14.02.1983

Der gerechte Goi und die Schindlerjuden

Mit Verwegenheit, List und „Verbissenheit“, durch Beziehungen und Bestechung rettete der sudetendeutsche Industrielle Oskar Schindler im Zweiten Weltkrieg mehr als tausend Juden das Leben. Ein australischer Autor hat jetzt die abenteuerliche Geschichte dieses Mannes erforscht und aufgeschrieben. Das Buch wird nach seinem Erfolg in den USA und England auf deutsch erscheinen und soll in Hollywood verfilmt werden.
Spätherbst 1943. Der Kommandant des Konzentrationslagers Krakau-Plaszow, SS-Hauptsturmführer, Sadist und Lebemann, hat zu einem opulenten Abendessen eingeladen. Die Gäste: einige höhere SS-Offiziere, einige deutsche Industrielle, ein paar deutsche und polnische Mädchen, "bessere Huren".
Bedient wird die Gesellschaft von zwei ukrainischen Ordonnanzen und dem zwangsverpflichteten jüdischen Dienstmädchen des KZ-Chefs. Zwei jüdische Musiker-Brüder, Geige und Akkordeon, unterhalten die Tafelrunde mit Wiener Weisen.
Die Gäste bemerken im Gesicht des Dienstmädchens Spuren von Mißhandlungen. Der KZ-Kommandant reißt dazu einen rüden Witz. Später verschwindet er mit einer Gespielin im Schlafzimmer.
Einer der Gäste, ein großgewachsener, noch junger Mann, blond und blauäugig, am Revers seines eleganten Zweireihers steckt das Abzeichen der Nazipartei, stiehlt sich in die Küche und tröstet das Dienstmädchen mit einem Kuß auf die Stirn und einem Riegel Schokolade.
"Bedenken Sie, mein Fräulein", sagt er zu der Weinenden, "in diesem Haus sind Sie immer noch besser dran als in Maidanek oder Auschwitz."
Die Jüdin bittet den Deutschen, ihre jüngere Schwester aus dem Lager Plaszow zu retten, und übergibt ihm zu diesem Zweck 4000 Zloty, die sie in einem Versteck aufgehoben hat. Er verspricht: "Ich werde mich um sie kümmern."
Mit dieser Szene beginnt ein Buch, das jetzt in den USA erschienen ist und demnächst (bei Bertelsmann) auf deutsch erscheinen soll: "Schindler''s List" von Thomas Keneally.
( Thomas Keneally: "Schindler''s List". ) ( Verlag Simon and Schuster, New York; ) ( 400 Seiten; 16,95 Dollar. )
Die Szene wirkt romanhaft und filmreif, der Autor selber findet sie bedenklich: ein Buchauftakt nach allzu vertrautem Klischee, "mit Nazi-Unholden und S.174 SS-Prasserei, mit einem schmächtigen, mißhandelten Mädchen und einer Figur, so populär wie die Hure mit dem goldenen Herzen - dem guten Deutschen".
Aber die Szene ist keine literarische Fiktion. Sie hat sich, vor nun schon vier Jahrzehnten, wirklich so ereignet. Der KZ-Kommandant hieß Amon Göth, das jüdische Mädchen Helene Hirsch, und der gute Deutsche war der Emailwarenfabrikant Oskar Schindler, geboren 1908 in Zwittau, gestorben 1974 in Frankfurt am Main. Keneallys Buch über diesen Mann ist ein Tatsachenbericht, nur verhalten romanhaft aufbereitet.
Der Autor hat die Episode im Göth-Haus an den Anfang gestellt, um die Glaubhaftigkeit seines Berichts "nicht gleich zu Beginn zu strapazieren" - die Schindler-Story sollte mit einem vergleichsweise "alltäglichen Akt der Freundlichkeit" beginnen. Tatsächlich waren die verbürgten guten Taten des Oskar Schindler, von denen das Buch dann auf fast 400 Seiten mit nicht nachlassender Spannung berichtet, von schier unglaublicher Unalltäglichkeit.
