24.01.1983

KARRIERE

Arme Würmer

Bonns sozialliberale Ex-Minister haben Mühe, sich wieder ans normale Abgeordneten-Dasein zu gewöhnen. Nur Helmut Schmidt ist schon wieder der alte.

Wenn der SPD-Abgeordnete Rainer Offergeld in seinem Bonner Büro über die unausgepackten Aktenkartons stolpert, kann ihn schon "ordentlicher Grimm" packen: Die schöne Chefetage im Entwicklungshilfeministerium mußte er für einen "CSU-Mann räumen, der von dieser Politik kaum was versteht".

Den ehemaligen Verkehrsminister Volker Hauff mutet es "ganz fremd" an, wieder selbst Fahrpläne zu studieren und mit derselben Straßenbahn ins Regierungsviertel zu fahren, die sein ältester Sohn für den Schulweg benutzt.

Nach ihrem Absturz aus der Macht haben die ehemaligen Regenten Mühe, sich im Bonner Alltag zurechtzufinden. Sie hocken - an gut funktionierende Apparate gewöhnt - in schlecht ausgestatteten Zimmern. Sie müssen sich Schreibmaterial, Briefwaagen und Flugpläne besorgen, ihre Terminkalender wieder selber führen und Kuverts selbst frankieren. Ihre Chefsekretärinnen, und das schmerzt viele von ihnen am heftigsten, durften sie nicht mitnehmen.

Für Ex-Finanzminister Manfred Lahnstein ist "das Schlimmste" am Wechsel vom Ministerbüro in eine Bonner Privatwohnung, daß ihn niemand mehr vor den vielen Telephonanrufen abschirmt: "Ich komme kaum zum Arbeiten." Der ehemalige Staatsminister im Auswärtigen Amt, Peter Corterier, merkt, seitdem er ohne Beamte und Sekretärinnen auskommen muß: "Alles, was man tut, dauert erheblich länger."

In der Fraktion und in den Bundestagsausschüssen wurden die Minister und Staatssekretäre außer Dienst nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Die wichtigen Ämter waren längst vergeben, zudem hatte Kanzler Helmut Schmidt in der letzten Sitzung seines sozialdemokratischen Minderheitskabinetts seine Minister ermahnt, in den wenigen Monaten vor den Wahlen nicht mehr nach Posten und Prestige zu streben.

Nur so konnte es dem publizitätsgewohnten Ex-Minister Hauff passieren, daß er für die Haushaltsdebatte im Parlament eine Rede vorbereitete, die er, weil andere vor ihm dran waren, nicht mehr halten konnte. Hauff: "Das sind ganz neue Erfahrungen."

Am härtesten traf der Abstieg ins normale Abgeordneten-Dasein jene, die Schwierigkeiten hatten, in ihrem Wahlkreis wieder aufgestellt zu werden - etwa den dienstältesten sozialdemokratischen Minister Egon Franke. Der ehemalige Ressortleiter für Innerdeutsches erhielt im ersten Wahlgang gerade eine Stimme mehr, als für die notwendige absolute Mehrheit erforderlich war. Sozialdemokrat Andreas von Bülow, vor einigen Wochen als Forschungsminister noch Herr über einen 6,5-Milliarden-Haushalt, und Peter Corterier, bis zum Oktober Staatsminister im Auswärtigen Amt, rutschten auf der baden-württembergischen Landesliste auf hintere Plätze. Corterier verbittert: "Die Regierungstätigkeit wird einem in der Partei nicht positiv angerechnet. Eher im Gegenteil."

Wie schwer ihnen der Verlust von Amt und Würden wurde, mögen nur die wenigsten der ehemals Mächtigen gestehen. Für ihn habe sich, versichert Egon Franke, "eigentlich überhaupt nichts geändert". Der langjährige SPD-Finanz- und Postminister Hans Matthöfer beteuert, daß "der Übergang viel weniger dramatisch als erwartet" verlief.

Bei einem Abschiedsessen des Bundespräsidenten für das Schmidt-Kabinett waren es denn auch vor allem die Ehefrauen, die den wahren Gemütszustand ihrer Ex-Minister-Gatten offenbarten: Deprimiert und unschlüssig, so der allgemeine Tenor, säßen sie zu Hause herum.

Der ehemalige Verteidigungsminister Hans Apel bekennt: "Wenn die Maschine siebzig Stunden lang die Woche auf Hochtouren läuft und jetzt nur noch 35, dann kommt man auch psychisch ins Gedränge."

Abgefedert wurde der Absturz in die Normalität nur durch das "kollektive Schicksal" (Hauff), in das sich alle eingebettet fühlen. "Eigentlich", so tröstet Egon Franke sich selbst, "ist die Ablösung einer Regierung ein ehrenwerter Vorgang."

Der ehemalige Regierungssprecher Klaus Bölling brauchte lange Spaziergänge, um sich von dem plötzlichen Arbeits- und Machtentzug zu erholen. Als Pressestaatssekretär des SPD-Kanzlers war er schließlich - wie Schmidt es einmal formulierte - Mitglied im "Klub derjenigen, die sich mit Arbeit besoffen machen und nicht mit Alkohol".

Bölling hörte auf guten Rat und stürzte sich nicht gleich in neue Betriebsamkeit. In seiner Berliner Wohnung begann er an einem Buch über seine Zeit als Bonns Ständiger Vertreter in der DDR zu schreiben - ohne Hektik und Terminzwang.

Anderen blieb eine solche Kunstpause verwehrt. Der ehemalige Justizminister Jürgen Schmude, der sich auf "ein bißchen mehr Zeit für die Familie und zum Lesen" gefreut hatte, wurde vom SPD-Kanzlerkandidaten S.37 Hans-Jochen Vogel gleich wieder für den Entwurf des Wahlprogramms eingespannt - zum Ärger von Frau und Kindern. Auch als Ex-Minister bringt er nun am Wochenende wieder Arbeit mit nach Hause.

Der Jungstar des sozialliberalen Kabinetts, Manfred Lahnstein, hatte bis zu den Weihnachtsferien "nicht einmal richtig ausgeschlafen". Obwohl noch nicht Mitglied des Bundestages, nahm er - wie zu Regierungszeiten - an den Fraktions- und Partei-Vorstandssitzungen teil, formulierte mit am sozialdemokratischen Wahlprogramm, hielt in den Vereinigten Staaten, Österreich und Italien Vorträge über internationale Wirtschafts- und Finanzpolitik und ließ sich im oberbergischen Wahlkreis als Bundestagskandidat aufstellen.

Auch der ehemalige FDP-Innenminister Gerhart Baum wollte endlich mal richtig ausspannen; vielleicht sogar für ein halbes Jahr mit seiner Familie nach Italien gehen, um sich dann "mit heiterer Gelassenheit umzusehen, was man als Fünfzigjähriger noch beruflich machen kann". Statt dessen trat er in seinem konservativen Kölner Kreisverband an, um "das Überleben einer politischen Strömung in der deutschen Geschichte" zu sichern. Dafür ließ er sich von Parteifreunden als "Sicherheitsrisiko des Liberalismus" beschimpfen, bevor er sich in einer Kampfabstimmung durchsetzen konnte.

Hauptsache, die Terminkalender der Ex-Regenten sind wieder gefüllt - auch wenn die Gestürzten, wie Hans Apel beobachtete, "durch Quantität ersetzen, was man durch Qualität nicht erreicht". Schließlich gilt es, ein gewisses Streß-Niveau zu halten, "sonst bricht's", weiß der Ex-Minister, wie bei einem Pensionärsschock "auch gesundheitlich weg".

Zwar hat sich die Arbeitszeit, die etwa beim ehemaligen Staatsminister im Bundeskanzleramt Gunter Huonker vor kurzem noch bis in die frühen Morgenstunden reichte, "normalisiert" (Huonker). Mehr Muße hat der Politiker trotzdem nicht. So mußte Huonker sich den Kopf zerbrechen, wo der SPD-Kanzlerkandidat am 5. Februar in Ludwigsburg auftreten kann. Die für Vogel vorgesehene Rundsporthalle mußte wegen Asbestausdünstung geschlossen werden. "Die Probleme", resümiert Huonker, "liegen nun auf einer anderen Ebene."

Der als trinkfreudig geltende ehemalige Deutschlandminister Egon Franke widmet nun "mehr Stunden und Kraft der politischen Gemeinschaft SPD". Hans Matthöfer hat sich vorgenommen, die deutsch-spanischen Wirtschaftsbeziehungen zu verbessern, und Schmude will einen langgehegten Wunsch verwirklichen und sich in der Deutschlandpolitik engagieren.

Bei den Jüngeren unter den Kabinettsmitgliedern kamen mit dem Abschied von der Macht auch Existenzängste auf. Der 34jährige Jurist Andreas von Schoeler, mit 24 bereits als FDP-Abgeordneter im Bundestag und mit 28 Parlamentarischer Staatssekretär im Innenressort, war "ungeheuer erleichtert", als ein befreundeter Rechtsanwalt anbot, gemeinsam mit ihm eine Bürogemeinschaft aufzumachen. Auch Rechtsanwalt Offergeld und Finanzfachmann Lahnstein, der durch seinen steilen Aufstieg zum Minister aus der sicheren Beamtenkarriere herauskatapultiert wurde, wollen sich eine politikunabhängige Existenz schaffen. Offergeld: "Abgeordnete ohne Beruf sind doch arme Würmer."

Solche Sorgen braucht sich der ehemalige Regierungschef nicht zu machen. In seinem Büro im Bundeshaus, das nach den Wünschen des Ruheständlers umgebaut wurde, haben die ehemaligen Kanzleramts-Mitarbeiter - seine langjährige Sekretärin Marianne Duden und sein Redenschreiber Jens Fischer - über Mangel an Beschäftigung nicht zu klagen. Täglich erreichen Helmut Schmidt hundert bis zweihundert Briefe. Sein neu engagierter Pressesprecher Peter Schellschmidt ist vor allem damit beschäftigt, dringende Bitten um Presse- und Fernsehtermine freundlich abzuwimmeln. Schmidts Motto: "Bühne frei für Hans-Jochen Vogel."

Wann immer ein ausländischer Regierungschef oder Spitzenpolitiker dem neuen Kanzler Helmut Kohl seine Aufwartung macht, bitten die Großen der Welt - Pierre Trudeau, Francois Mitterrand, Husni Mubarak, George Shultz - auch um ein Tete-a-tete mit dem Vorgänger. Und wann immer der SPD-Abgeordnete Schmidt (Bergedorf) reist, wird's zugleich hochpolitisch. Bei einem Ausflug nach England Ende November traf er nicht nur seinen Bildhauer-Freund Henry Moore und seinen Lieblingsphilosophen Karl Popper, sondern auch die englische Regierungschefin Margaret Thatcher. Und wenn er in Mexiko "auf den Spuren der Azteken" (Schellschmidt) wandelt, dann wird die Reise durch Gespräche mit mexikanischen Regierungsmitgliedern und Wirtschaftsführern erst richtig schön.

So schlimm, wie er sich die Zeit nach dem Machtwechsel noch im Frühjahr ausmalte, ist es nicht gekommen. Damals hatte Kanzler Schmidt einen Witz erzählt, wie er als Regierungschef im Ruhestand am Strand von Sylt seinen ebenfalls arbeitslosen ehemaligen Staatsminister Huonker trifft. Als dieser ihm berichtet, er schreibe jeden Tag, um sich die viele Freizeit zu vertreiben, zwei bis drei Seiten aus dem Telephonbuch ab, bittet ihn Schmidt: "Ach, könntest du mir die nicht abends zur Unterschrift vorlegen?"

Arbeit muß sich der Ex-Kanzler nicht suchen. Als Mitglied im "Club der Regierungschefs" (Schmidt) ist ihm Beschäftigung auf höchstem Niveau sicher.

Der amerikanische Prominenten-Agent Harry Walker, der unter anderen den ehemaligen amerikanischen Außenminister Henry Kissinger und den englischen Ex-Premierminister James Callaghan als Referenten und Gesprächspartner für rund 20 000 Mark pro Veranstaltung vermittelt, nahm auch den Weltökonomen Schmidt unter Vertrag. 16 Vorträge vor politischen Studiengesellschaften und an Universitäten - so die vorläufige Planung - soll er 1983 halten. Nebenbei will der Altkanzler im Bundestagswahlkampf mitmischen.

Auf die Frage, wann er denn anfange, die beiden geplanten Bücher zu verfassen, raunzte Schmidt, ganz der alte: "Ich schreibe nicht zwei, sondern drei Bücher, und mit dem dritten fange ich zuerst an."


DER SPIEGEL 4/1983
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