14.02.1983

Israel: „Warum sollen wir Juden bestrafen?“

Premier und Außenminister desinteressiert, der Verteidigungsminister direkt mitverantwortlich - schlimmer hätte das Verdikt der israelischen Kommission nicht ausfallen können, die das Massaker von Beirut untersuchte. Verteidigungsminister Scharon trat zurück - aber erst, nachdem der Streit um die Schuldfrage auch in Israel ein Todesopfer gefordert hatte. Besorgte Israelis befürchten eine Brutalisierung ihrer Gesellschaft.
Ein Draufgänger, ein Einzelkämpfer war Ariel ("Arik") Scharon schon immer gewesen, ein Mann, der auch in scheinbar auswegloser Situation nicht aufgab, den seine Feinde fürchteten und an dem seine Freunde zuweilen irre wurden.
Er hatte sein Land, als es in Not war, 1973 vor einer drohenden Niederlage gegen die Araber bewahrt und war darob als "König Arik" gefeiert worden.
Er hatte es aber, ohne Not, im Sommer 1982 auch in eines der unsinnigsten Abenteuer geführt, die Invasion des Libanon mit dem schaurigen Höhepunkt des Massakers von Beirut.
Da hatten, in den Palästinenserlagern von Sabra und Schatila, zwar Araber Araber ermordet - aber eine indirekte Verantwortung kam den Israelis zu. Und das meinte nicht nur eine schockierte Weltöffentlichkeit. Zu der Erkenntnis kam, Anfang voriger Woche, auch eine israelische Kommission, die das Blutbad von Beirut untersucht hatte. Ihre Empfehlung: Verteidigungsminister Ariel Scharon müsse zurücktreten oder entlassen werden.
Doch erst ein Blutbad unter Israelis überzeugte "König Arik" davon, daß die Lage diesmal wirklich aussichtslos war: Während das Kabinett zum drittenmal innerhalb 48 Stunden über die Kommissionsempfehlung debattierte, gerieten draußen Scharon-Freunde und Scharon-Gegner aneinander, zunächst mit Worten und Steinen - und dann explodierte plötzlich mitten unter den Demonstranten für einen Sofortfrieden eine Handgranate israelischer Produktion (Modell 26).
Einer der Friedensfreunde starb auf der Stelle, elf wurden verletzt, darunter Abraham Burg, Sohn des Innenministers und seit langem einer der schärfsten Kritiker des Libanon-Abenteuers. Scharon: "Die verrückten Attentäter ... müssen in Wort und Tat verurteilt werden."
Am nächsten Morgen, kurz nach sieben Uhr, rief der einstige Retter des Vaterlandes seinen Premier Menachem Begin in Jerusalem an und erklärte, er habe beschlossen, sein Amt niederzulegen. Justizminister Mosche Nissim: "Ihm war einfach keine andere Wahl geblieben."
Aus der Regierung aber wird Scharon, zumindest vorläufig, nicht ausscheiden, sondern Minister ohne Portefeuille bleiben, wenn möglich auch künftig zuständig für die besetzten Gebiete. Sei das nicht möglich, werde er sich auf seine Farm zurückziehen. "Dort erwartet mich genug Arbeit."
Am Vorabend hatte er noch getobt, er werde nicht aus freien Stücken abtreten, nur "den Kopf hinhalten", falls Begin ihn entlassen wolle. Doch das Kabinett beschloß mit 16 Stimmen gegen eine - die Scharons -, den Empfehlungen der Kommission zu folgen. Kein einziger Minister war bereit, Scharon nach der Sitzung die Hand zu reichen.
Mit dem Abgang Scharons ist, zumindest kurzfristig, der Fortbestand der konservativ-klerikalen Begin-Regierung gesichert. Die Polarisierung des Volkes jedoch, die Brutalisierung der politischen Szene hat möglicherweise erst begonnen.
"Israel steht jetzt am Rande des Abgrundes", mahnte am Freitag die Abendzeitung "Jediot Acharonot". Der Schriftsteller Amnon Schamosch bangte: "Wir sind nicht weit von dem entfernt, was (in Deutschland) vor 50 Jahren passiert ist."
Schuld daran sind nach Meinung der Friedensbewegung und so mancher Mitglieder der oppositionellen Arbeitspartei die Haß- und Hetzkampagnen des chauvinistischen Regierungslagers, nach Meinung der Konservativen dagegen nicht zuletzt jene, die Zweifel an Sinn und Zweck der Libanon-Invasion äußerten und gegen Israels Rolle beim Massaker von Beirut protestierten.
Erst aufgrund dieses Protestes, nach einer Massendemonstration von 400 000 Menschen in Tel Aviv, war die Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von Oberrichter Jizchak Kahan eingesetzt worden, um "alle Fakten und Faktoren zu prüfen" und zu klären:
* Wer damals den Einsatz der christlichen Falange in den Lagern befahl, S.109 bei dem "800 bis 900 Menschen getötet wurden" (so der Kahan-Bericht);
* wer wann von den blutigen Pogromen unter der palästinensischen Zivilbevölkerung erfuhr und
* warum nichts getan wurde, um diese Mordtaten zu verhüten und die von Israel abhängige Falange zurückzupfeifen.
Seit dem 19. Oktober vergangenen Jahres vernahm der Ausschuß in 58 Verhören insgesamt 49 Zeugen, eine Hilfskommission nahm weitere 160 Aussagen auf. Die Protokolle umfaßten 20 000 Seiten, die schließlich in einen Schlußbericht von 138 Druckseiten mündeten.
Für Israels politische und militärische Führung war das Ergebnis verheerend. Unter anderem monierte die Kahan-Kommission:
* Premier Begin habe bedauerliche Interessenlosigkeit gezeigt und sich mit zuversichtlichen Beschwichtigungen von Verteidigungsminister Scharon begnügt, alles "sei in Ordnung". Begins Beteuerungen, derartige Untaten seien undenkbar gewesen, wurden als "nicht glaubwürdig" verworfen.
* Verteidigungsminister Scharon hätte den Einsatz der Falangisten verhindern müssen, anstatt ihn zu begünstigen. Er trage eine direkte Mitverantwortung und müsse persönliche Konsequenzen ziehen. Alternativ solle der Regierungschef seine Entlassung erwägen.
* Außenminister Jizchak Schamir habe sich mitschuldig gemacht, als er Warnungen über das Geschehen in den Lagern ignorierte.