Der Sudetendeutsche Oskar Schindler hat im Zweiten Weltkrieg weit über 1000 polnische Juden vor der Vernichtung gerettet - durch Beziehungen zu und Bestechung von Würdenträgern des NS-Systems und der Wehrmacht, unter Einsatz seines Lebens und fast seines gesamten Vermögens. Seine Geschichte war nicht unbekannt, aber so gut wie vergessen. So ausführlich und detailliert wie von Thomas Keneally ist sie jedenfalls bisher nicht beschrieben worden.
Der in Sydney wohnende, 47jährige Australier Keneally, Autor mehrerer historischer Romane, war auf diese Geschichte per Zufall gestoßen.
Während einer Publicity-Tour für seinen Roman über den amerikanischen Bürgerkrieg, "Confederates", hatte er 1980 in Los Angeles ein Lederwarengeschäft aufgesucht, um eine neue Aktentasche zu kaufen. Als der Geschäftsinhaber hörte, sein Kunde sei Schriftsteller, bot er ihm "eine gute Geschichte" an und begann zu erzählen - der Händler namens Leopold Page hieß ursprünglich Pfefferberg, stammte aus Krakau und war einer der von Schindler geretteten Juden.
Fast zwei Jahre lang recherchierte Keneally die "gute Geschichte". Durch Pfefferberg fand er Zugang zu anderen Überlebenden des Holocaust. Er traf "Schindlerjuden", so nannten sie sich selber, in Nord- und Südamerika, in Israel und Österreich, in Westdeutschland und sogar in Australien. In Polen inspizierte er die Schauplätze der Story. Nach Studien in israelischen und anderen Archiven und Interviews mit insgesamt 50 Personen schrieb er 1982 sein Buch.
Ein besonderer literarischer Reiz lag für den Autor im Charakter seiner Hauptfigur: Der Judenretter Oskar Schindler, so erfuhr Keneally, war alles andere als ein Bilderbuch-Held und -Heiliger.
Der Katholik Keneally nennt den katholischen Industriellensohn aus Mähren, der in seiner Jugend auf einer Motoguzzi Rennen fuhr, einen "Bonvivant, Spekulanten und Charmeur". In Krakau lebte Schindler, zeitweise getrennt von seiner Ehefrau Emilie, zeitweise in ihrer Gegenwart, mit seiner deutschen Geliebten Ingrid zusammen, unterhielt zugleich ein Verhältnis mit seiner polnischen Sekretärin Viktoria und hatte nebenbei immer noch andere, flüchtige Affären.
Der "Frauenheld", "Trinker" und "Kettenraucher" Schindler, schreibt sein Biograph, "machte kein Geheimnis aus seinen Schwächen", doch er war "all seinen Frauen ein wohlerzogener und generöser Liebhaber" - Schwierigkeiten hat ihm keine gemacht. "Gott sei Dank", zitiert Keneally einen der von Schindler geretteten Juden, "war er uns treuer als seiner Frau."
Aus diesem Playboy, der vor 1938 in die sudetendeutsche Nazipartei eingetreten war, wurde ein entschlossener Gegner des NS-Regimes, als er in Krakau, bei einem Ausritt mit Freundin Ingrid, Zeuge einer Getto-Razzia wurde und zum erstenmal mitansehen mußte, zu welchen Exzessen deutsche Judenverfolger fähig waren und was die Bürokratenformel "Sonderbehandlung" wirklich bedeutete.
Im Oktober 1939, nach dem deutschen Blitzsieg über Polen, erwarb Schindler mit Hilfe jüdischer Vermittler eine bankrotte Krakauer Emailwarenfabrik - sie wurde zur Fluchtburg der Verfolgten.
