltrangliste, die nach den Turniererfolgen aufgestellt wird, stehen mehr als 1800 Spieler zwischen Karpow und Hartmann. Sogar über hundert bundesdeutsche Spieler sind dort höher eingestuft als der Bamberger.
Knapp fünf Stunden hatte die Partie zwischen den ungleichen Partnern gedauert, als sich das "Wunder von Hannover" ereignete, wie ein Lokalreporter schrieb. Der Deutsche brachte eine zweite Dame aufs Brett, und der Russe gab auf. Zum erstenmal in seinen acht Weltmeister-Jahren wurde Karpow in einem Turnier von einem Amateur besiegt.
Der Bamberger Schachspieler hat im Juni das zweite juristische Staatsexamen bestanden und wird ab Oktober im Bonner Justizministerium als Richter auf Probe an Gesetzentwürfen arbeiten.
Daß Hartmann überhaupt an dem hochkarätig beschickten Turnier in Hannover teilnehmen darf, verdankt er einer Sonderregel. Der Deutsche Schachbund lädt zu seinen Turnieren immer die Erstplacierten der letzten Deutschen Meisterschaft ein, obwohl dort der Nachwuchs zumeist unter sich bleibt.
Hartmann trainiert etwa 20 Stunden pro Monat am Brett, weit weniger als etliche Halb- oder Vollprofis der Bundesliga. Auf die Partie gegen Karpow bereitete sich der Bamberger erst in Hannover etwa vier Stunden lang durch das Studium von Büchern vor, die er in zwei Koffern mitgebracht hatte.
Hartmann ist der erste Deutsche, der gegen Karpow gewann. Sogar der zweifache WM-Kandidat Robert Hübner, derzeit auf Platz 5 der Weltrangliste, blieb in bislang 13 Partien ohne Sieg.
Vor dem Debakel in Hannover hat Karpow von den knapp 500 Partien, die er als Weltmeister spielte, nur 28 verloren, ausnahmslos gegen andere Spitzenprofis. Eine so niedrige Verlustquote erreichten vor ihm nur wenige andere Weltmeister. Karpow-Niederlagen gelten denn auch als große Ereignisse, die von fast allen Schachblättern kommentiert werden.
Manche Partien lösen überdies Schlagzeilen aus wie eine, die Englands Schachstar Anthony Miles 1980 gewann. Gegen den Rat seiner Freunde ("Er wird dich zerschmettern") hatte er mit einem sogar unter Klubspielern verpönten "verrückten Zug" eines Randbauern (von a7 nach a6) begonnen. Karpow hielt sich für veralbert und weigerte sich einige Zeit, an Turnieren teilzunehmen, zu denen auch Miles eingeladen wurde.
Ob aus der Niederlage Karpows gegen Hartmann auf ein Formtief des Weltmeisters zu schließen ist, bleibt zunächst offen. Allerdings gibt es mehrere Ereignisse, die Karpow daran hindern könnten, weiterhin "präzise wie eine Maschine" ("Weltwoche", Zürich) zu spielen.
Jüngst ist er von seiner Ehefrau Irina geschieden worden, fast zur selben Zeit, als auch sein häufigster und meistgehaßter Gegner, der Exilrusse und Vizeweltmeister Wiktor Kortschnoi, die Scheidung von seiner Ehefrau Isabella einreichte (um deren Ausreise aus der Sowjet-Union Kortschnoi von 1976 bis 1982 gekämpft hatte).
Am selben Tag, als Karpow gegen Hartmann verlor, kam es im kalifornischen Pasadena zu einem bislang singulären Ereignis in der Schachgeschichte. Dort brauchte Kortschnoi nur einen einzigen Zug zu machen und eine Stunde am Brett sitzenzubleiben, um zum Sieger im Kandidaten-Halbfinale der nächsten Weltmeisterschaft erklärt zu werden.
