17.01.1983

SURINAMHände des Volkes

Nach dem Putsch des Oberstleutnants Bouterse befürchtet der Westen eine Kubanisierung des Landes.
Die Padres vom St.-Bonifatius-Institut in Paramaribo wollten den schüchternen Knaben zum Schreiner ausbilden. Aber der Junge hatte wenig Lust, Kirchenbänke und Särge zu zimmern. Statt dessen schaute er gerne den holländischen Soldaten der Prinz-Bernhard-Kaserne beim Fußballspiel zu. Wurde einer der Kicker müde, durfte Desi als Ersatzmann spielen.
Heute bestimmt er allein das Spiel in der holländischen Exkolonie Surinam, dem früheren Niederländisch-Guayana. Der 39jährige Oberstleutnant Desi Bouterse verschaffte sich am 8. Dezember 1982 die alleinige Macht in dem südamerikanischen Staat.
In jener "Blutnacht von Paramaribo" ließ er "die reiche Elite und die Zentren der Konterrevolution" (Bouterse) ausschalten, die Gebäude der größten Gewerkschaft namens Moederbond, einer Zeitung und zweier Radiostationen abbrennen und die restlichen Zeitungen und privaten Rundfunkanstalten des Landes schließen.
Die meisten seiner früheren Mitstreiter ließ er - soweit sie sich nicht ins Ausland absetzen konnten - umbringen oder vom direkten Truppenkommando entfernen. "Auf der Flucht erschossen", wie Bouterse das nennt, wurden mindestens 30 Angehörige verschiedener Berufsstände und Rassen. Linksradikale sowie Konservative oder Sozialdemokraten sind unter den Opfern.
Bouterse, der 1980 noch Linke in Haft nahm, gibt sich heute als Revolutionär: "Wir werden eine Gesellschaft ohne Unterdrücker und Unterdrückte aufbauen. Die Produktionsmittel werden in den Händen des Volkes liegen." Und klärt auf: "Die ersten fünf Jahre unserer Unabhängigkeit waren vom Neokolonialismus geprägt. Jetzt wollen wir unsere wirtschaftliche Unabhängigkeit erkämpfen."
Mit westlicher Demokratie hat Bouterse wenig im Sinn: "Es soll nie wieder eine parlamentarische Demokratie geben." Gleichzeitig baut er "Volksausschüsse" und "Volksmilizen" auf.
Schon taucht in westlichen Medien das Gespenst eines neuen Kuba am Rande der Karibik auf - es könnte, wenn der Westen sich ebenso uneinsichtig zeigt wie in den Fällen Kuba und Nicaragua, durchaus eins werden.
Jedenfalls schuf der Putsch beste Voraussetzungen für weitere Unruhe in einem Land, dessen wechselvolle Geschichte ohnehin für ausreichenden Konfliktstoff sorgte.
Nach zunächst spanischer, später britischer Herrschaft teilten Briten, Holländer und Franzosen Guayana unter sich auf. Das Gebiet des heutigen Surinam ging 1667 im Tausch für Neu-Amsterdam (heute New York) in den Besitz der Niederlande über, die daraus einen Umschlagplatz für westafrikanische Sklaven machten. Nach der Abschaffung der Sklaverei (1863) wurden die Schwarzen auf den Zuckerrohrplantagen an den Karibikküsten durch "Kontraktkulis" aus Indien und Java ersetzt.
So ist zu erklären, daß Surinam eine für seine geographische Lage am Rand der Karibik fast absurde ethnische Vielfalt aufweist: 32 Prozent Kreolen, 35 Prozent Inder, 15 Prozent Indonesier, 10 Prozent Buschneger (Nachkommen entlaufener Sklaven), 3 Prozent Indianer und rund ein Prozent Europäer. Entsprechend auch das Sprachgewirr: Nur wenig mehr als ein Drittel der 350 000 Einwohner Surinams spricht die Amtssprache Holländisch.