Schindler forderte von der SS Juden aus dem Krakauer Getto und dem KZ Plaszow als Arbeiter an. Seine "Deutsche Emailwaren Fabrik (DEF)" belieferte die Wehrmacht mit Kochtöpfen und anderem Geschirr, ihre Produktion galt als kriegswichtig. Um die Fabrik noch stärker abzusichern, zog Schindler bald auch eine Munitionsproduktion auf.
Die jüdischen Arbeiter erhielten keinen Lohn. Schindler mußte für sie eine Art Leihgebühr an die SS zahlen: 7,50 Mark pro Tag und Fachkraft, sechs Mark für Ungelernte und Frauen. Aber solange sie in der DEF arbeiteten, waren sie vor der Deportation in die Vernichtungslager relativ sicher.
Als "Arbeiter" fanden in der DEF auch jüdische Kaufleute, Ingenieure, Ärzte, Musiker, Rabbiner und deren Frauen und Kinder Unterschlupf. Schließlich errichtete Schindler für 300 000 Mark aus eigener Tasche auf dem Fabrikgelände ein eigenes Barackenlager. Die SS-Wachen des von Schindler bestochenen KZ-Kommandanten Göth hatten zu diesem Lager keinen Zutritt.
In Schindlers "Emalia", wie die DEF von den Juden genannt wurde, gab es genug zu essen und medizinische Betreuung. Der "Herr Direktor" kaufte für seine Schützlinge Lebensmittel auf dem schwarzen Markt. Einmal, ein jüdisches Mädchen war schwanger, schaffte er "schwarz" sogar gynäkologische Instrumente heran.
Der Mut und die Gewitztheit, mit denen Schindler vorging, scheinen unwiderstehlich gewesen zu sein, die wohltätige Korrumpierbarkeit höherer und niederer Chargen des NS-Systems unbegrenzt. Schindler traktierte sie mit Festessen und Feten, mit Schnaps und Speck, S.176 Schmuck und Geld und Produkten aus seiner Fabrik.
Vor allem den brutalen Sybariten Göth, der manchmal vom Balkon seines Hauses vorbeigehende Juden erschoß, wußte er virtuos einzuwickeln. Mal schmierte er ihn mit einem goldenen Zigarettenetui, mal mit französischem Cognac. Durch das Geschenk eines kostbaren Reitsattels erwirkte er Göths Erlaubnis, Viehwagen mit jüdischen Häftlingen, die in glühender Sonnenhitze standen, von der jüdischen Lagerfeuerwehr mit Wasser bespritzen zu lassen. Das Dienstmädchen Helene gewann er Göth in einem makabren Kartenspiel ab.
Im Frühjahr 1939 hatte sich Schindler, der schon damals Geschäftsverbindungen nach Polen unterhielt, vom militärischen Geheimdienst ("Abwehr") des Admirals Canaris für gelegentliche Informationsdienste anwerben lassen. Die Canaris-Verbindung war ihm bei seinem Vabanquespiel um die "Emalia" mehrfach hilfreich.
Um die Wachen eines KZ-Transports zu beeindrucken und einige ihm bekannte Juden aus dem schon abfahrtbereiten Zug zu befreien, nutzte er so gewagt wie geschickt die zufällige Namensgleichheit mit dem Generalleutnant Schindler, Industriebeauftragter des Oberkommandos der Wehrmacht.
Als ein SS-Führer sich bedrohlich wunderte, daß die DEF auch Kinder als Munitionsarbeiter beanspruche, rechtfertigte Schindler deren Unabkömmlichkeit mit der Erklärung, sie seien wegen ihrer langen, dünnen Finger besonders geeignet, das Innere von Patronenhülsen zu polieren - ob man ihm immer glaubte oder einfach dem generösen Charmeur manches durchgehen ließ, bleibt offen.
Dreimal wurde Schindler von der SS verhaftet und verhört, beim zweitenmal aufgrund einer Denunziation: Er hatte seinen 34. Geburtstag in der Fabrik zusammen mit Juden gefeiert und dabei ein jüdisches Mädchen geküßt.
