06.06.1983

Aids: Eine Epidemie, die erst beginnt

Die Homosexuellen-Seuche "Aids", eine tödliche Abwehrschwäche, hat Europa erreicht. Mindestens 100 Deutsche sind bereits erkrankt, sechs in den letzten Wochen gestorben. Die Ärzte sind ratlos: Über die Ursache wird nur spekuliert, eine Behandlung gibt es nicht. In den nächsten zwei Jahren wird die Zahl der "Aids"-Kranken dramatisch zunehmen. Sind dann auch Heterosexuelle, Frauen und Kinder tödlich gefährdet? _____" Mit grünverfärbtem Gesicht, wachsbleichen Lippen, " _____" bleiernen Lidern, kurzem, stoßweisem Atem, von den " _____" geschwollenen Lymphknoten gemartert, lag er tief in " _____" seiner Matratze, als wollte er sich darin einschließen " _____" oder als rufe ihn ohne Unterlaß eine Stimme aus der Tiefe " _____" der Erde: so erstickte der Mann unter einem unsichtbaren " _____" Gewicht. " _____" Albert Camus: "Die Pest" " *

Im Mai 1980, an einem schönen Frühlingsmorgen, machte sich der 32jährige New Yorker Junggeselle zum "Mount Sinai Medical Center" in Manhattan auf den Weg. Er war allein, und das Laufen fiel ihm schwer. Sein Körper schmerzte, Schweiß rann ihm über das Gesicht. Mund und Luftröhre brannten wie Feuer, die Augen glänzten im Fieber; er schwankte. In der Ambulanz half man dem Dressman aus seinem Anzug, der ihm viel zu groß geworden war. Die Notärzte erblickten einen abgemagerten Leib, bedeckt mit violetten Knoten. Einige bluteten. In der Lunge nisteten Bakterien, im Darm Pilze. Weil der Kranke nur wenig Luft hatte, sprach er leise und mit großen Pausen.

Monatelang, so berichtete er, habe ihn der Hausarzt wegen seines Fiebers, der entzündeten Lymphknoten und des Hautausschlages mit keimtötenden Arzneimitteln behandelt, ohne Erfolg. Nicht einmal eine Diagnose sei gestellt worden.

Mit der richtigen Diagnose taten sich auch die berühmten Mount-Sinai-Doktoren schwer. Sie legten Bakterienkulturen an, schnitten Proben aus den bläulichen Knoten, röntgten den Mann von Kopf bis Fuß und erforschten gesprächsweise sein Vorleben. So gut er noch konnte, gab der Kranke Auskunft, verschwieg auch seine Homosexualität nicht. Die Intensivbehandlung ertrug er drei Monate lang, ohne zu klagen. Im August starb er.

Er war einer der ersten - gestorben an "Aids", einer tödlichen Abwehrschwäche des menschlichen Körpers. "Aids" steht für "Acquired Immune Deficiency Syndrome", für den "erworbenen Mangel an Abwehrkraft" und die sich daraus ergebenden Krankheiten: Krebs vor allem, aber auch unheilbare Lungenentzündungen und andere Infektionen.

Das Kunstwort "Aids", vor drei Jahren als Kürzel für den Gebrauch unter Ärzten ersonnen (und auch von denen kaum beachtet), ist innerhalb weniger Monate zum weltweiten Schreckensruf geworden: Hinter "Aids" verbirgt sich eine moderne Seuche, eine Epidemie, "die wohl gerade erst richtig beginnt" - so die Experten des amerikanischen Seuchenkontrollzentrums in Atlanta (US-Staat Georgia).

1556 eindeutig diagnostizierte Fälle von Aids wurden dort bis Ende letzter Woche aus aller Welt registriert. 558 Aids-Patienten sind allein in den USA an der Krankheit gestorben.

Wenn das Leiden entdeckt wird, ist es zumeist schon im letzten, dem "finalen" Stadium - für die Erkrankten besteht wenig Hoffnung. Groß ist die Zahl derjenigen,

die den tödlichen Aids-Keim bereits in sich tragen, aber es noch nicht wissen. Die Dunkelziffer wird weltweit auf mehr als 10 000 geschätzt.

Rund 700 Aids-Fälle wurden allein aus New York gemeldet. "Haben wir eine Epidemie?" fragte US-Senator Roy M. Goodman. Vorsitzender eines Untersuchungsausschusses des Senats bei einem Hearing in New York. "Es sieht so aus", antwortete Frederick P. Siegal vom Mount Sinai Medical Center. "Die Zahl der Fälle verdoppelt sich alle sechs Monate."

Gegen Aids kennt die Medizin kein Heilmittel, auch der Erreger ist noch nicht entdeckt. "Wir tappen völlig im dunkeln", erklärten die "Centers for Disease Control" (CDC) in Atlanta. Das Seuchenzentrum zählt die Toten und Schwerkranken und greift, die eigene Hilflosigkeit eingestehend, "nach jedem Strohhalm".

"Vielleicht", mutmaßt der Berliner Professor Franz Fehrenbach, ein Bakteriologe, ist Aids "die Lustseuche des 20. Jahrhunderts - nur nicht so harmlos" wie einst Tripper oder Schanker, weit häufiger tödlich jedenfalls als die klassische Sex-Seuche Syphilis.

Nur die "Spitze eines Eisbergs" hat das Bundesgesundheitsamt (BGA) bisher gesichtet: In der Bundesrepublik sind es rund 100 Verdachtsfälle und sechs Tote. "Unsere Aids-Epidemie", erläutert Johanna L''age-Stehr, Wissenschaftliche Direktorin im BGA, "ist etwa zwei Jahre hinter der in den USA zurück." Das heißt: In den nächsten zwei Jahren könnte sich die Zahl der Erkrankten in der Bundesrepublik versechzehnfachen.

