17.01.1983

ÖSTERREICHLauter Exoten

Seltsame Namen, seltsame Menschen: Ein Ex-Hypnotiseur, ein Ex-Pornofilmer und eine „Nervensäge im Namen Gottes“ führen Österreichs grüne Parteien an - 36 Stück.
Für den bayrischen Grünen-Funktionär Bernhard Lurz sind die österreichischen Artverwandten "ein seltsam anmutendes Sammelsurium von Zeitgenossen". Als geladener Teilnehmer eines Grün-Treffens in Salzburg kam er "aus dem Gruseln kaum heraus".
Noch schroffer urteilten die heimischen Beobachter der alternativen Szene Österreichs. Die rechte Wiener Tageszeitung "Die Presse" ortete "vorerst lauter Exoten", das linke Blatt "Heute" ein "Kuriositätenkabinett".
"Die Deutschen haben drei Jahre organisiert und dann Wahlen gewonnen", so der Regisseur und Bürgerinitiativler Dieman, "die Österreicher wollen zunächst die Wahlen gewinnen und dann organisieren."
Da ist etwas dran. Seit die Hamburger Grün-Alternative Liste bei den Bürgerschaftswahlen im Juni 1982 sensationelle neun Mandate errang und die etablierten Parteien kurzfristig ins Schleudern brachte, hecheln die alpenländischen Grün-Gruppen und - Grüppchen nach einem ebenso raschen Erfolg. Gerade erst gegründet, wollen sie bereits bei den österreichischen Parlamentswahlen am 24. April mitmachen. In den letzten Monaten wurden beim Wiener Innenministerium derart viele Parteien angemeldet, daß sich nicht einmal mehr der zuständige Beamte zurechtfindet.
Insgesamt zählt Österreich mit seinen 7,5 Millionen Einwohnern derzeit an die 80 Parteien, drei Dutzend davon gelten als Alternative oder Grüne oder grün Getarnte.
Die Neuen haben sich alle halbwegs einschlägige Politnamen reservieren lassen, manche sogar doppelt. So besitzt Österreich nun nebst diversen grünen "Plattformen", "Unionen" und "Fronten" sowohl eine "Grüne Bewegung" wie auch "Die Grüne Bewegung", eine "Partei der Parteilosen" und eine "Parteilose Partei" und gleich zweimal eine "Partei der Nichtwähler". Mit unverwechselbarem Titel tritt höchstens die "Westösterreichische Ortsbild- und Landschaftsgestaltungs-Partei" auf.
Ein Wählerpotential scheint durchaus vorhanden zu sein. Es gibt zwar in Österreich kein Brokdorf, kein Gorleben und keine Nato-Nachrüstung, doch diffuse Ängste vor Kriegen und Saurem Regen sind durchaus fühlbar, der Überdruß an den gewohnten Parteien wächst angesichts zahlreicher Korruptionsskandale von Monat zu Monat.
Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifes erbrachte etwa sechs Prozent "harte Grüne", hinter denen elf Prozent "Grüne im weiteren Sinn" stehen könnten.
Realisten rechnen bei der Wahl mit maximal vier Prozent landesweit verstreuten Grünwählern - viel zu wenig: In Österreich kommt nur ins Parlament, wer sich in einem Wahlkreis die nötigen 25 000 bis 28 000 Stimmen für ein Grundmandat sichert.
Das könnten die Grünen und Alternativen allenfalls in einem festen Wahlbündnis schaffen. Statt dessen präsentieren sie sich unentwirrbar zersplittert und zerstritten.
Was da auf der Grünen Welle schwimmen möchte, ist in Wahrheit ein kunterbuntes Sammelsurium von schwarz bis knallrot mit - im Unterschied zur deutschen Szene - einer beängstigenden Fülle brauner Einsprengsel.
Die Gemeinsamkeit beschränkt sich auf die Skurrilität der jeweiligen Spitzenfunktionäre, die sich meistens selbst ernannt haben und in einigen Fällen zugleich ihre einzigen Gefolgsleute sind. S.117 Überregional bedeutend sind von den insgesamt 36 Parteien lediglich fünf:
* die "Alternative Liste Österreichs", in etwa das Gegenstück der bundesdeutschen Grünen mit weitgehend linker Basis aus Jugendlichen aller Schichten und einem Programm, das auch die Anliegen von Homos und Lesben berücksichtigt; Chefdenker ist der steirische Schriftsteller Erich Kitzmüller, der zuvor die SPÖ ideologisch beraten hat;
