14.02.1983

Schlitzohr nimmt Elfe

„Die Ehefrau ist das beste Trainingslager“, erklärt Werder Bremens Trainer Otto Rehhagel. Tatsächlich sind verheiratete Fußballer am erfolgreichsten.
Mit 18 Jahren kam Lothar Matthäus vom Amateurverein FC Herzogenaurach zum Bundesligaklub Borussia Mönchengladbach. Seiner rothaarigen Verlobten Silvia schärfte er ein: "Mach erst dein Abitur, dann hole ich dich nach und wir heiraten."
Ein Jahr später zog Matthäus mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach Italien und wurde mit ihr Europameister.
Nun verliebte er sich in die Freundin von Jürgen Haller, einem Sohn des früheren Nationalspielers Helmut Haller. Der junge Haller übernahm anstelle seiner Braut Rosi die Matthäus-Freundin Silvia.
Einige Monate darauf kehrte der Bundesligastar zu Silvia, mittlerweile Pädagogikstudentin, heim und erklärte: "Ich habe Fehler gemacht, komm zurück." Lothar Matthäus und Silvia heirateten. Matthäus: "Ohne Frau ist das Fußballgeschäft nicht auszuhalten, wenn ich mich mit Silvia nur mal streite, spiele ich auch schlecht."
Was wie aus einem Trivialroman zu stammen scheint, ist Realität. Die rauhbeinigen Fußballstars in den großen Stadien wollen zu Hause allerdings ihre Leibgerichte und ihre Ruhe haben.
Bei Alemannia Aachen endete ein Liebesdrama tödlich. Libero Rainer Rühle vergiftete sich. Seine Freundin, eine Industrie-Designerin, hatte ihn verlassen. Sie war dagegen gewesen, daß er vom VfB Stuttgart zu Alemannia Aachen wechselte.
Auch Torwart Norbert Nigbur von Schalke 04 geriet aus privaten Gründen in eine Formkrise. Der leidenschaftliche Amateur-Trabrennfahrer gab Eheprobleme als Grund an. Nigbur: "Fußball und Trabrennen sind eben nichts für Frauen." Nigburs Frau reichte die Scheidung ein, Schalke 04 entließ den Torwart. Manager Rudi Assauer erklärte: "Wenn es zu Hause nicht mehr stimmt, stimmt es auch im Fußballtor nicht mehr, der Norbert soll sich erst einmal fangen."
Nicht nur Tagesform, Regen oder Schnee, Heimspiel oder Auswärtskampf, Leistungsdruck und ungewohntes Klima, nicht zu reden von Trainer und Schiedsrichter, bestimmen die Gesamtleistung einer Mannschaft. Wesentlichen Einfluß üben, wenn auch oft unbemerkt, die Frauen oder Freundinnen der Spieler aus. "Wer keine feste Frau hat, hat viele Frauen", verriet Manager Assauer.
Schon Altbundestrainer Josef Herberger hatte "guten Haussegen" bei seinen Spielern gefordert. Immer wenn er zwischen zwei Spielern schwankte, entschied er sich lieber für verheiratete als ledige Kicker.
Wenn beide Kandidaten verheiratet waren, gab oft die bessere Ehe den Ausschlag. Seinem Spielregisseur Fritz Walter hatte Herberger selbst zur Ehefrau Italia geraten. Als Walters Konkurrent Horst Buhtz ohne Herbergers Wissen heiratete, entschied sich der Bundestrainer endgültig für Fritz Walter.
Beim TSV 1860 München engagierte Trainer Max Merkel einen Spieler aus Essen: Hans Küppers. "Bald merkte ich, daß der jede Nacht einen anderen Hasen hatte, also befahl ich ihm die Eheschließung." Küppers gehorchte, wurde Nationalspieler und mit 1860 München Deutscher Meister.
Beim Mittelstürmer Rudi Brunnenmeier jedoch nützten die Heiratsbefehle wenig. "Den Rudi hätte ein ganzer Harem zugänglicher Frauen nicht gebändigt", berichtet Merkel. "Extreme Spiele brauchen extreme Weiber."
In kaum einem anderen Beruf erreicht ein Angestellter schon in den besten Mannesjahren den Höhepunkt an Prominenz und Einkünften. Bundesligastars im Alter von 20 Jahren kassieren Jahresgehälter von 200 000 Mark und mehr. Sie geben Autogrammstunden, stehen in den Schlagzeilen der Zeitungen und gelten in TV-Studios als Zierde der Sendung. Mehr als 300 der 370 Bundesligaspieler sind verheiratet oder haben feste Freundinnen. Jugendliche Singles leben meist bei Pflegemuttis.