Die Prognose der Erkrankten ist "quo ad vitam", hinsichtlich ihres Überlebens, "ungünstig". So steht es in der vorletzten Ausgabe der "Immunbiologischen Informationen" der Marburger Behring-Werke, und so belegen es die amerikanischen CDC-Statistiken:
* Zwei Jahre nach gesicherter Aids-Diagnose sind 80
Prozent, nach drei Jahren 86 Prozent der Patienten tot,
* Bei keinem Aids-Kranken wurde bisher eine Heilung
beobachtet.

"In meinem Berufsleben", kommentiert Peter Mansell vom texanischen Tumor-Institut in Houston die Lage, "habe ich mich niemals einer so frustrierenden, so deprimierenden Situation gegenübergesehen." Das US-Seuchenzentrum stimmt die Bevölkerung auf weitere Horror-Nachrichten ein. CDC-Doktor Peter Drotman: "Wenn es mit Aids so weitergeht, kann niemand sagen, wie es enden wird."

Das Bundesgesundheitsamt hat die deutschen Ärzte zu strengen "Sicherheitsvorkehrungen" im Umgang mit Aids-Kranken ermahnt. Auch bei der Leichenöffnung (Autopsie) seien besondere Vorsichtsmaßnahmen nötig. Bundesgesundheitsminister Heiner Geißler hat der "gefährlichen Krankheit" im letzten Monat den Kampf angesagt.

"Nationale Priorität" ("No. 1 priority") wurde vorletzte Woche der Erforschung und Bekämpfung von Aids in den Vereinigten Staaten zugesprochen; der nationale Gesundheitsdienst in Washington gab entsprechende Mittel frei.

Zwar suchte Edward N. Brandt, Staatssekretär im US-Gesundheitsministerium, die Öffentlichkeit abzuwiegeln: "Ich persönlich glaube nicht, daß eine Panik begründet wäre." Es gebe bisher keine Hinweise darauf, daß die Epidemie "aus den bekannten Risikogruppen ausbricht".

Gleichwohl stellte die US-Regierung umgerechnet 35 Millionen Mark für das laufende Rechnungsjahr bereit; sechs Studien zum Thema Aids wurden sofort in Auftrag gegeben. Die amerikanische _(Oben: Typische Hautveränderungen eines ) _(Kapo-si-Kranken (Titelbild einer ) _(medizinischen Wochenzeitschrift); ) _(unten: am 2. Mai 1983 in New York. )

Bevölkerung, so die "New York Times", sei "zunehmend beunruhigt", seit immer mehr Ärzte melden, daß Aids "nicht nur zwischen homosexuellen Männern, sondern auch auf Frauen und Kinder übertragen wird".

Droht eine Pest? Wird Aids wie ein apokalyptischer Reiter auf schwarzem Roß über die Menschheit kommen? Ist eine moderne Seuche in Sicht, die sich zu Tod, Hunger und Krieg gesellen wird, wie einst im Mittelalter?

Oder werden nur die homosexuellen Männer daran glauben müssen? Vielleicht (wie es Bakteriologe Fehrenbach formuliert) weil "der Herr für die Homosexuellen immer eine Peitsche bereit hat"?

Die Heimtücke und, wie es scheint, Unausweichlichkeit, mit denen Aids über die Betroffenen kommt, haben etwas Erschreckendes. Auf rätselhafte Weise übertragen, schlägt ein rätselhafter Erreger zu - in einem Jahrhundert, in dem alle gefährlichen Infektionskrankheiten schon nahezu beherrschbar schienen.

Seuchen wie Pest und Cholera, folgenschwere Viruserkrankungen wie Pocken und Kinderlähmung hat der Mensch durch zunehmende Hygiene, durch Impfstoffe und Medikamente unter Kontrolle gebracht. Auch über Viruskrankheiten wie Herpes oder Hepatitis rückt der Sieg schon in greifbare Nähe - wie ein Schock kommt da die geheimnisvolle Krankheit Aids, von der bislang nur eines feststeht: Sie befällt - einstweilen - überwiegend homosexuelle Männer.

"Eine neue Krankheit verbreitet Angst und Schrecken! Sie bedroht auch Dich ..." - so lautete der Text eines Plakats, mit dem die "Homosexuelle Selbsthilfe" und die "Schwulenberatungsstelle" in West-Berlin Anfang Mai zu einem "allgemeinen Informationsabend" über Aids einluden; 500 Männer kamen.

In New York waren es zur gleichen Zeit 18 000. Auf einem ihrer Transparente war die bange Frage zu lesen: "Ist auch der Mensch eine vom Aussterben bedrohte Spezies?"

"Keiner macht sich klar, was es gegenwärtig bedeutet, als Schwuler in New York zu leben", erklärte Larry Kramer, Mitbegründer einer New Yorker Homosexuellen-Vereinigung für medizinische Fragen. "Es ist, als ob man während der V-Waffen-Angriffe in London gelebt hätte - niemand weiß, wann die nächste Bombe einschlägt."

In den Zentren der amerikanischen Homosexuellen-Szene, in New York und San Francisco, wurde Selbsthilfe organisiert: In Diskotheken und Lokalen gab es Tombolas und Wohltätigkeits-Shows. Im New Yorker Madison Square Garden veranstalteten Gay-Organisationen einen Gala-Abend: Der Zirkus Ringling Brothers and Barnum & Bailey wurde engagiert, Leonard Bernstein dirigierte die Nationalhymne. Erlös für Aids: 250 000 Dollar.