Jedesmal kam er nach wenigen Tagen frei. Auch in der Zelle und aus der Zelle heraus funktionierten sein bestechender Charme und seine Beziehungen zu einflußreichen Gönnern. Aus der dritten Haft befreite ihn die Fürsprache eines SS-Oberführers sowie ein Wehrmacht-Zeugnis, seine Fabrik sei in die Produktion von "Geheimwaffen" eingespannt.
1942 nahm eine in Istanbul residierende Zionisten-Organisation über Budapester Mittelsmänner Kontakt mit Schindler in Krakau auf. Der Kurier, ein österreichischer Zahnarzt namens Sedlacek, übergab Schindler eine größere Geldsumme, die zur Hilfe für die Krakauer Juden bestimmt war. Er bat den deutschen Fabrikanten, nach Ungarn zu kommen, um dort jüdische Vertrauensleute über das schwer vorstellbare Ausmaß der Judenverfolgung in Polen zu informieren.
Versteckt zwischen Packen der NS-Zeitung "Völkischer Beobachter" reiste Schindler in einem Güterzug nach Budapest und erstattete den fassungslosen Juden im Hotel Pannonia Bericht.
In seinem Drang, Juden zu retten und das NS-"System zu besiegen", schreibt Keneally, war Schindler schließlich "nicht mehr nur leichtsinnig, sondern geradezu besessen". Als die SS 1944 mit der Verbrennung von Leichen im KZ Plaszow beginnt, verspricht er seinen "Emalia"-Juden: "Ich hole euch alle raus] Alle]"
Im Herbst 1944, die Ostfront bricht, die Russen rücken vor, der Krieg ist schon verloren, ergeht der Befehl zur Auflösung Plaszows und der Schindler-Fabrik. Schindler weiß, daß es den Abtransport der Juden nach Auschwitz bedeuten würde, und bemüht sich um die Auslagerung seines Unternehmens samt jüdischer Belegschaft ins "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren".
Wieder setzt er alle Beziehungshebel in Bewegung. Er stellt die DEF ganz auf Munitionsproduktion um. Er wird bei Wehrmachts-Dienststellen in Berlin vorstellig - nicht ohne sich vorher mit Hilfe eines "Hotel Adlon"-Portiers auf dem Berliner Schwarzmarkt mit raren Delikatessen munitioniert zu haben.
Und wieder hat er Erfolg. Er erhält alle nötigen Genehmigungen, Transportmittel werden bereitgestellt, Schindler und die Schindlerjuden dürfen nach Brünnlitz in Mähren umziehen und dort weiter Patronen herstellen.
Eines der dramatischsten Kapitel in Keneallys Buch schildert, wie Schindler in Krakau mit einigen Vertrauten die von der SS zu genehmigende Liste mit den Namen der Juden zusammenstellt, die ihm nach Brünnlitz folgen sollen - jene lebensrettende Liste, die "Schindler''s List" den Titel gab, entsteht unter schrecklichem Zeitdruck und verzweifeltem Kampf Schindlers gegen Lücken seines Namensgedächtnisses.
Im Oktober 1944 kommen die 800 jüdischen Männer und Knaben der Schindler-Liste in Brünnlitz an. Die 300 jüdischen Frauen und Mädchen, die getrennt befördert werden, bleiben erst einmal in der Zwischenstation Auschwitz stecken. Als sich ihre Weiterfahrt bedenklich verzögert, schickt Schindler eine junge deutsche Mitarbeiterin nach Auschwitz, die auf einen zuständigen SS-Führer einwirken soll - mit der Schindler-Liste, aber auch mit einigen Diamanten und einem Koffer voll Lebensmitteln. Die Intervention hat Erfolg, die Frauen treffen kurz danach in Brünnlitz ein.
Bewegend schildert Keneally die Wiedervereinigung der getrennten Paare und Familien. Und er überliefert die Begrüßungsworte, mit denen Schindler, in Gegenwart des SS-Chefs von Brünnlitz, die Frauen in der neuen Freistatt empfing: "Geht in die Halle, da gibt es Suppe und Brot für euch. Ihr braucht euch keine Sorgen mehr zu machen. Ihr seid jetzt bei mir."