* "Die Grünen", eine eher rechte Gruppierung, deren Chef sich "Kalif" Franz-Joseph Cardes nennt und nach eigener Darstellung in München als Hypnotiseur, an der ägyptischsudanesischen Grenze als Einsiedler und in der Steiermark als Bio-Bauer lebte; er will ein Freund Chomeinis sein, kultiviert aber eine bartmäßige Ähnlichkeit mit dem 1916 verstorbenen Kaiser Franz Joseph und hat sich derzeit angeblich "zwecks astronomischer und astrologischer Forschungen" auf den Gipfel der Zugspitze zurückgezogen;
* "Die Grünen Österreichs - Partei der Unzufriedenen"; ihr Gründer Friedrich Otto Fronz-Frundsberg, regierender Großmeister des "Pro Concordatia-Ordens", ist hauptberuflich Gemeinderat im Wien-nahen Klosterneuburg; in den 60er Jahren produzierte er pikante Filmchen mit Titeln wie "Hurenreport", "Via Erotica" und "Die keuschen Sünderinnen", die ihm die Auszeichnung des "Goldenen Büstenhalters" eintrugen; dennoch verwahrt er sich dagegen, daß ihn Journalisten als "Porno-Baron" titulieren;
* die "Volksunion/Wahlpartei der Unabhängigen/Grüne Plattform" mit dem Alt-Rechten Robert H. Drechsler an der Spitze, der hartnäckig gegen die "Holocaust-Lüge" wettert; Drechslers erste Parteigründung vor drei Jahren ist untersagt worden, weil die Statuten ein Bekenntnis zum "Deutschen Staat Österreich" enthielten; sein Parteiblatt "Die Leuchtkugel" trug zunächst ein Eisernes Kreuz im Titel, das inzwischen durch ein Edelweiß ersetzt ist;
* das "Grüne Forum" der früheren ÖVP-Anhängerin Elisabeth Schmitz, die seit Jahren bei Demos auftritt, bevorzugt mit Särgen; die Ex-Frau des einstigen ÖVP-Finanzministers Wolfgang Schmitz hatte sich vormals nach eigenen Worten als "Nervensäge im Namen Gottes" betrachtet und vor allem für die "Katastrophenhilfe österreichischer Frauen" gebettelt.
Zur Rettung vor soviel Buntheit bräuchten diese Gruppen vor allem einen glaubwürdigen Führer. Ein solcher Wundertäter aber zeigt sich nirgends.
Der Spiralen-Maler und militante Grünpflanzer Friedensreich Hundertwasser scheidet aus, weil er sich "zuviel im Ausland oder auf seiner Dachterrasse aufhält" (so "Heute").
Konrad Lorenz, Nobelpreisträger und "Großvater der Grünen", hat bereits energisch abgewinkt. Der 79jährige Tierpsychologe, Lieblingsgebiet Graugänse, betrachtet jede Grüne Partei als Widerspruch in sich: "Umweltschutz ist ein Sachzwang und keine Frage des Parteiprogramms."
Ebenso abgewinkt hat der Filmbösewicht Herbert Fux, auf den sich viele berufen, weil seine Bürgerliste ("Bü-Li") bei den Salzburger Gemeinderatswahlen im Herbst sensationelle 17,6 Prozent der Stimmen und sieben Mandate holen konnte.
Nicht in Betracht kommt schließlich auch der geschäftige Wiener Universitätsdirektor Friedrich Weiss alias Fritz Wöss, der nach 1945 durch seine autobiographischen Kriegsromane "Hunde, wollt ihr ewig leben" und "Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken" Ruhm errang. Er bietet sich gern als Koordinator zwischen verschiedenen Gruppierungen an, bis er dann selbst die Nerven verliert (Standardbegründung: "Wir sind offenbar noch immer in Stalingrad").
Fazit: Die österreichischen Grünen Gruppen werden aller Voraussicht nach getrennt und somit ohne sonderliche Chancen in die Wahlschlacht ziehen. Ihre Linke dürfte die SPÖ Stimmen kosten, ihre Rechte die ÖVP und FPÖ.
"Unser Problem ist halt, daß jede der 36 Grünen Parteien alle anderen Grünen Parteien unter sich vereinen möchte", erkannte "Kalif" Franz-Joseph Cardes verdrossen. Am liebsten würde er sich bald wieder ins ferne Arabien zurückziehen, wo ihm die Verhältnisse weniger chaotisch vorkommen.