Die sowjetischen Schachfunktionäre hatten seinen Gegner, den 20jährigen Garri Kasparow, nicht antreten lassen und auch das andere Halbfinal-Match zwischen dem Ungarn Zoltan Ribli und ihrem eigenen Altstar Wassilij Smyslow, 62, boykottiert, das in Abu Dhabi am Persischen Golf angesetzt war. Der Weltschachbund, die Fide, sprach auch Ribli den Sieg ohne Kampf zu. Nach den Fide-Regeln müssen nun Kortschnoi und Ribli im Kandidatenfinale den Herausforderer Karpows für einen Titelkampf 1984 ausspielen; Kortschnoi gilt derzeit als chancenreicher.
Begründet haben die Sowjets ihren Boykott damit, daß die Fide die Ortswünsche der Spieler mißachtet habe, daß es an beiden Orten zu heiß sei und daß in den USA die Sicherheit Kasparows nicht gewährleistet sei.
Einig ist sich die westliche Schachwelt darüber, daß diese Gründe nur vorgeschoben
sind. Über die wahren Gründe kann sie nur rätseln.
Sicher ist lediglich, daß die Sowjets ein Match in Pasadena nicht deshalb fürchten, weil dort Ex-Weltmeister Bobby Fischer im selbstgewählten Untergrund lebt und womöglich hätte auftauchen und Kortschnoi unterstützen können.
Wieviel oder wie wenig von drei anderen Versionen zu halten ist, läßt sich derzeit kaum ausmachen.
Nach der einen führte der Wechsel von Breschnew zu Andropow zu Irritationen im Moskauer Sportministerium. Dort habe man sich zu einer Machtprobe mit der Fide entschlossen, die Gegenkräfte um deren philippinischen Präsidenten Florencio Campomanes unterschätzt und so wider Willen die eigenen Kandidaten Kasparow und Smyslow aus dem Spiel gebracht.
Die andere Version: Den Moskauer Funktionären sei Karpow, Russe und aktives KP-Mitglied, als Weltmeister viel lieber als der zwar loyale, aber politisch abstinente Kasparow, Sohn eines Juden und einer Armenierin. Deshalb hätten sie ein Titel-Duell der beiden 1984 verhindert. Gegen Kortschnoi würde Karpow seinen Titel viel leichter verteidigen können als gegen den wesentlich spielstärkeren Kasparow.
Und eine dritte Version: Kasparow habe zum Match gegen Kortschnoi in den USA nur antreten wollen, wenn ihn seine Mutter begleite, und dies sei den Schachfunktionären zu riskant gewesen.
Es ist deshalb zweifelhaft, ob die Sowjets - wie sie ankündigten - auf einem Fide-Kongreß Anfang Oktober in Manila wirklich erreichen wollen, daß die beiden Halbfinal-Matchs neu angesetzt werden. Sie riskierten die Spaltung des Weltschachbundes, wenn dessen Präsident Campomanes so standfest bliebe, wie er in Pasadena geradezu beschwor ("Das Weltschach steht am Scheidewege") und wenn ihn der Kongreß so unterstützte wie bislang das Fide-Exekutivkomitee.
Für Karpow ist die Zukunft ungewisser denn je. Es muß ihn schon wegen seiner West-Konten schrecken, womöglich bald Meister nicht mehr der ganzen, sondern nur noch der östlichen Welt zu sein. Und sein Titel ist nicht mehr soviel wert wie bisher, solange sein stärkster Rivale Kasparow gehindert wird, gegen ihn anzutreten.
Für den Karpow-Bezwinger Hartmann ist es ziemlich egal, wie der Weltmeister in den nächsten Jahren heißen wird. Der Bamberger hat als Amateur weder Zeit noch Lust, seine Spielstärke so zu erhöhen, daß er zu Turnieren der Weltspitze eingeladen wird. Vermutlich wird er deshalb nie wieder gegen irgendeinen Weltmeister spielen können.
"Es ist gut", fand Hartmann nach seinem Sieg über Karpow, "ziemlich wenig Schach zu spielen. Es macht dann mehr Spaß."

DER SPIEGEL 33/1983
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