Noch wesentlich härter fiel die Kritik der Kommission an den maßgebenden Männern der Heeresleitung aus. Der Stabschef, General Rafael Eitan, wurde der Nichterfüllung seiner Pflichten beschuldigt. Auf seinen Rücktritt könne lediglich verzichtet werden, weil er ohnehin (am 15. April 1983) seine fünfjährige Amtszeit beenden werde.
Dafür aber sprach sie sich für die sofortige Entlassung von General Jehoschua Saguy, dem Chef des militärischen Geheimdienstes, aus. Saguys Einwand, seine Warnungen wären von der Regierung möglicherweise nicht beachtet worden, rechtfertigt nach Ansicht der Kommission nicht, daß er nichts unternahm. "Diese Untätigkeit", so die Untersucher, "stellt eine Pflichtverletzung dar."
General Amos Jaron, damaliger Befehlshaber in Beirut, habe die Situation falsch erfaßt und seinen Vorgesetzten nicht ausreichend Bericht erstattet. Er dürfe drei Jahre lang kein Kommando im Feld erhalten. Sein Vorgesetzter, General Amir Drori, Befehlshaber des Nordbezirks, habe zwar gewisse Maßnahmen ergriffen, um den Ausschreitungen der Falangisten vorzubeugen, aber diese Maßnahmen seien nicht ausreichend gewesen.
Für die seit über acht Monaten in den Libanonkrieg verwickelte und im Kampf mit den Arabern immer noch unbesiegte Armee bedeutet die gleichzeitige Ablösung des Verteidigungsministers, des Stabschefs und des Abwehrchefs einen schweren Schlag.
Viele Israelis aber glauben, die Untersucher hätten die Verantwortlichen endlich beim rechten Namen genannt. "Dieser Bericht", so resümierte die Wochenzeitung "Koteret Raschit", "bezeichnet Begin als apathische Attrappe, Scharon und die Armeeführung als Automaten ohne politische oder humane Gefühle."
Die harten Konsequenzen, die der Regierung von den Wahrheitsfahndern abverlangt werden, fanden Beifall. Die "Jerusalem Post" glaubte, Israels Ehre sei "gerettet, noch bevor der schmutzigste aller unserer Kriege zu Ende ist", der Politologe Schlomo Aronson meinte: "Zuvor konnte nur in der SPIEGEL-Affäre ein Verteidigungsminister zum Rücktritt gezwungen werden."
Beifall auch aus den USA. Präsident Ronald Reagan lobte "Israels beispielhafte Demokratie", die "New York Times" erkannte, daß in Israel Moralisten und nicht Militärs den Ton angäben, während die "Washington Post" die "Vitalität der israelischen Demokratie" beispielhaft fand. Sogar der sonst Israelkritische österreichische Kanzler Bruno Kreisky meinte, eine solche Untersuchung sei bewundernswert.
Unzufriedenheit zeigte zunächst lediglich die arabische Welt, die allen Anlaß hätte, sich an einer solchen Untersuchung ein Beispiel zu nehmen. Im Kairoer "October" verlangte Herausgeber Anis Mansur die Ablösung Begins, des "Chomeini des jüdischen Volkes". PLO-Chef Jassir Arafat möchte "Begin vor ein neues Nürnberger Gericht stellen". Bei einer Trauerfeier auf den Gräbern der Sabra-Opfer erhoben Araber die Forderung, Scharon abzuurteilen "wie den Kerl, den sie aus Bolivien abgeholt haben".
In Jerusalem fand Begins verärgerte und erschreckte Koalition nur etwas Trost in einem kleinen Absatz auf Seite 63 des Berichtes, der noch einmal klarstellt: "Israel ist weder direkt noch indirekt durch ein Komplott mit den Falangisten an der Bluttat beteiligt gewesen."
Premier Begin selbst vermied zwei Tage lang jeden Kommentar. Erst am Donnerstag hieß es dann, der Regierungschef sei wieder in voller Kampfstimmung, denn "er hat schon bedeutend schwerere Krisen überwunden".
Mahnungen wie die vom Verfassungsrechtler Claude Klein - "Das Gesamtkabinett muß die Verantwortung übernehmen und zurücktreten" - wurden jedoch an der Jerusalemer Regierungsspitze überhört.
Zugleich wuchs innerhalb der Koalition die Erkenntnis, nur Scharon könne, durch seinen freiwilligen Rücktritt, den Bestand des Kabinetts retten. Die Meinung wurde auch von prominenten Persönlichkeiten des Weltjudentums geteilt. So mahnte Julius Berman, Vorsitzender S.113 der Jüdischen Organisationen in Amerika, Scharon solle sich zu "einer patriotischen Geste aufraffen".
Doch Scharon und seine Anhänger waren zunächst ganz anderer Meinung. Er wolle, so der Minister gewiß nicht ganz zu Unrecht, "nicht zum einzigen Sündenbock gestempelt werden".
Mehrere Abgeordnete der Koalition wähnten, die Kahan-Kommission habe ihre Vollmachten überschritten, und Stabschef Eitan monierte: "Die Rügen stehen in keinem Verhältnis zu den Sünden." Der orthodoxe Rabbi Menachem Porusch fragte: "Warum sollen wir Juden bestrafen, wenn Araber andere Araber töten?" Mitte vergangener Woche bereits erhielten die Mitglieder der Kommission bewaffnete Leibwächter, nachdem anonyme Anrufer gedroht hatten: "Ihr habt nicht mehr lange zu leben."
Die Bereitschaft des Verteidigungsministers, angesichts der explosiven Situation auf den Straßen schließlich doch abzutreten, gibt seinem Ministerpräsidenten Menachem Begin wenigstens eine Verschnaufpause.
Zunächst will er Scharons Amt selbst übernehmen. Anregungen aus der Partei, den populären Scharon-Vorgänger, Eser Weizman, wieder an die Spitze des Ministeriums zu berufen, lehnte Begin bisher ab. Weizman selbst will ohnehin nicht: "Ich bin glücklich, daß ich aus diesem Mist raus bin." Langfristig gilt Israels Botschafter in Washington, Mosche Arens, als aussichtsreichster Kandidat.
Um das Opfer hingegen rankt sich bereits ein neuer Heldenkult - und in Israel glaubt kaum jemand, daß Arik Scharon seinen Lebensabend als Farmer beschließen wird. Auf den Straßen von Jerusalem forderten seine Anhänger vorige Woche: "Scharon verdient den Friedensnobelpreis."