Schwere Vorwürfe erhoben die Homosexuellen-Vertreter vor dem Senatsausschuß: Weil die Krankheit nur Schwule betreffe, hätte die Gesundheitsbehörde die Gegenmaßnahmen verschleppt.

Die Angst grassiert unter den potentiellen Opfern: Reihenweise werden in den USA Homo-Bars und -Badehäuser geschlossen. Keines der zahlreichen Homosexuellen-Blätter, das nicht mit flammenden Appellen an die Regierung und seitenlangen Aufklärungsartikeln aufmachte. "Dear Mr. President", so der offene Brief eines Aids-Patienten im "New York Native": "Ich fühle Schmerz in meinem Körper ... hören Sie mich, wenn ich sage, Ihre Kinder sterben?"

In Frankfurt am Main, wo bisher drei Homosexuelle an Aids gestorben sind - "keine Strichjungen, sondern sehr begüterte Männer" (L''age-Stehr) -, hat der Sexualforscher Volkmar Sigusch in der Homo-Szene "eine ganz große Ratlosigkeit" beobachtet; das gleiche gilt für West-Berlin (siehe Kasten Seite 156).

Diese Empfindung teilen die Betroffenen mit ihren Ärzten. Professor Meinrad Koch vom Bundesgesundheitsamt ("Ich bin ein sehr überzeugter Heterosexueller"): "Darüber, wie sich die Seuche entwickeln wird, weiß ich nichts. Noch _(Mit Opernstar Shirley Verrett am 30. ) _(April im Madison Square Garden. )

sind viele wissenschaftliche Mitteilungen über Aids nur soft evidence" - Vermutungen, mehr nicht.

Das betrifft nahezu alle Aspekte des neuen Leidens. Als sicher gilt nur, daß es sich um eine ansteckende, eine Infektionskrankheit handelt. Unter diesen Begriff subsumiert die Heilkunst Hunderte von unterschiedlichen Erkrankungen - den banalen Schnupfen, die meist harmlosen Kinderkrankheiten wie Masern, Windpocken oder Scharlach, dazu vier klassische (Tripper, Syphilis, weicher Schanker, venerische Lymphknotenentzündung) und ein Dutzend neue Geschlechtskrankheiten (zum Beispiel Herpes und Trichomonaden). Zu den Infektionskrankheiten zählen harmlose Molesten wie Fußpilz, aber auch tödlich gefährliche Leiden wie die Pest und ausgerottete wie die Pocken.

Allen ansteckenden Krankheiten ist gemeinsam, daß immer drei Dinge zusammentreffen müssen: der unsichtbare Mikroorganismus, ein Keim aus dem großen Reich der Bakterien, Viren, Pilze oder Einzeller; ein menschlicher (auch tierischer oder pflanzlicher) Makroorganismus und ein halbes Dutzend Lebensumstände beider Organismen. Die Mikroben allein machen nicht krank.

Ob sie in den Menschen eindringen und sich in ihm vermehren können, ist abhängig von Zahl und Lebenskraft ("Virulenz") der Keime, aber auch von der Empfänglichkeit des Wirtsorganismus, seiner Abwehr- und Überwindungskraft.

Die Gesamtheit der inneren Krankheitsbedingung nennen die Ärzte "Disposition": Wer nicht disponiert ist, der wird auch nicht krank - mögen um ihn herum die Mitmenschen auch infiziert werden oder gar sterben. Ohne diese, ihr angeborene Widerstandskraft gegen Mikroben aller Art hätte sich die Spezies Mensch auf der Erde nicht halten können, denn wirksame Medikamente gegen Infektionen, die Antibiotika, gibt es erst seit vier Jahrzehnten.

Diese Arzneistoffe helfen nicht gegen jeden Mikroorganismus. Einstweilen verschanzen sich Viren, winzige Krankheitserreger auf der schmalen Grenze zwischen belebter und unbelebter Natur, oft noch erfolgreich hinter ihrer Bedürfnislosigkeit.

Die nur unter Elektronenmikroskopen sichtbaren Partikel verbergen sich in den Zellen des Wirtsorganismus und können dort lange ausharren. Vieles spricht dafür, daß auch hinter Aids als Auslöser Viren stecken.

Ein erster, allerdings noch vager Verdacht richtet sich gegen den sogenannten T-Zellen-Leukämie-Virus (HTLV), der beim Menschen eine seltene Form von Leukämie auslösen kann.

Antikörper gegen HTLV fanden sich im Blut von 25 Prozent der untersuchten Aids-Kranken, aber nur in einem Prozent der gesunden Bevölkerung. Daß Leukämie-Viren auch zum Zusammenbruch des Abwehrsystems führen können, hat sich zum Beispiel bei Katzen gezeigt.

Überraschend für die Mediziner ist die ungewöhnlich hohe Rate der Todesfälle bei Aids. Bei fast allen schweren Infektionskrankheiten, welche die Menschheit bedroht haben, gab es stets einen nennenswerten Prozentsatz von Erkrankten,

die "spontan", ohne ärztliches Zutun, wieder gesund wurden.

Während der verheerenden Pockenzüge starben etwa ein Viertel der Infizierten, bei der großen Pest-Epidemie im Europa des 14. Jahrhunderts gab es 25 Millionen Tote - ein Drittel der Bevölkerung. Am Typhus, auch wenn er nicht behandelt wurde, starben weniger als zehn Prozent der Erkrankten, auch neun von zehn Syphiliskranken erholten sich wieder.