Es war eine Szene, so Keneally, "die im verwüsteten Europa jener Tage nicht ihresgleichen hatte". Oskar Schindler, sagte eine überlebende Jüdin, "war unser Vater, unsere Mutter, unsere einzige Zuversicht".
Aber auch so eine Szene hat der Schindler-Biograph nicht ausgelassen: Zwei jüdische Arbeiter, die sich einmal S.177 in einem Wassertank der Brünnlitz-Fabrik erfrischen wollten, fanden den auf einem hohen Gerüst liegenden Behälter schon besetzt - mit Schindler und einer hübschen SS-Blondine, beide nackt, "des Mädchens Brüste über dem Wasserspiegel".
Schindler zeigte keinerlei Verlegenheit. Die Juden murmelten eine Entschuldigung und zogen sich hastig zurück: "In der Höhe, über ihren Köpfen schäkerte Oskar weiter wie Zeus."
Im Winter 1944/45 krönte Schindler seinen Privatkampf gegen das Hitler-Reich und die "Endlösung" mit einem besonders verwegenen Streich.
Unter dem Vorwand, er müsse sich und seine Fabrik gegen einen Aufstand der jüdischen Zwangsarbeiter und gegen Angriffe tschechischer Partisanen verteidigen, mit denen bei weiterem Vormarsch der Sowjets zu rechnen sei, entlockte er dem SS- und Polizeichef von Mähren ein Arsenal von Handfeuerwaffen. Wiederum waren es nicht Schindlers Argumente allein, die den Machthaber überzeugten - ein Brillantring für dessen Frau verlieh ihnen Nachdruck.
Auf seinem Fabrikgelände bewaffnete Schindler ein jüdisches Häftlingskommando. Einige Juden, die in der polnischen Armee gedient hatten, bildeten andere im Schießen aus. Wogegen Schindler in Wahrheit gerüstet sein wollte, war eine drohende Judenvernichtungs-Aktion der SS in letzter Minute.
Die Waffen kamen nicht mehr zum Einsatz. Nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 ließ Schindler Churchills Siegesrede über Lautsprecher in die Fabrik schallen. Er selbst hielt eine Ansprache, in der er die nun geretteten Häftlinge bat, sich nicht zu individuellen Racheakten hinreißen zu lassen. Den noch anwesenden SS-Wachen dankte er dafür, daß sie sich auf seinem Gelände aller Übergriffe enthalten hätten. Sie zogen widerspruchslos ab.
Aus eigenem Zahngold schmiedeten einige Schindlerjuden einen Ring für ihren Wohltäter. Eingraviert war ein Talmud-Spruch: "Wer ein einziges Leben rettet, der rettet die ganze Welt."
In Lagerkleidung und begleitet von acht "Emalia"-Häftlingen schlugen sich Schindler und seine Frau mit zwei Autos von Brünnlitz durch die Tschechoslowakei und Österreich in die französisch besetzte Zone des besiegten Deutschlands durch. Unterwegs wurden ihnen ihre Wagen und der größte Teil der mitgenommenen Habe gestohlen.
Nach Kriegsende, von keinem Ausnahmezustand mehr zu Ausnahmetaten gefordert, verließ den "guten Deutschen" das Glück. Mit jüdischer Hilfe konnte Schindler nach Argentinien auswandern und dort eine Farm erwerben - sie florierte nicht. 1958 kehrte er ohne seine Frau nach Deutschland zurück und versuchte sich, wiederum mit jüdischer Unterstützung, bei Frankfurt als Zementfabrikant - das Unternehmen ging S.180 ein. Dankbare "Emalia"-Veteranen luden Schindler mehrmals zu Besuchen nach Amerika und Israel ein, in Tel Aviv empfingen sie ihn am Flughafen mit Ovationen. In Israel wurde er als "Gerechter aus den Völkern" hoch geehrt, die Martin-Buber-Gesellschaft verlieh ihm ihren Friedenspreis, in den USA wurden Straßen nach ihm benannt, 1966 bekam er das Bundesverdienstkreuz.
