25.04.1983

ROBOTER

Neue Zukunft

Erstmals regt sich in Japan Widerstand gegen den beschleunigten Einsatz von Industrie-Robotern.

Ich hatte den schönen Traum", schrieb Professor Kenichi Komiya dem japanischen Massenblatt "Asahi Shimbun", "wir könnten den lieben langen Tag unserem Vergnügen nachgehen, während Roboter unsere Arbeit tun."

Die Wirklichkeit aber, berichtet Komiya den Millionen "Asahi"-Lesern, sehe ganz anders aus: "Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg." Nicht Vergnügungen, sondern sozialer Abstieg und Not seien zwangsläufig die Folge.

Roboter, warnte auch die der Industrie stets wohlgesonnene Zeitung "Yomiuri Shimbun", drohten zu "mächtigen Rivalen des Menschen" zu werden.

Das sind ungewohnte Töne im technologiebesessenen Japan, in dem bislang mehr als in jedem anderen Land der industrielle Fortschritt bejubelt wird. Industrie-Roboter waren für die Japaner nichts weiter als Wunder der Technik.

Alles sollte besser werden. Überall dort, wo Lärm, Hitze, Schmutz und schwere Lasten die Arbeit zur Plage machten, werde der Roboter einspringen. Die Arbeiter brauchten die Roboter nur noch zu überwachen - eine saubere, höherwertige Tätigkeit. Und vor allem: Mit dem Einsatz von Robotern würden auch neue Jobs geschaffen, bei der Roboterproduktion wie bei der technischen Wartung.

Nun beginnen auch die Japaner den Glauben an die schöne neue Roboter-Welt zu verlieren. Besonders die Gewerkschaften, die bisher stets den Einsatz der eisernen Gesellen gutgeheißen hatten, machen nun kehrt: "Die Zeit ist reif für einen grundlegenden Wechsel in unserer Auffassung gegenüber den Robotern", sagt Ichiro Shioji, Präsident der Betriebsgewerkschaft beim Autoriesen Nissan.

Gewerkschafter wie Shioji schreiben es nicht allein der flauer gewordenen Nachfrage nach Nissan-Autos zu, daß der Konzern in diesem Frühjahr nur noch halb soviel Jungwerker einstellte wie im vorigen Jahr.

In vielen Fabrikhallen der Nissan-Werke sind Arbeiter überflüssig geworden. Im Tokioter Werk Murayama montieren neun in einem ganzen Fertigungssystem verbundene Roboter Autos des Typs March. Auch in der Nissan-Fabrik Zama ist die Vision von der Produktion ohne Arbeiter fast Wirklichkeit geworden: über 90 Prozent der Fertigung haben vollautomatisch gesteuerte Roboter übernommen.

Allein bei Nissan stanzen, schweißen, lackieren, schrauben fast 1000 Roboter, S.180 bei Toyota sind es 800, bei Honda rund 700.

Die Roboterisierung soll zügig weitergehen. Toyota beispielsweise will jedes Jahr 200 bis 300 neue Automaten zusätzlich aufstellen.

"Bislang sind wir nie mit der Begründung gegen Roboter angegangen, sie gefährdeten Arbeitsplätze", sagt Gewerkschafter Shioji. "Aber wie lange noch können wir das Problem ignorieren?" Naotake Kaibara vom Dachverband der Automobilarbeiter-Gewerkschaften erkannte: "In der Vergangenheit hatten wir nicht viel Grund zur Sorge. Aber die Umstände sind anders geworden."

In keinem anderen Land haben die Industriellen in einem solchen Tempo den Einsatz von Robotern vorangetrieben wie in Japan. Allein im letzten Jahr installierten Japans Unternehmer so viele neue Roboter,

( Die Industrieroboter sind heute fast ) ( weltweit gleich definiert. Ein Roboter ) ( muß über mindestens drei ) ( Bewegungsachsen verfügen, frei ) ( programmierbar sein, mit Greifern, ) ( Werkzeugen oder anderen ) ( Fertigungsmitteln ausgerüstet sein und ) ( über Sensoren geführt werden. )

wie es in allen bundesrepublikanischen Fabriken gibt: 3500.

Insgesamt werken in Japans Fertigungsstraßen gut 12 000 Roboter - fast die Hälfte aller derartigen Maschinen, die es im Westen gibt. Mehr als ihre Kollegen in Europa und in den USA setzten Japans Manager darauf, daß die Automation Wettbewerbsvorteile am Weltmarkt sichert.

Daß sich die Japaner mit der flotten Aufstellung von Robotern nicht nur Vorteile einhandeln könnten, gestanden Anfang April sogar die sonst eher zuversichtlich gestimmten Beamten des Wirtschaftsplanungsamtes in Tokio ein. Ein massiver Verlust von Arbeitsplätzen, warnten die staatlichen Wirtschaftsplaner, sei nicht länger auszuschließen.

Allein in den letzten sechs Monaten stieg die Arbeitslosigkeit von offiziellen 2,1 Prozent auf 2,5 Prozent. "Für japanische Verhältnisse unglaublich hoch", findet der Leiter der Abteilung Beschäftigungspolitik im Arbeitsministerium, Tadashi Nakamura. Die tatsächliche Arbeitslosenrate dürfte nach Expertenmeinung schon bei etwa fünf Prozent liegen, denn die staatlichen Statistiker zählen einen, der auch nur eine Stunde in der Woche beschäftigt ist, nicht zu den Arbeitslosen.

Das Wirtschaftsplanungsamt fand heraus, daß mehr als 80 Prozent der an der Börse notierten Parade-Unternehmen in den nächsten Jahren ihre Belegschaften kappen wollen, 13 Prozent sogar "drastisch".

Der Mehrheit der Arbeiter hilft da auch ein Abkommen wenig, wie es die Gewerkschaft bei Nissan jetzt durchdrückte: Roboter dürfen zu keinen Entlassungen, Lohnkürzungen oder Abqualifizierungen am Arbeitsplatz führen.

Das nämlich gilt lediglich für die Stammbelegschaft, und nur ein Drittel aller japanischen Industriearbeiter gehört zu dieser Elite.

Um ihren Job müssen vor allem die Beschäftigten in jenen weit über sechs Millionen Klein- und Mittelbetrieben bangen, die als Zulieferer von den Großunternehmen abhängig sind.

Diese Kleinen haben zuallererst für niedrige Stückkosten bei den Großen zu sorgen. "Ohne Roboter ist an ein Überleben unserer Kleinunternehmen nicht mehr zu denken", meint Seiko Sawaguchi, Vizechef eines Zulieferers für Audio-Ausrüstung.

Und selbst dann ist die Existenz nicht gesichert. Denn die rasche Automatisierung der Großunternehmen bedeutet auch weniger Aufträge für die Zulieferer: Manches machen die Großen nun selber.

Die kleinen Firmen haben keine andere Wahl, als die überflüssig gewordenen Arbeitnehmer zu entlassen. Sie können es sich nicht leisten, wie Japans Weltkonzerne der Stammbelegschaft eine Beschäftigungsgarantie bis zum 55. Lebensjahr zu geben.

Der unaufhaltsame Vormarsch der elektronisch gesteuerten mechanischen Kollegen hat zuweilen schon groteske Auswirkungen. Weil in der Produktion kaum noch Arbeiter benötigt werden und der Betriebsgewerkschaft mangels Mitgliedern die Mittel knapp werden, machte der Roboterhersteller Fanuc der Gewerkschaft ein großherziges Angebot: Für die rund 200 Roboter an 30 Fertigungsstationen im Werk wollte die Firmenleitung Gewerkschaftsbeiträge abführen.

Tokios Arbeitsministeriale vereitelten das Vorhaben: Roboter seien keine Menschen, könnten folglich auch keine Gewerkschaftsmitglieder werden. Die Beiträge würden mithin vom Management entrichtet - und das sei gesetzlich verboten.

Wie in Deutschland, wo die Gewerkschaften die Sozialversicherung durch einen Maschinenbeitrag entlasten wollen, wird auch in Japan darüber nachgedacht, ob das gegenwärtige Abgabensystem noch für eine Roboter-Gesellschaft taugt. Um schlimme Folgen für die Staatskassen zu verhindern, verlangte Professor Komiya schon Einkommenssteuern für Roboter, "wie bei uns Menschen auch".

Im Maschinenbau-Unternehmen Yamazaki in Nagoya wird augenfällig, daß solche Gedanken gar nicht so abwegig sind.

Dort werken Roboter rund um die Uhr, nur tagsüber überwacht von sechs Fachkräften. Nun will der Firmenboß noch weitergehen: Bald sollen im neuen Werk Mino-Kamo Besucher von Robotern durchs Werk geführt werden.

S.180 Die Industrieroboter sind heute fast weltweit gleich definiert. Ein Roboter muß über mindestens drei Bewegungsachsen verfügen, frei programmierbar sein, mit Greifern, Werkzeugen oder anderen Fertigungsmitteln ausgerüstet sein und über Sensoren geführt werden. *

DER SPIEGEL 17/1983
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