Diese Selbstheilungskraft des menschlichen Organismus beruht auf seiner im Laufe der Evolution erworbenen Fähigkeit, mit Hilfe des körpereigenen Abwehrsystems fremden Eindringlingen den Garaus zu machen. Das Heimtückische an Aids ist nun, daß die Erreger bei dieser Krankheit ausgerechnet die Strukturen des körpereigenen Abwehrsystems attackieren, nicht etwa nur irgendwelche Schleimhäute (wie die Schnupfen- oder die Herpesviren): Die Aids-Erreger legen die Abwehrkräfte des Körpers lahm.

Für die Virus-Theorie bei Aids sprechen etliche Indizien, vor allem der Krankheitsverlauf und seine Unbeeinflußbarkeit. Vom Tag der Ansteckung, wenn die Aids-Erreger in den Menschen eindringen, bis zum Ausbruch der Infektionskrankheit vergehen offenbar mindestens sechs Monate, vielfach auch mehr als drei Jahre. Diese lange Inkubationszeit läßt die Experten Schlimmes befürchten: "Aids", sagt Frau L''age-Stehr, "ist eine Zeitbombe."

Ohne daß die Aids-Opfer irgendein Krankheitszeichen spüren, vermehren sich in ihnen die Erreger. Offenbar werden die Keime auch während dieser symptomfreien Inkubationszeit durch Blut, Speichel, Sperma und andere Körpersekrete, aber auch durch intensive Berührungen - Schleimhaut zu Schleimhaut - von den bereits Erkrankten an Gesunde weitergegeben.

Bisher gibt es kein Diagnoseverfahren, das den Ärzten ermöglichen würde, die Krankheit während ihres ersten, beschwerdefreien Stadiums zu erkennen. Gesucht wird nach einem verläßlichen Bluttest, vergleichbar der Wassermann-Reaktion bei Syphilitikern. Ein solcher Aids-Test ist nicht in Sicht.

Frühestens im zweiten Krankheitszeitraum, den die Mediziner "Stadium der Lymphadenopathie", der Lymphknotenschwellung, nennen, kann die Verdachtsdiagnose Aids gestellt werden.

Eindeutige, den Verdacht beweisende Krankheitszeichen fehlen. Die Infizierten leiden vielmehr unter zahlreichen Beschwerden, die von den Ärzten als mehrdeutig ("uncharakteristisch") eingestuft werden. In einem warnenden Flugblatt für die Homo-Szene hat der Berliner Arzt Claus Heinrich Coester, der sich selbst einen "schwulen Medizinmann" nennt, die möglicherweise bedrohlichen Krankheitszeichen zusammengefaßt:
* Unerklärliches Fieber über längere Zeit (kann
zwischendurch verschwinden);
* Lymphknotenschwellungen an mehreren Körperstellen, zum
Beispiel in Nacken, Achseln, Leistenbeugen, für die es
sonst keine Erklärung gibt;
* unerklärliche Durchfälle über längere Zeit (oft
wäßrig), bei denen kein Durchfallerreger festgestellt
werden kann;
* hartnäckiger Husten ohne Auswurf, zunehmende Atemnot;
* hartnäckiger Soor (Pilzbefall) der Mundschleimhaut;
* verdächtig sind neu auftretende bräunlich-violette
Flecken auf der Haut oder Knoten, die nicht schmerzen
oder jucken.

Manchmal ist nur ein Symptom vorhanden, oft gesellen sich andere hinzu. Der Verlauf ist langwierig, Phasen scheinbarer Besserung wechseln ab mit einem schweren Krankheitsgefühl. Spätestens dann wird dem Patienten sterbensangst.

Selbst zu diesem Zeitpunkt haben die Ärzte Mühe, die Diagnose Aids zuverlässig zu stellen oder mit Sicherheit auszuschließen. Nur in Einzelfällen gelingt es, durch gezielte immunologische Untersuchungen den Verdacht zu erhärten. Frau L''age-Stehr: "Es fehlt der spezifische, der beweisende Test."

Notgedrungen beschränkt sich die Diagnostik deshalb auf den Nachweis "unspezifischer" Blutbildveränderungen. Gewöhnlich sind im zweiten Krankheitsstadium die weißen Blutkörperchen vermehrt (Fachwort: "Leukozytose"), die Abwehrstoffe (Immunglobuline) im Blutserum leicht erhöht.

Im Verlauf von Monaten bis Jahren nehmen die krankhaften Veränderungen des Blutbildes zu. Für Spezialisten werden unter Mikroskopen endlich Aids-Beweise sichtbar: Eine bestimmte Untergruppe der weißen Blutkörperchen, die Lymphozyten, signalisiert die Erkrankung des körpereigenen Abwehrsystems (siehe Titelbild). _(Das SPIEGEL-Titelbild zeigt eine ) _(fluoreszenzmikroskopische Aufnahme von ) _(Lymphozyten aus dem Blut eines ) _(Aids-Kranken. )

Lymphozyten sind die "Polizei des Blutes", die ohne Rücksicht auf eigene Verluste Krankheitskeime, Giftstoffe und fremde Eiweißstoffe angreift. Innerhalb der Lymphozyten werden zwei Typen unterschieden, solche, die das Immunsystem aktivieren ("Helferzellen"), und andere, die allzu heftige Abwehrreaktionen dämpfen ("Suppressor" - oder "Unterdrückerzellen").

Ein gesunder Mensch verfügt normalerweise über doppelt so viele Helferwie Unterdrückerzellen. Jede Aids-Infektion stellt das Verhältnis auf den Kopf: Zahl und Funktion der lebenswichtigen Helferzellen nehmen immer mehr ab - und dieser Mangel wirkt tödlich: Wenn das körpereigene Abwehrsystem nicht mehr funktioniert, kann der Makroorganismus Mensch die winzigen Mikroorganismen nicht mehr in Schach halten, die ihn besiedeln. Die vielen kleinen Keime vermehren sich ungehemmt, entzünden Haut und Schleimhäute des Wirts, zerstören seinen Stoffwechsel und setzen bösartiges Zellwachstum - Krebs - in Gang. Der Mensch stirbt.