1968 endlich erhielt Schindler, der in einem Appartement in Frankfurt wohnte, vom Land Hessen eine Ehrenrente von 500 Mark monatlich zugesprochen. Die Stadt Frankfurt legte noch 146 Mark drauf. 1974 starb der 66jährige an Herzversagen. Nach seinem Wunsch wurde er in Jerusalem beerdigt.
Zehn Jahre zuvor hatte der Hollywood-Produzent Martin Gosch einen Film über Oskar Schindler geplant, mal war Gregory Peck, mal Richard Burton als Hauptdarsteller im Gespräch - der Plan zerschlug sich, unter anderem, weil das Thema damals als "überholt" galt.
Jetzt, vier Jahrzehnte nach dem historischen Holocaust und drei Jahre nach dem TV-Welterfolg "Holocaust", ist es wieder aktuell. "Schindler''s List" hat seinem Autor in England (wo das Buch unter dem Titel "Schindler''s Ark", Schindlers Arche, erschien) den mit 10 000 Pfund dotierten Booker-McConnell-Literaturpreis eingebracht. Für 500 000 Dollar erwarben Universal Pictures die Filmrechte.
Eine Londoner Fernsehanstalt führte kürzlich die Brüder Henry und Leo Rosner zusammen. Der eine kam aus Amerika, der andere aus Australien. Vor den TV-Kameras musizierten sie im Duett, Geige und Akkordeon - zum erstenmal wieder seit den Tagen, da sie dem SS-Unhold Göth aufspielen mußten und vom "gerechten Goi" Schindler gerettet wurden.
Autor Thomas Keneally stellt in seinem Erfolgsbuch die Frage nach der "Summe der Motive", die den sudetendeutschen Industriellen, das NS-Parteimitglied, den "apolitischen Kapitalisten" und Bonvivant Oskar Schindler zum "Gerechten aus den Völkern" machten. Aber er beantwortet die Frage nicht, und diese Zurückhaltung spricht für seine Redlichkeit als Psychologe und Schriftsteller.
"Oskar war ein Spieler" und hatte etwas vom Schwejk an sich, erwägt er, "er war ein Gefühlsmensch, der seine schlichte Freude daran hatte, Gutes zu tun; er war vom Temperament her ein Anarchist, der es genoß, das Regime hereinzulegen; und unter all seiner fröhlichen Sinnlichkeit lag eine Bereitschaft zur Empörung über menschliche Roheit, der Wille, sich von ihr nicht unterkriegen zu lassen." Doch all das, meint Keneally, reiche nicht aus, "die Verbissenheit zu erklären", mit der er sein außerordentliches Rettungswerk betrieb.
"Ich weiß nicht, warum er es tat", so zitiert Keneally die Meinung vieler Schindlerjuden, die er befragte.
Oskar Schindler selbst hat sich zu dieser Frage geäußert. In einem Bericht, den er für das 1957 erschienene Buch "Die unbesungenen Helden" von Kurt R. Grossmann verfaßte, nannte er als "treibende Motive für mein Tun" das "täglich vor Augen stehende unendliche Leid jüdischer Menschen" und das "Empfinden einer moralischen Verpflichtung gegenüber meinen zahlreichen jüdischen Mitschülern und Freunden, mit welchen ich eine herrliche Jugend, frei von Rassenproblemen, verlebte".
S.171 Thomas Keneally: "Schindler''s List". Verlag Simon and Schuster, New York; 400 Seiten; 16,95 Dollar. * S.174 Um 1946 in München. * S.176 Am Grab Schindlers in Jerusalem. * S.180 Beim TV-Auftritt 1983 in London. *

DER SPIEGEL 7/1983
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