06.06.1983

Klassenkampf als Katzenjammer

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über Hans Werner Henzes Oper und Buch „Die englische Katze“ *
Im Hotelzimmer mit Schüttelfrost", "starke Müdigkeit, mit Schlafpulver hingelegt", "heftige Muskelschmerzen im rechten Schultergelenk", "die ganze Nacht schlaflos mit schwerer Hypertonie und Nachtmahren". Dann, ein Lichtblick: "Ich stehe auf, sammle mich und bin ein Mann." Name: Henze.
Hans Werner Henze, 56, ist - neben Karlheinz Stockhausen - Deutschlands bekanntester, produktivster und redseligster Komponist. Inzwischen hält er sich für so wichtig, daß er über seine Kranken- und Bettgeschichten und die diversen Spielarten seines Schaffensdranges öffentlich Tagebuch führt.
O-Ton-Henze: "Betten dürfen nicht schaukeln, quietschen, wackeln oder zu weich sein", 13. März 1980. Am 31. Oktober 1982 hat er in Wien, Innerer Bezirk, "Zärtlichkeiten ausgetauscht". Drei Tage später sieht er "Nessel, Nieswurz, Calla und wilden Fenchel wuchern". Als Kohl Schmidt kippt, dichtet er zum "Rechtsrutsch in der BRD": "Es legte sich dann auch wirklich eine Beklommenheit über die Stadt, die Sonne hatte sich verborgen, die Luft war gelb und matschig, die Hunde winselten."
Wäre es nicht Henze, der da blankzieht, möchte man sagen: Da kotzt sich einer aus. Aber bei Henze, dem Ästheten, der "ennui" schreibt, wenn er Langeweile meint, ist Zurückhaltung angemessen: Henze gibt von sich - ein Schöngeist, der selbst Akne als Aussatz der Gesellschaft erkennt.
In Berlin, auf dem Kurfürstendamm, sind "die Stricher, frierend, picklig und mit dem gleichen grauen Film belegt wie Himmel, Häuserwände und Mercedesstern". Die "Claqueurs" des Kulturbetriebs findet er "meist pickelig, anämisch und neurasthenisch". Und in der Münchner S-Bahn stößt er auf "jugendliche Typen mit SS-Symbolen auf Koppelschloß und Jacke. Käsige feindliche Pickelgesichter".
"Beeindruckt" dagegen ist Henze "von dem elegischen und doch zackigen Elan schicker deutscher Jünglinge in Weiß und Blau", die auf dem Flughafen Rom sein Gepäck durchwühlen, und beim Anblick des Tenors Placido Domingo als Verdi-Otello gehen dem engagierten Marxisten die Augen vollends über:
"Schöne Stoffe, Brokat, Seide, Samtenes, im Stil des Veronese geschnitten, in altgoldenem Einklang mit seiner erlesen geschminkten Hautfarbe, umfing und umhing ihn. Weich glänzendes Leder schmeichelte schwarz seinen Lenden."
All das findet sich in Henzes "Arbeitstagebuch 1978-1982" (Untertitel), das doch eigentlich ein Tagebuch über die Arbeit an der Oper "Die englische Katze" sein sollte, die am vergangenen Donnerstag bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt worden ist, mit der Creme der Branche im Parkett. _(Hans Werner Henze: "Die Englische Katze. ) _(Ein Arbeitstagebuch 1978-1982". S. ) _(Fischer Verlag, Frankfurt; 440 Seiten; ) _(64 Mark. )
Die Geschichte dieses knapp dreistündigen Singspiels hätte gut und gerne und billiger - Henze widmet sein kostspieliges Tagebuch schließlich "meinen Kölner Studenten" - in ein Paperback gepaßt. Nur hätte sich Henze ohne den klotzigen Verbund nicht gar so narzißtisch an die große Glocke hängen können. Weder ist dies ein "einzigartiges Dokument der Entstehung des Kunst werks" (Klappentext), noch ist das Kunstwerk, die Oper, den Wirbel wert, den Henze mit dem unfreiwillig einzigartigen Dokument darum macht.