DER SPIEGEL 7/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 7/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Israel: „Warum sollen wir Juden bestrafen?“

Video 02:58

Theresa Mays erbitterter Gegner Charmant, höflich, ganz schön rechts

  • Video "Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt" Video 01:04
    Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt
  • Video "Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)" Video 00:42
    Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)
  • Video "Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit La Bestia" Video 12:04
    Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit "La Bestia"
  • Video "Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste" Video 00:45
    Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste
  • Video "Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: Feuerwalze vor Neuseeland gefilmt" Video 01:33
    Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: "Feuerwalze" vor Neuseeland gefilmt
  • Video "Lindnern, Lauch, Verbuggt: Sprechen Sie Jugend?" Video 01:29
    "Lindnern", "Lauch", "Verbuggt": Sprechen Sie Jugend?
  • Video "Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm" Video 01:29
    Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm
  • Video "Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße" Video 00:38
    Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße
  • Video "Kampf um CDU-Vorsitz: Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise" Video 04:57
    Kampf um CDU-Vorsitz: "Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise"
  • Video "Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb" Video 01:02
    Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb
  • Video "Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten" Video 01:13
    Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten
  • Video "Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen" Video 12:36
    Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen
  • Video "Phantasy-Epos Phantastische Tierwesen 2: Wer stoppt Grindelwald?" Video 01:47
    Phantasy-Epos "Phantastische Tierwesen 2": Wer stoppt Grindelwald?
  • Video "Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere Halos" Video 00:43
    Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere "Halos"
  • Video "Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt" Video 00:54
    Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts