11.07.1983

PSYCHIATRIESchleichender Irrsinn

Ist Schizophrenie eine Folge der gesellschaftlichen Verhältnisse? Das glauben die Sowjet-Psychiater und sperren politische Dissidenten deshalb in Anstalten ein. *
Was die angeblich Verrückten von den angeblich normalen Menschen unterscheidet, war schon immer umstritten. Heute ist es unter Seelenforschern und Ärzten ungeklärter denn je:
Ob wohl der Geisteskranke erst krank ist, wenn er Schmerzen spürt und Hilfe will, oder schon, wenn er in wilden Phantasien lebt? Ob er sich selbst quält und dies dürfen soll? Ob nur krank ist, wer sich selbst verletzt oder seine Mitmenschen belästigt - oder ob der vermeintlich Kranke einfach nur anders ist als die anderen?
Über die "Nomenklatur und Klassifikation seelischer Krankheiten" streiten sich diese Woche über 5000 Psychiater aus Ost und West auf dem Wiener Weltkongreß, zu dem der "Weltverband der Psychiatrie" (WVP) eingeladen hat.
Dabei ist das Krankheits-Problem kein akademischer Streit, sondern berührt auch die handgreifliche Frage, ob Seelenärzte etwa renitente Bürger für abnormal erklären und in Irrenhäusern verschwinden lassen können, ohne gegen die Regeln ihres Handwerks zu verstoßen.
Gemeint ist die UdSSR: Beim Wiener Kongreß wollten die amerikanischen Psychiater gemeinsam mit ihren englischen Standeskollegen vom "Royal College" als Ankläger der Sowjets auftreten, um deren Ausschluß aus dem Weltverband zu erzwingen.
Doch die Verhandlung findet ohne den Angeklagten statt. Denn die sowjetische "Allunionsgesellschaft der Neuropathologen und Psychiater", mit über 20 000 Mitgliedern größte Psychiatriegesellschaft der Welt, gab zum 31. Januar dieses Jahres ihren Austritt aus der Weltorganisation bekannt. Im Mai zogen die Tschechoslowaken und letzte Woche Bulgaren nach.
Der WVP sei "zu einer Verleumdungskampagne verleitet" worden, "die vorgibt, in der Sowjet-Union werde die Psychiatrie zu politischen Zwecken mißbraucht", hatte Psychiatrie-Professor Andrej Sneschnewski in einem Brief dem österreichischen WVP-Generalsekretär Peter Berner geklagt. Seinem Verband gehe es "um die Erörterung von Fragen aus der professionellen Tätigkeit", den Westlern hingegen nur um plumpe antisowjetische Agitation.
Andrej Sneschnewski, 79, Mitglied der Akademie der medizinischen Wissenschaften und Direktor des Moskauer Instituts für Psychiatrie, gilt in der Sowjet-Union als genialer Erforscher und Diagnostiker der wohl rätselhaftesten, zugleich weltweit in allen Kulturen anzutreffenden Geisteskrankheit: der Schizophrenie.
Vor nicht langer Zeit, auf dem Weltkongreß 1971 in Mexiko, staunten Seelenärzte aus aller Welt über seine Entdeckung der "schleichenden" Schizophrenie. Heute, 12 Jahre später, erklären sie Sneschnewski zum willfährigen Handlanger des KGB, der Querulanten und Dissidenten ohne Aufhebens hinter Schloß und Riegel bringt.
Manche vegetieren in den sogenannten "Spezialkliniken" ganz ohne Behandlung, andere werden täglich vollgestopft mit krankmachenden Psychopharmaka, gepeinigt mit Elektroschocks, nassen Wickeln oder der Zwangsjacke.
Pro Jahr würden "über 7000 Sowjetbürger trotz geistiger Gesundheit in Nervenkliniken neu eingeliefert", glaubt die Sprecherin der 1980 in Paris gegründeten "Internationalen Vereinigung gegen die politische Verwendung der Psychiatrie": Neben so prominenten Dissidenten wie dem Ex-Generalmajor Pjotr Grigorenko, dem Moskauer Kunstmaler Wiktor Kusnezow, dem Mathematiker Leonid Pljuschtsch oder dem Biologen Schores Medwedew (siehe Seite 3) auch zahllose Bürger, die auffällig geworden waren.
Gleichwohl halten führende Vertreter des Weltverbandes die Anklage zwar nicht für falsch, doch für kurzsichtig. "Der Psychiater diagnostiziert nach Maßgabe gesellschaftlicher Normen", befand der Präsident der WVP, der französische Arzt Pierre Pichot: Vielleicht gebe es auch umgekehrt in der UdSSR Verhaltensweisen, die dort für normal, im Westen aber für behandlungsbedürftig eingestuft würden.
Auffällig ist schon der Bewertungswandel innerhalb ein und derselben Kultur. Im Handbuch der amerikanischen Psychiatervereinigung von 1968 etwa galt Homosexualität noch als "sexuelle Störung", die therapeutisch behandelt werden müsse. "Die Krankheitstheorie ist nichts als ein für politische Zwecke zusammengebrauter Haufen Lügen", klagte damals die New Yorker Homo-Vereinigung, "und die Psychiatrie bildet den Eckpfeiler des Unterdrückungssystems".
Oft genug leiden nicht die angeblich Geisteskranken, sondern diejenigen, die mit ihnen zusammenleben. So werde in West wie Ost der "Begriff der Anpassung an die Gesellschaft als Kriterium für die geistige Gesundheit betrachtet", erkannte der englische Psychiater Sidney Bloch, der sich während der siebziger Jahre mit der Dissidentenverfolgung in der UdSSR befaßte.
In den meisten westlichen Ländern, stellte eine britische Untersuchung vor acht Jahren fest, sei die Zwangseinweisung nicht nur bei Gemeingefährlichkeit erlaubt, sondern auch "bei so verschwommenen Indikationen wie Behandlungsbedürftigkeit, Schwachsinn oder Orientierungsmangel".
Besonders heikel und nach Psychiateransicht nur schwer einzustufen ist der mit "Schizophrenie" (Spaltungsirresein) umschriebene Geisteszustand, weil wildes Fabulieren, anscheinend klares Denken und unangepaßtes Verhalten unauflösbar durchmischt in Erscheinung treten. Noch zur Jahrhundertwende wurden Eigenarten der Schizophrenie, etwa der Verfolgungswahn und die Erstarrungszustände der Katatonie, als unheilbare Verblödung diagnostiziert.
Erst der Zürcher Psychiater Eugen Bleuler faßte 1911 mit dem Sammelbegriff "Schizophrenie" die verschiedenen Beobachtungen zu einem therapeutisch nutzbaren Krankheitsbild zusammen.
Die Symptome: Der Kranke fühle sich unter Kontrolle anderer, die seine Gedanken lesen, sie ihm sogar wegnehmen
können. Denkstörungen treten auf, Dinge werden verknüpft, die nichts miteinander zu tun haben, Begriffe sinnfremd gebraucht und neue Worte erfunden. Vor allem aber befinde sich der Kranke gegenüber seiner Umwelt in einer "Wahnstimmung", halluziniere Geschehnisse und verwebe sie mit tatsächlichen Wahrnehmungen zu einem "ichhaften Wunschdenken", das für ihn Realität besitzt.
Wieweit schizophrenes Verhalten als abnorm empfunden, gar als krank abgelehnt wird, hängt nicht nur von der Schwere des Falls, sondern offenbar auch vom Realitätsbegriff der Gesellschaft und ihrem Toleranzvermögen ab.
Schizophrene waren für ihre jeweilige Umwelt nicht nur Wahnsinnige, sondern auch geniale Künstler, sogar Heilige - oder doch wenigstens originelle Zeitgenossen. "Der Mensch hat viel erfunden, um Spaltungen zu überbrücken und zu kitten, Fremdes auszuhalten und Konflikte zu leben", sagt der Gütersloher Psychiater Klaus Dörner, schizophrenes Handeln "ist eine allgemeinmenschliche Möglichkeit".
So streitet sich die Wissenschaft, ob der Maler van Gogh dauernd oder nur zeitweise schizophren, ob Friedrich Nietzsche zunehmend geisteskrank oder doch eher von einer fortschreitenden Geschlechtskrankheit gepeinigt war. Tatsächlich treten schizophrenieartige Symptome auch bei fortgeschrittener Lues, mit zunehmender Alterssenilität oder bei Manisch-Depressiven auf, ohne daß wirklich Schizophrenie vorläge.
In der Sowjet-Union diente die Psychiatrie von Anfang an dem marxistischen Credo, daß menschliches Verhalten ein Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse sei.
Unter diesem Blickwinkel erscheint Schizophrenie im Kapitalismus als Dauerkrankheitszustand. Im Sozialismus hingegen signalisiert sie bloß mangelnde Anpassung des Einzelnen ans kommunistisch geeinte Kollektiv, und unter "Therapie" verstehen die Psychiater vor allem das Einordnen des Einzelnen in die Gemeinschaft, etwa durch Sozialarbeit.
So kam es, daß noch unter Stalin, zur Zeit der schlimmsten Verfolgungen, die Sowjet-Psychiatrie als humane Institution in gutem Ruf stand.
Die erste, in Kasan eröffnete "Spezialklinik" rettete manchem Stalin-Verfolgten das Leben, so dem Dichter Naum Korschawin, der wegen "antisowjetischer" Gedichte ins Moskauer Lubjanka-Gefängnis geworfen, dann aber mit dem Etikett "Schizophrenie" an die Wolga verfrachtet wurde. Das Personal habe ihn für geisteskrank erklären wollen, um ihm das harte Los des Gulag zu ersparen, schrieb Korschawin damals.
Erst zur Zeit Chruschtschows hatte die marxistisch-leninistische Lehre von der Vormacht des Kollektivs auch den letzten Winkel des sowjetischen Gesundheitssystems durchdrungen: In den Augen der Apparatschiks sind politische Dissidenten von einem realitätsfremden messianischen, mithin kranken Verlangen nach Märtyrerruhm geblendet. Nach 13 Monaten UdSSR-Aufenthalt schrieb der amerikanische Psychiater Ziferstein 1966: _____" Dieses Kollektiv-Ethos erzeugt im Sowjetpsychiater " _____" eine gewisse Intoleranz gegen alle Abweichungen von den " _____" konventionellen Normen und Werten ... " _____" Wer durch besondere Kleidung, Frisur oder " _____" ungewöhnliches Verhalten in der Öffentlichkeit auffällt, " _____" eine andere Einstellung zur Religion an den Tag legt, " _____" sich für bestimmte Formen der Literatur, Musik und " _____" bildende Künste interessiert, sexuellen Praktiken huldigt " _____" - mit einem Wort: durch sein Verhalten von der " _____" kollektiven Norm abweicht -, muß damit rechnen, vom " _____" Psychiater ... womöglich als geisteskrank betrachtet zu " _____" werden. "
Die Psychiatrie nicht als Instrument der Staatspolizei, sondern als Aufseher über die normierte Sowjet-Gesellschaft: Diesem Leitbild wollten Sneschnewski und seine Mitarbeiter, die Ärzte Marat Wartanjan und Ruben Nadscharow, von Anfang an folgen.
Sie setzten ein ganzes Heer von Studenten auf die Erforschung der Lebensgeschichten und der Familienverhältnisse von unzähligen Schizophrenie-Patienten an - mit dem einzigen Ziel, Sneschnewskis These von der "schleichenden" Schizophrenie zu beweisen.
Der Chefpsychiater ist nämlich davon überzeugt, daß sowohl die periodische wie auch die andauernde schwere Schizophrenie anfangs unmerklich, wie ein schleichendes Gift, im Kranken zu wirken beginnen.
Erst in fortgeschrittenem Stadium werde sich der Kranke verfolgt fühlen, in Angstzustände versinken oder aggressiv werden. Dann aber sei es zu spät, denn helfen könne man nur im Frühstadium, wenn die Krankheit noch nicht ausgebrochen ist.
Westliche Psychiater, die in die Arbeiten der Moskauer Forscher Einsicht nehmen konnten, halten deren Methoden für unzuverlässig und dilettantisch. Laut Walter Reich, einem Washingtoner Arzt und Rußlandforscher, hatte das Moskauer Institut nur ein Ziel: "die Richtigkeit der Theorien des Chefs zu beweisen" - mit Erfolg: Heute wird in allen Spezialkliniken der UdSSR renitentes Verhalten als Symptom der "schleichenden Schizophrenie" diagnostiziert.
"Gerade wegen ihrer inhaltlichen Schwächen" könne Sneschnewskis Theorie auch vom KGB und seinem gefürchteten Gerichtspsychiater Georgij Morosow rücksichtslos gegen Dissidenten, aber auch gegen ganz arglose Bürger benutzt werden, folgert Reich.
"Die Eigenarten des politischen Systems, die kommunistische Ideologie, die Unzulänglichkeiten ... der psychiatrischen Wissenschaft, die Irrwege des menschlichen Bewußtseins - sie alle haben in unheimlicher Weise ein monströses Phänomen hervorgebracht - den Einsatz der Medizin gegen den Menschen", stellt der 1976 aus der UdSSR abgeschobene Dissident Wladimir Bukowski fest: Es scheint, als produziere die Sowjet-Gesellschaft ihren eigenen schleichenden Irrsinn.
Ein solches Monstrum werde nicht mit dem Auszug der Sowjet-Psychiater aus dem Weltverband vernichtet, mahnte Walter Reich Ende April in der "New York Times", denn "nach dem Austritt der Russen hat der WVP keine Möglichkeit mehr, einen wirksamen Einfluß auf die Sowjet-Union auszuüben".
Mit der Krankheit der Sowjet-Gesellschaft, deren Symptom die Psychiatrie ist, wollen sich die Seelenärzte auf dem Wiener Kongreß nicht mehr befassen: Offenbar haben sie den Patienten schon aufgegeben.

DER SPIEGEL 28/1983
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