1977, bei einem Paris-Aufenthalt, war der Komponist im "Theatre Gerard Philipe" durch eine argentinische Schauspielertruppe auf das Vorbild seiner nunmehr neunten Oper gestoßen: die dramatisierte Fassung von einer epischen, in Ich-Form erzählten Moritat, die der französische Romancier Honore de Balzac einst für seine Zeitgenossen und Illustrator Grandville verfaßt hatte, spitze, gesellschaftskritische Bosheiten, die größtenteils Tieren in den Mund gelegt waren.
Das Libretto schreibt, auf Henzes Wunsch, der englische Dramatiker Edward Bond, der für Henze schon die politisch-allegorische Oper "Wir erreichen den Fluß" gedichtet hat. Zwischen Autor und Komponist entwickelt sich das übliche Spiel um dramatische und musikalische Akzente, ein altes Lied seit Mozart und da Ponte. Henze stilisiert es nun zu einem epochalem Schöpfungsprozeß, aus dem kein Pupser für die Nachwelt verlorengehen darf. Kapitelüberschrift im "Arbeitstagebuch": "Der Dichter spricht", und der Dichter spricht, 7. Szene, Nummer 37, Arie: "Der Menschheit Schicksal ist der Mensch."
Bond verlegt die Fabel ins viktorianische London. Dort soll der Oberkater Lord Puff, Präsident einer "Königlichen Gesellschaft zum Schutz der Ratten (KGSR)", auf seine alten Tage mit der Landkatze Minette verheiratet werden.
Kaum ist der Bund geschlossen, da verliebt sich Minette, von ihrem trägen Partner enttäuscht, in den agilen Kater
Tom. Der gehörnte Puff reicht die Scheidung der nie vollzogenen Ehe ein, und der Schwerenöter Tom muß eine hohe Buße zahlen, was er nicht könnte, wenn der Staatsanwalt in ihm nicht plötzlich den Sohn und Alleinerben des vor Jahren auf hoher See verschollenen Lord Fairport wiedererkennen würde.
Nun ist Tom reich, die Strafe könnte er mit links zahlen. Doch schon hat Mrs. Halifax, Besitzerin der Katzen-Behausung, die scheinbar um Tom betrogene Minette in einen Sack geschnürt, um sie in der Themse ertränken zu lassen. Prompt wendet sich Tom nun Babette, Minettes Schweser zu, beide erbitten von der Eingesackten den Segen für ihr gemeinsames Leben.
Als Tom wenig später seine Babette beim Notar als Alleinerbin einsetzen will, wird er im Büro von einem Notargehilfen erstochen. Wie auf Bestellung rückt nun die vollständige KGSR ein, die das ganze Komplott ausgeheckt und eingefädelt hat, und schnappt sich den stattlichen Nachlaß. Zum Schluß kommt das Stück aber erst, nachdem die Wasserleiche Minette noch einmal als Geist auftauchen darf und dann gemeinsam mit Tom endgültig im Orkus verschwindet.
Nichts gegen einen Marxisten als Märchenonkel, niemand verargt Henze, der noch 1976, in "Wir erreichen den Fluß", mit 59 Sängern in 112 Rollen und mit drei Orchestern gegen Militärdiktatoren musikalisch mobilgemacht hat, daß er nun einmal ideologisch verpustet und lieber den Katzenjammer des impotenten Puff besingt. Nichts würde unsere verödeten Spielpläne willkommener auffrischen als eine richtige zeitgenössische Buffa, und keiner könnte sie wohl, nach der Papierform, glatter hinkriegen als Henze.
Aber wohl auch nur Henze kann sich so gut und sein Publikum für so dumm verkaufen, daß er zuerst der Vorlage Balzacs alle Zähne ziehen läßt und dann ausgerechnet mit einem lauen Libretto die Mißstände der Gegenwart bissig zu geißeln sich rühmt.