Die erworbene Abwehrschwäche gibt vor allem den sogenannten "Opportunisten" eine Chance. So nennt man Mikroben, die den gesunden Menschen in begrenzter Zahl besiedeln, in der Mundhöhle, den Luftwegen und im Darm, ohne daß er dadurch Schaden nimmt.

Versagt jedoch das Abwehrsystem, werden die Opportunisten höchst gefährlich: Zwei der drei Frankfurter Aids-Opfer starben an Lungenentzündungen, ausgelöst durch eigentlich harmlose Keime des Typs "Pneumocystis carinii". In den USA hat dieser Parasit schon Hunderte von Aids-Opfern gefordert. Die anderen erliegen zumeist dem "Morbus Kaposi".

Das ist eine noch immer geheimnisvolle Krebskrankheit, die der österreichische Hautarzt Moritz Kohn Kaposi 1872 in Rumänien entdeckte. Seine Patienten waren zumeist ältere Juden, an deren Haut sich blaurote, krebsige Knoten bildeten, die an Zahl und Ausdehnung im Laufe von Jahren stetig zunahmen.

Kaposi gab dem Leiden einen langen Namen - "Sarcoma idiopathicum multiplex haemorrhagicum" _(Von griech. "sarcoma" = bösartige ) _(Geschwulst. griech./lat. "idiopathicum" ) _(- selbständige Krankheit, lat. ) _("multiplex" = vielfach, griech./lat. ) _("haemorrhagicum" - blutend. )

-, konnte sich mit diesem Wortungetüm aber nicht durchsetzen. Der Einfachheit halber und dem Entdecker zu Ehren nannten die Ärzte das Krebsgeschwür schlicht Kaposi-Krankheit. Bisher war diese Tumorform so selten, daß die meisten Ärzte sie nie im Leben zu sehen bekamen.

Bis 1978 wurde in den USA durchschnittlich pro Jahr ein Kaposi-Fall bekannt, in den letzten vier Jahren aber kamen mehr als 300 zusammen, mit steigender Tendenz.

In den letzten Wochen ist die Kaposi-Krankheit auch in Hamburg, Berlin, Frankfurt, Heidelberg, Köln und München aufgetreten. Die erkrankten Patienten, durchweg Männer im Alter von Ende Zwanzig bis Mitte Vierzig, sind alle homosexuell.

Also doch: "Morbus Kaposi" ein "Schwulenkrebs"? Aids eine "Homo-Seuche"?

Das war auch die Fragestellung, mit der das amerikanische Seuchenzentrum in Atlanta seine Nachforschungen aufnahm, als im Frühjahr 1981 die ersten Nachrichten von der mysteriösen Krankheit einliefen.

"Die logische Frage damals lautete", erinnert sich James A. Curran, Leiter der CDC-Sonderkommission: "Warum

geschieht etwas mit homosexuellen Männern, das mit niemandem sonst passiert?"

Die Männer vom Seuchenzentrum fuhren nach San Francisco und New York und befragten etwa 30 Aids-Patienten nach ihrem Sexualverhalten, nach Drogengebrauch, Hygiene, Ernährung, Krankheitsgeschichte. Ihr erster Verdacht fiel auf eine Droge, die alle befragten Homosexuellen eingenommen hatten: Amylnitrite, in der Szene als "Poppers" oder (in Amerika) auch als "Rush" bekannt.

Mit der Poppers-Theorie gingen die Seuchenfahnder wieder auf die Straße, sie befragten 416 homosexuelle und heterosexuelle Männer, ob, wieviel und wie häufig sie Nitrite schnüffelten. "Manchmal kam ich mir vor wie in einem Fellini-Film", erinnert sich einer der Forscher, "nach Spanish Harlem hineinspazieren, Drogen kaufen, Badehäuser besuchen."

In den eineinhalb Jahren seither verlief der Versuch der Epidemiologen von

Atlanta, Ausbreitung und Übertragungswege von Aids aufzuspüren oder mindestens einzugrenzen, nach Art eines Krimis - "immer einen Schritt hinter dem Killer her", so beschrieb es die amerikanische Journalistin Susan West in der Zeitschrift "Science 83".

Als erste brach die "Poppers"-Hypothese zusammen: Auch eine Kontrollgruppe von nicht an Aids erkrankten Homosexuellen nahm das gefäßerweiternde Stimulans, das den Orgasmus verschönen soll.

Statt dessen gab es seit Herbst 1981 neue Rätsel. Im New Yorker Stadtteil Bronx war ein halbes Dutzend heterosexueller Männer und Frauen an Aids erkrankt - allen war gemeinsam, wie sich herausstellte, daß sie sich Rauschgift in die Venen gespritzt hatten.

Gleichzeitig meldeten Ärzte eines Krankenhauses in Miami (US-Staat Florida), Aids sei auch noch in einer anderen Region zu Hause: Vier Einwanderer aus Haiti waren an der Seuche gestorben. Inzwischen sind noch mehrere Fälle von Aids unter den Eingeborenen der karibischen Ferieninsel diagnostiziert worden - die Betroffenen leugnen, homosexuelle Kontakte gehabt zu haben.

Daß die Seuchenforscher von Atlanta bis heute nicht zu schlüssigen Ergebnissen kamen, mag auch damit zusammenhängen, daß sie in ihrem Kampf gegen Aids bislang ziemlich allein blieben. Die Gesundheitsbehörden in den amerikanischen Bundesstaaten, das Gesundheitsministerium in Washington, kurzum "die gesamte offiziöse Medizin" in den USA, so beklagte der Epidemiologe Kevin M. Cahill kürzlich auf einem Aids-Symposium, "verhielt sich bis in die jüngste Zeit auf eine merkwürdige Weise untätig".

