18.07.1983

UNIVERSITÄTENPeinliche Posse

Rätselhaftes Verschwinden von Dr. Kohls Dissertation. *
Der Vorgang schien zunächst alltäglich. In der Bibliothek der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg war eine Doktorarbeit aus dem Jahr 1958 abhanden gekommen. Titel der 161 Maschinenseiten starken Schrift: "Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945." Verfasser: der Ludwigshafener Geschichtsstudent Helmut Kohl.
Das schmalbrüstige Bändchen war nicht zufällig in der riesigen Büchergruft der Uni untergegangen. Anhand authentischer Gesprächsprotokolle beschreibt das linke Studentenmagazin "rote blätter" in seiner jüngsten Ausgabe, wie Dr. Kohls Dissertation auf wundersame Weise aus den Regalen verschwand.
Am 3. Juni, mittags fünf Minuten nach halb zwölf, begehrte ein Dr. Fricke vom Bundeskanzleramt den Rektor der Uni Heidelberg, Adolf Laufs, zu sprechen. Der war auf Dienstreise; weil aber die Sache von größter Dringlichkeit war, zog Dr. Fricke den persönlichen Referenten des Rektors, Hans-Walter Schlie, ins Vertrauen.
Es handele sich um eine sehr delikate Angelegenheit, "äußerstes Maß an Vertraulichkeit" sei geboten. In Bonn, so geheimniste der Mann vom Kanzleramt, lägen "gesicherte Erkenntnisse vor, daß von seiten linksextremistischer studentischer Kreise der gezielte und wohl auch breit angelegte Versuch" unternommen werden solle, "anhand der Dissertation des Herrn Bundeskanzlers die Bildungspolitik der Bundesregierung zu diffamieren". Herr Schlie wußte Bescheid: "Ja, ja, das kennen wir alles, diese Machenschaften."
Was Herr Schlie nicht wußte: Es gab gar keinen Dr. Fricke. Der Anrufer, ein Biologiestudent und freier Mitarbeiter der "roten blätter" erlaubte sich einen schlichten Ulk. Zur Verblüffung des Studenten geriet das Nonsensgespräch indes bald zu einer bösen Satire über leichtfertigen Umgang mit persönlichen Daten und professoralen Untertanengeist an einer der ältesten Universitäten Deutschlands.
"Dr. Frickes" vertraulicher Unterredungston wurde um einige Grade schärfer. Er legte dem Uni-Referenten nahe, alle vorhandenen Exemplare der Kohl-Dissertation raschestens sicherzustellen. Herr Schlie sah das ein: "Ja, ja, das machen wir gerne." Vier Stunden später, so ergab ein Kontrollgang, lag im Regal der Bücherei der Historischen Fakultät, wo sonst Dr. Kohls Dissertation ruhte, ein Merkzettel mit Datum vom 3. Juni: "Entnommen, kann bis auf weiteres nicht entliehen werden."
Ein Anruf "Dr. Frickes" beim geschäftsführenden Direktor des Historischen Seminars, Eike Wolgast, bestätigte den Sachverhalt. Der Professor hatte Staatsaktion und Kohls Doktorenpapier höchstselbst in die Hand genommen ("Oh, vielen Dank, das ist gerne geschehen"), mahnte den Anrufer dann aber doch diskret, er sehe gewisse Probleme, besagte "Arbeit langfristig zu entleihen".
"Dr. Fricke" beruhigte, es gehe ja nur "um einen zeitlich befristeten Entzug", die Freiheit der Wissenschaft werde in spätestens zwei Wochen wieder hergestellt. "Ich kann also zu diesem Termin die Arbeit einfach zurückstellen", erkundigte sich der Professor vorsichtig, "oder ist eine Rücksprache mit Ihnen in dieser Sache dann erforderlich?" Nicht doch, wehrte der Kanzleramtsmann jovial ab. Im übrigen werde er sich nach "Rücksprache mit dem Herrn Staatssekretär" darum bemühen, "daß wir uns im Rahmen unserer Parteiorganisation für Ihre Mithilfe in der Angelegenheit erkenntlich zeigen". "Ach so, ja ja", freute sich der Professor, "gerne geschehen."
Anderntags, um 14.04 Uhr meldete sich beim Referenten Schlie erneut das angebliche Kanzleramt. Diesmal erkundigte sich, zwecks Verwischung der Spuren, eine "Frau von Mönter, Sekretärin von Herrn Dr. Fricke" nach dem Stand der Dinge. Herr Schlie meldete Vollzug. Die Kohl-Schrift sei derzeit der "absolute Renner" der Universitätsbibliothek. Grund genug für den Chef des Rektoratsbüros, Schlimmes zu ahnen: "Wenn das mal nicht schon zu spät war, kann ich nur sagen."
Bestärkt von so viel Hilfsbereitschaft, legte "Frau von Mönter" noch einen Zahn zu. Um die Sache nicht der Kontrolle entgleiten zu lassen, sei es sinnvoll, die Namen von Benutzern der Kohl-Dissertation zur Sicherheitsüberprüfung ans Bundeskanzleramt weiterzuleiten. Man sei daran interessiert, "den gewissen Personenkreis festmachen zu können". Der Uni-Referent gelobte Gehorsam: "Was wir tun können, tun wir gerne." Freilich müsse er zuvor noch den Rektor informieren.
Den freizügigen Umgang mit persönlichen Daten bestätigte wenig später ein letzter Anruf "aus dem Kanzleramt", diesmal bei der Uni-Bibliothek, wo zwei weitere Exemplare der Kohlschen Doktorarbeit dem Zugriff eilfertiger Professoren entgangen waren. Mit Hinweis auf seinen Geheimauftrag erkundigte sich "Dr. Fricke" bei der Bibliotheksaufsicht nach den letzten Beziehern der Arbeit - und bekam bereitwilligst Name, Adresse und Telephonnummer, einschließlich einer Täterbeschreibung: "Ich vermute, daß sie aus ganz bestimmten Kreisen kam. Sie trug so einen roten Stern."
Verwirrt durch die Staats-Geheimnisaktion keimte schließlich doch bei der Uni-Leitung Mißtrauen. Ein Rückruf in Bonn gab zu schlimmsten Befürchtungen Anlaß. Mit einer vagen Presseerklärung wollte man allfälligem Schindluder vorbeugen: Selbstverständlich habe der Rektor "unverzüglich" entschieden, die Uni werde der Bitte des Kanzleramtes "auf keinen Fall entsprechen". Hergang und Inhalt der peinlichen Posse wurden jedoch nicht dementiert.
Ungeklärt blieb, was die zwei Heidelberger Akademiker veranlassen konnte zu glauben, es wäre ratsam, Dr. Kohls Dissertation zumindest auf Zeit einer breiteren Öffentlichkeit zu entziehen.
Die "roten blätter" versuchten sich an einer Antwort: Qualitativ liege die Arbeit auf jenem Niveau, das deutsche Professoren heute oft genug "als Leistungsverweigerung konstatieren". Nur fünf Passagen, verteilt auf sechs Schreibmaschinenseiten, wären "mit eigenständigen Gedanken gepflastert". Die übrigen 155 Seiten seien rein "deskriptiv, ohne Ansätze von Wertung oder Verallgemeinerung aus wissenschaftlichen Quellen und heimatkundlichen Beschreibungen zusammenzitiert". Harsch fällt die Kritik der jungen Kohl-Rezensenten aus: "Daß es für einen Doktor reichte, wundert doch."
Was auf so seltsame Art verschwinden konnte, macht immerhin neugierig. Boomartig stieg die Nachfrage: Bis November ist das wieder frei erhältliche Werk ausgebucht. Auf der Warteliste der Uni-Bibliothek stehen 28 Namen von Kohl-Interessenten. _(Mit dem Rektor der Universität ) _(Heidelberg, Adolf Laufs. )
Mit dem Rektor der Universität Heidelberg, Adolf Laufs.

DER SPIEGEL 29/1983
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