"Intrige", "Killer", der "Mord", der "für einen Selbstmord ausgegeben wird", "das erinnert an Heutiges", ist "Sozialkritik", kommentiert Henze, "ein bitter-traurig-humoristisches Stück Gesellschaftskritik" das Ganze, "symbolisches Spiel von aktueller Gültigkeit", wie auch der Klappentext des Arbeitstagebuchs rührend vermerkt.
Dabei gehört die "Geschichte für Sänger und Instrumentalisten" eher zu Henzes Musik-Märchen "Pollicino" als in seine ideologische Kiste. Aber "Pollicino" war kindlich und ehrlich, mit der "Englischen Katze" schleicht Henze nur um den heißen Brei.
Vollends gezähmt, bis zum Albern-Possierlichen verharmlost indes wird die Vorlage durch die Musik, so virtuos Henze sie auch aus dem abendländischen Fundus zusammengesetzt hat. Musik ist das zweifellos, kein wüst gepanzertes Forte-Fortissimo, wie es manche Neutöner ihrem Publikum so penetrant um die Ohren schlagen, auch kein elektronisches Gewinsel, das die Komponisten am Mischpult als Zeichen der Zeit von sich geben.
Nein, Henze hat eine richtige, altmodische Oper geschrieben, mit allem Drum und Dran: mit Rezitativen, Canzonen, Arien, Duetten und großen Ensemblesätzen, mit spürbarer Lust an Singbarem und jeder Menge Koloraturen, nach denen die Primadonnen nur so lechzen. Das Orchester, bescheiden und ohne die modischen, längst ausgebeuteten Exotika besetzt, versteht sich glänzend auf instrumentale Schnurrpfeifereien.
Und doch kokettiert Henze wieder mal allzu genüßlich, aufdringlicher noch als je zuvor, mit seiner Bravour, aus 300 Jahren europäischer Musiktradition Henze zu machen: Ländler, Walzer, Gassenhauer und Choräle, Fugatos, Variationstechnik, Mahler und Strawinski, der Rosenkavalier, Mackie Messer, die lustige Witwe, der schräge Otto - kaum etwas fehlt aus der Ablage von gestern, nur das Design, schick wie immer bei Henze, ist letzter Schrei.
Wo er satirisch sticheln müßte, hantiert Henze bloß mit Balsam, auch die kleinste Anzüglichkeit dieser doch so hintergründigen Fabel löst er in melodischem Kuschelweich auf. Nichts eckt an, nirgends wird es ungemütlich.
Den endgültigen Rutsch ins Belanglose hat dann in Schwetzingen auch noch der Regisseur Henze auf dem Gewissen. Kein Pfiff, kein Charme in Auftritt und Bewegung, nirgends auch nur ein Ansatz, all den Unarten der modrigen Gattung Oper wenigstens inszenatorisch eins auszuwischen.
Statt dessen drängeln sich die Sänger mit großer Allüre an die Rampe, wenn immer es zu schmettern gilt, und wenn das ganze Ensemble singt, dann steht das ganze Ensemble vorn, in Reih und Glied, wie bei Millowitsch, wenn alles gutgegangen ist.
Unsäglich, wie der Komponist seine Minette zum erstenmal mit Tom verkuppelt, auf dem Dach des Hauses von Mrs. Halifax. Da geht doch buchstäblich die Sonne unter und der Mond auf, rund wie die Lampe, die hinter dem blauen Kulissentuch gemächlich ihre Bahn zieht. Sterne, kleine, blinkende Lämpchen, stehen auch am Schwetzinger Firmament, eigentlich fehlt nur noch Peterchens Mondfahrt.
In seinem Arbeitstagebuch schreibt Henze einmal von einem "stil- und klassenimmanent klassenbewußten Kulturschauder". Was immer das bedeuten mag - mit der "Englischen Katze" dürfte er vorgeführt haben, was es sein könnte. _(Mit Inga Nielsen und Wolfgang Schöne. )
Hans Werner Henze: "Die Englische Katze. Ein Arbeitstagebuch 1978-1982". S. Fischer Verlag, Frankfurt; 440 Seiten; 64 Mark. Mit Inga Nielsen und Wolfgang Schöne.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 23/1983
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