Der für Borussia Dortmund kickende Nationalspieler Reinhard Libuda hatte eine sehr schöne und mütterliche Blondine geheiratet. Libuda zählte zu den technisch besten Außenstürmern der Welt. In Fußballerkreisen nannten sie ihn nach dem legendären englischen Rechtsaußen Stanley Matthews "Stan". Doch Libuda war schüchtern und mißtrauisch.
Schnell fanden Gegenspieler heraus, daß der flinke Außenstürmer zur Eifersucht neigt. Immer häufiger flunkerten sie ihm zu: "Stan, weißt du nicht, daß bei deiner Alten heute wieder so ein Macker ist?" Klubvorstand, Trainer und Frau verwandten oft Stunden darauf, den Spieler zu beruhigen.
So wollte er aus Angst um sein Eheglück 1970 nicht an der Weltmeisterschaft in Mexiko teilnehmen. Widerstrebend verließ er Frau, Haus und Heimat. Im ersten Spiel gegen Marokko wirkte er unkonzentriert. Vor dem zweiten Spiel telephonierte er mit seiner Frau. Darauf schoß er gegen Bulgarien beim 5:2-Sieg ein Tor und bereitete drei weitere vor.
Als er im Europacupfinale gegen den FC Liverpool in Glasgow das Siegtor zum 2:1 erzielte, erklärte er: "Ich war so froh, daß wir nach einer Woche Abwesenheit am anderen Tag wieder heimfliegen durften."
Werder Bremens Trainer Otto Rehhagel, der sich als "Kind der Bundesliga" bezeichnet, weil er beim Start 1963 als S.165 Spieler bereits dabeigewesen ist, hält es mit Herberger: "Ich schätze es, wenn ein Spieler verheiratet ist", sagt Rehhagel. "Denn die eigene Frau ist das beste Trainingslager." Der Bremer Trainer stieg 1981 mit Werder in die Bundesliga auf und dirigierte sie sofort in die Spitzengruppe der höchsten deutschen Spielklasse.
In der Bremer Mannschaft ist nahezu jeder Spieler verheiratet oder hat eine feste Freundin. Mittelstürmer Rudi Völler, 22, brachte 1982 von München seine Freundin nach Bremen mit. Völler: "Ich kenne sie noch aus meiner Jugendzeit." Werder Bremen verschaffte der Braut vertragsgemäß eine Lehrstelle als Bankkaufmann.
Zum "regelmäßigen Lebensrhythmus" zählt Trainer Rehhagel auch "regelmäßig Sex". Für Fußballer gilt das noch viel mehr als für Menschen in einem Allerweltsberuf, deren körperliche Fitneß weit geringer ist als bei einem Hochleistungssportler.
"Die Spieler trainieren viel und essen gut", erklärte Rehhagel. "Die Jungs haben so viel Kraft, die müssen sich öfter mal befreien." Deshalb hält Rehhagel mehrwöchige Trainingslager wie vor WM-Turnieren für falsch. "Kein gesunder Mensch kann drei oder sechs Wochen ohne Frau auskommen, die müssen ja alle onanieren, auf der Toilette oder irgendwo."
Der Dortmunder Nationalspieler Lothar Emmerich klagte einmal in einem abgeschiedenen Hotel nahe dem Escorial bei Madrid nach einwöchigem Drill vor einem Europacupspiel: "Morgens, wenn ich aufwache, sehe ich als erstes meinen Stengel, aber hier sind sogar die Zimmermädchen kaum unter 60."
"Kasernierung" nannten die Spieler der deutschen Nationalmannschaft die mehrwöchigen Trainingslager vor Weltmeisterschafts-Turnieren. 1970 in Mexiko brachen die Spieler nachts aus dem Quartier aus und fuhren in Taxis 45 Kilometer weit nach Lago de Moreno, wo sich das nächste Bordell befand.
Besonders der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verhält sich in der Betreuung der Nationalspieler oft ungeschickt. Nach dem WM-Sieg 1974 verbannten Funktionäre die Ehefrauen und Freundinnen der Spieler vom abschließenden Bankett. Darauf erklärte Uschi Müller, die Frau des Torjägers Gerd Müller: "Wir spielen nicht mehr in der Nationalmannschaft." Dabei blieb es.
Ein Jahr vor der spanischen Fußball-WM 1982 vergrätzte Bundestrainer Jupp Derwall die Frau des Nationalspielers Bernd Schuster: "Sie üben einen schlechten Einfluß auf den Bernd aus." Doch Gaby Schuster fühlt sich nicht nur als Ehefrau, sondern auch als Managerin ihres Mannes unersetzlich.