DER SPIEGEL 3/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 3/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ÖSTERREICH:
Lauter Exoten

Video 08:14

Filmstarts der Woche Viel Action, wenig Poesie

  • Video "Filmstarts der Woche: Viel Action, wenig Poesie" Video 08:14
    Filmstarts der Woche: Viel Action, wenig Poesie
  • Video "Freestyle-Weltrekord: Vier Salti, fünf Drehungen" Video 01:21
    Freestyle-Weltrekord: Vier Salti, fünf Drehungen
  • Video "Unterwasser-Freundschaft: Eine Robbe zum Knutschen" Video 00:38
    Unterwasser-Freundschaft: Eine Robbe zum Knutschen
  • Video "Brexit-Sorgen bei den Briten: Ich stelle mein Land infrage!" Video 02:20
    Brexit-Sorgen bei den Briten: "Ich stelle mein Land infrage!"
  • Video "Die Schweinsteiger-Show: Ich kann keine Titel garantieren" Video 02:39
    Die Schweinsteiger-Show: "Ich kann keine Titel garantieren"
  • Video "Öffentlicher Auftritt von Melania Trump: First Lady ehrt mutige Frauen" Video 00:38
    Öffentlicher Auftritt von Melania Trump: First Lady ehrt mutige Frauen
  • Video "Auf der Flucht getrennt: Vierjährige findet Mutter nach fünf Monaten wieder" Video 01:02
    Auf der Flucht getrennt: Vierjährige findet Mutter nach fünf Monaten wieder
  • Video "Feuer an Bord: Peruanisches Flugzeug muss notlanden" Video 00:31
    Feuer an Bord: Peruanisches Flugzeug muss notlanden
  • Video "Wettbewerb: Die stinkendsten Sneaker der USA" Video 00:57
    Wettbewerb: Die stinkendsten Sneaker der USA
  • Video "Taekwondo-Rekord: Reine Kopfsache" Video 01:00
    Taekwondo-Rekord: Reine Kopfsache
  • Video "Kampf gegen den Wind: Trucker verzweifelt am Werkstor" Video 00:47
    Kampf gegen den Wind: Trucker verzweifelt am Werkstor
  • Video "Dramatische Hilfsaktion in Estland: Hier wird ein Eisfischer gerettet" Video 01:22
    Dramatische Hilfsaktion in Estland: Hier wird ein Eisfischer gerettet
  • Video "Highline-Festival: Und jetzt bloß nicht stolpern!" Video 01:32
    Highline-Festival: Und jetzt bloß nicht stolpern!
  • Video "Timelapse-Video: Flug durchs Polarlicht" Video 00:42
    Timelapse-Video: Flug durchs Polarlicht