Am 25. November 1975 entließ Den Haag seine Kolonie mit einem Milliardengeschenk in die Unabhängigkeit: Die Niederländer verpflichteten sich, dem jungen Staat, der sich nach einem einst im Lande ansässigen Indianerstamm, den Surinen, benannte, in den ersten 10 bis 15 Jahren mit Rat und 3,5 Milliarden Gulden Wirtschafts- und Militärhilfe beizustehen. Eine gleich hohe Summe hatte Surinam selbst aufzubringen; internationale Geldgeber, wie EG, Weltbank oder private Investoren sollten das dritte Drittel beitragen.
Regierungschef wurde der knapp 40jährige Henck Aarron, Vorsitzender der liberalen Nationalen Partei Surinams (NPS). Mit seiner Koalition, dem sogenannten Kreolenblock, hielt Aarron linke Parteien und vor allem die größte ethnische Gruppe, die Inder, von der Macht fern.
Am 25. Februar 1980 stürzten 16 Unteroffiziere der 800 Mann starken Armee des Landes, unter ihnen Bouterse, die Regierung - versehentlich: "Wir hatten", so einer der Putschisten später, "nur eine Militärgewerkschaft verlangt und hatten plötzlich das ganze Land."
Zunächst bildeten die Unteroffiziere einen Militärrat, vergrößerten die Truppe auf 2000 Mann, beförderten sich zu Offizieren und den Sergeanten Bouterse zum Oberstleutnant und Armeechef.
Nichts schien den einstigen Ordenszögling zum Diktator zu prädestinieren. Nachdem er den Padres den Rücken S.116 gekehrt hatte, handelte der Sohn eines Kreolen und einer Mestizin zunächst mit Pornoheften und Stereogeräten. Danach wurde er Soldat in der niederländischen Armee. Denn seine Heimat war damals als Kolonie noch "Reichsteil".
Im holländischen Weert und bei einer in Seedorf bei Bremen stationierten niederländischen Nato-Einheit tat er Dienst, lernte Deutsch und verschob nebenher Autos nach Holland. "Aus Idealismus und Vaterlandsliebe" kehrte der inzwischen verheiratete und zum Unteroffizier aufgestiegene Desi Bouterse nach Surinam zurück.
Seit der Putschnacht stößt der Oberstleutnant nur noch auf wenig Gegenliebe in seinem Land, noch weniger außerhalb. Die sozialistisch-revolutionären Töne des neuen Mannes haben die EG und die USA veranlaßt, sämtliche Zahlungen zu stoppen. Die niederländische Regierung erklärte den Zusammenarbeitsvertrag mit Surinam von 1975 bis auf weiteres für unwirksam.
"Rund eine Million Gulden pro Tag", so ein Sprecher des Haager Entwicklungsministeriums, "gehen dem Land dadurch verloren", ungefähr 25 Prozent des Staatshaushalts von Surinam. Und Bouterses monatliche Zuwendung aus dem Haager Verteidigungsministerium in Höhe von 3000 Gulden wurde ebenfalls gestrichen.
Geld fehlt dem Land vor allem, weil der Bedarf am Hauptexportgut Bauxit auf dem Weltmarkt sinkt. Da könnten die Sowjet-Union und Kuba als Abnehmer auftreten, um auf dem südamerikanischen Kontinent Fuß zu fassen.
Von Havanna, Moskau und sogar der DDR wird der Oberstleutnant bereits bejubelt. Kuba scheint sein Kontingent an Entwicklungs- und Militärberatern aufgestockt zu haben, Moskau entsandte schon im Sommer einen Botschafter nach Paramaribo. Ob auch östliche Wirtschaftshilfe kommt, ist aber fraglich. Das Beispiel Nicaragua zeigt, daß Moskau gern und großzügig mit Solidaritätsbekundungen hilft, nicht dagegen mit Devisen, die es selbst dringend braucht.
So will sich Bouterse seine bisherige Quelle erhalten: Er drohte, die gestoppten Zahlungen der Holländer beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag einzuklagen.

DER SPIEGEL 3/1983
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