Beide hatten sich kennengelernt, als Schuster noch für den 1. FC Köln spielte. Als dort der Trainer Karl-Heinz Heddergott den eigenwilligen Star als "dummen Jungen" bezeichnete und vom Training ausschloß, griff Gaby Schuster ein. Sie brachte ihren Mann zum FC Barcelona.
Dort schloß Frau Schuster Freundschaft mit der Präsidenten-Gattin, und seitdem ist der Deutsche nach dem Präsidenten Jose Lluis Nunez der mächtigste Mann im Klub. Nicht einmal der beste und teuerste Fußballer der Welt, der Argentinier Diego Maradona, verdrängte die Schusters aus der Spitzenposition beim katalonischen Superklub.
So tauchte DFB-Präsident Hermann Neuberger allein in Barcelona auf, überreichte Gaby Schuster Blumen und schlichtete die Feindschaft zwischen Spieler und Bundestrainer. Dann rief Bundestrainer Derwall selber an und entschuldigte sich für seinen Fauxpas an Frau Schuster.
Inzwischen lud Schusters ärgster Rivale, der Bayern-Star Paul Breitner, zum Versöhnungstreffen ein. Während Breitner im Sommer als Fußballspieler aufhört, soll Schuster 1984 beim FC Bayern München anfangen - falls Frau Schuster zustimmt. Aber sie versichert: "Mir geht es in erster Linie um Mausis Glück."
Der scheidende Bayern-Star Breitner und seine Frau sind nach Meinung des Trainers Max Merkel "das beste Beispiel für eine Musterehe". Hildegard Breitner verdient nach Merkels Ansicht "das Mutterkreuz, weil sie ihrem Paul nicht nur Kinder schenkte, sondern dem bayrischen Mephisto länger als ein Jahrzehnt die Götterspeisen zubereitete". Merkels Ehetip: "Schlitzohr nimmt Elfe mit Kochkenntnissen."
Obwohl Breitner Zigarren raucht, einem Whisky nie abgeneigt ist, Lebensfreuden selten auswich und seinem FC Bayern München vorwarf, "daß man in diesem Scheißklub nicht einmal feiern" könne, sorgte Frau Breitner stets für den Ausgleich. Fast nie veränderte sich Breitners Kampfgewicht von 75 Kilo. Wenn er mal auf dem Platz wieder mit einem Schiedsrichter gestritten hatte, empfing sie ihn bei der Rückkehr mit knappen Bemerkungen: "Das war aber heute kein starker Abgang."
Der Kontrast zwischen Fußballfeld und Heimstatt erleichtert den Spielern am ehesten, ihren Erschöpfungszustand nach einem Spiel oder einem kaum weniger harten Training abzubauen. "Um zehn Uhr abends fallen doch jedem die Augen vor Müdigkeit zu", berichtete Trainerfrau Beate Rehhagel. "Außerdem weiß jeder, daß er am nächsten Tag um neun Uhr wieder auf dem Trainingsplatz sein muß." Störungen im Familienleben können den existenzsichernden Stammplatz in der Mannschaft ebenso bedrohen wie schlechte Spiele.
"Für eine normale berufliche Tätigkeit benötigt der Mensch oft nur 40 Prozent seiner Leistungsfähigkeit", sagt der Bremer Psychologe Professor Dr. Fritz Stemme. "Familiäre Probleme bei Hochleistungssportlern führen leicht zu Konzentrationsschwächen, zusätzliche Energie ist dann kaum noch freizusetzen."
Die erfolgreichsten Fußballspieler leben durchweg in intakten Familienverhältnissen. Weltstar Karl-Heinz Rummenigge führt ebenso eine Musterehe wie sein grimmiger Spielgefährte Breitner.
Als der italienische Spielmacher Giancarlo Antognoni mit einem Schädelbruch ins Krankenhaus eingeliefert wurde, rief er ständig den Namen seiner Frau Rita. Er beruhigte sich erst, als sie an seinem Krankenbett saß.
Beim WM-Turnier 1982 in Spanien geriet die italienische Siegesserie in Gefahr, als die Zeitschrift "Interviu" Nacktbilder von Antognonis Frau, einem früheren Photomodell, veröffentlichte. Der Spielmacher bat entnervt seinen Trainer, heimreisen zu dürfen. Doch der bestellte die Ehefrau ins Mannschaftsquartier. Anderntags besiegte Außenseiter Italien den WM-Favoriten Brasilien.

DER SPIEGEL 7/1983
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