Bei der "Legionärskrankheit", einer zu Anfang gleichfalls rätselhaften Lungeninfektion, hatte es Aufregung im ganzen Land gegeben, ebenso bei der infektiösen Tamponkrankheit der Frauen ("Toxic shock syndrom"). Diesmal aber, so Cahill, "waren die Opfer nur Drogensüchtige, arme Haitianer und Homosexuelle - ihr Schicksal schien den Offiziellen wohl nicht so wichtig".

Dagegen wehren sich die Homosexuellen-Organisationen in den USA, und auch gegen das Stigma, das mit Aids auf ihnen lastet. "Homosexualität ist nicht mehr und nicht weniger gesund als Heterosexualität", erklärten auch die "Schwulen Ärzte und Therapeuten Berlin e. V.".

In den Ballungszentren der amerikanischen Homosexuellen - in San Francisco und New York - haben sich zahlreiche "Krisenzentren" aufgetan, in denen homosexuelle Ärzte ihre verängstigten Gefährten zu beruhigen suchen. Standard-Auskunft: Die Aids-Epidemie hätte auch bei den christlichen Pfadfindern ausbrechen können.

Theoretisch, soviel ist daran richtig, kann sich ein neu auftauchender Erreger in jeder Bevölkerungsgruppe ausbreiten. Doch zutreffend ist auch: Die Lebensgewohnheiten, vor allem die Sexualpraktiken vieler Homosexueller begünstigen die Ausbreitung der Aids-Krankheit - nicht nur der hohe Homosexuellen-Anteil unter den Erkrankten (72 Prozent) spricht dafür.

Wenn der Aids-Erreger, wie zu vermuten ist, durch Blut und/oder Körperflüssigkeit weitergegeben wird, dann hat er es unter Homosexuellen besonders gut: Nur weibliche Prostituierte bringen es auf mehr intime (Schleimhaut-)Kontakte.

Bei den Männern, die Männer lieben, ohne Bezahlung, just for fun, kommt der eine rasch zum anderen. So addieren sich die partnerschaftlichen Intim-Kontakte zu beeindruckenden Zahlen.

Während es der deutsche Heterosexuelle durchschnittlich im ganzen Leben nur auf drei bis vier Sexualpartner bringt, schaffen viele Homosexuelle leicht das Hundertfache. Die meisten bislang an Aids Erkrankten gehören zu dieser Gruppe der "Promiskuitiven". Tausend Intimpartner - tausend verschiedene - innerhalb von drei Jahren gelten den amerikanischen Aids-Ärzten keineswegs als Spitzenleistung. Unter den Patienten sind Männer, die im gleichen Zeitraum dreitausend Partner hatten.

"In den letzten Jahren wird bei uns doch rumgevögelt wie bei den Karnickeln", berichtet ein homosexueller Student von den Verhältnissen in Deutschlands

großen Städten. Überall haben sich Bars, Badehäuser und Saunen aufgetan, in denen man ohne viel Palaver sofort hautnah zur Sache kommt. "Mancherorts", sagt der homosexuelle Psychiater Martin Dannecker aus Frankfurt, gebe es einen "monströsen sexuellen Markt". Beispiel Berlin: Im "Reisebuch für Schwule" füllen die Tips und Adressen 256 engbedruckte Seiten.

BGA-Mann Koch hält amerikanische Verhältnisse in der deutschen Homo-Szene "für denkbar, ja wahrscheinlich". Allerdings: "Ein paar hundert Partner pro Jahr - das hätte ich vor einigen Monaten auch noch nicht für möglich gehalten."

Jetzt ist er schon besser im Bilde, bald wird er es ganz genau wissen: Das Bundesgesundheitsamt will über homosexuelle Vertrauensleute in der lebhaften Berliner Szene einen detaillierten Fragebogen ("Welche Art von Sex üben Sie aus?") verteilen. Vertraulichkeit ist den Befragten zugesichert.

Dafür, daß die homosexuellen Praktiken nun von Amts wegen bis ins einzelne erforscht werden, gibt es gute Gründe: Die bisherigen Veröffentlichungen der deutschen Hochschullehrer für Sexualmedizin (die meist selber homosexuell sind) sparen die Details am liebsten aus und beschränken sich auf lobende Wertungen wie "phantasievoll", "kreativ" und "locker". Allenfalls in Szene-Bestsellern wie etwa dem Unterweisungsbuch von vier, wie sie sich nennen, "schwulen Medizinmännern" gehen die Autoren in Wort und Bild richtig ran. _(Claus Henrich Coester. Jürgen Feldmann, ) _(H. R. S., Egon Scholtyssek: "Sumpf ) _(Fieber, Medizin für schwule Männer". ) _(Verlag rosa Winkel, Berlin; 192 Seiten; ) _(14,80 Mark. )

Die vier Mediziner suggerieren ihren Lesern, was die meisten wohl ohnehin glauben: daß Sex mit vielen Männern mehr Spaß bringe als mit einem allein und daß Promiskuität seit "Beginn der Antibiotika-Ära" ohne medizinisches Risiko sei. Die "Mutmaßung" vom riskanten Partnerwechsel entbehre "jeglicher wissenschaftlichen Basis". Schön wär''s.

In Wahrheit sind promiskuitive Homosexuelle durch ein ganzes Dutzend Infektionskrankheiten stärker gefährdet. Während nur sechs Prozent der heterosexuellen Bevölkerung irgendwann im Leben an ansteckender Gelbsucht (infektiöser Hepatitis) erkranken, erwischt der Hepatitisvirus mehr als 90 Prozent aller Homosexuellen. Ihr Durchseuchungsgrad liegt, wie Blutuntersuchungen beweisen, auch bei anderen Infektionen, etwa Syphilis, beträchtlich über dem Durchschnitt.

Das körpereigene Abwehrsystem eines fröhlich swingenden Homosexuellen wird durch die Addition der Keime bedeutend häufiger gefordert. Im britischen Mediziner-Fachblatt "The Lancet" berichteten kalifornische Ärzte, daß sie bei jedem dritten Homosexuellen den krankhaften Zustand einer "Immunvermehrung", einer überschießenden Aktivität des Abwehrsystems, nachgewiesen hätten. Möglicherweise sei diese Überaktivität ein "Durchgangssyndrom" zum Immunversagen, zu Aids.

Dem Immunsystem eines promiskuitiven Homosexuellen setzen aber nicht nur die unausbleiblichen Infektionen zu. Seine Abwehrkraft leidet, wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, auch durch deren antibiotische Behandlung, durch Drogenkonsum, durch intensiven Gebrauch von Poppers und womöglich sogar durch häufige Sonnenbäder im Solarium.

So einleuchtend diese Risiken sind, so dunkel bleibt die Frage, weshalb sie sich offenbar vor allem bei männlichen Homosexuellen zu einer tödlichen Gefahr addieren sollen. Weibliche Prostituierte, die gewöhnlich die gleichen Krankheiten wie promiskuitive Homos haben, blieben bisher von Aids weitgehend verschont, ebenso wie heterosexuelle Männer mit rasch wechselnden Partnerinnen.

Des Rätsels Lösung vermuten einige Wissenschaftler in den homosexuellen Praktiken, genauer: in den Risiken des passiven Analverkehrs.

Entgegen weitverbreiteten Ansichten praktizieren viele Homosexuelle den Analverkehr, "der einen Hauptanteil an der schwulen Lust hat" (Homosexuellen-Arzt Coester). Verletzungen der zarten Darmschleimhaut bleiben dabei nicht aus. Gerät ejakulierte Samenflüssigkeit in die oberflächlich verletzten Blutgefäße des Partners, ist es womöglich um dessen stabiles Immunsystem geschehen: "Sperma, in die Adern gegeben", so erläutert R. G. Ceursen von der Medizinischen Abteilung der Marburger Behringwerke, "kann eine starke Unterdrückung der zellulären Immunität hervorrufen."

Dieser Effekt ist durch Tierversuche nachgewiesen, und er könnte eine Erklärung dafür sein, wie den Aids-Erregern der Weg gebahnt wird. "Die Schleimhaut der weiblichen Scheide", so erklärt ein homosexueller Berliner Mediziner, der über Aids eine Doktorarbeit schreibt, den kleinen Unterschied, "ist viel stabiler" - bleiben Frauen deshalb meist von Aids verschont?

Mikroorganismen unterscheiden normalerweise nicht zwischen Kind und Greis, Mann und Frau, homo- oder heterosexuell: Sie gedeihen stets dort, wo es für sie Übertragungswege und passable Lebensbedingungen gibt. Ist eine ausreichende Zahl von Krankheitskeimen erst einmal ins Blut gelangt und erweist sich der Mensch als "disponiert", so nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Am Anfang der Aids-Krankheit muß nicht notwendigerweise die Verletzung einer männlichen Darmschleimhaut stehen, und es ist auch nicht Bedingung, daß die Abwehrkräfte durch Pillen, Poppers und Promiskuität überfordert sind: Diese Umstände kombinieren sich zwar

zur derzeit häufigsten Aids-Vorgeschichte - doch die Experten fürchten, daß es in naher Zukunft noch ganz andere und womöglich bedrohlichere Seuchenwege geben wird.

Aids, soviel ist sicher, wird nicht durch Ratten übertragen wie Pest, nicht durch bloße Berührung wie die Cholera oder durch Tröpfcheninfektion wie die asiatische Grippe.

Aids bricht auch nicht pestilenzartig über die Menschheit herein wie eine aus dem Weltraum eingeschleppte Science-fiction-Krankheit. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit der erworbenen Immunschwäche ist ersichtlich kleiner als die von Infektionskrankheiten wie Typhus oder Beulenpest.

Doch immer mehr gerät in Zweifel, was amerikanische Gesundheitsbeamte nach wie vor glauben machen wollen: daß sich die Aids-Gefahr auf eine kleine Bevölkerungsgruppe, auf die Risikogruppe der promiskuitiven Homosexuellen, eingrenzen lasse.

In den medizinischen Fachblättern häufen sich die Berichte über Aids-Kranke, etwa in Haiti und auch in Zaire, die offenbar nicht zu den Homosexuellen zählen.

Noch schwerer wiegen die Ergebnisse einer Untersuchung, die an den weiblichen Sexualpartnern von sieben Aidskranken Männern in New York vorgenommen wurde: Sechs der sieben Frauen hatten sich, wie das Forscher-Team Mitte Mai im "New England Journal of Medicine" mitteilte, mit Aids infiziert.

Die Frauen hatten allesamt keine wechselnden Geschlechtspartner, sondern hatten für fünf o der mehr Jahre mit ihren Partnern monogam gelebt. Die Männer hatten ihrerseits den Aids-Erreger über die Drogenspritze eingefangen, alle waren heroin- oder kokainsüchtig. Mit einer Ausnahme aber war keiner der Männer mit Homosexuellen in Kontakt gewesen - deutlicher Hinweis darauf, daß sich die Aids-Seuche auch unter Heterosexuellen, außerhalb der Homo-Szene, ausbreiten kann.

Auch an 26 Kindern glauben amerikanische Mediziner die Krankheit mittlerweile diagnostiziert zu haben. "Die meisten hatten", so das Ärztemagazin "Selecta", "nahen Kontakt mit erwachsenen Aids-Kranken oder Aids-Gefährdeten." Eines der Kinder erkrankte als Folge einer medizinischen Behandlung: Weil sein Blut eine Rh-Unverträglichkeit aufwies, erhielt es nach der Geburt eine Anzahl Blutkonserven - und damit offenbar den Aids-Erreger.

Der Empfang von Aids-verseuchten Blutkonserven oder eine mit Aids-Erregern verunreinigte Spritze gelten in 18 Prozent aller bisher registrierten Fälle als Ursache der Erkrankung. Ist der Erreger erst einmal im Blut, kann er offenbar über Blutspenden direkt an andere Menschen weitergegeben werden - damit aber ist potentiell jeder Bürger von Aids bedroht, der monogame Heterosexuelle nicht weniger als der polygame Männerfreund.

In den USA sind mittlerweile mehrere Patienten, die als geborene Bluter (Hämophile) auf die regelmäßige Übertragung bestimmter Blutkonserven angewiesen sind, an Aids erkrankt. Auch in Wien wurden zwei Hämophilie-Patienten durch Blutkonserven infiziert. Mehrfach konnte in den Vereinigten Staaten die Virusspur von Blutempfängern zum Blutspender zurückverfolgt werden - stets handelte es sich bei den Spendern um promiskuitive Homosexuelle.

Frankreichs Gesundheitsbehörden haben deshalb seit Ende letzten Monats die Einfuhr von Blut und Blutkonzentraten aus den USA verboten. In England ist eine Propaganda-Kampagne geplant, "die Homosexuelle davon abhalten soll, Blut zu spenden", wie Anfang letzten Monats der Londoner "Observer" meldete. Der gleiche Vorschlag wird auch in der Bundesrepublik schon diskutiert: In Westdeutschland gehören junge Homosexuelle, oft arbeitslos und finanziell in Nöten, in vielen Blutbanken zum Spenderstamm.

In Kanada ruft die erzkonservative Elterngruppe "Positive Parents" seit Wochen zum totalen Boykott aller Restaurants auf, in denen Homosexuelle auch nur bedienen. Homo-Saunas und -Badehäuser sollen von Amts wegen geschlossen werden. Neues Signum der positiven kanadischen Eltern: ein Totenkopf, garniert mit "A.I.D.S.", den Initialen der "Killer-Krankheit".

Daß die geheimnisvolle Infektion weltweit zum Anlaß genommen werden könnte, von neuem zur großen Hatz auf die Schwulen zu blasen, fürchten nicht nur die Betroffenen. BGA-Professor Koch: "Wir müssen alles tun, daß man die homosexuellen Mitbürger nicht wie die Pestkranken im Mittelalter behandelt."

Ärztliche Hilfe, etwa eine Schutzimpfung, ist nicht in Sicht. Die verordneten Arzneimittel, darunter das Krebsmedikament Interferon, erweisen sich als weitgehend wirkungslos. "Es ist, als ob man einen Computer mit dem Hammer reparieren wollte", so umschrieb es der New Yorker Interferon-Experte Jan T. Vilcek. Einem Aids-Patienten, den man versuchsweise mit Cortison therapierte, war danach, als sei "Benzin ins Feuer gegossen worden".

So bleibt den am meisten Gefährdeten vorerst - "weil Promiskuität das Vehikel von Aids ist" (L''age-Stehr) - nur der gute Rat, den 175 homosexuelle New Yorker Ärzte formuliert und auf Flugblättern verbreitet haben: "Beschränke die Zahl der verschiedenen Männer, mit denen Du Sex hast. Meide vor allem Männer, die selber viele Partner haben." Kurzum: "Hilf Dir selbst!" _(Bei einer "Krisensitzung" in einer New ) _(Yorker Homosexuellen-Gruppe: die drei ) _(Aids-Kranken blicken in Richtung Kamera. )

Mit grünverfärbtem Gesicht, wachsbleichen Lippen, bleiernen Lidern,

kurzem, stoßweisem Atem, von den geschwollenen Lymphknoten

gemartert, lag er tief in seiner Matratze, als wollte er sich darin

einschließen oder als rufe ihn ohne Unterlaß eine Stimme aus der

Tiefe der Erde: so erstickte der Mann unter einem unsichtbaren

Gewicht. Albert Camus: "Die Pest"

Oben: Typische Hautveränderungen eines Kapo-si-Kranken (Titelbild einer medizinischen Wochenzeitschrift); unten: am 2. Mai 1983 in New York. Mit Opernstar Shirley Verrett am 30. April im Madison Square Garden. Das SPIEGEL-Titelbild zeigt eine fluoreszenzmikroskopische Aufnahme von Lymphozyten aus dem Blut eines Aids-Kranken. Von griech. "sarcoma" = bösartige Geschwulst. griech./lat. "idiopathicum" - selbständige Krankheit, lat. "multiplex" = vielfach, griech./lat. "haemorrhagicum" - blutend. Claus Henrich Coester. Jürgen Feldmann, H. R. S., Egon Scholtyssek: "Sumpf Fieber, Medizin für schwule Männer". Verlag rosa Winkel, Berlin; 192 Seiten; 14,80 Mark. Bei einer "Krisensitzung" in einer New Yorker Homosexuellen-Gruppe: die drei Aids-Kranken blicken in Richtung Kamera.

DER SPIEGEL 23/1983
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Aids: Eine Epidemie, die erst beginnt